Dak'Art 2016

Wenn die Wahrheit eine Frau wäre …

Contemporary And trifft die mosambikanische Künstlerin Euridice Kala bevor diese sich auf den Weg zur Dak’Art 2016 macht.

©Akona Kenqu, Public Acts, Johannesburg, 2014, Performance Tedet Time (From Compound to City, Courtesy of the Artist

By Aïcha Diallo
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C&: Welche künstlerischen Einflüsse waren in deiner Kindheit prägend für dich?

Euridice Kala: Meine Kindheit war ein Übungsfeld für das, was ich heute mache. Obwohl meine Mutter Ana Arrone selbst keine Künstlerin war, hat sie mich mit Kunst in Berührung gebracht. Sie brachte mir Bücher, die ich lesen, MusikerInnen, die ich mir anhören sollte – sie war mein Bezugspunkt hinsichtlich meines Musikgeschmacks und meiner visuellen Vorlieben. Sie erzählte davon, wie die jungen Menschen in der Anfangszeit der Unabhängigkeit in Mosambik ihren Hunger nach Kultur, Musik und Kunst stillten. Wir hörten Bob Marley, Kool and the Gang, Freddy Mercury [von Queen], Prince und viele andere. Sie konnte mir eine ganze andere Welt bieten, in die ich entfloh, wann immer es in der wirklichen Welt zu hart oder zu langweilig zuging. Und dieser Zugang zu einem transkulturellen Raum und einer ebensolchen Sprache hat einen Einfluss darauf, wie ich mich dem Leben nähere. Obwohl meine Mutter am Ende meiner Teenagerzeit starb, konnte sie mir eine unstillbare Neugier einpflanzen. Sie war magisch…

Open Studio at Hangar, 2016, Lisbon, Courtesy of the Artist

Open Studio at Hangar, 2016, Lisbon, Courtesy of the Artist

C&: Dein Werk  Will See You in December…Tomorrow zeigt ein Gespräch mit deinem Großvater zu seinen Erinnerungen an das koloniale Mosambik. Wie war das für dich? Und welche Geschichten möchtest du durch die verschiedenen von dir verwendeten Medien – von der Fotografie über Video bis zur Performance – erzählen?

EK: Meine Beziehung zu meinem Opa (Armando Arrone) ist eine, die mir über die Jahre erhalten geblieben ist. Wir waren schon immer Freunde und haben uns gemeinsam Fußballspiele angesehen, Zeit in seiner Schreinerwerkstatt verbracht und mit Holz herumexperimentiert, während er Geschichten vom kolonialen Mosambik erzählte. Ich bin ein Stellvertreter-Kriegskind, geboren zu einer Zeit, die für alle MosambikanerInnen eine große Herausforderung war. Maputo war von UN-Mitarbeitern überlaufen und das Land stand kurz vor der Demokratie. Ich habe eine Stadt und ein Land geerbt, die gestaltet wurden, ohne dass man an Menschen wie mich dachte. Es hat lange gedauert, unsere Verfassung und unsere Gesetze zu entwickeln – beispielsweise die Rechtmäßigkeit gleichgeschlechtlicher Beziehungen, die erst 2015 überarbeitet wurde; oder die Gesetze zu Vergewaltigung, die den Täter entkriminalisieren, wenn er das Opfer heiratet; oder nicht zuletzt die neusten Entwicklungen im Familienrecht, das bis vor kurzem durch die katholische Kirche bestimmt war. Überholte Gesetze, die während der Kolonialzeit verabschiedet wurden, durchziehen meine Erfahrungen als Mosambikanerin der heutigen Zeit und geben mir Einblicke in die Kolonialzeit. Das Werk Will See You in December…Tomorrow (WSYDt)  spiegelt diese Verbindungen mit unserer Kolonialgeschichte und erforscht, was wir unbewusst in unsere nationalen Strukturen aufgenommen oder übernommen haben.

Courtesy of the Artist, Installation View, Will See You in December...Tomorrow (WSYDt), 2015, Maputo

Courtesy of the Artist, Installation View, Will See You in December…Tomorrow (WSYDt), 2015, Maputo

In einem Interview wurde Samora Machel (der erste Präsident des unabhängigen Mosambik) gefragt, ob er glaube, die Befreiungsbewegung und politische Partei Frelimo habe vorschnell gehandelt. Seine Antwort war, dass sie sich bewegt hätte, als sich die Gelegenheit dazu ergab, doch ich bin der Meinung, dass die Ideale der Frelimo nach der Unabhängigkeit verloren gingen. Aufgrund dessen haben wir kein starkes Identitätsgefühl, und vielleicht gibt es deswegen so wenig Engagement für Kunst und Kultur. Und indem Portugiesisch zur Amtssprache gemacht wurde, gab es weniger Möglichkeiteiten für Diversität in vielen institutionalisierten Zusammenhängen, was wiederum zu Bürokratie und Demagogie führte.

WSYDt rückt unterschiedliche Narrative in den vordergrund – zum Beispiel Verbindungen mit dem Osten, die im 11. und 12. Jahrhundert mit Kaufleuten aus Indien und Indonesien begannen, welche Stoffe (Capulana), Gewürze usw. brachten. Unsere Übernahme des Portugiesischen und eines weitgehend westlichen akademischen Kontexts sind zu unserer einzigen ersichtlichen Verbindung mit dem Rest der Welt geworden. Mit dieser Arbeit hinterfrage ich diese kolonialen Einflüsse.

