Nachruf

Issa Samb „Joe Ouakam“, Gesamtkünstler 

Aboubacar Demba Cissokhos Nachruf auf den Kult-Künstler Issa Samb, der am 25. April 2017 im Alter von 71 Jahren verstarb.

Issa Samb/Joe Ouakam and installation view of Issa Samb's work © Ibrahima Thiam

By Aboubacar Demba Cissokho
Tweet about this on TwitterShare on FacebookEmail to someone

Der am 25. April 2017 im Alter von 71 Jahren verstorbene senegalesische Bildhauer, Poet, Maler und Schriftsteller Issa Samb, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Joe Ouakam, hatte die Dimension eines Philosophen, der die Fragen seiner Zeit erst zähmte und sich dann davon löste, um sich dem Leben in Fülle zu widmen.

Das Gefühl ihn zu kennen war allgegenwärtig in den Köpfen und Herzen der Menschen, so vertraut und präsent war seine Erscheinung in den Straßen von Dakar, die er regelmäßig  durchstreifte, um ihren Atem zu spüren, und das Leben darin. Doch dieses Gefühl mochte täuschen, denn Issa Samb war immer ein Geheimnis und ein Rätsel zugleich. Vielleicht konnte man ihn nie wirklich fassen. Warum? Weil er alles gleichzeitig war: Bildhauer, Maler, Dichter, Dramatiker, Schauspieler … So viele Talente, die ihn zu einem machten, der nicht einzuordnen war und dabei ein Gesamtkünstler in dem Sinne, als alle Aspekte seiner Persönlichkeit zusammenspielten. Issa Samb ist eine emblematische Figur der kulturellen Szene des Senegal, eine so ikonoklastische, einnehmende, mysteriöse und auch kontroverse Künstlerpersönlichkeit, wie es sie selten gegeben hat.

Er wurde am 31. Dezember 1945 in Ouakam als Sohn eines Würdenträgers der Lebu geboren. Von seinem Großvater, Hüter der alten Traditionen seiner Gemeinschaft, hat Joe Ouakam gelernt, seine Begabung  als Beobachter und Beschützer der Bilder, der imaginären Vorstellungen und der Symbole zu entfalten, die auf eine endogene und offene Vision der Welt verweisen, deren Sinn er zu entschlüsseln vermochte. «  Mein ganzes Leben lange habe ich gekämpft, mit dem Gedanken, der Zeit. Immer aber erforsche ich die Seele, jenen tiefen Brunnen  », erklärte er noch 2016 anlässlich der zwölften Ausgabe der Biennale der zeitgenössischen afrikanischen Kunst ( Dak’Art) 2016, während der ihm eine besondere Würdigung erwiesen wurde.
Mitte der 1960er Jahre schreibt sich Issa Samb an der Ecole nationale des arts ein und an der Universität von Dakar – wo er Jura und Philosophie studiert. Zu jener Zeit zeichnen sich bereits, unter dem Einfluss der Bewegung um den ehemaligen senegalesischen Präsidenten Léopold Sédar Senghor, die Umrisse und die Seele jener Schule ab, die unter dem Namen École de Dakar bekannt wurde, von der sich Samb allerdings schon bald distanziert, da seine künstlerische Persönlichkeit, vorsichtig zunächst  und dann zunehmend deutlich Gestalt annimmt.

Joe Ouakam kritisiert offen die Vision der Kulturpolitik Senghors, und verurteilt die Bestrebungen zur Domestizierung der Künste durch das Politische. Er wollte, dass die Freiheit, als Fundament des künstlerischen Schaffens uneingeschränkt geachtet wird, und dass die Künstler sich darauf verwenden, unabhängige Strukturen zu erschaffen, autonome Vereinigungen, fern der parteipolitischen Optionen. Mit dieser eindeutig dissidenten und zutiefst rebellischen Geisteshaltung  lanciert er Anfang der 1970er Jahre – zusammen mit dem Schauspieler, Regisseur und Filmemacher Djibril Diop  Mambéty (1945-1998) und anderen Künstler_innen, die sich zu einem Kollektiv zusammenfinden – Laboratoire Agit-Art, eine Bewegung zur Reflektion über die Kunst und deren Beziehung zum sozialen und politischen Leben des Senegal.

Der Künstler hatte seinen Hof, im Stadtzentrum von Dakar. Dort lebte er, bis vier Monate vor seinem Tode, umgeben von seinen Werken, von Dokumenten aller Art (Zeitungen, Briefen, Plakaten …) und von all den Objekten, die er eingesammelt hatte, hier und da und dort, auf seinen Wanderungen durch Dakar, durch diese Stadt, deren Puls und deren Impulse zu spüren er liebte. Mehr als vierzig Jahre lang war diese Galaxie nun eine Dauerausstellung, längst schon selbst zu einer Attraktion für Kunstliebhaber_innen geworden ist.
Es kam häufig vor, dass Joe Ouakam, auch Autor von Installationen und Live-Darbietungen, eigene Performances inszenierte, in denen er als Autor, Darsteller und Regisseur zugleich auftrat – seine letzte Aufführung fand Anfang Dezember 2016 statt.  Darin setzte er sich, in wohlüberlegten Gesten, mit philosophischen Fragen über seinen eigenen Werdegang und den Weg seines Landes auseinander, oftmals unter den Blicken von Zuschauern, die ohne es zu wissen selbst Teil des Geschehens waren. Und auf diese Weise bahnte sich dieser Künstler seinen ganz eigenen Weg, jenseits des Konsens der herkömmlichen Ausstellungsorte, von Galerien und anderen Kunsträumen.

Das heißt aber nicht, dass er gegen diese Orte war, er hat selbst an zahlreichen Kunstorten ausgestellt, im Senegal und im Ausland. 2010 widmete ihm die Galerie Nationale d’Art de Dakar eine Retrospektive. Und im selben Jahr veranstaltete Wasis Diop, der senegalesische Musiker und Cineast, in den Ateliers des Künstlers eine Ausstellung mit dem Titel La cour de Joe Ouakam.

Anfang der 1980er Jahr begann Joe Ouakam auszustellen – einzeln oder gemeinsam mit anderen Künstler_innen. 1981 bis 1998 hatte er Ausstellungen in Harare, Dakar, und London, in den unterschiedlichsten Räumen (Galeries Tenq, Combar, Galerie 39 des Centre culturel français, Galerie des Quatre-Vents zusammen mit Viyé Diba,  „Africa 95“ Whitechapel Gallery, London…).

Issa Samb ist in vielen Spiel- und Dokumentarfilmen aufgetreten,  in Filmen wie Hyènes (Hyänen) von Djibril Diop Mambéty (1992), oder Impressions und La fête silencieuse von Jean-Michel Bruyère (1999). Auch in der Dokumentation An Alè über die haitianische Künstlerin Toto Bissainthe (1990) ist er zu sehen.  Und er ist der Autor von Büchern wie Poto-poto Blues (Éditions Feu de brousse, 2004), Les criquets (Éditions Feu de brousse, 2009), L’écume du Soleil (Abis édition, 2016).

Er war ein vielseitiges Talent und seine multidiziplinäre Arbeit hatte jene ganz besondere Dimension: Issa Samb gehörte, wie es der Musiker Wasis Diop ausdrückte, dieser selben «  Konstellation  » an wie auch sein Weggefährte Djibril Diop Mambéty und sein Schüler Bouna Médoune Sèye.

.

Aboubacar Demba Cissokho, Kulturjournalist, lebt und arbeitet in Dakar