Kunst darüber hinaus Geographie

Nicht geografische Markierungen, sondern KünstlerInnen sollten im Mittelpunkt stehen

Kolumn von Sean O’Toole

Otobong Nkanga, Social Consequences III: Without you Everything Falls Apart/ Engaged/Body Builder/The Overload/Waiting for X/Fractured , 2010. Courtesy of the Artist and Lumen Travo Gallery, Amsterdam.

By Sean O’Toole
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Jeden Morgen beim Aufstehen schaue ich auf Afrika. Es präsentiert sich ungefähr so: Nicht weit entfernt, eine Vorstadtstraße mit Stoßstange an Stoßstange geparkten Autos neben einem Fußgängerweg; in mittlerer Entfernung eine großstädtische Skyline mit zwei Kränen, die Materialien zum Bau des neusten höchsten Gebäudes meiner Heimatstadt emporheben; dahinter eine Bucht mit Containerschiffen, die vor Anker liegen; und noch weiter weg, einen immer blasser werdenden Horizont bildend, eine wellige Landschaft aus Hügeln und Bergen und Wolken, noch mehr Afrika. Etwas an dieser Aussicht ist unglaubwürdig.

Kapstadt, die Stadt, die ich jeden Tag von meinem Fenster aus betrachte, ist keine südafrikanische Stadt. Zumindest wird mir das regelmäßig gesagt, sowohl direkt als auch durch die AutorInnen, die ich lese. Sie ist zu weiß in ihren Anliegen, so lautet die Begründung, zu weiß in ihrer Beschäftigung mit Bio-Spargel und provençalischem Lebensstil, zu weiß in ihrer Vorliebe für bunte Pop-Gemälde ohne Bedeutung und Designerhäuser mit Balkonen in der Form von Flügeldeckeln. An dieser Sichtweise ist etwas dran.

„Mich betrübt, wie offensichtlich geteilt diese Stadt ist“, sagte Teju Cole, Schriftsteller und Kunsthistoriker mit dem Schwerpunkt holländische Kunst des 16. Jahrhunderts, kürzlich bei seinem ersten Besuch in dieser Stadt. „Es ist unangenehm. Es ist ziemlich offensichtlich, dass es die gibt, die dienen und jene, die bedient werden.“

Cole ist nicht der Erste, dem das seltsame, ungeklärte Wesen Kapstadts auffällt, eine Stadt, die sich durch eine merkwürdige Mikropolitik und neuerlich ein überhitztes Selbstwertgefühl auszeichnet. Vor ein paar Wochen erzählte mir Edgar Pieterse, der von einem Universitätsbüro am Hang des Tafelbergs aus das African Centre for Cities leitet, dass Kapstadt eine Reihe „unzusammenhängender Dörfer der Gedanken und Sehnsüchte“ sei. Das ist ein markiger Spruch, einer, der die Möglichkeit bietet, auf sinnvolle Art über den Begriff „zeitgenössische afrikanische Kunst“ nachzudenken, ihn durch- und weiter zu denken.

Ich habe keine Ahnung, was dieser Ausdruck, der sich in Städten beiderseits des Nordatlantiks einer unbefangenen Wirkung erfreut, eigentlich bedeutet. Er scheint mir eine Erfindung zu sein. Das muss nicht zwangsläufig etwas Schlechtes sein.

Fiktionen – ob sie nun formalisierte Geschichten oder diffuse Vorstellungen und Legenden sind, die als Gerücht oder geflüsterte Warnung weitergegeben werden – sind in einer Welt brutaler Verhältnisse immer wertvoll gewesen. Sie fungieren als eine Art Linderungsmittel. Wenn sie ihren produktiven Höhepunkt erreichen, bieten Fiktionen Ablenkung, Unterhaltung, Staunen und Inspiration; außerdem können sie auf positive Weise Diskussionen provozieren und das missbilligende Räuspern des Skeptikers in ein „Aha!“ verwandeln.

Doch Fiktionen sind naturgemäß auch eine Gattung der Lüge. Schöne Lügen, durchaus, obwohl die Lügen in den meisten Fällen alltäglich sind. Ich frage mich, ob der Ausdruck „zeitgenössische afrikanische Kunst“ nicht Gefahr läuft, zur Routine zu werden, abgedroschen, alltäglich, kurzum: bedeutungslos. Wie es aussieht, stellt der Ausdruck eine abstrakte Gesamtheit (Afrika) zu sehr in den Vordergrund, während es eigentlich die einzelnen Teile (Städte, Bezirke, Ateliers) sind, in denen die wirkliche Prägung dieser Praxis entsteht.

Kunst über Afrika wird nicht in Afrika geschaffen; sie entsteht in Addis Abeba, Algier, Amsterdam, Bamako, Berlin, Kairo, Kapstadt, Cotonou, Dakar, Douala, Johannesburg, Lagos, London, Lubumbashi, Marrakesch, München, Nairobi, New York, Paris, Tanger und anderswo. Diese Städte haben manchmal Ähnlichkeiten, meistens jedoch nicht. Ein einziger Begriff zur Bestimmung eines Kontinents ist ein schlechter Platzhalter für etwas, das tatsächlich eine atomisierte, dynamische und geografisch unbestimmte Vielfalt an Praxen ist.

Sean O’Toole ist Autor und Mitherausgeber von CityScapes, einem kritischen Magazin für urbane Forschung. Er lebt in Kapstadt, Südafrika.