Body Politics

Sprechende Körper: Eine Generation feministischer Künstlerinnen

Die Ausstellung Body Talk ist ein Aufruf zu kollektivem Widerstand

Tracey Rose, Tracings (detail), 2015. Installation. Courtesy Dan Gunn, Berlin and Goodman Gallery, Johannesburg. Photo: Joke Floreal.

By Elsa Guily
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Die Ausstellung Body Talk, die im Brüsseler Zentrum für zeitgenössische Kunst, Wiels, gezeigt wurde, und derzeit in der Lunds Kunsthall in Schweden zu sehen ist, lädt uns ein, in einem diskursiven Raum über die Mobilisierung des Körpers in der Arbeit von sechs Künstlerinnen nachzudenken: Zoulikha Bouabdellah, Marcia Kure, Miriam Syowia Kyambi, Valérie Oka, Tracey Rose, Billie Zangewa. Die Gruppenausstellung stellt zwei wichtige Themen in den Vordergrund. Zum einen geht es darum, eine Generation von Künstlerinnen in den Fokus zu stellen, die ihre Ausbildung Ende der 1990er Jahre absolviert haben und die in ihrer künstlerischen Arbeit den Körper als Medium des künstlerischen Ausdrucks, aber auch als Instrument des Aktivismus, einsetzen. Diese Arbeiten liefern aktuelle Beiträge zu Fragen des Feminismus und setzen sich insbesondere auseinander mit dem Thema Identität, Gender und Sexualität. Zum anderen geht es in dieser Ausstellung aber auch darum, die kulturelle Diversität der zeitgenössischen afrikanischen Kunst sowohl auf dem Kontinent als auch in der Diaspora sichtbar zu machen, die in einer Vielzahl ganz unterschiedlicher formaler Ansätze zum Ausdruck kommt. Die Kuratorin Koyo Kouoh fragt uns: „Was ist ein weiblicher afrikanischer Körper? Wie wurde dieser Körper in der Vergangenheit gesellschaftlich, politisch, historisch, und wie wird er auch heute noch viel zu sehr als Objekt-Körper betrachtet, exponiert, zur Schau gestellt, missbraucht und instrumentalisiert?“

Billie Zangewa, The Rebirth of the Black Venus, 2010. Tapisserie de soie 127 x 130 cm. Collection privée.

Billie Zangewa, The Rebirth of the Black Venus, 2010.
Tapisserie de soie 127 x 130 cm. Collection privée.

Wenn wir die Ausstellung betreten, stehen wir als erstes der zweidimensionalen Arbeit von Billie Zangewa, The Rebirth Of The Black Venus gegenüber. Diese  „Seidentapisserie“, wie die Künstlerin sie nennt, ist zum einen inspiriert von der Geburt der Venus von Botticelli, zum anderen von der tragischen Geschichte der Schwarzen Venus „Saartjie“ –beides Beispiele für Darstellungen vom Körper als Objekt, die in ihrer Asymmetrie dazu beitrugen, den imperialistischen, universalistischen, sozio-normativen und rassistischen Diskurs von der westlichen Vorstellung eines weiblichen Schönheitsideals zu stützen. Das Tuch, das hier die Genitalien des abgebildeten Körpers bedeckt, trägt dir Inschrift „gib dich rückhaltlos deiner Komplexität hin“. Die Abwandlung in Form eines Selbstbildnis positioniert die Künstlerin zwischen die kollektive Geschichte, die über die Darstellung des Körpers transportiert wird und die Affirmation ihrer persönlichen Narration. So stellt sie in dieser Arbeit die grundlegenden identitären Strukturen, die die Sichtbarkeit bestimmter Körper begünstigen, andere hingegen unsichtbar machen, in Frage und kehrt sie um. Die Künstlerin lädt die Betrachter, sich Gedanken zu machen über die durch die Kultur vermittelten Realitäten, fordert sie auf zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der in der Kunstgeschichte aufrechterhaltenen Mystifizierung der Ästhetik des Körpers und deren Auswirkungen. Gleich zu Beginn der Ausstellung kündigt sich darin die Appropriation als zentrales Thema der Ausstellung an. Sie ist Ausgangspunkt einer Kritik von Normen, die noch immer viel zu oft als naturgegeben bezeichnet werden. Wenn performative Aussagen versuchen, die Realität zu transformieren und nicht zu beschreiben, wie Paul B. Preciado es formuliert, dann könnte man durch die Wiederaneignung des Performativen die Subjektivitäten rekonstruieren [1].

