In Memoriam

Frédéric Bruly Bouabré

Caroline Hancock pays tribute to the great visual artist and storyteller Frédéric Bruly Brouaré.

Detail from Frédéric Bruly Bouabrés series 'World Knowledge'.

By Caroline Hancock
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Die Aufnahme von Frédéric Bruly Bouabrés Werk in richtungsweisende große internationale Ausstellungen seit den späten 1980er Jahren vermittelt den Hintergrund zur offensichtlich späten Anerkennung seiner Errungenschaften innerhalb des Kunstbetriebs. Er war Mitte sechzig als er 1989 zur Teilnahme an der Ausstellung ‚Magiciens de la Terre‘ im Centre Pompidou in Paris eingeladen wurde. André Magnin, einer der assistierenden Kuratoren, hatte seine Arbeit in Abidjan, der Hauptstadt von Côte d’Ivoire kennengelernt und sich seitdem beständig dafür eingesetzt. Um nur einige Beispiele unter zahlreichen Biennalen und großen Ausstellungen zu nennen: 1994 schuf Lynn Cooke in ‚Worlds Envisioned‘ am DIA Center for the Arts in New York einen Dialog zwischen Bruly Bouabré und Alighiero e Boetti; 2002 zeigte Okwui Enwezor seine Arbeiten im Rahmen der documenta 11 in Kassel; und im vergangenen Jahr nahm ihn Massimiliano Gioni passenderweise in ‚The Encyclopedic Palace bei der Biennale in Venedig auf.

Bruly Bouabrés außergwöhnlich produktive Erzählkunst und seine Archivierung der Welt und ihrer Eigenarten überleben sein kürzliches körperliches Verscheiden in Abidjan. Die Titel seiner Serien aus oftmals hunderten von kleinen Zeichnungen mit Begleittext vermitteln eine Vorstellung des Umfangs seiner pädagogischen, spirituellen, anthropologischen und künstlerischen Dokumentationsmethode, beispielsweise ‚The Book of Divine Laws Revealed to the Order of The Persecuted‘, ‚Knowledge of the World‘, ‚Museum of African Faces‘, ‚Symbols and Myths‘, ‚The Universe‘, ‚Stars From My Dreams‘, ‚High Diplomacy‘. Inspiriert durch eine gut belegte religiöse Vision, die er 1948 in Senegal hatte, als er für die Eisenbahnlinie zwischen Dakar und Niger arbeitete, fing er an, die beinahe nicht mehr existierende und nicht verschriftlichte Sprache und Kultur des Volkes der Bété, dem auch er angehörte, zu visualisieren und sie dadurch zu verewigen. Bekanntermaßen erforschte und erfand er die ‚afrikanische Schrift‘ (oder erfand sie wieder – da er manchmal mit Champollion verglichen wird, der den Rosette-Stein entdeckte), bestehend aus 448 monosyllabischen Piktogrammen, und brachte sie durch geschriebene Texte und Übersetzungen zum Einsatz. Théodore Monod veröffentlichte das Alphabet 1958 im Mitteilungsblatt des Institut Français d’Afrique Noire (IFAN), das er leitete. In einem Dokumentarfilm von 2010 (1) sagte Bruly Bouabré über ihn: „Ich bin der Sohn eines Gelehrten. Er sagte mir: ‚Mein Sohn, im Leben muss man aufmerksam sein.‘”

Bruly Bouabré wurde etwa 1923 in Zéprégüé geboren, damals gelegen im Zentrum Französisch-Westafrikas (Afrique-Occidentale française – AOF), seit der Unabhängigkeit 1960 die heutige Republik Côte d’Ivoire. Er spricht vom anfänglichen Einfluss der Muster und Formen heiliger vulkanischer Felsen in den örtlichen Wäldern dieser Region. Seinen täglichen Beobachtungen menschlicher Bräuche, des Weltgeschehens und der Ökologie ebenso wie Zufallsentdeckungen von Zeichen, die er in Abfällen, Schalen, Flecken, Kolanüssen oder Wolken sah, verlieh er unablässig Ausdruck. Abstraktionen und Realitäten wurden zum Zwecke der Übermittlung ‚verbildlicht‘, und er wurde als Cheik Nadro – der Offenbarer bekannt. Er sprach von seiner großen Bewunderung für Victor Hugo und Picasso und bemerkte dazu, dass sich in seinem Fall tatsächlich das Zeichnen gegenüber der Schriftstellerei durchgesetzt habe.

