Fine Art in Empire

Kehinde Wiley auf dem Flachbildschirm

Wie die TV-Serie Empire die Kunst an das Volk zurückgibt – wo sie hingehört

Empire, film still of the television series, Kehinde Wiley's Prince Albert, Prince Consort of Queen Victoria

By Jennifer Neal
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Wer in den letzten beiden Jahre nicht völlig hinter dem Mond gelebt hat, hat bestimmt von Empire gehört. Das amerikanische Hip-Hop-Drama hat die Welt im Sturm erobert, seitdem es 2015 erstmals über die Bildschirme flimmerte. Bei den vom legendären Produzentenschwergewicht Timbaland produzierten Tracks ist die breite Palette zeitgenössischer Kunst, die still im Hintergrund präsentiert wird, leicht zu übersehen. Und während die intensiven Bässe und eingängigen Hooklines auf die bissigen Dialoge und geistreichen Schlagabtausche abgestimmt sind, hängen die Kunstwerke eindrucksvoll in der Peripherie der denkwürdigsten Szenen. Aufgehängt über Kaminsimsen behaupten die Werke selbstbewusst ihre Autorität, selbst über die von Terrence Howard und Taraji P. Henson gespielten Figuren, und präsentiert ihre eigene überzeugende Parallelerzählung zu „race“, Klasse und den Wandel bezüglich der Kunsteigentümerschaft in der heutigen Popkultur.

Mit ihrem Gemälde Wings Not Meant to Fly, Herzstück des Wohnzimmer-Sets der Serie, sticht die Howard University-Absolventin Jamea Richmond-Edwards hervor. Die starken, satten Farben von Michael Savoies Natural sind so einprägsam wie Cookies Outfit, wenn sie direkt daneben steht. Basquiat, der bekanntermaßen Jay Zs Liebesaffäre mit zeitgenössischer Kunst beeinflusst hat, erscheint mehrmals in der ersten Staffel, und Gustav Klimt, der Jugendstil-Meister höchstpersönlich, verleiht der Serie mit seinem berühmten Meisterwerk Hygieia etwas von seiner Großartigkeit.

Doch ist der vielleicht bekannteste und ausgesprochene „Durchbruchskünstler“, dessen Arbeiten in der Serie gezeigt werden, der in New York lebende Porträt-Maler Kehinde Wiley. Es ist eine passende Fusion – zwischen einem Künstler, der aus alltäglichen Bildern, die in einer auf Weißsein ausgerichteten Gesellschaft oft abgewertet werden, etwas Erhabenes schafft, und einer Serie, die Schwarzsein in seiner ganzen glanzvollen, dramatisierten, stilisierten und emotional vielschichtigen Pracht vollständig in den Vordergrund rückt.

Wileys bekanntlich kleinteilige, üppige Gemälde sind ein visueller Augenschmaus. Ausgehend von alltäglichen Darstellungen Schwarzer Männer und Frauen, verwandelt er diese in majestätische Könige und Königinnen der amerikanischen Diaspora – in Jeans und Unterhemd auf dem Rücken eines Pferdes sitzend, wie in seinem Werk Rumors of War, Officer of the Hussars; oder mit freiem tätowierten Oberkörper in Boxershorts und tief sitzenden Baggy Pants, wie in Prince Albert, Prince Consort of Queen Victoria. Seine Porträts von Männern und Frauen erheben sich stolz vor jeweils mit edlen Details gestalteten Hintergründen, die an das viktorianische England erinnern, deren Tiefe, Farbe und Flair aber untypisch für diese Zeit sind, was wiederum das Wesen und den Stil von Empire perfekt wiedergibt.

Die Gegenüberstellung der Gemälde mit den vielen miteinander verwobenen Erzählsträngen der Familie Lyon vermittelt eine Vielschichtigkeit afroamerikanischer Kultur, wie sie in Film, Fernsehen und sogar Musik selten dargestellt wird. Die Figuren der Serie sind dynamisch und jede von ihnen präsentiert den Facettenreichtum ihrer Persönlichkeit in einer beeindruckenden Palette von Dramatik und menschlichem Gefühl, die üblicherweise weißen Figuren vorbehalten ist. Schwarze Frauen sind stark und heftig, doch ebenso liebevolle Mütter und kämpferische Partnerinnen. Schwarze Männer können stolz, talentiert, unsicher und queer sein. Die Beziehungen zwischen beiden sind kompliziert und engagiert, nachvollziehbar und unterhaltsam. Das ist weit entfernt von den gleichförmigen Stereotypisierungen der Vergangenheit, als People of Color erwartungsgemäß Rollen spielen sollten, die durch Klischees und aufgezwungene gesellschaftliche Rollen beschränkt waren. Diese Darbietungen sind erfrischend neu und werden perfekt durch Wileys Arbeiten ergänzt. Auf seiner Leinwand ist das Schwarze Amerika stolz, kämpferisch, intelligent, wohlhabend, vielschichtig, kultiviert, dreidimensional und verdammt gutaussehend.

Die symbiotische Beziehung zwischen der Kunst und Empire deutet auf einen Wandel in dem, was Wiley als „kulturelle Temperatur“ bezeichnet, hin, in der Art, wie wir sowohl Schwarze Menschen in Amerika als auch ihren Zugang zu zeitgenössischer Kunst betrachten, eine Welt, die bekanntermaßen ebenso inselhaft wie privilegiert ist. Die zeitgenössische Kunstszene geht der Popkultur größtenteils aus dem Weg und entscheidet sich stattdessen dafür, Kunst in sorgfältig kuratierten Räumen zu präsentieren, wo die Arbeiten von formal dazu ausgebildeten Köpfen kontextualisiert und interpretiert werden können. Dahinter steckt die Argumentation, dass die Kunst in der Dramatik einer Serie wie Empire mit ihrer verwickelten Handlung und diversen Nebenhandlungen verloren gehen könnte. Doch Wiley lehnt diesen ihm antiquiert erscheinenden Ansatz ab, und begrüßt stattdessen die Popkultur und das entsprechende Publikum, das sich auf ähnliche Weise mit seinen Arbeiten auseinandersetzt und sie kontextualisiert wie jede_r Betrachter_in einer Galerie in SoHo. Durch seine Präsenz im Fernsehen lädt er eben jene Menschen, die seine Arbeit inspirieren, dazu ein, sich in welcher Form auch immer an der Diskussion zu beteiligen. Und das mindert die Bedeutung seiner Arbeit keinesfalls… es unterstreicht sie noch.

Jennifer Neale arbeitet als Journalistin und Autorin in Berlin, wo sie auch ihren ersten Roman schreibt. Ihre Interessen liegen in den Themenfeldern race, Gender, Politik und Kunst.