 

MiriamSyowiaKyambiMiriam Syowia Kyambi, Fracture (i), 2011. Multimedia-installation / performance. Photo: Marko Kivioja, Terhi Vaatti en Anni Kivioja, Kouvola Art Museum Poikilo, Finland. Courtesy of the artist.

Dem entsprechend wird im ersten Teil der Ausstellung die Bedeutung der Performance als einer Strategie des Aufstands betont. In ihrer multidisziplinären Performance-Installation Fracture/Rupture, setzt Miriam Syowia Kyambi ihren Körper ein, um in der Repetition eines sozialen Rituals sichtbar zu machen, wie individuelle Identität durch existierende Normen geprägt wird. Die Künstlerin verkörpert in dieser Arbeit eine zeitgenössische Figur mit dem Vornamen Rose, die das Bild der vollkommenen Verbraucherin in Kenia repräsentiert. Die Figur bewegt sich inmitten dieser Installation, die aus verschiedenen Objekten zusammengesetzt ist, die auf eine persönliche Symbolik ihrer Vergangenheit verweisen. Die performative Praxis erfolgt in Form der Manipulation von Objekten, der Begegnung zwischen belebtem Körper und immobilem Körper, zwischen Handeln in der Gegenwart und Narration der Vergangenheit. Kyambi legt in der Wiederholung der sozialen Identität von Rose die performative Kraft, die sie legitimiert, frei, und kaschiert gleichzeitig ihre Historizität. Der inszenierte Körper ist hier Provokateur und Auslöser. Der Spiegel ? ein Objekt, das in den Arbeiten der Künstlerin immer wieder auftaucht ? reflektiert die Perspektive des Betrachters, bezieht ihn in die Installation mit ein, und fordert ihn dadurch implizit auf, selbst Stellung zu nehmen.

Valérie Oka, Body Talk Deshumanisation, 2014. Installation, La cage and performance, En sa presence . Avec l'aimbale autorisation de l'artiste.Valérie Oka, Body Talk Deshumanisation, 2014. Installation, La cage and performance, En sa presence . Avec l’aimbale autorisation de l’artiste.

Valérie Oka versteht ihre künstlerische Arbeit als Plädoyer. Sie verwandelt den Ausstellungsraum in einen Ort des Dialogs. Sich des-identifizieren, um die durch das dominante Performativ beschädigte Subjektivität zu rekonstruieren – für diesen Gedanken möchte die Künstlerin die Öffentlichkeit mit ihren Arbeiten En sa présence und Cage, Performance und Installation, sensibilisieren[2]. Als erstes entdeckt der Ausstellungsbesucher einen gedeckten Esstisch. Er kann sich hinsetzen, sich einen Kopfhörer nehmen und den Fernsehbildschirm betrachten, der zwischen den Tellern auf dem Tisch steht . Darauf zu sehen ist der Moment, da diese Mise en place durch eine Reihe von geladenen Gästen animiert wurde  : während der Ausstellungseröffnung fand hier ein Diner statt, zeitgleich mit der Performance „Cage“ und gewissermaßen als diskursive Alternative zu der darin angesprochenen Problematik: „Welches Bild macht sich der weiße Mann von der Schwarzen Frau?“ An der Wand leuchten in rotem Neonlicht die Worte „Glaubst du wirklich, dass ich besser ficke, weil ich schwarz bin?” Im Laufe der Diskussion, die an dem Tisch geführt wird, sollte es darum gehen, über eben diese Klischees zu sprechen, über stereotype Vorstellungen vom Körper der Schwarzen Frau, die im kollektiven Imaginären kursieren, als Ergebnis kolonialer Wunschvorstellungen, diese zu analysieren und sie gemeinsam zu dekonstruieren.

