Im Gespräch mit Andrew Tshabangu

“Als Fotograf habe ich einen einsamen Beruf, aber die Menschheit ist ihr zentral.”

C& ist Mediapartner der Ausstellung “The Divine Comedy: Heaven, Hell, Purgatory revisited by Contemporary African Artists”. Exklusiw wird C& mit allen teilnehmenden KünstlerInnen sprechen.

Andrew Tshabangu, Praying, 2003, 40 x 50 cm. Courtesy of the artist and Gallery MOMO, Johannesburg

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MMK/C&: Ausgangspunkt der Ausstellung ist Dantes „Göttliche Komödie“. Welche Rolle hat im Vorfeld der Ausstellung die Auseinandersetzung mit Dantes Dichtung für dich gespielt?

Andrew Tshabangu: Da die Arbeit, die ich für diese Ausstellung eingereicht habe, über einen Zeitraum von über  15 Jahren entstanden ist und den Fokus auf die religiösen Praktiken in Südafrika und auf der Insel Réunion legt, war eine solche Auseinandersetzung nicht wirklich relevant. Bevor ich eingeladen wurde, an der Ausstellung teilzunehmen, hatte ich noch nie etwas von Dante gehört und wusste nichts über seine Werke. Als die Einladung kam, habe ich angefangen, zu Dante zu recherchieren. Mir gefallen seine Gedichte, vor allem die „Göttliche Komödie“.

MMK/C&: Mit ihrer Verbindung von christlichen Glaubens- und Moralvorstellungen und antiken heidnischen Themen steht die „Göttliche Komödie“ für eine tiefgreifend eurozentrische Vorstellung von Gesellschaft, Werten und Kultur. Diese europäische Deutungshoheit soll mit der Ausstellung aufgebrochen und neu betrachtet werden. Inwieweit glaubst du, dass mit diesem Ansatz eine generelle Hinterfragung eines eurozentrischen Deutungshorizonts stattfinden kann?

AT: Als Fotograf bin ich in erster Linie ein gesellschaftliches Wesen, und mein Wesen bestimmt mein Bewusstsein. Damit will ich sagen, dass mein Wesen meine Selbstwahrnehmung und meine Wahrnehmung der Umwelt bestimmt. Meine Beziehungen mit anderen Menschen prägen meine Arbeit.

Ich stelle Fotografien her, die den Betrachter hoffentlich ansprechen und zu einer Quelle von Inspiration, Freude und Bildung werden. In anderen Worten geht es mir darum, mit meiner Arbeit eine Erfahrung zu schaffen, die die  Zufriedenheit des Betrachters vertieft, intensiviert und erweitert, damit er oder sie durch die Begegnung mit dem Werk wachsen und neuen Sinn finden kann.

Am besten lässt sich das verbildlichen, indem ich meine Schaffensweise skizziere: Meine fotografische Arbeit ist durch die Tatsache motiviert, dass die Realität durchzogen ist mit widersprüchlichen Elementen, die nebeneinander bestehen und so zum Chaos und zur Unordnung führen. Die Fotografie erlaubt es mir, Ordnung in dieser mich umgebenden Unordnung zu schaffen. Zuerst denke ich über all die widersprüchlichen Elemente nach und entwickle dann eine Kernidee, die ein einheitliches Konzept ausdrückt, ohne dabei die Unterschiede zu verfälschen. Ich verwerfe bestimmte Bestandteile der Umgebung und nehme andere wiederum an, sodass ich meine Grundidee festhalten und präsentieren kann.

Meine Arbeit sollte im Kontext dessen, was mich antreibt, interpretiert werden, davon bin ich fest überzeugt. Meine Aufgabe in der Gesellschaft, als Fotograf, ist es nicht, der Gesellschaft das zu zeigen, was sie schon weiß. Ich sehe meine Rolle vielmehr als die einer empfindlichen Antenne, durch die die Gesellschaft ein Bewusstsein ihrer selbst erlangt, ihrer Sehnsüchte, Träume, Abbrüche und Fehlschläge, ihrer Vergangenheit, ihrer Gegenwart und dessen, was sie in der Zukunft sein will. Als Fotograf habe ich einen einsamen Beruf, so wie die des Schriftstellers, aber die Menschheit ist ihr zentral.

