Fanfare, rainbows & small miracles:

Letter from…Kapstadt

Stacy Hardy about Peter Clarke's Fanfare series

Peter Clarke, 'Geisha', mixed media, 50 x 35cm, and 'Little Match Girl', mixed media, 50 x 35cm (2004). Courtesy of Stevenson.

By Stacy Hardy
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Es sind draußen dreißig Grad, als ich die Gruppenausstellung „Fiction as Fiction“ in der Stevenson Gallery im Kapstadter Stadtteil Woodstock besuche. Auf der Straße prallen Hitze und Staub, Armut und Elend auf die kühle Nüchternheit, auf die polierten Glas- und Marmoroberflächen eines neuen, mehrgeschossigen Kaufhauses mit verschiedenen Ausstellungsorten. Die Straßen sind ein beschwingtes Durcheinander mit BMWs der Neureichen, die zwischen hupenden Kleinbustaxis und schwitzenden Fußgängern vorwärtskriechen, mit Fabrik- und Designerläden, Öl auf dem Asphalt, Luft, die nach Brathähnchen, Staub und Abgasen riecht.

So ist das hier: Wir changieren ständig zwischen Armut und Reichtum, zwischen dem Supermodernen und dem Verfall. Wir reißen die Geschichte ab und bauen sie neu. Die Galerie ist selbst eine umgebaute Lagerhalle, ein karger Raum mit weiß getünchten Wänden ohne jegliche Spur von natürlichem Licht. Sie bietet einem wohlhabenden, kultivierten Publikum einen Rückzugsort, um den Kämpfen um Eigentum, Ethnie, Besitz und Veränderungen zu entkommen.

Vielleicht ist es gerade aufgrund der kühlen Nüchternheit des Raums, dass ich unwillkürlich von einer Serie leuchtender, keilförmiger Designs angezogen werde, die eine ganze Galeriewand füllt. Diese ungeniert freudvollen, fächerförmigen Collagen gehören zu der Serie Fanfare des Künstlers Peter Clarke. Wie der Titel schon anklingen lässt, ist Fanfare ein Fest, das den Betrachter mit surrealen Bildern, heiteren Farben, überraschenden Wendungen und plötzlichen Ausbrüchen entzückt. Es ist der Akt der Schöpfung, den Clarke hier zelebriert. Doch nicht nur das: In einer cleveren Verwischung der Kategorien Künstler und Thema, Schöpfung und Schöpfer präsentiert er sich selbst als Fan: ein Verehrer, ein glühender Anhänger, der den historischen, biblischen und literarischen Figuren sowie den gewöhnlichen Menschen, die ihn im Laufe seiner außergewöhnlichen fünfzigjährigen Karriere inspiriert haben, seinen Tribut zollt.

Clarke ist reiner Autodidakt. Und er weigert sich, sein Kunstwerk irgendwie einzugrenzen, und verfolgt bewusst einen Lowtech-Ansatz als Reaktion auf die zunehmende Beliebtheit von konzeptionellen Ausdrucksformen und hohen Produktionswerten. Mit verschiedensten Materialien wie Kugelschreiber, Filzstift, Farbe, Tinte und Kreide bedeckt er schichtweise herausgerissene Seiten aus weggeworfenen Büchern und Zeitschriften, um Bilder entstehen zu lassen, die die komplexen Schichten der Kultur draußen auf der Straße widerspiegeln.

Vielleicht ist es deshalb auch nicht überraschend, dass das Projekt seitens der Kunstkritiker hier in Südafrika keine Fanfaren ertönen ließ. „Pseudokünstlerisch statt Kunst“, „prosaisch statt tiefgründig“ urteilte man. Das ist zutreffend, aber irreführend. Es stimmt zwar, dass bei Clarke das Handwerk im Vordergrund steht. Aber die Arbeiten sind auch gewitzt. Klein und verspielt, gewiss, aber auch groß in ihrer kleinen Verspieltheit.

Künstlerisch nähert sich Clarke dem Unerklärlichen ohne Trara, auf die einfachste Art und Weise. Seine bescheidenen Mittel ziehen uns hinunter in eine Größe der ganz anderen Art. Ungeachtet seines Alters – Clarke ist über achtzig – befähigt ihn sein äußerst eigenwilliger Verstand, das Seltsame mit dem Vertrauten, Anflüge von dichterischem Schwelgen mit gefundenen Texten zu kombinieren, um das unter der Oberfläche liegende Geheimnis anzuzapfen und eine Welt von Tausenden skurriler, kleiner, gezackter Wunder aufzudecken.

Fanfare wird so zu einer Reise durch das „Anti-Wunder“ der umkämpften Vergangenheit Südafrikas. Die Serie spürt historischen, fiktiven und halbfiktiven Figuren nach (Gangster, Künstler, Kriminelle, Aktivisten, Könige, Gespenster, Märchenprinzessinnen, Freunde und Liebhaber begegnen sich immer und immer wieder), um kleine Augenblicke fast unmöglicher Musik, Tapferkeit, Schönheit und Erlösung trotz Tyrannei und Unterdrückung ans Licht zu bringen und zu vergrößern.

Diese mikrokosmische, fragmentierte Vision bietet ein eindrucksvolles Gegenbild zu dem gescheiterten großen Wunder von Südafrika als „Regenbogennation“. Gleichzeitig stellt die in Clarkes Regenbogenarbeiten spürbare intensive Freude eine subversive Alternative zum zunehmend zynischen, erbitterten Ton in der südafrikanischen Kunst dar. Angesichts eines weit verbreiteten Pessimismus konfrontiert Clarke die Katastrophe mit liebevollen Augen. Wen wundert es, dass er Wunder gefunden hat!

Stacy Hardy ist Schriftstellerin und lebt in Kapstadt. Sie ist Mitherausgeberin der Panafrikanischen Zeitschrift Chimurenga. Ihre Texte erschienen in Donga, Pocko Times, Art South Africa, Ctheory, Black Warrior Review, Evergreen Review und Chimurenga. Der Kurzfilm I Love You Jet Li, den sie in Zusammenarbeit mit Jaco Bouwer drehte, gehörte zu den ausgewählten Videos auf der transmediale.06 und erhielt 2006 auf dem Internationalen Chilenischen Kurzfilmfestival in Santiago de Chile (Festival Chileno Internacional Del Cortometraje De Santiago) den Preis für den besten Experimentalfilm. Im Londoner Verlag Pocko erscheint demnächst eine Sammlung ihrer Erzählungen.

Übersetzung aus dem Englischen: Millay Hyatt

Ein Blick auf Peter Clarkes Fanfare Serie. 

Ein Interview mit Clarke über Fanfare gibt es hier zu lesen.