Sean O’Toole at 55th Venice Biennale

Von Afrika nach Venedig – eine Chronologie

One encyclopaedic palace, six national pavilions, two big debuts, and a Nobel Literature Laureate playing curator. It can only be Venice

Athi-Patra Rug,a 'The Future White Women of Azania: The manifesto', 2012. Performance with costumes, props, lights and music, GIPCA Live Art Festival, Cape Town. Duration variable. Photo: Ashley Walters. Courtesy of the Artist, Gordon Institute for Performing and Creative Arts.

By Sean O’Toole
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Venedig: eine flache, ausufernde, Irrgarten-ähnliche Ansammlung von alternden Backsteingebäuden, die scheinbar auf dem Wasser treiben, eine ebene Fläche von fernen Wahrzeichen und irrationalen Sackgassen. Die Stadt hat ein eigenwilliges vor-modernes Stadtbild; sie ist eine Stadt für Fußgänger, ohne Stadtplan geht nichts. Wenn man, was selten vorkommt, einmal einen Blick über die Dachziegeln aus Terrakotta erhaschen kann, die sich auf dieser historischen Insel türmen, ist der Blick nicht gerade überwältigend. Wohin man auch blickt, nichts als Satellitenschüssen und Fernsehantennen, die im Besitz von Berlusconi sind.

Was ich damit sagen will: Venedig ist eine Stadt, in der man sich entweder hoffnungslos verläuft oder aber man kennt sich aus. Alles ist entweder sehr nah oder es liegt in verwirrender Ferne. Dazwischen gibt es nichts. Lange Zeit – und zwar weitaus länger als gemeinhin angenommen – hat Afrika Venedig als entfernt und ausgrenzend erfahren. Das noble Ereignis, das einen Meilenstein in der Laufbahn eines jeden Künstlers bedeutet und sowohl Billionäre mit eigener Yacht als auch Kunstkritiker in Chucks anzieht, geht auf das Jahr 1895 zurück. Im selben Jahr richtete Italien den Blick über seine Grenzen hinaus und marschierte in Äthiopien ein. Das Unternehmen war jedoch nicht von Erfolg gekrönt. Gut ein Jahr später besiegte Kaiser Menelik II. Italien, was Äthiopien den Ruf verschaffte, das einzige afrikanische Land zu sein, das sich dem europäischen Kolonialismus erfolgreich widersetzte. Zugleich hatte eine andere große Idee Italiens aus dem 19. Jahrhundert Bestand, und zwar mehr oder weniger so, wie sie ursprünglich gedacht war.

Die erste Biennale in Venedig war ein von dandyhaftem Flanieren geprägtes Ereignis in einer mit Kunstobjekten übersäten gezähmten Wildnis; sie zog mehr als 200.000 Besucher an und präsentierte Künstler aus 16 Ländern. Afrika war erstmals in den 1920er-Jahren vertreten, wenngleich seine Präsenz immer schwach war. Die Gründe hierfür liegen auf der Hand. Als 1942 ein Büro eingerichtet wurde, um den Verkauf der auf der Biennale ausgestellten Kunst zu ermöglichen, hatte die Dekolonisierung Afrikas noch nicht einmal begonnen.

1952 wurde bei einem Militärputsch Ägyptens König Faruk gestürzt und die Republik Ägypten ausgerufen – fünf Jahre später signalisierte Ghana den Beginn der Befreiung in Subsahara-Afrika. Im selben Jahr, in dem der Monarchie in Ägypten ein Ende gesetzt wurde, errichtete das Land einen Pavillon in den Giardini Napoleonici in Venedig und wurde das erste – und bis heute einzige – afrikanische Land, das ein dauerhaftes Gebäude unter den 29 Länderpavillons in den Giardini besitzt.

In diesem Jahr, der 55. Auflage des ausufernden venezianischen Kunstspektakels, nimmt Afrika jedoch einen führenden Platz unter den teilnehmenden Nationen ein. Sechs afrikanische Länder – Angola, Ägypten, die Elfenbeinküste, Kenia, Südafrika und Zimbabwe – sind mit eigenen Länderpavillons vertreten. Für zwei von ihnen, die Elfenbeinküste und Angola, ist es das erste Mal, dass sie einen eigenen Pavillon unterhalten. Der Fotograf Edson Chagas wird das ölreiche portugiesischsprachige Angola repräsentieren, das 2007 im Zentrum der Kontroverse stand, als Werke aus dem Besitz des kongolesischen, in Luanda lebenden Geschäftsmannes Sindika Dokolo im afrikanischen Pavillon präsentiert wurden; Dokolo hatte seine Sammlung zeitgenössischer afrikanischer Kunst dem Brüsseler Sammler Hans Bogatze abgekauft.

