Sich wieder-verbinden und Widerstand leisten

Ich sehe mich eher als Gesundheitsexpertin

Die französisch-guyanisch-dänische Medienkünstlerin Tabita Rezaire spricht mit C& über Dekolonisierung, Gesundheitspolitik, Zusammenarbeit und die Entdeckung afrikanischer Kunst durch den Westen.

Tabita Rezaire, Portrait from Cunty Party. Courtesy of the artist

By An Paenhuysen
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An Paenhuysen: Du bezeichnest dich als “Kriegerin-Heilerin”. Kannst du uns etwas zu den Wunden sagen, die du mit deiner Kunst heilst?

Tabita Rezaire: Überleben tut weh – jedem bewussten Wesen. Für manche ist es jedoch schwieriger, da die Gesellschaft, in der sie leben, ihre Existenz abwertet oder sie in ihrem Leben permanent schikaniert. Internalisierter und angestauter Schmerz aufgrund von generationenübergreifenden, ererbten oder erlebten Traumata erschweren es, sich in der Welt zu bewegen. Diese Traumata können auf unterschiedliche Weisen zutage treten, doch ich glaube, dass sie alle auf massive Abspaltungen zurückzuführen sind. Wir sind von der Erde abgekoppelt, von einander, von uns selbst und vom Universum. Eine Kriegerin-Heilerin versucht auf all diesen Ebenen das energetische Gleichgewicht wiederherzustellen. Denn alleine zu kämpfen ist kräftezehrend und anstrengend, und wenn man nicht die Möglichkeit hat, seine Batterien aufzuladen, verausgabt man sich völlig.

AP: Die Verschmutzung von Körper, Geist und Seele durch weiße westliche Herrschaft ist in deinen Werken auf allen Ebenen Thema – von der Bildsprache bis zum Essen. Dein Hauptschwerpunkt und Medium ist jedoch das Internet. Warum?

TR: Nun, das ist es nicht, ich werde nur öfters dazu gefragt. Alle Bereiche unserer Realitäten müssen dekolonisiert werden. Denn unsere Gesundheit muss politisiert werden. Und unsere Gesundheit ist gleichermaßen gefährdet durch unsere Ernährung, das Anprangern unserer Kulturen, das Fetischisieren unserer Körper, die Ermordung unserer Geschwister und die Technologien, die wir nutzen.

Ich stelle keine Hierarchie auf, wenn es darum geht, was demontiert werden muss. Der gesamte kolonial-kapitalistisch-patriarchal-wissenschaftlich-technologisch-medizinisch-strafrechtlich-pädagogische Komplex muss auseinandergenommen werden. Damit das passieren kann, müssen wir uns wieder-verbinden und auf allen Ebenen dekolonisieren und ver-antwort-bar werden. Das ist eine Verpflichtung und ein langer Weg: Heilung braucht Zeit. Heilung ist schwer. Heilung tut weh. Und sie ist nicht linear. Wir werden immer wieder zusammenbrechen, doch jedes Mal werden wir besser mit dem umgehen können, was noch vor uns liegt.

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AP: In deinen Videoarbeiten schlägst du vor, das Internet zu „verlernen“. Das ist ein schwieriges Unterfangen, denn wenn man einmal die Regeln gelernt hat, werden sie unsichtbar. Wie gehst du das an?

TR: Wie jegliche Form institutionalisierter Gewalt ist das Internet weit verbreitet und heimtückisch, vor allem wenn man davon profitiert. Daher sind wir beteiligt. Denn auch wenn es ein gewaltvoller, ausbeuterischer und repressiver Raum ist, ist er cool. Ich denke, letztendlich geht es darum, wie kompromissbereit wir sind.

Praktisch gesehen gibt es m. E. zwei Strategien. Bei der einen geht es darum, Räume zu besetzen und innerhalb eines gewaltvollen Systems sicherere Räume zu schaffen, indem man sich lautstark dazu äußert und Gegenbilder und -narrative entwirft. Dabei ist man jedoch immer noch an einer ausbeuterischen und gewaltvollen Struktur beteiligt.

