Im Gespräch mit Dalila Dalléas Bouzar

„Meine Bilder zeigen, dass es keine Diskontinuitäten in der Kunstgeschichte gibt.“

Dalia Dalléas Bouzars jüngste Arbeit ist Teil der Körnelia-Goldrausch Ausstellung 2013, eines von zehn Partnerprojekten der Berlin Art Week 2013.

Room. Courtesy: the artist

Room. Courtesy: the artist

By Sophie Eliot
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Die seit 2010 in Berlin lebende Künstlerin Dalila Dalléas Bouzar (*1974, Oran, Algerien), Absolventin der École nationale supérieure des beaux-arts in Paris, stellt im Rahmen der Ausstellung Körnelia-Goldrausch 2013 (eines der zehn Partnerprojekte der Berlin Art Week 2013) ihre neueste Arbeit vor. Sophie Eliot sprach mit der Künstlerin.

 

Sophie Eliot: Was bedeutet dir die Stadt Berlin?

Dalila Dalléas Bouzar: 1995 hatte ich die Gelegenheit, an einem Bildenden-Kunst-Workshop im Wannseeforum in Berlin teilzunehmen. Während dieses Aufenthaltes habe ich mein tiefes Interesse an künstlerischem Ausdruck entdeckt, und mich daraufhin entschlossen, mein Biologiestudium aufzugeben, um mich der Malerei zu widmen. Berlin war damals schon eine besondere Stadt, die einem das Gefühl von Sonderbarkeit und Freiheit gab. Seit 2004 stelle ich in Berlin aus, weswegen ich immer wieder in der Stadt war. Anders als in Paris, wo die Malerei als anachronistisch galt, bot Berlin eine Kunstszene, die offen für alle Medien war und wo die Malerei ihren berechtigten Platz einnahm. Es war aufregend, in dieser Stadt zu sein, die anspornend wirkt und wo man nicht gezügelt wird.

 

SE: Bevor du mit der Malerei angefangen hast, hast du gezeichnet. Erst 2010, als du nach Berlin gezogen bist, hast du das Zeichnen wieder aufgegriffen, in den zwei Serien Algérie Année 0 (2011-2012) und Topographie de la terreur (2012-2013). Kannst du uns ein bisschen mehr darüber erzählen?

DDB: Was das Zeichnen angeht, würde ich sagen, dass ich mich in Berlin einfach frei gefühlt habe, mich selbst zu sein. Die Serie Algérie Année 0 ist aus zwei gleichzeitigen Erfahrungen entstanden: Zum einen habe ich den Dokumentarfilm Algérie(s) von Thierry Leclère, Malek Bensmaïl und Patrice Barrat gesehen, zum anderen war es der Umstand, in Berlin zu leben, eine wahrhaftige Stadt der Erinnerungen. Der Film hat mich mit meiner eigenen Geschichte als Algerierin konfrontiert. Mir ist klar geworden, dass ich kein einziges Buch über die Geschichte meines Landes, speziell über den Algerienkrieg und den Bürgerkrieg der 1990er Jahre, besitze – obwohl ich mich in meinen Arbeiten schon immer mit der Frage von Gewalt auseinander gesetzt habe. Was Berlin betrifft, ist diese Stadt sichtbar von ihrer Geschichte gezeichnet, überall sind die Spuren traumatischer Ereignisse zu sehen, wie das Genozid an den Juden während des Zweiten Weltkriegs oder, in der neueren Geschichte, die Berliner Mauer. In Berlin habe ich die Arbeiten der Künstler Christian Boltanski, Jochen Gerz oder Gunter Demnig kennengelernt. Sie haben sich auf sehr interessanter Art und Weise mit dem Denkmal und der Weitergabe von Erinnerung beschäftigt. Infolge dieser Begegnungen reifte in mir ein Projekt mit 40 Zeichnungen ausgehend von Archivbildern aus dem Algerienkrieg und dem Bürgerkrieg. Die andere Serie, Topographie de la terreur, wurde unmittelbar inspiriert von der „Topographie des Terrors“ in Berlin, ein Dokumentationszentrum sowie eine Dauerausstellung mit einem Schwerpunkt auf dem Aufstieg des Nationalsozialismus. Diese Serie erkundet gewissermaßen die Beziehung zwischen Architektur, Innenräume und Terror. Beide Serien beschäftigen sich mit Gewalt in verschiedenen Zusammenhängen, und bringen auch den Willen zum Ausdruck, diese Gewalt zu transformieren. Für mich war es sehr wichtig, diese Arbeiten über die Vergangenheit zu realisieren, aber heute habe ich mich etwas davon distanziert. Ich bin wieder zum Portrait zurückgekehrt.

 

SE: Wirst du in der Körnelia-Ausstellung Portraits zeigen?

DDB: In dieser Ausstellung zeige ich ein Portrait in Form einer Installation aus verschiedenen Objekten: mehrere Gemälde, wovon zwei Portraits sind, eine Serie von Kleinformaten von Blumen, sowie Wachsobjekte, die ein kleines Mädchen, eine Pyramide und eine Modellwohnung darstellen. Die Portraits entstammen einer Serie mit dem Titel Taboo, die ich dieses Jahr fertig gestellt habe. Der Titel bezieht sich auf die Hemmung, die ich während meines Studiums in Frankreich gespürt habe, einfach nur zu malen, vor allem klassische Portraits. Als Algerierin, Tochter algerischer Einwanderer, habe ich den Eindruck, dass man, zumindest in Frankreich, eine bestimmte Form des künstlerischen Ausdrucks von mir erwartet, d.h. Video oder Fotografie, am Besten zu Themen wie die Banlieues, illegale Einwanderung oder das Kopftuch. Von Anfang an habe ich mich aber in einem anderen Diskurs situiert. Ich habe mir die großen Themen der westlichen Malerei angeeignet, wie das Portrait, Die Frauen von Algier von Delacroix, Die Badenden, usw. So zeigen meine Bilder, dass es keine Diskontinuitäten in der Kunstgeschichte gibt. Diese Geschichte gehört allen, denen aus den Westen genauso wie denjenigen, deren Eltern aus den ehemaligen Kolonien kommen. Es geht darum, die Kunst in eine Art Zeitlosigkeit neu zu situieren, sich dem Diskurs über die Geschichte als lineare Einbahnstraße zu verweigern. Diese Zeitlosigkeit kennzeichnet den Menschen jenseits aller Grenzen, sie überwindet Grenzen, sowohl geographische wie auch kulturelle.*

 

* Vgl. das Konzept „border thinking“ von Walter Mignolo zu der Frage der Wiederaneignung und des Détournement der vom Westen etablierten kulturellen Diskurse.

 

Die Ausstellung Körnelia-Goldrausch 2013 findet in der Galerie im Körnerpark (Schierker Straße  8, 12051 Berlin) statt. Die Ausstellung läuft bis zum 10. November 2013, und ist von Dienstag bis Sonntag zwischen 10 und 20 Uhr geöffnet. Weitere Informationen unter: www.goldrausch-kuenstlerinnen.de.

Die Website von Dalila Dalléas Bouzar: www.daliladalleas.com.

 

Sophie Eliot ist Doktorandin und Kunstkritikerin und lebt in Berlin. Zurzeit schreibt sie ihre Doktorarbeit an der Universität Oldenburg über kuratorische Praktiken in der zeitgenössischen afrikanischen Kunst.

 

Aus dem Französischen von Millay Hyatt