Die Geschichten, die ich erzähle, stellen das Archiv des westlichen Kanons in Frage – sie wollen eingreifen und dieses Archiv erweitern, um neue Verbindungen mit unserem heutigen Leben zu schaffen.

Video Still I, Sea (E)scapes, 2016, Lisbon, Courtesy of the Artist

Video Still I, Sea (E)scapes, 2016, Lisbon, Courtesy of the Artist

C&: Du arbeitest nicht nur als Künstlerin, sondern auch als Kuratorin und Forscherin, zum Beispiel für die Plattform PAN!C. Wie siehst du kulturelle Zusammenarbeit und Netzwerke?

EK: Kunstschaffen ist überall schwierig, insbesondere auf dem afrikanischen Kontinent. In erster Linie möchte ich Künstlerin und dabei so unbeschwert wie möglich sein; wenn du jedoch eine junge Schwarze Frau aus Afrika (ausgenommen vielleicht Südafrika und Nigeria) bist, ist es sehr, sehr schwer. In Mosambik gibt es keine Strukturen zur Unterstützung Kunstschaffender. Deshalb bin ich nach Südafrika gezogen, wo ich eine Stelle beim Visual Arts Network of South Africa (VANSA) habe.

Hier habe ich unterschiedliche Programme wie beispielsweise PAN!C aufgebaut, die das Ziel haben, die Kunstproduktion und -verbreitung auf dem gesamten Kontinent anzuregen. Zum Beispiel hat die Boda Boda Lounge – ein Videokunstfestival – maßgeblich zur Schaffung von Plattformen beigetragen, die für alle offen sind. Ich habe festgestellt, dass durch Teilen und Teilhabe Diversität entsteht. Ich habe die homogene Darstellung von Afrika und afrikanischer Kultur wirklich satt – die Darstellung einer oberflächlichen Einheit, die durch die Verwendung bestimmter Stoffe (Capulana) für Modetrends, natürlich belassenem Haar oder durch Afrobeat usw. definiert wird.

Capulana-Stoff kommt zum Beispiel gar nicht ursprünglich von diesem Kontinent, sondern steht für die ersten Formen interkulturellen Austauschs. Musikstile sind von Kairo bis Kapstadt sehr unterschiedlich und reichen von Avantgardisten wie Luka Mukavel (aus Mozambik) bis zu Bewegungen wie Pungwe. Durch die Netzwerke, die wir schaffen konnten, kann ein kultureller Kreislauf und Austausch stattfinden.

 A Conversation I, Entre-de-Lado, 2013, Johannesburg, Courtesy of the Artist,

A Conversation I, Entre-de-Lado, 2013, Johannesburg, Courtesy of the Artist,

C&: Du verstehst dich als Feministin. Inwieweit prägt diese Positionierung deine künstlerische Praxis?

EK: Ich bin jetzt Feministin; genauer gesagt bin ich eine Schwarze Feministin vom afrikanischen Kontinent. Ich meine damit, dass sich der Feminismus in Maputo möglicherweise etwas von anderen Kontexten unterscheidet – beispielsweise tun Frauen, die sich hier nicht rasieren, dies nicht, weil sie das Patriarchat in Frage stellen – es hat schlicht etwas mit Kultur zu tun.

Vierzig Prozent des mosambikanischen Parlaments besteht aus Frauen aus unterschiedlichen Parteien und Kulturen, doch das führt nicht dazu, dass Frauen an den Machtpositionen in den verschiedenen Sektoren teilhaben. In meinem Feminismus geht es darum, Bestimmungen in Frage zu stellen, die auf breiter Front kaum oder gar keine Auswirkungen auf das Leben von MosambikanerInnen hatten.

Measuring Blackness, 2015, Maputo, Courtesy of the Artist

Measuring Blackness, 2015, Maputo, Courtesy of the Artist

C&: Was ist deine Fragestellung auf der diesjährigen Dak’Art?

EK: Meine Installation Supõe Se a Verdade Fosse Uma Mulher_ E Porque Não? [Angenommen die Wahrheit wäre eine Frau – und warum nicht?] stellt Verbindungen zwischen der Versklavung und der späteren Kolonialzeit her, wobei Elemente wie das weiße Brautkleid und eine weiße Wand eine Rolle spielen. Sie hinterfragt Konstruktionen von Weißsein wie die Vorstellung der Reinheit durch die Erstellung eines Schaubilds mit unterschiedlichen Rohstoffen vom Kontinent, die allesamt weiß sind – Elfenbein, Baumwolle, Puder. Die Installation bezieht sich auch auf die Gegenwart und wirft einen Blick auf afrikanische Befreiungskämpfer – die Konstruktion des heldenhaften Einzelkämpfers – und die Möglichkeit, andere Mitwirkende in das Archiv einzubeziehen, indem die Namen ihrer Partnerinnen in dieser Konversation genannt werden, jedoch mit einer Offenheit für weitere Ergänzungen und Wege, unsere Geschichten zu schreiben.

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Ein Gespräch von Aïcha Diallo