Bei der anderen Strategie geht es darum, das Ganze auseinanderzunehmen und eine nachhaltigere, sicherere und fairere Informations- und Kommunikationstechnologire zu schaffen. Das ist die wirkliche Vision: das eigentliche System abzulehnen, obwohl man davon profitiert. Technisch weiß ich nicht genau, was das internetmäßig bedeuten würde, vielleicht verschlüsselte P2P-Netzwerke oder bis zu einem gewissen Grad die Nutzung des Deep Web. Doch ich bin mir sicher, dass sich das zeigen wird.

AP:Die Ästhetik des Internets ist nicht immer sehr ansprechend. Doch wie wichtig ist dir Schönheit in deiner Arbeit? 

TR: Schönheit ist nicht etwas, woran ich in Bezug auf meine Arbeit denke. Ich könnte kaum definieren, was ich schön finde oder was Schönheit bedeutet. Obwohl ich weiß, dass sie mir sehr wichtig ist, eher bezogen auf den Raum, den ich bewohne oder die Menschen, mit denen ich mich umgebe – im Sinne einer strahlenden Energie.

Ich frage mich, warum du die Ästhetik des Internets nicht ansprechend findest. Basierend auf welchen Standards? Was bei uns jeweils Anklang findet, ist sehr subjektiv und konstruiert, vor allem wenn es um Kunstverständnis geht. Für mich geht es eher darum, sich aufgebaut, göttlich fühlen zu können, und für das dankbar zu sein, was ich erlebt oder umgesetzt habe. Bei der Schönheit geht es darum, unsere Vibrationsfrequenz zu steigern, und das bedeutet Heilung.

Tabita Rezaire, Exquisite.poc, 2015, Malaxa. Courtesy of the artist

Tabita Rezaire, Exquisite.poc, 2015, Malaxa. Courtesy of the artist

AP: Du bist Aktivistin – du bist Künstlerin. Das finde ich verwirrend, denn ich dachte, es seien zwei verschiedene Sachen. Wie siehst du das?

TR: Nun ja, man kann gleichzeitig viele unterschiedliche Dinge sein oder tun. Du kannst eine Anwältin und ein Pornostar sein. Das Vermächtnis der Moderne und ihrer repressiven Logik der Rationalität leugnet, worum es im Leben geht: Vernetzung, Paradoxien und Widersprüche. Die fixe Idee eindimensionaler Spezialisierung ist auch deshalb gefährlich, weil daraus eine Kultur arroganter Ignoranz entsteht.

Künstlerin und Aktivistin sind nur zwei von vielen Bezeichnungen, die zutreffend sein könnten. Wie ich schon mal gesagt habe, sehe ich mich eher als Gesundheitsexpertin, die Instrumente zur Förderung unserer emotionalen, politischen, technologischen und spirituellen Gesundheit zur Verfügung stellt und teilt. In meiner Arbeit als Künstlerin, Forscherin, Yogalehrerin, Sozialarbeiterin, emotionale Arbeiterin, Kosmetikherstellerin, Gärtnerin, Freundin und Liebhaberin will ich meine Vision vermitteln und teilen.

AP: Hat die Kunst Heilkräfte, ist sie spirituell?  

TR: Kunst kann die Macht haben, zu heilen. Alles trägt in sich das Potenzial, zu heilen oder zu verletzen, je nachdem, wie und wer es benutzt. Daher kann Kunst zwar heilen, aber ebenso ein Instrument für Unterdrückung und Zwang sein. Es gibt zahllose Beispiele dafür, wie Kunst als Instrument für gefährliche Propaganda benutzt wird.

Und ob Kunst spirituell ist? Daher kommt die Kunst. Bevor es einen mit einem uneingeschränkten kapitalistischen Finanzsystem verbundenen Kunstmarkt gab, war Kunst ein Medium, um eine Verbindung zu einer höheren Macht herzustellen. Überall auf der Welt nutzten Gemeinschaften künstlerische Wege, um zu kommunizieren, zu preisen, das Göttliche aufzunehmen und ihm zu danken. Auch hier sind wir von unserer Bestimmung abgekoppelt worden. Heute schaffen wir Waren, die man konsumiert und verkauft. Ich glaube jedoch nicht, dass die Kunst ihre Macht verloren hat.

