Ausstellungsgeschichte(n)

Magiciens de la Terre

In einer neuen Serie kommt C& noch einmal auf die am meisten diskutierten, geliebten, gehassten, zum Nachdenken anregenden und wegweisenden Ausstellungen zurück, die in den vergangenen Jahrzehnten zeitgenössische Kunst aus afrikanischen Perspektiven präsentierten. Wir beginnen mit der berühmt-berüchtigten Ausstellung Magiciens de la Terre, die bis heute in kuratorischen und kunsthistorischen Debatten polarisiert.

Eingang zur Ausstellung Magiciens de la terre. Retour sur une exposition légendaire im Centre Pompidou, Paris 2014 © Jean-Pierre Dalbéra

By Julia Friedel
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“…this will be the first truly international exhibition of worldwide contemporary art.”[1] Nichts Geringeres hatte sich der Kurator Jean-Hubert Martin für seine Ausstellung Magiciens de la Terre vorgenommen. 1989 zeigte er im Pariser Centre Pompidou und der Grande Halle im Parc de la Villette Arbeiten von über hundert KünstlerInnen aus fünfzig Ländern. Bis heute ist die legendäre Schau umstritten und hat nicht an Relevanz verloren.

Und 2014 war sie wieder da. 25 Jahre nach der Eröffnung von Magiciens de la Terre ließ das Centre Pompidou die Schau in Form einer Archivausstellung wiederbeleben und in Podiumsgesprächen diskutieren. Nur knapp 300 000 Besucher sollen die Ausstellung 1989 gesehen haben.[2] Der dazugehörige Katalog wurde nie ins Englische übersetzt. Umso erstaunlicher ist es, wie viel Aufmerksamkeit und Kritik die Schau damals hervorrief. Und bis heute ist Magiciens de la Terre Gegenstand von kuratorischen und kunsthistorischen Debatten, wie sie eine Ausstellung selten erlebt hat. Der Grund: Sie hat das stabile Gerüst der eurozentristischen Kunstgeschichte endgültig ins Wanken gebracht.

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Magiciens de la terre in der Grande Halle, Parc de la Vilette, Paris 1989 © Centre Pompidou, Bibliothèque Kandinsky

Magiciens de la terre in der Grande Halle, Parc de la Vilette, Paris 1989 © Centre Pompidou, Bibliothèque Kandinsky

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Konzept und Kritik

Exakt die Hälfte der 104 ausgestellten KünstlerInnen kamen aus sogenannten „nicht-westlichen“ Ländern, darunter heute renommierte Künstler wie Chéri Samba oder Bodys Isek Kingelez. Mit einem Beraterteam bereiste der Kurator alle fünf Kontinente, besuchte sowohl akademisch ausgebildete KünstlerInnen als auch Autodidakten vor Ort und beugte sich bei seiner Objektauswahl keiner Unterscheidung zwischen Kunst und Handwerk. Magiciens de la Terre wollte aufräumen mit dem euro-amerikanischen Kunstmonopol und seiner narzisstischen Sichtweise. Stattdessen sollte die Ausstellung das künstlerische Schaffen als universelles und spirituelles Phänomen einer globalen Welt beschreiben. Im Katalog, einer Art Atlas dieser globalen Kunstwelt, wurde die geografische Herkunft eines jeden Künstler auf einer aufgeklappten Weltkugel markiert. Durch die Verschiebung der Kontinente befand sich der Ort stets im Mittelpunkt der Welt – ein metaphorischer Aufruf zu einer neuen Geografie der Kunstgeschichte. Jean-Hubert Martin wollte sich mit seiner kuratorischen Praxis offensiv von William Rubins Ausstellung “Primitivism” in 20th Century Art. Affinities of the Tribal and the Modern abgrenzen, die 1984 im Museum of Modern Art in New York zu sehen war. Wurden dort die außereuropäischen Objekte Kritikern zufolge vor allem als Beweismaterial für das Genie privilegierter „westlicher“ Künstler missbraucht, forderte Martin mit Magiciens de la Terre die bedingungslose Gleichberechtigung aller KünstlerInnen dieser Welt.[3]

