Don't Mourn, Organize!...EJ Hill

Sicherstellen, dass wir uns selbst sehen

Unser Autor Magnus Rosengarten spricht mit dem in Kalifornien lebenden Künstler EJ Hill über Trump, Aktivismus und das regenerierende Potential, das im Einsatz des Körpers in der Kunst liegt

EJ Hill, Surrendered (A Harrowing Descent), 2016. Acrylic, collage, and photo transfer on birch panel. Courtesy of the artist and the Studio Museum in Harlem

By Magnus Rosengarten
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Bekannte Künstler_innen, die seit Jahrzehnten in den USA leben, sagten uns, dass sie ernsthaft überlegen, nicht in die USA zurückzukehren solange Donald Trump an der Macht ist. Ein einflussreicher New Yorker Kurator schrieb uns noch völlig unter Schock stehend am Tag der Wahl in einer E-Mail: „Winter in Amerika. Es sind auf jeden Fall harte Zeiten. Aber die Leute sind bereit zu kämpfen!“ Wir haben viele ähnliche Äußerungen von Künstler_innen, Kurator_innen, Akademiker_innen, Autor_innen bekommen – emotionale, beeindruckende, besorgte Reaktionen zum aktuellen Status quo. In der neuen Reihe “Don’t mourn, organize!” fragen wir sie in den nächsten Wochen und Monaten: Wie können wir eine kreative Perspektive schaffen, wie konzentrieren wir uns in unseren Reaktionen nicht bloß auf die Ungewissheiten und Krisen, sondern verwandeln stattdessen Ideen in Plattformen und Strategien zur Veränderung?

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C&: James Hetfield, Frontmann der Band Metallica, sagte vor kurzem in einem Interview, dass die Wahl Trumps nichts an seiner künftigen Arbeit ändern würde, da er dieser neuen Regierung nicht die Macht geben wolle, seine künstlerische Arbeit zu beeinflussen. Wie siehst du das in Bezug auf deine Kunst? Wird die Wahl sich auf deine Arbeit auswirken?

EJ Hill: Diese Wahl wird sich auf jeden Fall auf meine Arbeit auswirken, allerdings weiß ich nicht, in welchem Maße. David Hammons hat mal gesagt, dass er Kunst eigentlich überhaupt nicht mag, dass es ihm mehr um Symbole geht und dass Kunst nur eine der Formen ist, sich mit der Macht von Symbolen auseinanderzusetzen oder sie zu hinterfragen. Bei dieser Wahl geht es nicht um einen einzelnen Mann oder seine Regierung. Es geht um alles, was er und seine Unterstützer_innen symbolisieren, wofür sie stehen. Und seien wir mal ehrlich, wofür sie stehen ist so alt wie Amerika selbst. Wird das Ergebnis dieser Wahl sich also auf meine Arbeit auswirken? Ja, zweifellos, aber ich kann mir vorstellen, dass sie eine ähnliche Bedeutung haben wird wie am 7. November 2016. Oder an irgendeinem anderen Montag davor.

C&: Wie siehst du die aktuelle Situation in Amerika, was ist deine Perspektive als Bürger, als Künstler? Ist das denn wirklich alles so neu und noch nie dagewesen?

EH: Richtig, nein, das ist alles überhaupt nicht neu! Und ich glaube, das ist für mich am frustrierendsten an all dem. Tatsache ist doch, dass viele von uns – insbesondere Schwarze Menschen – schon sehr lange mit dieser Realität leben und ebenso lange dagegen ankämpfen, doch nun, da sogenannte linke weiße Leute sich bedroht fühlen, ist da eine gewisse Dringlichkeit, eine gewisse Tendenz, aktiv zu werden. Und es ist manchmal schwer, das alles nicht als eine bizarre Art von Ringkampf außerhalb des Rings zu sehen, wenn du mich verstehst. Ein Teil von mir denkt: „Wo zum Teufel wart ihr denn?“, aber ein anderer Teil sagt: „Okay, jetzt seid ihr dran.“

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EJ Hill, Summit, 2017. Photo transfer and wood burning on birch panel. Courtesy of the artist and Praz-Delavallade

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C&: Welche Rolle spielt dein Körper in deiner Praxis als Performancekünstler? Welche Beziehung hast du zu deinem Körper?

EH: Für mich basiert Performance auf dem Versuch, zwischen dem ständigen Hin und Her von Anwesenheit und Abwesenheit zu verhandeln. Und wenn du in einem Körper existierst, der durch rassistische, heterosexistische, frauenfeindliche, klassistische oder behindertenfeindliche Strukturen unsichtbar gemacht wird, wird eine Über-Sichtbarkeit zur paradoxen Regel. Es ist sowas wie, „Ihr seht mich überall, weil ihr euch solche Mühe gebt, mich nicht zu sehen“, daher ist ein Großteil meiner Performance-Arbeit eine direkte Antwort darauf. Mir ist es wichtig, meinen Körper in physische oder ideologische Räume einzubringen, wo ich vielleicht nicht besonders willkommen bin, um sicherzustellen, dass ich gesehen werde, was aber womöglich noch wichtiger ist, um sicherzustellen, dass wir uns selbst sehen.

