Venedig Biennale 2017

Barby Asante: Wissen ist Handlungsmacht

Barby Asante beteiligt sich mit ihrer Arbeit Intimacy and Distance an dem Diaspora Pavillon während der 57. Biennale von Venedig. Sie spricht über Bildung durch Kunst, über Unabhängigkeit und geteiltes Wissen von Frauen of Color.

Performance by Barby Asante. Photo by Jess Harrington

By Aïcha Diallo
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C&: Welche Beziehungen zwischen Kunst und Bildung sind dir, als Künstlerin und Kunstpädagogin, persönlich besonders wichtig?

Barby Asante: Ich verwende die Begriffe Künstlerin, Pädagogin, Kuratorin um meine Arbeit zu beschreiben. Mit all diesen Bezeichnungen gelingt es mir zwar nur annähernd, zu erfassen was ich tue, aber das ist immer noch die einfachste Art, die verschiedenen Interessen zu beschreiben, die für meine Kunstpraxis wichtig sind. Bei den pädagogischen Methoden, mit denen ich arbeite, geht es mir vor allem darum, Dinge in Frage zu stellen und zu erforschen. Ähnlich wie bell hooks es in Teaching to Transgress beschreibt, verstehe ich Bildung und Erziehung als eine philosophische Möglichkeit, als eine Praxis der Befreiung. Ein Unterrichtsraum kann für mich überall sein, und jeder Ort, an dem meine Arbeit sich entfaltet, ist ein Ort, wo Lernen geschieht. Dabei geht es aber weniger um Didaktik, was mich interessiert, ist die relationale Erfahrung, da ich mich im gleichen Maße als Lernende verstehe. Mit meiner Arbeit hoffe ich, Raum zu schaffen für reziproke Beziehungen zwischen Lehrenden und Lernenden, Kunstschaffenden und Publikum, Raum, um die Kontexte, in denen wir lernen, gemeinsam und gemeinschaftlich, kollaborativ und kollektiv zu erforschen.

C&: Du zeigst Deine Arbeit Intimacy and Distance im Diaspora Pavillon während der 57. Biennale von Venedig. Welche Absichten und Ideen verbindest Du mit dieser Arbeit? 

BA: Intimacy and Distance ist Teil eines größeren Werks mit dem Titel „As Always A Painful Declaration of Independence: For Ama. For Aba. For Charlotte and Adjoa“, an dem ich derzeit arbeite. Der Titel verweist auf Ama Ata Aidoos Gedicht „As Always, A Painful Declaration of Independence“ aus ihrem Gedichtband „An Angry Letter in January“ (1992). Ich würde mein Projekt als Performative Writing bezeichnen, als ein lebendiges Archiv, als eine Kartographie der Geschichten von Frauen, das an verschiedenen Orten entstehen wird, wobei der Anfang in Venedig gemacht wird, im Mai, im Rahmen des ICF (International Curators Forum) im Diaspora Pavillon. 
In Ata Aidoos Gedicht geht es um Unabhängigkeit, um den Bruch, zwischen Afrika und seinen Kolonialherrschern zum einen, aber auch um den Bruch zwischen Liebenden. Es geht um die Möglichkeit einer Frau, Ama, der das Gedicht gewidmet ist, unabhängig zu sein, und das impliziert auch die Möglichkeit, als Frau das eigene politische, kulturelle und soziale Handeln zu bestimmen. Der Titel meiner Arbeit entstand, indem den Titel des Gedichts um meine eigenen Widmungen erweitert habe: ich widme dieses Projekt meiner Mutter Adjoa, meiner Großmutter Aba (die im vergangenen Jahr im Alter von 102 Jahren verstorben ist, nachdem sie sich mit Lobgesängen selbst in den ewigen Schlaf gesungen hatte, am Tag, nachdem Britannien dafür stimmte, aus der Europäischen Union auszutreten) und Charlotte Dada, der heute in Vergessenheit geratenen Highlife-Sängerin, die als die ghanaische Miriam Makeba bekannt wurde, und die eine ganz besondere Faszination auf mich ausübt!

„Intimacy and Distance“ ist gewissermaßen das Vorwort zu „As Always…“ und bringt formal einige Gedanken aus Gesprächen zusammen, die ich im Laufe des vergangenen Jahres mit anderen Frauen of Color geführt habe, Freundinnen, Kolleginnen und Frauen, die in irgendeiner Weise als Kulturschaffende arbeiten. Vieles haben wir in dieser Zeit miteinander geteilt, Arbeit, Essen, Texte, Gedanken, Träume, Tränen, Rituale und mehr, während wir versuchten, unseren eigenen Weg durch unsere kulturelle Praxis zu finden in einer Welt, die sich unserer Präsenz gegenüber zunehmend antagonistisch gebiert. Dieser Austausch fand in einer Reihe von Gesprächen statt, den Auftakt bildete eine 30‑minütige Unterhaltung über Skype, in dem wir unsere Reaktionen auf das Gedicht von Ata Aidoo und auf ein Gedicht, das ich selbst in Gedenken an meine Großmutter geschrieben hatte, miteinander teilten. Wir teilten auch Bilder, Rituale, Strategien und Gedanken, die ich nun in meiner Arbeit in den Räumen des Palazzo zum Ausdruck gebracht habe. Ich wollte Venedig auch als einen Raum denken, der von Flüchtlingen gegründet wurde, als einen Ort, an dem sich viele Kulturen begegneten und Handel getrieben wurde, wo möglicherweise auch die Saaten des Imperialismus gesät wurden, und ich dachte an das heutige Venedig als eine sinkende Stadt der Wunder und der Romantik, des Tourismus und der Migrant_innen, die in den Gewässern ertrinken, als einen Raum, in dem auf einer internationalen Biennale künstlerische Nationalismen aufgeführt werden, und einem Raum, wo der Pavillon, in dem „Intimacy and Distance“ ausgestellt wird, Nationalismusbegriffe aufbrechen und eine neue Utopie entwerfen könnte, wie Venedig einst gesehen worden sein könnte.

