Black Chronicles II: 

Black Chronicles II: Mehrdimensionale Narrative

Our author takes a closer look at the show Black Chronicles II in London

John Xiniwe and Albert Jonas, London Stereoscopic Company studios, 1891. Courtesy of © Hulton Archive/Getty Images

By Hansi Momodu-Gordon
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Ein Besuch der Ausstellung Black Chronicles II bringt die Erfahrung mit sich, ständig zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit hin- und hergerissen zu sein: zwischen dem, was man vielleicht schon wusste und als Wahrheit angenommen hatte, und dem, was man in dem Moment mit den Augen wahrnimmt. Das Vermögen der Fotografie, diesen Prozess zu unterstützen und zu verstören, sollte man nicht unterschätzen. Die Ausstellung beginnt im Ausstellungsraum im Erdgeschoss im Rivington Place in London, und beim Durchschreiten der ersten Flügeltüren lenken die Worte Stuart Halls, die den Raum bestimmen und den oberen Teil des Saals umschließen, den Blick in die Galerie. Die Installation von 60 handgefertigten Silbergelatineabzügen ist ausgefeilt und Respekt einflößend – mit eigens für die Ausstellung angefertigten Großformatdrucken, die in einheitlichen schwarzen Holzrahmen an schwarzen Wänden angebracht sind. Der Eindruck einer erzählenswerten Geschichte, die es wert ist, gut erzählt zu werden. Die auf den Bildern dargestellten Männer und Frauen, gekleidet im Aufputz und der Kleidermode der damaligen Zeit, nehmen ihren Platz ein in unserer Vorstellung des Viktorianischen Zeitalters in Großbritannien.

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Eines der eindrucksvollsten Erlebnisse in diesem Raum ist die Porträtfotografie-Serie von The African Choir, der von 1891 bis 1893 durch Großbritannien reiste. Die ursprünglichen Glasplatten, aufgestöbert durch die sorgfältigen Recherchen der Kuratorin, wurden in bemerkenswert gutem Zustand im Hulton Archive gefunden und waren 120 Jahre lang unbemerkt geblieben. Vor den Bildern des African Choir stehend, auf denen elegant gekleidete, auf sensible Weise porträtierte Männer und Frauen afrikanischer Herkunft im viktorianischen London zu sehen sind, war es eine Offenbarung, diese verborgene Geschichte zu betrachten, doch gleichzeitig hatten diese perfekten Reproduktionen etwas an sich, das einen Hauch von Skepsis aufkommen ließ. Die Modelle sind so präsent und in den Gesichtern des heutigen London wiederzuerkennen, dass sie fast wie SchauspielerInnen in aufwändig ausgestatteten Settings des 19. Jahrhunderts erscheinen. Daraus ergeben sich zwei Fragen, die miteinander verbunden sind. Erstens, wie viel von dieser Wahrnehmung zeugt von der heimtückischen Macht und der brutalen Subtilität dominanter Geschichtsnarrartive? Zweitens, was kann dem komplexen Verhältnis zwischen der Reproduzierbarkeit der fotografischen Aufnahme und ihrer Fähigkeit, die Zeit zu überdauern, zugeschrieben werden? Diese Fragen müssen noch entwirrt werden.

Die Geschichte der Porträtfotografie und des Schwarzen Sujets stellt ein ausgedehntes, multivalentes Narrativ dar, das Afrika und seine vielen Diasporas umfasst. Doch während sich das Wissen über die Fotografie des 19. und frühen 20. Jahrhunderts auf dem afrikanischen Kontinent mit der Veröffentlichung von zentralen Anthologien wie Anthology of African and Indian Ocean Photography von Revue Noir (1998), dem kürzlich erschienenen Portraiture & photography in Africa (2013) und dazwischen vielen weiteren Publikationen weiterentwickelt hat, ist über die Porträtfotografie mit dem Fokus der Schwarzen Erfahrung in Großbritannien weit weniger bekannt. Black Chronicles II erinnert daran, dass beides eng miteinander verknüpft ist und eine gemeinsame Geschichte hat, die Orte jenseits dieser Küsten und eine weit vor dem zweiten Weltkrieg liegende Zeit umfasst.

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Während Halls Worte in der Galerie im Erdgeschoss möglicherweise wie eine graphische Ablenkung von der Schlichtheit und Kraft der hängenden Werke wirken mochten, war die Tonaufnahme seiner Grundsatzrede The Missing Chapter: Cultural Identity and the Photographic Archive zum ersten Archivsymposium von Autograph ABP in der oberen Galerie faszinierend, und wie viele der Besucher blieb auch ich in dem Raum, um sie komplett zu hören. In diesem Galerieraum werden kleine Zusammenstellungen der ursprünglichen Visitenkarten einiger Privatsammlungen neben einer Diaprojektion von Porträtfotos der Königlichen Indischen Offiziersordonnanz (1903–38) vom National Army Museum sowie Effnik (1996) des britisch-nigerianischen Künstlers Yinka Shonibare MBE gezeigt.

Die Größe der Visitenkarten erforderte genaues Hinsehen, und nachdem ich den ersten den gebührenden Respekt erwiesen hatte, schien es mir unerlässlich, innezuhalten und jede einzelne Person dort noch einmal genauer zu betrachten. Im Gegenzug stieß ich auf ein Bild von Prinz Alamayou, Sohn des Königs Theodore II von Abessinien. Nach der britischen Invasion in Äthiopien 1868 wurde er zur Waise, nach England gebracht und machte die Bekanntschaft von Königin Victoria. Das Schicksal des jungen Mannes ist nun über alle großen britischen Institutionen verteilt, eine immer wiederkehrende Figur, deren Kleidungsstücke ich in einer Sammlungsschau im Victoria and Albert Museum unter dem Titel Africa: Exploring Hidden Histories (15. November 2012–3. Februar 2013) gesehen hatte. Ich traf auch auf Millie und Christine McKoy, „The Two-Headed Nightingale“ (Die doppelköpfige Nachtigall), siamesische Zwillinge, die 1851 in Amerika in die Sklaverei hineingeboren wurden und als Unterhaltungskünstlerinnen durch die Vereinigten Staaten und England tourten, wobei sie 1871 für die Königin auftraten. Die McCoy-Zwillinge waren auch die Vorlage für einen der 60 Drucke in DeLuxe, 2004–5, das anspruchsvolle vielschichtige Druckkunstwerk der amerikanischen Künstlerin Ellen Gallagher.

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Black Chronicles II zeugt nicht nur von Schwarzen Erfahrungswelten in Großbritannien, sondern auch von der Verwobenheit dieser Erfahrungen mit Afrika und seinen unterschiedlichen Diasporas. Die Ausstellung dokumentiert die Präsenz von Menschen afrikanischer Herkunft im gesamten Vereinigten Königreich. Sie präsentiert ein mehrdimensionales Narrativ sowohl der tragischen als auch vielschichtigen Geschichten von Menschen wie Prinz Alamayou, der, obwohl von der Königin begünstigt, aus der Mehrheitsgeschichte ausgeblendet wurde. Sie zelebriert außerdem eine mobile, kosmopolitische Diaspora, die mit Würde und Handlungsmacht am viktorianischen Leben teilnahm.

Hansi Momodu-Gordon ist Kuratorin, Autorin und Kulturschaffende. Sie ist Assistant Curator an der Tate Modern, wo sie mit Ausstellungen, Auftragsarbeiten und Sammlungsrecherche betraut ist.

Black Chronicles II: 12 September–29 November 2014Rivington Place, London EC2A 3BA, UK

 

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