Ausblicke zum Symposium inExchange

Kulturpolitik ist wie Naan-Brot

Was tun?, eine Frage im Hinblick auf die Auswärtige Kulturpolitik und den internationalen Austausch...

inExchange © IGBK

By Sophie Eliot
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inExchange – Auswärtige Kulturpolitik und interkultureller Austausch. Ein Symposium der Internationalen Gesellschaft der Bildenden Künste (IGBK) und des ifa (Institut für Auslandsbeziehungen), 2.-3.12.2015 in Berlin.

Solch ein Symposium wirft Fragen auf, ehe es beginnt: Wie kann etwas so Fragiles und Vielfältiges wie die Begegnung zwischen Menschen aus unterschiedlichen Weltregionen in Förderrichtlinien vorgedacht werden? Was bedeutet „interkulturell“ überhaupt? In ihrem Eröffnungsvortrag erklärt Ekatarina Degot, inwieweit das „Begehren nach Austausch“ in Projekten wie der Akademie der Künste der Welt (Köln) übersetzt wird. Als künstlerische Leiterin reagiere sie auf den okzidentalen Kanon mit einem Verständnis von Austausch als Pluriversalität (Mignolo). (1) Mit diesem Ansatz will Degot Repräsentationen kultureller Identitäten in einem nicht-hierarchisierten Dialog aufbrechen. Eine von allen VertreterInnen der freien Szene geteilte Geste, wie Natascha Sadr Haghighian (Künstlerin) erklärt: „Kulturpolitik ist wie Naan-Brot“, eine absurde Doppelung, und produziere ein ganz tief im europäischen Denken von nationalen Grenzen verankertes Othering. Der Begriff „interkulturell“ wird kritisiert und darüber debattiert, welche Aufgaben Mittlerinstitutionen des Auswärtigen Amtes und die Politik selbst hätten.

Ausgangspunkt des Symposiums ist die Präsentation des Informationsportals touring artists, das international mobilen KünstlerInnen eine kostenlose Beratung bietet. Im Gespräch mit dem ifa entstand eine Diskussion über das Verhältnis von Mobilität und Lokalität entlang der Kritik an realitätsfernen Institutionen, für die eher Endprodukte zählen. „Wo bleibt die gesellschaftliche Komponente?“, fragt Andrea Knobloch (IGBK) im Interview. Den ausweglosen Vorwurf einer institutionellen Instrumentalisierung von Kunstprojekten möchte sie durch Fragen nach der strukturellen Einbindung lokaler Realitäten und nach der unsichtbaren Macht, die wirksam wird, ersetzen.

 

inExchange © IGBK

inExchange © IGBK

Das Residenzprogramm des Goethe-Instituts Bangalore (Indien) organisiert beispielsweise eine dezentrale Unterbringung der TeilnehmerInnen, die von lokalen Partnern mit ausgewählt werden. Antje Weitzel (uqbar, Berlin) stellt die Transparenz von Qualitätskriterien in Frage und führt das Beispiel an, wie ihr Projekt do fard underwear Tehran – Berlin wegen des Wegfalls der wirtschaftlichen Sanktionen gegen den Iran zufällig von einer stärkeren Medienresonanz profitierte. Unvorhersehbar sind auch Prozesse in der Begegnung selbst. Die Künstlerin und Forscherin Claudia Reiche, bangaloREsident 2014, erzählt wie die Frage „Warum sind Sie hier?“, die ihr Hijras (2) stellten, Fantasien des Kontaktes zerbröseln ließ, und wie sie sich im Austausch auf fremdem Terrain mit eigenen bewussten und unbewussten Motivationen konfrontiert sah. Auch die Lokalität kann unsschlagartig einholen. Aus dem kollektiven Begehren nach Handlungsfähigkeit gründen Sarah Rifky und Jens Maier-Rothe im Jahr 2012 den Kunstraum Beirut (Kairo),der mehrere Monate schloss, noch bevor das neue Gesetz verabschiedet wurde.

Was tun? Es herrscht ein mächtiges Unbehagen, nicht nur gegenüber der rhetorischen Unterwerfung einer „Antragslyrik“ (Anna Jäger, SAVVY), sondern auch gegenüber komplexeren Handlungsräumen wie im Iran oder in Ägypten, wo informelle Räume legale Grauzonen sind und ein Visumsantrag zum Drahtseilakt wird. Der Politik wird vorgeworfen, dass sie die strukturellen asymmetrischen Machtverhältnisse sowie den systemischem Rassismus, auch in deutschen Botschaften, ignoriert. Die Bundesebene, vertreten durch Andreas Görgen, den Leiter der Kultur- und Kommunikationsabteilung des Auswärtigen Amtes, betont daraufhin die Wichtigkeit von Mittlerinstitutionen wie des ifa und der Goethe-Institute, die dort agieren, wo die Verwaltung es nicht könne und nicht solle. Er verweist auf den von Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier initiierten Review Process, zu dem die IGBK eingeladen wurde und bei dem Gespräche mit der freien Szene über deren Bedarfe geführt wurden.(3)

Schließlich unterstreicht Elke aus dem Moore, Leiterin der Abteilung Kunst des ifa, die „gesellschaftsentwickelnde Aufgabe“ freier Projekträume und ihr enormes Potential trotz knappen Etats, wobei sie auf erfolgreiche Kooperationen (4) wie die Berlin Biennale verweist. Nichtsdestotrotz fordert sie eine dringend notwendige Anpassung von Förderungen an heutige Arbeitsbedingungen, die zugleich durch Kurzfristigkeit und Flexibilität geprägt seien, und an die Prozesshaftigkeit der Produktion bei steigenden Mobilitätskosten. Zudem plädieren AkteurInnen der freien Szene für eine Fall-zu-Fall-Betrachtung der Anträge, statt undifferenzierter Richtlinien. Das Symposium In/Exchange zeigte auf, dass die Politik dringend gefordert ist, alternative Förderungswege zu erarbeiten. Ein realitätsnaher Gegenvorschlag zum Füllwort „interkulturell“ wäre ein guter Anfang.

 

Sophie Eliot ist Doktorandin und Kunstkritikerin und lebt in Berlin. Zurzeit schreibt sie ihre Doktorarbeit an der Universität Oldenburg über kuratorische Praktiken in der zeitgenössischen afrikanischen Kunst.

 

Referenzen

Infoportal touring artists (IGBK)

Art Guide Germany (ifa)

(1) Siehe das Programm „Pluriversale“ der Akademie. Siehe auch W. D. Mignolo (2012): Epistemischer Ungehorsam. Rhetorik der Moderne, Logik der Kolonialiät und Grammatik der Dekolonialität. Aus dem Spanischen übersetzt von Jens Kastner und Tom Waibel. Turia+Kant, Wien/Berlin.

(2) „Hijra“ ist ein Wort in Hindi und bezeichnet das „dritte Geschlecht“, das jedoch weder mit transsexuell noch mit transgender zu übersetzen ist.

(3) Zum Review Process allgemein

(4) 2015 wurden laut Angaben des Auswärtigen Amtes 120 Projekte mit über 300 KünstlerInnen zunehmend mit Kooperationen vor Ort gefördert, u.a. die vom ifa veröffentlichten Projekte: Nafas Art Magazine, Contemporary And und die Publikation dreams of art spaces collected (2015).

 

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