MMK/C&: Die „Göttliche Komödie“ wurde in der europäisch-nordamerikanischen Kunstgeschichte von zahlreichen Künstlern bearbeitet (wie beispielsweise von Botticelli, Delacroix, Blake, Rodin, Dalí oder Robert Rauschenberg). Inwieweit war dies im Hinblick auf die Auseinandersetzung mit dem Thema für dich von Bedeutung?

AT: Dankes „Göttliche Komödie“ hat überhaupt keine Rolle in meiner Auseinandersetzung mit dem Thema gespielt. Als ich eingeladen wurde, eine Arbeit für die Ausstellung einzureichen, war es aber interessant für mich zu entdecken, dass manche Themen, mit denen ich mich seit Jahren in meiner Arbeit befasse, Parallelen mit Dantes Ideen über die Hölle/das Fegefeuer/den Himmel aufweisen.

 

Andrew Tshabangu, Faithfuls at the station of the cross, Ngome natal, 2005, 40 x 50 cm. Courtesy of the artist and Gallery MOMO, Johannesburg

Andrew Tshabangu, Faithfuls at the station of the cross, Ngome natal, 2005, 40 x 50 cm. Courtesy of the artist and Gallery MOMO, Johannesburg

MMK/C&: Welche Rolle spielen Religion und Moral für dich in deiner künstlerischen Praxis? Was bedeuten dementsprechend die Begriffe Himmel/Hölle/Fegefeuer für dich persönlich?

AT: Seit vielen Jahren arbeite ich zu den religiösen Bräuchen in Südafrika und auf der Insel Réunion. Für mich ist es wichtig, die Menschen, die ich fotografiere, zu respektieren, auch wenn ich ihre Ansichten nicht immer teile. Für mich ist es entscheidend, dass ich mir von den Menschen, von denen ich Bilder mache, die Erlaubnis einhole, bevor ich sie während einer religiösen Zeremonie fotografiere.

MMK/C&: Die über 50 Werke in der Ausstellung sind den Bereichen Himmel, Hölle und Fegefeuer zugeordnet. Zu welchem Jenseitsreich gehört deine Arbeit? Wie ist diese Zuordnung zustande gekommen?

AT: Meine Arbeit gehört in die Kategorie Fegefeuer. Sie passt gut zu diesem Bereich des Jenseits: Im Zuge der Arbeit an den Bildern ist mir klar geworden, dass die rituellen religiösen Bräuche und Zeremonien für die Menschen, die an ihnen teilnehmen, eine gemeinschaftliche wie auch individuelle Suche nach Erneuerung darstellen, eine Antwort auf die Banalität und den Schmerz des Alltags. Ein Abwischen des alltäglichen Staubs, sozusagen. Religiöse Bräuche zeigen uns die Bedeutung, die Afrikaner der Menschheit beimessen. Für Afrikaner basiert die Religion auf der Realität, dass die Menschheit im Zentrum des Seins steht, und dass jeder Konflikt zwischen Menschen die Gemeinschaft wie auch das Individuum aus dem Einklang mit dem Universum geraten lässt. Das ist für Afrikaner das Fegefeuer, ein Zustand, der durch Sühne überwunden werden kann.

MMK/C&: Worum geht es in der Arbeit, die im MMK zu sehen ist?

AT: Es geht um religiöse Bräuche in Südafrika und auf der Insel Réunion.

Die Ausstellung The Divine Comedy: Heaven, Hell, Purgatory revisited by Contemporary African Artists kuratiert von Simon NjamiMMK / Museum für Moderne Kunst, 21.3.- 27.7.2014, Frankfurt/Main.

 

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