In Memoriam

Begegnung mit Malick

2014 schrieb Emmanuael Iduma nach einem Treffen mit Malick Sidibé einen essay...

Malick Sidibé, 2002 © Antoine Tempé

By Emmanuel Iduma
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„Fotografie ist wie jagen“, sagt Malick Sidibé.

Ich erinnere mich, dass Henri Cartier-Bresson in seiner Jugend eine Zeit in Côte d’Ivoire verbrachte, um Wild zu jagen. Als er in seinen Achtzigern war, sagte er: „Das Einzige, was mich an der Fotografie interessiert, ist das Ziel, das Zielen.“

Als wir Sidibé besuchen, sitzt er draußen vor einem Haus, das zu einer Gruppierung bräunlicher Gebäude gehört. Er trägt eine eng anliegende weiße Dschellaba. Seine Sehkraft lässt nach; statt ihm die Hand zu reichen, um seine zu schütteln, nehme ich zum Gruß sanft seine beiden Hände in meine. Eine Frau und ein junger Mann sind bei ihm und scheinen ihn für das öffentliche Auge vorzubereiten. Die Frau bringt ein Handtuch, das sie über seinen Schoß breitet; der junge Mann bringt eine Sonnenbrille. Ich bin überwältigt – es fühlt sich an, als sei sein gesamtes Werk in einem Augenblick zusammengefasst. Das ist eine Hommage, alles zusammen.

Malick Sidibé, Moi seul, 1974 © Malick Sidbé Courtesy of Galerie MAGNIN-A, Paris

Malick Sidibé, Moi seul, 1974 © Malick Sidbé
Courtesy of Galerie MAGNIN-A, Paris

Vor unserem Gespräch werden wir in einen Raum mit seinen Negativen, alten Fotoausrüstungen und Stapeln von Fotoalben geführt. Um die Sachen ist es nicht gut bestellt, sie sind durch die Zeit abgenutzt, mit Staub beschichtet. Einen Teil des Staubs werden wir mit uns nehmen. Im Zimmer steht ein Bett. Vielleicht legt er sich hier hin, wenn er erschöpft ist, um sich an Fotos zu erinnern ohne sie anzusehen, um von Bildern aus der Vergangenheit überflutet zu werden, die gegenwärtig bleiben.

Wir setzen uns und er redet. Igo Diarra von der Medina Gallery, unser Gastgeber und Reiseführer, übersetzt das Gespräch aus dem Französischen. Sidibé erzählt uns, dass er 1945 mit dem Zeichnen begann und dafür Kohle verwendete. Er zeichnete, weil er das Natürliche nachahmen wollte. Ich glaube es gibt eine Verwandtschaft zwischen Zeichnen und Fotografie; beim Zeichnen imitieren wir die Formen und Figuren des Lebens – das Gleiche tun wir beim Fotografieren.

Da er nie eine digitale Kamera benutzt hat, begreift Sidibé die Fotografie als vorsätzlichen Akt. Er erzählt uns, dass er sich sein Wissen über Fotografie durch genaues Beobachten angeeignet hat. Während er über das Jagen spricht, spricht er auch von der Beobachtung. Beobachtung bedeutet aufmerksam sein, gegenwärtig sein, die Dinge genau betrachten, Präzision finden, das Gleichgewicht finden.

Nun, da sein Sehvermögen nachlässt, kann Sidibé nicht mehr arbeiten. Später spricht er über das wahre Bild – niemand kann das wahre Bild verändern, am wenigsten können es die Kolonialherren. Ich nehme an, dass nicht mal die getrübte Sehkraft ihm die Fähigkeit nehmen kann, weiterhin Bilder wahrzunehmen. Jeder Nerv in seinem Körper scheint auf Licht und Bewegung zu reagieren. Die Zeit hat ihn zwar langsamer gemacht, aber er ist noch immer da.