C&: Haben Performancekunst oder Praxen, die den Körper als direktes Instrument einbeziehen, für dich das Potenzial zu heilen? Hat der direkte Kontakt mit dem Publikum Potenzial?

EH: Ja, Performance hat da etwas beinahe Heilkräftiges. Immer wenn wir mit unserem Körper zu tun haben, haben wir es mit jedem Kratzer, jeder Beule und jedem Pulsschlag zu tun, den dieser jemals erlebt hat – wir tragen unsere ganzen körperlichen und psychologischen Echos unter unserer Haut, in unseren Knochen, wo immer wir hingehen. Und wenn wir davon nicht hin und wieder etwas raus lassen, oder es auf irgendeine Weise umwandeln, dann könnte es uns tatsächlich noch ein bisschen schlechter gehen.

Was den Kontakt mit dem Publikum betrifft, denke ich nicht, dass meine Anwesenheit im Museum oder einer Galerie oder künstlerischen Kontexten im Allgemeinen so effektiv oder direkt ist, da diese Räume meistens innerhalb der gleichen beschränkenden Machtstrukturen funktionieren wie viele andere Institutionen in der heutigen Gesellschaft. Aktionen am Esstisch mit der Familie, Aktionen im Supermarkt, an der Tankstelle, auf dem Gehweg oder in der U-Bahn – wo die Menschen sind – da liegt der Schatz. Da besteht exponentiell die höchste Wahrscheinlichkeit, mit Präsenz etwas zu bewirken.

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A screenshot from EJ Hill’s Instagram: https://www.instagram.com/p/BPhMk0dga0G/. Photo by Peter Tomka

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C&: Was bedeutet Sexualität für dich? Inwiefern prägt sie deine Kunst?

EH: Ich könnte buchstäblich den Rest meines Lebens damit verbringen, diese Frage zu erörtern! Aber, um noch mal an deine vorangegangene Frage anzuknüpfen: Sexualität ist vielleicht der Raum, der am meisten Heilung und Regeneration bietet. Es wird oft vergessen, dass Sexualität nicht unbedingt sexuelle Handlungen einschließen muss. Es ist auch ein Raum für Begehren, Anziehung, Phantasien, Verdrängung und Trauma. Und das zeigt sich alles auf unterschiedliche Weise. Wenn wir also körperliche Intimität teilen, ist das wie eine unausgesprochene Bitte, umsorgt zu werden und dass alles, was wir mitbringen, als wertvoll erachtet oder betrachtet wird. Wir betrauen andere mit der Aufgabe uns dabei zu helfen, das rückgängig zu machen, was unserem Körper angetan wurde. Doch manchmal tragen sie eher zur Verfestigung dessen bei, was wir versuchen hinter uns zu lassen, und dieses Risiko gehört genauso zum Heilungsprozess. Es braucht äußerst viel Mut, die Regler unseres Begehrens einzustellen und unsere Dosis anzupassen, um das eine perfekte Heilmittel, die Glückseligkeit finden zu können.

C&: Toni Morrison hat uns ja kürzlich daran erinnert, dass es für Künstler_innen jetzt darum geht, sich wieder an die Arbeit zu machen. Woran wirst du in den nächsten Monaten und möglicherweise Jahren im Einzelnen arbeiten?

EH: Ich meditiere gerne zu einem bestimmten Mantra oder Thema, wenn ich mit einer Reihe von Arbeiten beschäftigt bin. Während meiner Residenz bei The Studio Museum im vergangenen Jahr klebte ein Stück blaues Malerband in einer unauffälligen Ecke meines Schreibtischs, auf das ich Folgendes geschrieben hatte: „A monumental offering of potential energy” (Eine Riesengabe potenzieller Energie). Daraus wurde schließlich der Titel der Arbeit, die ich in unserer Ausstellung Tenses präsentiere. Jetzt klebt ein Stück Papier an meiner Atelierwand, auf dem steht: „The necessary reconditioning of the highly deserving“ (Die notwendige Wiederherstellung der/des Hochverdienten). Ich bin mir noch nicht sicher, ob daraus auch ein Titel wird, aber ich beschäftige mich auf jeden Fall mit neuen Arbeiten (hauptsächlich Skulpturen und Malerei), die auf Erhöhung anspielen und den Drang, den so viele von uns spüren, uns selbst ganz weit oben zu sehen.

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ejhill.info

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Magnus Rosengarten ist Filmemacher, Autor und Journalist aus Deutschland. Er lebt z.Zt. in New York, wo er einen Master in Performance Studies an der NYU macht.

 

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