Der südafrikanische Fotograf Santu Mofokeng, der für seine kargen, aufgeladenen Dokumentarfotos berühmt ist, wird neben Ai Weiwei im Deutschen Pavillon vertreten sein. Weitere Impulse erhält die afrikanische Übernahme europäischer nationaler Räume durch die Präsenz des südafrikanischen, in Adelaide lebenden Nobelpreisträgers und Vorkämpfers für Tierrechte, J.M. Coetzee: Er wurde zum Kurator des Belgischen Pavillons bestellt, in dem die verstümmelten Skulpturen der flämischen Künstlerin Berlinde De Bruyckere zu sehen sein werden.

Auch die zentrale Gruppenausstellung des Künstlerischen Leiters Massimiliano Gioni, The Encyclopedic Palace, die sich im geographischen (und symbolischen) Herzen der Biennale befindet, räumt afrikanischer Kreativität Platz ein. Gioni, Leiter am New Museum of Contemporary Art in New York, hat die bekannten afrikanischen Diaspora-Künstler Steve McQueen und Lynette Yiadom Boakye, eine in Großbritannien geborene Porträtkünstlerin ghanaischer Abstammung, zur Teilnahme an seiner Ausstellung eingeladen. Wie die niederländische Fotografin Viviane Sassen, die in Kenia aufwuchs, dürfte diese Entscheidung kein Stirnrunzeln hervorrufen. Vielmehr geht der Künstlerische Leiter hier auf Nummer sicher.

Gioni, der sich in seiner kuratorischen Arbeit vor allem für die historischen Avantgarden und Außenseiter-Künstler interessiert, hat daneben drei etabliertere afrikanische Künstler eingeladen: den senegalesischen Modernisten und Vorkämpfer der Négritude, Papa Ibra Tall, den figurativen Zeichner der Elfenbeinküste Frédéric Bruly Bouabré und den nigerianischen Fotografen J.D. ‘Okhai Ojeikere, der für seine Frontporträts und seine Typologien kosmopolitischer Rituale und Zeremonien bekannt ist. Alle drei sind bekannte Größen; Bouabré erlangte Berühmtheit, nachdem er an der Ausstellung Magiciens de la terre teilgenommen hatte; zusammen mit den Arbeiten von Ojeikere zählen seine Werke zur viel beachteten Sammlung zeitgenössischer afrikanischer Kunst des italienischen Sammlers Jean Pigozzi.

Die vielfältige afrikanische Präsenz auf der diesjährigen Biennale von Venedig kommt zu einer Zeit, da der Kontinent zu sich selbst findet. Dieses neue Selbstwertgefühl beruht in hohem Maße auf einem fragilen, aber wachsenden Gefühl materiellen Wohlstands. Ökonomen des Internationalen Währungsfonds (IMF) prognostizierten für die Länder der Subsahara unlängst ein Wirtschaftswachstum von 6,1 Prozent im kommenden Jahr. Die Weltbank rechnet mit einer nicht ganz so starken Steigerungsrate von etwa 5 Prozent. In jedem Fall liegen die Werte über dem globalen Durchschnitt von 4 Prozent. Das starke Wirtschaftswachstum ist nicht der einzige Grund, weshalb sich einst verschlossene Türen für afrikanische Künstler nun öffnen.

Die Sichtbarkeit afrikanischer Kunst in Venedig – und andernorts in Europa – ist auch das Ergebnis langjährigen zivilgesellschaftlichen Engagements und intellektueller Agitation. Wenngleich dieses Engagement – von Künstlern, Kuratoren, Schriftstellern und Administratoren – von Egotrips und kleinlicher Machtakkumulation getrübt wird, ist es für das Verständnis der verstärkten afrikanischen Präsenz in Venedig von zentraler Bedeutung. In dem üblichen Narrativ zeitgenössischer Kunst in Afrika stellt das Jahr 2001 einen wichtigen Moment in der Chronologie der afrikanischen Selbstverwirklichung in Venedig dar: In diesem Jahr zeigten Olu Oguibe (Nigeria) und Salah Hassan (Sudan) außerhalb des Biennale-Geländes ihre Ausstellung Authentic/Eccentric – Conceptualism in African Art, die einen Wendepunkt markierte. Nach einer schwierigen Geburt in den späten 1980er-Jahren begann für zeitgenössische afrikanische Kunst damit die frühe Jugend.