Tracey Rose, Tracings (detail), 2015. Installation. Courtesy Dan Gunn, Berlin and Goodman Gallery, Johannesburg. Photo: Joke Floreal.Tracey Rose, Tracings (detail), 2015. Installation. Courtesy Dan Gunn, Berlin and Goodman Gallery, Johannesburg. Photo: Joke Floreal.

Den auf die Probe gestellten Körper zeigt uns auch Tracey Rose in ihrer Videoprojektion Tracing. Am Ende des langen geraden Ganges im Zentrum der Ausstellung wird der Besucher dieser Arbeit mit einem irritierenden Spiel von Maßstäben und Wahrnehmungen konfrontiert. Der Körper der Performerin ist mal monumental, mal nah, mal fern, distanziert, wechselt hin und her zwischen einem intimen Tête-à-Tête und einem einschüchternden Face-à-Face. Der Klang des Videos breitet sich in der gesamten Ausstellung aus, mal laut, nah an den Forderungen der Künstlerin, mal zerstreut, erschöpft, als ob er sie von uns entfernt. Die Künstlerin fordert ihre Stimme bis aufs Äußerste heraus, überschreitet die Grenzen ihres Körpers, des Sagbaren. Die Standpunkte der Kamera variieren immer wieder, wechseln hin und her zwischen dem Blickpunkt der Künstlerin auf ihrer performativen Pilgerreise und der Totalen, die eine Übersicht über das gesamte Ritual bietet, das sich da abspielt. Am Fuß der königlichen belgischen Gruft  der Kirche von Notre-Dame prangert die Künstlerin die Schrecken an, die der Kolonialismus in Afrika verübt hat. Der Schrei ist zentral in dieser Performanz des Körpers. Die körperliche Anstrengung versinnbildlicht sehr treffend den Akt der Subversion, des Einforderns, den Audre Lorde in einem sehr bewegenden Text als Die Verwandlung von Schweigen in Sprache und Aktion [3] bezeichnete.

In ihrer Auseinandersetzung sowohl mit den zeitgenössischen künstlerischen und kulturellen Praktiken als auch mit der Politik von Körper, Gender und Sexualität ist Body Talk ein Appell, gemeinsam gegen die Unsichtbarkeit von afrikanischen Künstlerinnen und Künstlerinnen aus der Diaspora zu kämpfen. Kunst wird hier präsentiert als ein Weg, Ansprüche geltend zu machen, Forderungen zu stellen, um Gedanken zu verbreiten, politisches Engagement kund zu tun, und in das Bewusstsein der Menschen vorzudringen. Das Verständnis von und die Auseinandersetzung mit ganz unterschiedlichen Darstellungen rund um den Körper stehen im Mittelpunkt all dieser künstlerischen Ansätze, die in einem dynamischen, mobilen und interaktiven Dialog präsentiert werden. Wir kommen aber nicht umhin, an dieser Stelle auch festzuhalten, dass Gewalt nicht nur entstehen kann durch die Form von produzierten Darstellungen, sondern auch durch die Art und Weise, wie wir diese anschauen, wahrnehmen und rezipieren. Daher ist es unsere Aufgabe, diese Stellungnahmen zu unterstützen, indem wir die Rezeption dieser künstlerischen Arbeiten begleiten.

Die Ausstellung BODY TALK – FEMINISM, SEXUALITY AND THE BODY IN THE WORK OF SIX AFRICAN WOMEN ARTISTS ist noch bis zum 27. September  2015 in der Lunds konsthall in Lund, Sweden zu sehen

Elsa Guily studiert Kunstgeschichte und arbeitet als unabhängige Kritikerin in Berlin. Ihr Schwerpunkt sind die Beziehungen zwischen Kunst und Politik. 


[1] Paul B. Preciado, Force d’attraction de la rupture. 29/08/2014.

[2] ebd.

[3] Audre Lorde, The Transformation of Silence into Language and Action, veröffentlicht in ihrem Buch Sister Outsider (1984) im Verlag The Crossing Press.

 

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