Er arbeitete mit einfachen Materialien, zeichnete mit Buntstiften und Kugelschreiber in Schulhefte, auf Karteikarten oder auf Pappe und manchmal auf gebrauchtes Verpackungsmaterial. Bruly Bouabré fing das Leben und die Zivilisation um sich herum in tausenden von Vignetten mit angefügten Bildtexten ein. Das Narrativ wird erzählt durch grafische schwarze Konturen und einen begleitenden französischen Text, der in Großbuchstaben an den Rand geschrieben ist, interpunktiert mit typisch rätselhaften Sternen und Punkten. In einer einzigartigen Mischung irgendwo zwischen erlesenen mittelalterlichen Bilderhandschriften, augenzwinkernden Comicstreifen und einem obsessiven seriellen globalen Kozeptualismus beziehen sich Text und Bild ständig aufeinander. Dieser naiv wirkende Zeichenstil brachte ihm oft die Zuordnung zu Formen der Art Brut (2) ein. Da könnten einem beispielsweise Pierre Alechinsky und die expressionistische Gruppe CoBrA der späten 1940er Jahre in den Sinn kommen. Doch manche Autoren vergleichen sein Werk mit dem von William Blake im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert.

Im Palais de Tokyo in Paris feiert eine ‚Alerte‘ Ausstellung bis September das Werk von zwei etablierten Persönlichkeiten des Kunstbetriebs, die vor kurzem verstorben sind – Bruly Bouabré und der Fotograf J.D. Okhai Ojeikere (3). André Magnin stellte eine Serie von etwa 150 Zeichnungen von Bruly Bouabré als Leihgabe zur Verfügung, auf denen Paare aus der ganzen Welt dargestellt sind, die in strahlendem Sonnenschein heiraten und entweder am Ufer der Seine oder des Nils kopulieren. Wie Kaya Savané (4) im Katalog zur Ausstellung Worlds Envisioned (1994, S. 79) schrieb: „Die Existenz einer universellen Verwandtschaft, die Einheit der Welt, die Notwendigkeit kultureller Vermischungen sind die Grundlage des künstlerischen Projekts, das Frédéric Bruly Bouabré am Herzen liegt.“

Hommage à Frédéric Bruly Brouaré et Okhai Ojeikere bis 9. September 2014, Palais de Tokyo, Paris. 

Caroline Hancock ist eine unabhängige Kuratorin, Schriftstellerin und Redakteurin in Paris.

ANMERKUNGEN

1.
Regie: Philippe Lespinasse, Andress Alvarez, LoKomotiv Films, 2010.

2.
Sarah Lombardi: “A Self-Taught Encyclopaedist”, Raw Vision, 69, 2010.

3.
2012 bereitete Bruly Bouabré eine Ausstellung mit dem Titel ‘Aujourd’hui je travaille avec mon petit fils Aboudia’ vor, in der er die Arbeiten seines Enkels in seiner Heimatstadt Abidjan in der Galerie Cécile Fakhoury vorstellte

4.
Im Mai 2013 wurde eine Buchkassette mit 4 Bänden zu Frédéric Bruly Bouabrés Oeuvre veröffentlicht. Paris, Éditions Xavier Barral. Unterstützt durch agnès b.
Mit Texten von Frédéric Bruly Bouabré, André Magnin, Yaya Savané, Denis Escudier.