Dak'Art 2016

Stadt der Arbeit

In seinen Filmen beschäftigt sich Simon Gush mit Bildern von Arbeit. Sein neuster Film „Lazy Nigel“ wird auf der Dak’Art gezeigt

Simon Gush, Sunday Light, 2013. Video Still, HD video, stereo sound. Duration 13 min 16 sec. Courtesy of the artist

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Simon Gushs Filmessay „Sunday Light“ erkundet, wie Bilder von Arbeit die Stadt Johannesburg geformt haben. Johannesburg wird oft mit Klischees belegt, wie sie für die Beschreibungen afrikanischer Metropolen typisch sind, von denen dann als „pulsierend und chaotisch“ gesprochen wird. Tatsächlich ist Johannesburg unauslöschlich geprägt von den Vorgaben der calvinistischen Doktrin sowie der Apartheid. Nach 1994 flüchteten weiße Geschäftsinhaber aus der Innenstadt, da sie einen Schwarzen Aufstand fürchteten. Zurück blieben nur die Banken, angelockt durch Steuerbegünstigungen. Obwohl heutzutage täglich eine Million Menschen in dieses Zentrum strömen, ist es abends und am Wochenende gespenstisch verwaist. An Sonntagen ist die Stille sogar noch deutlicher.

Gushs Kamera hält fest, wie ein einzelner Mensch die Straße überquert und ein leerer Kleinbus davonrast – wobei der Fahrer vergeblich sein schrilles Pfeifen nach Kundschaft ertönen lässt. Ein Brunnen spielt seine Melodie für niemand Bestimmten. Diese Stadtszenen sind durchsetzt mit Zwischentiteln (die Bezeichnung für die Texttafeln in Stummfilmen); das sind Gushs Grübeleien über das Wesen der Arbeit. „Was machst du?”, so stellt er fest, ist fast immer eine Frage danach, was man arbeitet und wie man sich in die Wirtschaft des Landes einfügt. Dann richtet sich seine Kamera auf eine Reihe von Katzen, die sich im Hof eines Bergarbeitergebäudes sonnen; sie sehen wohlgenährt und ausgeruht aus. Sie werden nicht aus Tierliebe gehalten, sondern um die Ratten in Schach zu halten. Die Katzen sind zum Arbeiten da, aber sie gönnen sich auch ihre obligatorischen Stunden der Ruhe.

Simon Gush, Iseeyou, 2013. Video Still, HD digital video, stereo sound. Duration 13 min 50 sec. Courtesy of the artist

Simon Gush, Iseeyou, 2013. Video Still, HD digital video, stereo sound. Duration 13 min 50 sec. Courtesy of the artist

Gushs Interesse am Thema Arbeit und den damit verbundenen Ideologien wurde dadurch geweckt, dass er seinem Vater bei dessen Arbeit als Anwalt für Arbeitsrecht in Südafrika zusah. Dass er die Arbeiter und ständige Gespräche über Streiks mitbekam, prägte seine Meinungsbildung und trug zu seinem historischen und gegenwärtigen Verständnis von Südafrika bei. Die Angst vor dem Faulsein ist uns durch die calvinistische Doktrin, aber auch durch eine koloniale Angst vor Trägheit eingeimpft worden: nicht, dass wir von unserem „Mutterland“ als rückständig oder „ursprünglich“ angesehen werden. Um seine eigene Haltung in Bezug auf die protestantische Arbeitsethik besser zu verstehen, begann er zu forschen. Gush las Max Weber und machte sogar Urlaub in Genf – der Geburtsstätte des Calvinismus. „Ich fand es komisch, eine Reise damit zu verbringen, die Arbeit zu erforschen“, sagt er. Diese Recherchen halfen ihm zu verstehen, dass Entscheidungen, die in Johannesburgs festungsähnlichen Kathedralen des Kommerzes getroffen wurden, Auswirkungen hatten, die für jene, deren harte Arbeit den Reichtum der Stadt geschaffen hatten, Leben oder Tod bedeuten konnten. Das zeigten die Ereignisse im August 2012, als die Behörden unter dem Druck standen, den streikenden Bergarbeitern der Marikana Platinminen keine andere Wahl zu lassen – was dazu führte, dass die Polizei das Feuer eröffnete und 112 Männer niederschoss, wobei 34 getötet wurden.