AP: Befürchtest du jemals, dass deine Kunstwerke als “esoterisch“ wahrgenommen werden könnten?

TR: Warum sollte ich das fürchten? Es wird immer Menschen geben, die sich von dem angesprochen fühlen, wer ich bin und was ich mache, und andere, für die das nicht zutrifft, und das ist in Ordnung so. Die Gesellschaft lebt von unseren Selbstzweifeln und zehrt von unseren Ängsten. Dafür habe ich keine Zeit. Ich fühle mich wohl damit, dass das, was ich schaffe, von einem Ort der Liebe kommt, und wie Alexandra Kelbert so schön gesagt hat: „Ich wüte aus Liebe und liebe in Wut”.

Tabita Rezaire, NervousConditioner.life.ntu.001, 2015, NTU. Mixed media. Courtesy of the artist

Tabita Rezaire, NervousConditioner.life.ntu.001, 2015, NTU. Mixed media, installation. Courtesy of the artist

AP: Zurzeit ist Afrika stark ins Blickfeld des westlichen Kunstmarktes gerückt. Wie siehst du diesen Trend? 

TR: Nun, der Kunstmarkt ist bloß dabei zu “kolumbussen”, neue Territorien zu “entdecken”, neue Ressourcen und anzuhäufendes Kapital. Das hat jedoch auch positive Auswirkungen: dadurch wird die monolithische Kunstlandschaft in Frage gestellt und mehr KünstlerInnen haben die ökonomische Chance, dass ihre Arbeiten gezeigt und verkauft werden. Leider investieren viele afrikanische Länder nicht genug in die Kunst, daher gibt es in geringerem Maße so etwas wie eine „Sammler“-Kultur. Deshalb werden die meisten Kunstwerke von afrikanischen Kunstschaffenden an westliche Sammler oder Institutionen verkauft. Das ist traurig, denn wieder einmal verlässt kulturelles Kapital den Kontinent. Wir müssen darauf achten, dass “afrikanische Kunst” nicht bloß eine romantisierte Konstruktion widerspiegelt, die sich an einem westlichen Publikum orientiert. Ich profitiere auf jeden Fall auch von diesem plötzlichen Interesse. Das mögen manche unangebracht finden, da ich noch keine zwei Jahre in Südafrika lebe. Doch andererseits, sollte das panafrikanische Projekt nicht alle diasporischen Identitäten mit einbeziehen?

AP: Du hast die technologische Gesundheitsfirma NTU gegründet, leitest das Künstleratelier Malaxa und eröffnest demnächst einen neuen Raum. Worin liegt für dich der Vorteil in Kollaborationen?

TR: Es gibt da diesen kitschigen Spruch, der viel im Internet zirkuliert: “Wenn du schnell gehen willst, geh alleine, wenn du weit gehen willst, geh gemeinsam“. Doch es ist wahr: das Zusammenarbeiten ist so mächtig, dass dadurch Magie entsteht. Es geht darum, Kräfte zu bündeln und ich habe das Glück, mit Menschen arbeiten zu können, die ich liebe und bewundere. Mir ist es auch sehr wichtig, die Arbeit und Vision anderer Menschen herauszustellen, da ich nicht in einem Vakuum existiere. Ein Netzwerk von Menschen zu schaffen, die ihren gegenseitigen Wert anerkennen und unterstützen, ist unerlässlich. Vor allem in der Kunstszene, wo es nur um Egos und Konkurrenz geht.

tabitarezaire.com & Tabitas instagram

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An Paenhuysen lebt in Berlin und arbeitet als freie Kuratorin, Kunstkritikerin. Sie ist zudem Dozentin bei der Onlineplattform Node Center for Curatorial Studies.