Ausstellungsgeschichte(n)

Africa Explores

In dieser Serie kommt C& noch einmal auf die am meisten diskutierten, geliebten, gehassten, zum Nachdenken anregenden und wegweisenden Ausstellungen zurück, die in den vergangenen Jahrzehnten zeitgenössische Kunst aus afrikanischen Perspektiven präsentierten. Wir machen weiter mit der Ausstellung Africa Explores.

Installation view of Sunday Jack Akpan and Kane Kwei Carpentry Workshop in Africa Explores: 20th Century African Art, New York 1991. Courtesy of New Museum, New York. Photo: Fred Scruton

By Julia Friedel
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Im Mai 1991 eröffnete die Ausstellung Africa Explores in New York. In den Räumen des Museum for African Art sowie des New Museum of Contemporary Art zeigte die Kuratorin Susan Vogel über 130 unterschiedlichste Werke aus 15 afrikanischen Ländern. Mit einer Mischung aus verschiedenen Medien und Stilen wollte Africa Explores das Kunstgeschehen in Afrika im 20. Jahrhundert aus der Perspektive des Kontinents selbst neu erzählen.

 

Konzept und Kritik

In beiden Museen wurden die Besucher_innen am Eingang zur Ausstellung von lebensgroßen Objekten begrüßt: Ein sitzender Chief aus bemaltem Zement des nigerianischen Künstlers Sunday Jack Akpan läutete die Ausstellung ein; daneben waren Särge in Form von Autos, Gemüse oder Flugzeugen zu sehen, die seit den 1950er Jahren durch den Kane Kwei Carpentry Workshop in Ghana vertrieben werden. Die Auswahl dieser Werke stellte gleich zu Beginn klar, dass Susan Vogel, die damalige Direktorin des Museum for African Art, sich nicht auf eine Form des kreativen Schaffens beschränken wollte. Vielmehr ging es in Africa Explores um verschiedene Kunststile, die ihr zufolge die Kunstpraxis des 20. Jahrhunderts in Afrika gleichberechtigt ausmachten. Im Katalog zur Ausstellung beschreibt die Kuratorin fünf Arten von Kunst, die sie bei ihrer Recherche identifizieren konnte: Zunächst Traditional Art, die vor allem innerhalb ethnischer Gruppen praktiziert werde und einen bestimmten Nutzen verfolge, wie etwa in Ritualen verwendete Masken. New Functional Art skizziert Vogel als eine neue, eklektische Form dieser traditionellen Kunst, die sich unterschiedlichster Materialien und Motive bediene. Populäre Kunst, oder Urban Art, stehe für die handwerklichen, kommerziellen Arbeiten von autodidaktischen Schildermalern und Grafikern, während International Art die Werke städtischer akademischer Künstler repräsentiere. Mit ‚Extinct‘ Art schließlich definiert die Kuratorin eine traditionelle Kunst der Vergangenheit, die sich sowohl im kollektiven Gedächtnis als auch in Museumssammlungen befinde.[1]

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Entrance to the exhibition Africa Explores: 20th Century African Art, New York 1991. Courtesy New Museum, New York. Photo: Fred Scruton

Entrance to the exhibition Africa Explores: 20th Century African Art, New York 1991. Courtesy New Museum, New York. Photo: Fred Scruton

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Auch wenn die Auswahl der Arbeiten sehr heterogen ausfiel, strebte Susan Vogel mit ihrer Ausstellung einen ganz bestimmten Blickwinkel an: „’Africa Explores‘ seeks to focus on Africa, its concerns, and its art and artists in their own contexts and in their own voices.“[2] Anstatt, wie die Vorgängerausstellung Magiciens de la Terre, aus einer ‚westlichen‘ Perspektive heraus zu argumentieren, war es Susan Vogels Ziel, die Kunstwerke mithilfe der Erfahrung und Sichtweise afrikanischer Kunstschaffender zu vermitteln.[3] Diese Intention wurde in der Ausstellung allerdings nicht deutlich.

Die Kategorien, die Vogel in ihrer Ausstellung etablierte, brachten ihr einige Kritik ein. Der Versuch, diese als schlüssig und sinnvoll zu vermitteln, konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass ihre Definitionen tatsächlich äußerst beliebig, überholt und eng waren. Sowohl Olu Oguibe als auch Okwui Enwezor sahen darin Instrumente einer anthropologischen Klassifizierung, die mit Kunstgeschichte wenig zu tun hätten.[4] Auch die vielen autodidaktischen Arbeiten und das Fehlen nordafrikanischer Künstler_innen in der Ausstellung sprachen eher für ein unreflektiertes ethnologisches Interesse, das die Klischeevorstellung von einer ‚authentischen afrikanischen Kunst‘ untermauerte.[5]

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Installation view of Africa Explores: 20th Century African Art, New York 1991. Courtesy New Museum, New York. Photo: Fred Scruton

Installation view of Africa Explores: 20th Century African Art, New York 1991. Courtesy New Museum, New York. Photo: Fred Scruton

