Afro-Brazilian Photography

Aus Ketten eine Krone schmieden

Constanze Musterer takes a closer look at Afro-Brazilian culture and history through the lens of the exhibition Afro-Brasil – Porträtfotografie in Brasilien 1869/2013 at the ifa gallery Berlin.

Luciana Gama, from the series: Irmandade Nossa Senhora do Rosário dos Homens Pretos, 2012 /2013 © Luciana Gama/Shlomit Or

By Constanze Musterer
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In der Reihe Kulturtransfers zeigt die ifa-Galerie Berlin die Ausstellung Afro-Brasil – Porträtfotografie in Brasilien 1869/2013, in der zwei Kulturen ihre historischen und zeitgenössischen fotografischen Blicke auf die brasilianische Migrationsgeschichte und deren koloniale Verflechtungen werfen.

Eine silberne Krone auf einem mit Blüten verzierten Tablett, getragen von weißen Handschuhen, die angrenzenden Arme sind von einem hellblauen Gewand verhüllt. Diese ehrwürdige Szene auf dem Foto von Luciana Gama empfängt den Besucher in der Ausstellung und gehört zum Ritus der jährlichen Prozession der katholischen Gemeinde „Irmandade Nossa Senhora do Rosário dos Homens Pretos“ (Orden Unserer Lieben Frau vom Rosenkranz der Schwarzen Menschen), einer der ältesten Orden Brasiliens. Er entstand aus der Paradoxie, dass afrikanische Menschen ihre Religionen durch die Zwangsmissionierung nicht mehr ausüben, der katholischen Kirche aber nicht beiwohnen durften. Bis heute erhält die in São Paulo ansässige Gemeinde keine finanzielle Unterstützung von der katholischen Kirche und kämpft jedes Jahr um ihr Fortbestehen. Luciana Gama geht mit ihrer Fotoserie zum Orden dem im modernen Brasilien so typischen Synkretismus nach. Ihre Fotos hängen frei im Raum und markieren eine Prozession der Bilder, bei der jedes mit weißer Gaze, ähnlich der Ornamentik des Ordens, umhüllt ist. Nur ein Spalt lässt den uneingeschränkten Blick auf das Bild zu, will der Betrachter es in Gänze sehen, muss er aktiv werden und den Schleier beiseiteschieben. Ein bewusster Akt der Annäherung an die Porträtierten und das Thema: Die Geschichte der Sklaverei, die Geschichte und Gegenwart der Afrobrasilianer in einem Land, das sich damit rühmt, keinen Rassismus zu haben.
Die Prämisse des in Wien lebenden brasilianischen Kurators Marcello Cardoso Gama für die Ausstellung war „Respekt, Aufmerksamkeit und Vorsicht im Umgang mit einer Geschichte, die nicht uns gehört“. Impulsgebend für seine Fragen nach dem heutigen Bild und der gesellschaftlichen Stellung von Afrobrasilianern in seinem Land waren die Fotografien von Alfredo Henschel (1827-1882), die er im Leibnitz-Institut für Länderkunde in Leipzig entdeckte. Alfredo Henschel emigrierte 1866 von Berlin nach Recife im Nordosten Brasiliens und gründete dort sein erstes Fotostudio. Weitere folgten später in Bahia, Rio de Janeiro und São Paulo. In Recife, der brasilianischen Stadt, die Afrika und Europa am nächsten liegt, blühten das gesellschaftliche Leben und der Handel, vor allem der Sklavenhandel. Henschel fotografierte einen Querschnitt der brasilianischen Gesellschaft, auch Sklaven und Freigeborene. Die Besonderheit seiner Porträts von Schwarzen Menschen in dieser Zeit ist deren selbstverständliche Darstellung, ohne die übliche exotische Inszenierung und ohne Wertung. Die Porträtierten wählten ihre Posen und Accessoires vorrangig selbst, genau wie Angehörige der weißen Mittelschicht es taten.

Marcelo Cardoso Gama und Luciana Gama folgten den Spuren Henschels durch Brasilien. Sie baten Afrobrasilianer für Porträtfotos zu posieren und ihre Erfahrungen zum Thema Rassismus zu schildern, ohne dass die Fotografin Vorgaben machte. Das Resultat in Form einer Videoarbeit trifft im „Kern“ der Ausstellung, wie der Kurator den Raum nennt, mit Henschels Porträts Schwarzer Menschen aus dem 19. Jahrhundert zusammen. Hinter dem Lächeln ist das kollektive Gedächtnis der Gegenwart noch immer geprägt von den Erfahrungen gewaltvoller Unterdrückung und erzwungener Migration über Generationen.

Eustáquio Neves, from the Serie: Objetização do Corpo, 1999/2000 © Eustáquio Neves

Eustáquio Neves, from the Serie: Objetização do Corpo, 1999/2000 © Eustáquio Neves

Eustáquio Neves hingegen, scheint in seinen großformatigen Fotografien in dunklen Braun- und Grautönen nicht nur inhaltlich, sondern auch formal die Porträtfotografie des 19. Jahrhunderts mit zu reflektieren. In der Serie „Objetização do Corpo“ (Objektivierung des Körpers) manipuliert der afrobrasilianische Künstler in einem komplexen Verfahren bereits die Negative, z.B. durch Kratzen mit dem Fingernagel. Vielfältige visuelle Schichten greifen ineinander, so dass die Porträtierten, deren Blicke nie direkt in die Kamera gerichtet sind, auf seinen Bildern Haupt- und Hintergrundmotiv zugleich sind. Existenz und Schattendasein, geschunden und doch in aufrechter Präsenz. Eine schonungslose Reflexion über die Narben der afrobrasilianischen Historie.

Im Raum gegenüber wird die Ausstellung ergänzt durch eine Agglomeration verschiedener Materialien und Schriften, die die historische und aktuelle gesellschaftliche Stellung der Afrobrasilianer dokumentieren. Aktuell sticht hier das Bild eines vollschlanken Superman heraus: Joaquim Barboso ist als erster Schwarzer Präsident des Obersten Gerichtshofs in Brasilien der gefeierte Held der afrobrasilianischen Gemeinschaft. Der Jubel macht jedoch die Kehrseite einer Realität bewusst: Kaum ein höheres Amt ist in Brasilien mit afrobrasilianischen Frauen oder Männern besetzt.

Kulturfransfers #6: Afro-Brasil. Porträtfotografie in Brasilien 1869/2013 bis 30. März 2014, ifaGalerie Berlin.

Constanze Musterer studierte Kunstgeschichte, Religionswissenschaften und Psychologie an der Freien Universität Berlin. Sie arbeitet als Kunsthistorikerin im Bereich der zeitgenössischen Kunst. Ihr besonderes Interesse gilt der zeitgenössischen Kunst außereuropäischer Länder, vor allem in Lateinamerika und Afrika, der Kunst im öffentlichen Raum sowie der politischen Kunst. Von 2010 bis 2012 lebte sie in Recife, im brasilianischen Bundesstaat Pernambuco, wo sie im Museu Murillo La Greca als Kuratorin arbeitete und zur zeitgenössischen Kunst und traditionellen Kultur im Nordosten von Brasilien forschte.