Studio Malick Sidibé, Bamako, 2015. Photo: Aicha Diallo

Studio Malick Sidibé, Bamako, 2015. Photo: Aicha Diallo

Sidibé bittet den jungen Mann, uns sein Foto aus dem Jahre 1963 zu bringen. Es ist sein Lieblingsfoto, weltweit bekannt als eines seiner Bilder mit Kultstatus: Ein junger Mann und eine Frau, die auf einer Weihnachtsfeier tanzen. (Es musste etwas mit Tanzen zu tun haben, denke ich, und erinnere mich an etwas über Tanz als Angelpunkt der Sehnsucht). Die Fotografie ist ein charismatisches Medium; manchmal braucht es Jahrzehnte, bis ein Foto sich in seiner Gänze entfaltet. Ich frage mich, was er wohl dachte, als er dieses Foto machte. Anders als auf anderen seiner berühmten Fotos ist die Pose hier nicht einstudiert. Die Haltung erinnert mich an die von Amiri Baraka und Maya Angelou, wie sie 1991 in Harlem auf einem Foto von Chester Higgins Jr. miteinander tanzen.

Von überall auf der Welt kommen die Menschen zu ihm, sagt er. Das antwortet er auf eine Frage zu seinen Kindern. Diese Frage ist scheinbar bei der Übersetzung untergegangen. Doch das Bild passt perfekt: Ein Mann, dessen Blick die Herzen von Tausenden berührt hat, dessen Vaterschaft unleugbar ist.

Auf die Frage nach der Digitalisierung der Fotografie, der Demokratisierung des Prozesses des Fotografierens, sagt er: „Das ist manchmal okay.“ Jeder hat das Recht, fotografiert zu werden, doch die Menschen können das Bild auch in etwas anderes verwandeln. Dazu scheint er eine ambivalente Haltung zu haben und ich vermute, ihn fasziniert noch immer die alte Arbeitsweise. Er habe versucht, bezüglich Digitalkameras nachzuziehen, sagt er, doch es schien ihm einfach überwältigend.

Scherzhaft meint er, heutzutage bräuchte man zum Fotografieren nicht seine Augen, man schieße einfach. Wir brechen gemeinsam in lautes Gelächter aus.

Malick Sidibé surrounded by Invisible Borders team, 2014. Courtesy of Emmanuel Iduma

Malick Sidibé surrounded by Invisible Borders team, 2014. Courtesy of Emmanuel Iduma

Ein andermal lachen wir, als er von seinem Aufenthalt in Mauretanien erzählt. Es war damals schwierig, seine Subjekte in gute Posen zu bringen, weil die Männer nicht wollten, dass er ihre Frauen berührte. Ein Fotograf sei wie ein Arzt, sagt er uns: ohne Berührung kann man nichts ausrichten.

Er fügt hinzu, dass er ein Bildkomponist gewesen sei, der das Fotostudio der Straße vorgezogen hätte. Die Konturen der Körper seiner Subjekte bilden Posen wie eine Zeichnung, wie eine Linie, die der nächsten hinzugefügt wird.

Jemand fragt, ob er uns etwas fragen möchte. Nein. Ob er einen Rat für uns hat? Keinen, sagt er, aber es sei gut zu reisen, man verstehe viele Dinge. Als er das erste Mal nach Südafrika reiste, hatte er das Gefühl, zu Hause zu sein. Shaka Zulu inspiriert ihn.

„Ich bin sehr glücklich“, sagt er zum Schluss.

Anmerkung: Frühere Versionen dieses Essays erschienen im Blog Invisible Borders 2014 Road Trip sowie in Zephyr, der Studierendenzeitschrift des MFA Art Writing Program an der School of Visual Arts, New York, 2014. Die erneute Veröffentlichung erfolgt anlässlich des Todes von Malick Sidibé.

Emmanuel Iduma ist Autor und Kunstkritiker. Für The Trans-African schreibt er über historische und zeitgenössische nigerianische Fotografie.

 

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