Simon Gush, Calvin and Holiday, 2014. Video Still, HD video, stereo sound. Duration 13 min 42 sec. Courtesy of the artist

Simon Gush, Calvin and Holiday, 2014. Video Still, HD video, stereo sound. Duration 13 min 42 sec. Courtesy of the artist

“Iseeyou”, ein weiterer Film in der Reihe, nimmt die allgegenwärtigen Bergarbeiter-Denkmäler in Johannesburg ins Visier. Er beschäftigt sich mit der Bergbauindustrie im Allgemeinen und mit der abstrakteren Vorstellung der Entdeckung von Mineralien, die für die Industrialisierung maßgeblich waren. Die Denkmäler stehen auf Kreisverkehrsinseln oder vor den Gebäuden der Bergarbeitervereinigung. Wie Gush sagt, ist er in den sieben Jahren, in denen er in Johannesburg lebte, auf dem Weg zur Kunsthochschule regelmäßig an ihnen vorbeigefahren ohne sie wirklich wahrzunehmen. Erst als er nach einem zweijährigen Studienaufenthalt am Hoger Instituut voor Schone Kunsten in Belgien zurückkehrte, fielen sie ihm auf. Die Darstellungen von Bergarbeitern überall in der Stadt sollen die Männer sichtbar machen, auf deren Arbeit sich die gesamte Vergangenheit und Zukunft Südafrikas stützt. In öffentlichen Darstellungen werden sie immer in heroischen Posen gezeigt, so Gush. Wir sollen „diesen Helden Ehre bezeigen, die ihr Leben riskierten“, um Johannesburg zu einem wirtschaftlichen Machtzentrum zu machen – eine Haltung, die Gush kritisiert. Bei anderen Denkmälern fehlt der Arbeiter; an seiner Stelle sind es gewaltige Gerätschaften, die die Arbeit darstellen. Maschinen sind stärker als die schwachen Körper der Bergarbeiter, die anfällig sind für Verletzungen, Krankheiten, Einsamkeit, Alkoholismus und HIV; Maschinen kämpfen niemals um höhere Löhne und gehen nie in den Streik, um jene zu beschämen, die Milliardenprofite machen.

Simon Gush, Lazy Nigel, 2015. Video Still, HD video, stereo sound. Duration 11 min 39 sec. Courtesy of the artist

Simon Gush, Lazy Nigel, 2015. Video Still, HD video, stereo sound. Duration 11 min 39 sec. Courtesy of the artist

In „Lazy Nigel“, dem Filmessay, das auf der Dak’Art 2016 gezeigt wird, problematisiert Gush die Art und Weise, in der wir die Arbeit aufwerten. Er weist darauf hin, dass selbst Schlaf inzwischen zur äußerst lukrativen Industrie geworden ist: „Betten, Matratzen und Kissen werden uns ständig aufgedrängt“, sagt er. Dabei ist Schlaf das Gegenteil von der Arbeit, zu der wir angetrieben werden; der Wunsch nach Erholung ist in diesem System eigentlich der Feind, da er uns aus dem Kreislauf von „Konsum und Arbeit“ herausholt. Gush gibt zu bedenken, dass das Motto „8 Stunden für die Arbeit, 8 Stunden für den Schlaf, 8 Stunden für was immer wir wollen“, Ende des 19. Jahrhunderts aufkam, als Nordeuropa seine Liebesaffäre mit der Industrialisierung begann. Sein Werk kreist um folgende Möglichkeit: dass es mehr gibt als die simple Zweiheit von Arbeit oder Faulheit. Was man „will“ ist eine Handlung genauso wie das Nachdenken – in seiner Stille – eine Handlung ist. „Lazy Nigel” endet mit einem Beispiel für diese Möglichkeit: Er trifft auf Ruaan aus dem südafrikanischen Heidelberg, der „in der Schädlingsbekämpfung tätig ist“; er ist zum nahegelegenen Staudamm gekommen, um eine „Kanone“ zu testen, mit der man eine Angelleine mit einem Köder weit hinaus aufs Wasser schießen kann. Sein Apparat besteht aus einem Kompressor und einem Abflussrohr aus Plastik; die Köder sind in Eiszylindern gefroren, so dass sie ein gewisses Gewicht haben, wenn er sie losschießt. Voller Begeisterung zeigt Ruaan Gush und dem Fotografen Simon Fidelis (der sich um den Sound für den Film kümmert), wie die Vorrichtung funktioniert. Als der erfolgreiche Abschuss einer Angelleine gelingt, reckt er sich beglückt in die Höhe, reißt in einem Ausdruck von Freude und Triumph die Arme in die Luft. Die Lust an seinem Tun ist unbestreitbar, obwohl er damit nichts für den Markt produziert.

Simon Gush nimmt an der Dak’Art 2016, Dakar: 3. Mai zum 11. Juli 2016

M. Neelika Jayawardane ist Außerordentliche Professorin an der State University of New York in Oswego, und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Centre for Indian Studies in Africa (CISA), University of the Witwatersrand (Südafrika). Sie ist zudem Kulturredakteurin beim Onlinemagazin Africa is a Country.

 

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