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Anhand der Kategorien zeigte sich auch, mit welcher Leichtfertigkeit Susan Vogel mit der vermeintlich ‚afrikanischen Perspektive‘ dieser Ausstellung warb. Wie John Picton betonte, waren ihre Klassifizierungen lediglich kuratorische Hilfsmittel, um dem Publikum die Kunstwerke in Form von gut verdaulichen Häppchen darzureichen.[6] Sie wurden in und von ‚westlichen‘ Institutionen entwickelt und hatten demnach mit der Sichtweise der Künstler_innen aus Afrika nichts zu tun. Vogels Ankündigung, dass mit Africa Explores, wie es auch der Titel suggerierte, eine andere Perspektive vermittelt würde als die der Ausstellungsmacherin, blieb ein leeres Versprechen. Auch die vorsorglich platzierten Beiträge von V. Y. Mudimbe und Ima Ebong im Ausstellungskatalog konnten diese Tatsache nicht verbergen. Susan Vogel räumte in der Publikation sogar ein, dass – der Situation geschuldet – vor allem amerikanische Autor_innen zu Wort kamen, bezeichnete diese und sich selbst allerdings als ‚vertrauliche Außenstehende‘. Die Ironie dieser Bezeichnung ist angesichts der Ausstellungskonzeption von Africa Explores nicht zu übersehen. Denn hier wurde nicht der Kuratorin oder ihren Mitstreitern, sondern den afrikanischen Künstler_innen die Rolle der Außenstehenden zugewiesen. Auch Oguibe schreibt dazu: „The invited insider is only a stranger in his own discourse, swamped and drowned out. It is the “intimate outsider‘ who truly is in charge.“[7] Und diese_r Außenstehende lieferte in Africa Explores einzig ein gut verdauliches, in Kategorien unterteiltes Weltbild, in dem die eigentlichen Protagonist_innen nur die Statist_innen waren.

 

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Installation view of Africa Explores: 20th Century African Art, New York 1991. Courtesy New Museum, New York. Photo: Fred Scruton

Installation view of Africa Explores: 20th Century African Art, New York 1991. Courtesy New Museum, New York. Photo: Fred Scruton

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Relevanz

Africa Explores war die erste große und einflussreiche Ausstellung in den USA, die sich mit dem Kunstschaffen des 20. Jahrhunderts in Afrika auseinandersetzte. Von vielen Seiten kritisiert, gelang es der Kuratorin Susan Vogel dennoch, am System des euro-amerikanischen Kunstmonopols zu rütteln und die Bekanntheit heute renommierter Künstler, wie Chéri Samba oder Seydou Keïta, voranzutreiben.[8] Wie viele andere Kurator_innen, die sich mit der Präsentation ‚nicht-westlicher‘ Kunst beschäftigten, verstand auch Susan Vogel Africa Explores nicht als abgeschlossenes Projekt, sondern als Teil eines Prozesses, der zu weiteren Recherchen und Ausstellungen anregen sollte.[9] Tatsächlich trug die Schau zum Diskurs bei und provozierte andere Ausstellungen, wie z.B. Seven Stories about Modern Art in Africa, die nicht zuletzt die fragwürdige Sichtweise von Africa Explores revidieren wollten und den Weg weiter ebneten für eine globale Kunstgeschichte.

 

Beteiligte Künstler_innen:

 

Ajani (Nigeria), Sunday Jack Akpan (Nigeria), Kojo Anokye (Ghana), Fode Camara (Senegal), Sokari Douglas Camp (Nigeria), Dame Gueye (Senegal), Kweku Kakanu (Ghana), Tshibumba Kanda-Matulu (Demokratische Republik Kongo), Koffi Kouakou (Elfenbeinküste), Kane Kwei (Ghana), Albert Lubaki (Demokratische Republik Kongo), Gora M’Bengue (Senegal), Kivuthi Mbuno (Kenia), Middle Art (Nigeria), Moké (Demokratische Republik Kongo), Mode Muntu (Demokratische Republik Kongo), Iba N’Diaye (Senegal), S.T. Ngui, Malangatana Valente Ngwenya (Mosambik), Nsedu (Nigeria)

Tshyela Ntendu (Demokratische Republik Kongo), Magdelene Odundo (Kenia), Ouattara Watts (Elfenbeinküste), Trigo Piula (Demokratische Republik Kongo), S. Rufisque (Senegal), Chéri Samba (Demokratische Republik Kongo), Sim Simaro (Demokratische Republik Kongo), Samba Sylla (Senegal)

 

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Julia Friedel ist Forschungskustodin für Afrika am Weltkulturen Museum in Frankfurt am Main und  Autorin. Sie studierte Afrikanistik mit den Schwerpunkten Sprachen, Literatur und Kunst (in Bayreuth) und Kuratieren (in Frankfurt am Main).

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Weiterführende Literatur und Weblinks:

Okwui Enwezor, 2009: Contemporary African Art since 1980

https://orientationtrip2011.files.wordpress.com/2010/08/text-contemporary-african-art-since-1980-by-okwui-enwezor-chika-okeke-agulu.pdf

Simon Hilton-Smith: African Art?

http://www.academia.edu/3985257/African_Art

Olu Oguibe, 1993: Africa Explores. 20th Century African Art

in African Arts, Vol. 26, Nr. 1, S. 16-22.

John Picton, 1993: In Vogue, or The Flavour of the Month: The New Way to Wear Black

http://asai.co.za/jdownloads/From%20the%20Third%20Text%20Archives/Mud%20Times/4._mudtimes.pdf

Susan Vogel, 1991: Africa Explores, New York: Prestel Publications.

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(1) cf. Vogel 1991: 10 et seqq.

(2) Vogel 1991: 9.

(3) cf. Vogel 1991: 9 and 12.

(4) cf. Oguibe 1993: 22 and Enwezor 2009: 16.

(5) cf. Hilton-Smith: 3 et seqq.

(6) cf. Picton 1993: 98.

(7) Oguibe 1993: 16.

(8) cf. Picton 1993: 97.

(9) cf. Vogel 1991: 12.