Martins ambitioniertes Projekt erntete nicht nur Beifall, sondern wurde von zwei Lagern heftig diskutiert. Die einen sahen in Magiciens de la Terre die Bedrohung ihrer „westlichen“ Moderne, ihres Hegelschen Weltbildes, das es zu verteidigen galt. Die anderen kritisierten Martins Umgang mit religiösen oder zeremoniellen Artefakten, die er durch die Brille „westlicher“ Ästhetikstandards bewertete. Der Kurator stufte sie als Kunstwerke ein ohne sich genauer mit ihrer Funktion zu beschäftigen und unterschlug damit einen wesentlichen Teil ihrer Bedeutung. Auch seine Suche nach dem Authentischen und Spirituellen in der Kunst wurde ihm übel genommen. Nicht selten entschied sich der Kurator für einen vermeintlich “traditionellen” Künstler oder bevorzugte die “Originalität” eines Autodidakten – doch nur in puncto „nicht-westlicher“ Kunst. Die Stimmen professioneller KünstlerInnen blieben ungehört. Indem er der Kunst „nicht-westlicher“ Länder die Rolle des Gegenstücks zur akademischen Kunst des Westens aufdrängte, verfestigte der Kurator das exotische Bild einer „primitiven“ Volkskunst,[4] Martins Konzept – nicht mehr als eine fadenscheinige Geste der Gleichberechtigung? So sehr sich der Kurator auch von Rubins Ausstellung distanzierte, so gerne wurde sein Vorgehen von Kritikern mit dessen neokolonialer Attitüde gleichgestellt.

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Traditionelle Malerei der Yuendumu (Aborigine-Gemeinschaft in Australien) in der Grande Halle, Parc de la Villette, Paris 1989 © Centre Pompidou, Bibliothèque Kandinsky

Traditionelle Malerei der Yuendumu (Aborigine-Gemeinschaft in Australien) in der Grande Halle, Parc de la Villette, Paris 1989 © Centre Pompidou, Bibliothèque Kandinsky

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Relevanz

“It was a major event in the social history of art, not in its aesthetic history.”[5]

Die Tragweite der Ausstellung Magiciens de la Terre steht außer Frage, auch wenn ihr Konzept heute sicherlich unzureichend und überholt wirkt. Damals betrachtete der Kurator selbst die Schau als ersten Versuch, die „westlich“ dominierte Kunstszene umzukrempeln.[6] Nicht trotz, sondern gerade wegen aller Kritik leitete die Ausstellung eine neue Ära ein, die den Kunstdiskurs zunehmend demokratisierte und dezentralisierte. Es waren nicht zuletzt politische Umwälzungen, wie der Fall der Berliner Mauer oder das zunehmende Bröckeln des Apartheidregimes, die die geopolitische Bedeutung der Ausstellung festigten und neuen Austausch sowie Begegnungen in der Kunstwelt ins Rollen brachten.[7] Erst über die Jahre, so scheint es, entfaltete die Ausstellung ihre ganze Wirkung: Magiciens de la Terre gilt heute als Geburtsstunde des sogenannten „global turn“, als Ansporn für etliche Ausstellungen, die sich seitdem an einer postkolonialen Geschichtsschreibung versuchten, wie Seven Stories about Modern Art in Africa oder Africa Remix. Sie hat nach „Primitivism“ in 20th Century Art den Startschuss dafür gegeben, sich ernsthaft mit postkolonialen Methoden der Kuration auseinanderzusetzen und die Notwendigkeit eines globalen Kunstdiskurses deutlich gemacht.

Heute, über 25 Jahre nach Magiciens de la Terre hat die Globalisierung der Kunstwelt Hochsaison, es ist die Stunde der Biennalen, der nomadischen Künstler und vernetzten Kuratoren. Doch obwohl unsere Welt schon so nah zusammengerückt erscheint, regt die Ausstellung noch immer zu Diskussionen über unsere globale Gesellschaft an, ihre geopolitischen Machtverhältnisse und Hierarchien. Magiciens de la Terre ist nicht einfach ein folgenreiches Stück Kunstgeschichte. Ausschlaggebend dafür, dass diese Schau noch immer in der Literatur, auf Podien und in Ausstellungen diskutiert wird, ist wohl, dass ihre Forderung nach einer gleichberechtigten und ungeteilten (Kunst-)Welt bis heute nicht konsequent erfüllt wurde. Viele der aufgeworfenen Fragen warten noch immer darauf, beantwortet zu werden.[8]

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Arbeiten von Chéri Samba (Demokratische Republik Kongo) in der Grande Halle, Parc de la Villette, Paris 1989 © Centre Pompidou, Bibliothèque Kandinsky

Arbeiten von Chéri Samba (Demokratische Republik Kongo) in der Grande Halle, Parc de la Villette, Paris 1989 © Centre Pompidou, Bibliothèque Kandinsky

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Beteiligte KünstlerInnen:

Marina Abramović (Serbien), Dennis Adams (USA), Sunday Jack Akpan (Nigeria), Jean-Michel Alberola (Algerien), Dossou Amidou (Benin), Giovanni Anselmo (Italien), Rasheed Araeen (Pakistan), Nuche Kaji Bajracharya (Nepal), John Baldessari (USA), José Bédia (Kuba), Joe Ben Jr. (USA), Jean-Pierre Bertrand (Frankreich), Gabriel Bien-Aimé (Haiti), Alighiero Boetti (Italien), Christian Boltanski (Frankreich), Erik Boulatov (Russland), Louise Bourgeois (Frankreich), Stanley Brouwn (Surinam), Frédéric Bruly Bouabré (Elfenbeinküste), Daniel Buren (Frankreich), James Lee Byars (USA), Seni Camara (Senegal), Mike Chukwukelu (Nigeria), Francesco Clemente (Italien), Marc Couturier (Frankreich), Tony Cragg (UK), Enzo Cucchi (Italien), Cleitus Dambi (Papua-Neuguinea), Neil Dawson (Neuseeland), Bowa Devi (Indien), Maestre Didi (Brasilien), Braco Dimitrijević (Bosnien-Herzegowina), Nick Dumbrang (Papua-Neuguinea), Efiaimbelo (Madagaskar), Nathan Emedem (Nigeria), John Fundi (Mosambik), Julio Galan (Mexiko), Moshe Gershuni (Israel), Enrique Gomez (Panama), Dexing Gu (China), Hans Haacke (Deutschland), Rebecca Horn (Deutschland), Shirazeh Houshiary (Iran), Yong Ping Huang (China), Alfredo Jaar (Chile), Nera Jambruk (Papua-Neuguinea), Ilya Kabakov (Ukraine), Tatsuo Kawaguchi (Japan), On Kawara (Japan), Anselm Kiefer (Deutschland), Bodys Isek Kingelez (D.R. Kongo), Per Kirkeby (Dänemark), John Knight (USA), Agbagli Kossi (Togo), Barbara Kruger (USA), Paulosee Kuniliusee (Kanada), Kane Kwei (Ghana), Boujemaâ Lakhdar (Marokko), Georges Liautaud (Haiti), Felipe Linares (Mexiko), Richard Long (UK), Esther Mahlangu (Südafrika), Karel Malich (Tschechische Republik), Jivya Soma Mashe (Indien) [im Katalog aber nicht in der Ausstellung], John Mawandjul (Australien), Cildo Meireles (Brasilien), Mario Merz (Italien), Miralda (Spanien), Tatsuo Miyajima (Japan), Norval Morrisseau (Kanada), Juan Muñoz (Spanien), Henry Munyaradzi (Simbabwe), Claes Oldenburg (Schweden), Nam June Paik (Südkorea), Lobsang Palden (Nepal), Wesner Philidor (Haiti), Sigmar Polke (Deutschland), Temba Rabden (Tibet) [im Katalog aber nicht in der Ausstellung], Ronaldo Pereira Rego (Brasilien), Chéri Samba (D.R. Kongo), Sarkis (Türkei), Raja Babu Sharma (Indien), Jangarh Singh Sharma (Indien), Bhorda Sherpa (Nepal), Nancy Spero (USA), Daniel Spoerri (Rumänien), Hiroshi Teshigahara (Japan), Yousuf Thannoon (Irak), Lobsang Thinle (Nepal), Cyprien Tokoudagba (Benin), Twins Seven Seven (Nigeria), Ulay (Deutschland), Ken Unsworth (Australien), Chief Mark Unya (Nigeria), Coosje Van Bruggen (Niederlande), Patrick Vilaire (Haiti), Acharya Vyakul (Indien), Jeff Wall (Kanada), Lawrence Weiner (USA), Ruedi Wem (Papua-Neuguinea), Krzysztof Wodiczko (Polen), Jimmy Wululu (Australien), Jack Wunuwun (Australien), Jie Cang Yang (China), Yuendumu (Aboriginegemeinschaft in Australien), Zush (Spanien)

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Julia Friedel lebt als freie Kuratorin und Autorin in Offenbach am Main. Sie studierte Afrikanistik mit den Schwerpunkten Sprachen, Literatur und Kunst (in Bayreuth) und Kuratieren (in Frankfurt am Main).

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[1] Martin in Buchloh, 1989: 211.

[2] Nach Cohen-Solal, 2014; dies ist eine vergleichsweise magere Besucherzahl für das Centre Pompidou.

[3] Vgl. Buchloh, 1989: 152.

[4] Vgl. Poppi, 2003: 4-5.

[5] McEvilley, 1990: 157.

[6] Vgl. Buchloh, 1989: 211-213.

[7] Vgl. Cohen-Solal, 2014.

[8] Vgl. Cohen-Solal, 2014.

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Weiterführende Weblinks:

Benjamin H.D. Buchloh, 1989: The Whole Earth Show

https://www.msu.edu/course/ha/491/buchlohwholeearth.pdf

Annie Cohen-Solal, 2014: Revisiting Magiciens de la Terre

http://www.stedelijkstudies.com/journal/revisiting-magiciens-de-la-terre/

Thomas McEvilley, 1990: The Global Issue

https://www.msu.edu/course/ha/491/mcevilleyartandotherness.pdf

Cesare Poppi, 2003: African Art and Globalisation

http://docenti.lett.unisi.it/files/40/3/1/1/Cesare_Poppi.pdf