C&: Da Ama Ata Aidoos Gedicht „As Always a Painful Declaration of Independence“ aus dem Gedichtband von 1992 „An Angry Letter in January“ hier eindeutig Bezugspunkt ist: Inwiefern bezieht sich diese Arbeit auf die Handlungsfähigkeit von Frauen? Und inwiefern würdigt sie insbesondere Frauen of Color?

BA: Ich hoffe sehr, dass diese Arbeit das tut. Ich will den Stimmen von Frauen of Color Wirkungsmacht geben. Ich will, dass wir die Räume einnehmen. Dass wir unsere Worte in diesen Räumen aussprechen. Dass wir in unseren Sprachen flüstern, schreien, sprechen und die Stimmen unserer weiblichen Verwandten und Vorfahren zum Ausdruck bringen. In meinem Gedicht für Aba (meine Großmutter) spreche ich diese Frage an:

When an old man dies 

A library is burnt 

What about an old woman

What of her library?

 

On 25th June 2016

Dina Kwansema Edwin Baiden

Left this world joyfully singing songs of praise 

102 years of living joyfully taken to the other side 

 

She took her songs with her

Along with her stories

Her recipes 

Her jokes

Her grooming techniques 

Knowledge of the before before 

Before the men started plotting the downfall of the British

They didn’t know the women were plotting too

Those plots 

Those plans went with her

Along with her tips for making the best bread in Asylum Down

And her knowledge of herbs and plants

Herbs to heal anything from menstrual cramps to a fever

Herbs to turn a baby in breach position 

And to settle a violent sickness 

 

And she took with her what those plants looked like and where to find them

 

C&: Klang ist ein ziemlich kraftvolles Ausdrucksmittel. In welchem Zusammenhang stehen die Klangstücke in dieser Arbeit zu Affective Listening und Embodied Knowledge?

BA: Diese Arbeiten sind im Wesentlichen visuelle Interventionen mit einem bedeutenden Klangelement. Ich sehe sie als Performances ohne Präsenz. Ich verwende Ausschnitte aus den Aufzeichnungen der Skype-Gespräche mit den Frauen, die an dieser Arbeit mitgewirkt haben, und in Zusammenarbeit mit der Komponistin und Elektromusikerin G‑Marie haben wir dann Klangraumwelten geschaffen, in die diese Stimmen eingebettet wurden. Grundlage für den Soundtrack war der Zusammenschnitt einer Aufnahme von Charlotte Dada, die den Beatles-Song „Don’t Let Me Down“ singt. Was davon dann übrig blieb, sind Spuren von Stimme und Klang, die wiederum mit anderen Klängen zusammengefügt wurden, die musikalische Geographien erkunden und mit den Stimmen in Verbindung treten. Die Klänge wurden stark reduziert, aber es gibt einige melodische Momente, die die Stimmen unterstreichen und verstärken. Ich habe mit diesem Verfahren gearbeitet, weil ich nicht die Stimmen allein als Klangarbeiten präsentieren wollte, es ging mir darum, eine fragmentierte Komposition zu schaffen, die in den Räumen leben, die Stimmen begleiten, dramatisieren und in einen Zusammenhang stellen sollte mit den Arbeiten, die im Palazzo gezeigt werden. Ich wollte den Klang als Archiv erkunden und dem Gedanken Raum geben, den ich auch in meinem Gedicht über meine Großmutter ausspreche, dass unsere Stimmen vergänglich sind und unsere Worte verschwinden. In dem, was in unseren Gesprächen und dann auch in diesen Arbeiten mitgeteilt wurde, kommen persönliche Gedanken und Gefühle zum Ausdruck, die wir miteinander teilen, unsere Wut, unser Ärger, unsere Ängste, unsere Politiken, Strategien, Wünsche und vieles mehr. Auf diese Weise lernen wir voneinander, als Freundinnen, Kolleginnen, als Mitverschwörer­innen.

C&: Und was ist Wissen für dich?

BA: Nun, wenn Wissen Macht ist, dann ist es natürlich auch Handlungsmacht! Mich interessiert es mehr, die Vorstellung von Wissen zu erweitern als das Wissen selbst, und zu fragen, wo unserer Auffassung nach Wissen gemacht wird, zu welchem Zweck, und wohin uns dieses Wissen jeweils bringt. Ich glaube, was mich interessiert ist der Gedanke, dass Wissen, lebendig sein kann, unsicher, prekär, möglich… Und das bedeutet wahrscheinlich zu verlernen was wir wissen. Denn in einem unwissenden Raum zu sein ist das, was Dr. Karen Salt als einen „radikalen Akt“ bezeichnet. Insofern können die Möglichkeiten des Wissens, das wir ausgraben und erschaffen, tatsächlich transformativ sein.

Barby Asante ist mitwirkende Künstlerin im Diaspora Pavillon, einer Ausstellung, die während der 57. Biennale von Venedig im Palazzo Pisani S. Marina stattfindet.

 

Interview von Aïcha Diallo

 

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