Natürlich gibt es auch eine Vorgeschichte. 1968 besetzten Demonstranten die Giardini und protestierten unter anderem lautstark gegen die Teilnahme Südafrikas an der Biennale. Wie Ägypten blickt auch Südafrika, das in diesem Jahr die Arbeiten von über einem Dutzend Künstler in Venedig präsentiert, auf eine lange Biennale-Geschichte zurück. Von 1950 bis 1968 stellte das Land Werke in den so genannten Sale straniere (ausländischen Hallen) neben dem Hauptpavillon aus. 1966 waren zum ersten Mal schwarze Künstler vertreten. Als 1968 ein Verkaufsverbot für Decken verhängt wurde, waren vier Tapisserien aus Rorke’s Drift, einer Missionsstation der lutherischen Kirche und einem Kunsthandwerkszentrum, im südafrikanischen Länderpavillon zu sehen.

Dieser Affront, der auf Südafrikas Ausschluss aus der Biennale bis 1993 vorauswies, fand zeitgleich zu Gesten und Aktionen in anderen Länderpavillons statt, in denen afrikanische Kunst zu sehen war. Als Ägypten 1952 erstmals in Venedig vertreten war, lag der Schwerpunkt auf Arbeiten, die ein „ägyptisches Wesen“ beschworen und mit ansprechenden panarabischen Klischees operierten. Der arabische Frühling bereitete der Herrschaft von Hosni Mubarak ein abruptes Ende und galt zugleich als Vorbote eines Augenblicks, an dem alles möglich schien. 2011 inszenierte der Ägyptische Pavillon eine beeindruckende Ausstellung zu Ehren von Ahmed Basiony, dem 32-jährigen Kairoer Medienkünstler und Musiker, der während der Aufstände 2011 durch die Kugel eines Heckenschützen ums Leben kam. Die Auswahl dieses Jahres, bei der der Mosaikkünstler Mohamed Banawy und der Bildhauer Khaled Zaki im Mittelpunkt stehen, deutet auf einen enttäuschenden Rückfall in bekannte Muster hin.

Die Präsenz afrikanischer Künstler in Venedig war schon immer von einer Art Bruch geprägt. Was sollen Dinge von hier den Menschen dort sagen? Wessen Geschichte sollen sie erzählen? Welche Rolle spielen Gegen-Narrative und Dissens in einem Raum, der oft wie eine Kunst-Olympiade der Vereinten Nationen aussieht und sich auch so anfühlt? Nicht wesentlich anders als der von Ägypten ist der Fall von Simbabwe, dessen Teilnahme an der Biennale diese Fragen eher verkompliziert, anstatt sie zu beantworten.

2011 kuratierte Raphael Chikukwa die erfolgreiche Gruppenausstellung Seeing Ourselves, in der unter anderem der Altstar und Bildhauer Tapfuma Gutsa sowie der expressionistische Maler Misheck Masamvu vertreten waren. In der Ausstellung war allerdings nichts von den politischen Ängsten zu spüren, die die letzten zehn Jahre der Herrschaft Mugabes geprägt hatten.

Der unermüdliche und tatkräftige Chikukwa wird erneut die Rolle des Kurators für Zimbabwe übernehmen. In seiner Gruppenausstellung Dudziro werden fünf Künstler zu sehen sein – Voti Thebe, Rashid Jogee, Virginia Chihota, Portia Zvavahera und Michele Mathison – die unterschiedliche Generationen, Gender und Ethnien repräsentieren. Über die toxische Politik Zimbabwes scheint sich die Ausstellung jedoch erneut auszuschweigen. Allerdings spielt ihr Ausgangspunkt, der religiöse Hintergrund, eine zentrale Rolle bei jeder begründeten Untersuchung der Methoden und Praktiken von Künstlern aus dem zeitgenössischen Afrika, ob sie nun Autodidakten oder Hochschulabsolventen sind, im Dorf oder in der Stadt leben.

Was bleibt ist eine frustrierende Unentschlossenheit: Die Kunst, die in Venedig ausgestellt wird, wird von den Orten handeln, von wo aus sie verschickt wird, und sie wird zugleich nicht von ihnen handeln. Die Fiktion von ihren Rückständen zu befreien ist vielleicht der am wenigsten verblüffende Teil, wenn man die vielen optimistischen Übungen in afrikanischer Selbststilisierung in Venedig auslotet. Sie kommt ganz einfach nicht abhanden. Und schließlich geht es in Venedig auch darum, fröhlich Tafelwein unter der Sommersonne trinken. Um jenen berühmten Venezianer namens Othello zu zitieren: „Geh, geh; guter Wein ist ein gutes, geselliges Ding, wenn man mit ihm umzugehn weiß. Scheltet mir nicht mehr auf ihn!“

Sean O’Toole ist Autor und Mitherausgeber von CityScapes, einer Zeitschrift für die kritische Auseinandersetzung mit städtischen Räumen. Er lebt und arbeitet in Kapstadt in Südafrika.

Aus dem Englischen von Claudia Kotte