Addis Living

NEW HOME

Unser Autor Magnus Rosengarten sprach mit dem Organisator und Kurator Ezra Wube sowie der Künstlerin Martha Haile über das Addis Video Arts Festival.

Addis Video Arts Festival, 2016 © Ezra Wube

By Magnus Rosengarten
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Anfang des Jahres wurde das Addis Video Arts Festival zum zweiten Mal aufgelegt und präsentierte ein eklektisches Programm aus insgesamt 700 Beiträgen. Die ausgewählten Arbeiten brachten eine wahrhaft kosmopolitische Festivalatmosphäre in die gesamte äthiopische Hauptstadt. Die Werke wurden überall in der Stadt gezeigt, in Galerien, auf Werbetafeln und in kleinen Kiosken. Das sich ständig wandelnde Stadtbild von Addis Abeba diente als Inspiration für das diesjährige AVAF. Daher der Titel: NEW HOME.

Ich traf den Organisator und Kurator Ezra Wube sowie die Künstlerin Martha Haile, um mit ihnen über die Ursprünge des Festivals, Zukunftspläne und die Rolle von KünstlerInnen in dieser sich rasant verändernden Stadt zu sprechen.

Magnus Rosengarten: Welche Arbeit hast du zur Einreichung beim Addis Video Arts Festival ausgewählt?

Martha Haile: Die Arbeit ist eine Zusammenarbeit mit einer deutschen Künstlerin und trägt den Titel You Cannot Eat Money, basierend auf dem Grundprinzip der Native Americans, unsere natürlichen Ressourcen wertzuschätzen. Du kennst sicher das Gedicht: „Erst wenn der letzte Fluss vergiftet ist…“

Im Video essen wir das Geld tatsächlich und verbildlichen damit die Mühen des täglichen Lebens. Es ist eine Kritik an der kapitalistischen Welt, in der wir leben.

Addis Video Arts Festival, 2016 © Ezra Wube

Addis Video Arts Festival, 2016 © Ezra Wube

MR: Warum arbeitest du mit Video?

MH: Video hilft mir zunächst bei der Dokumentation, manchmal verwende ich Video für Installationen. Es ist auch hilfreich, um das Material unterschiedlichen Zielgruppen zu zeigen, um mit der größeren globalen Gemeinschaft zu kommunizieren. Beispielsweise beschäftigt sich eine Arbeit, die es nicht ins Festival geschafft hat, mit dem Abriss meines Viertels Kazanchis hier in Addis. Ich habe sie 2014 während der äußerst verheerenden Periode der Fremdenfeindlichkeit in Südafrika gemacht, als mehrere afrikanische Migranten umgebracht wurden. Doch ich wollte auch die brutalen Morde von ISIS und die unzähligen Geflüchteten, die im Roten Meer ertranken, thematisieren. Die Welt schien mir damals sehr beängstigend und ich entschied mich, in diesem Video Pisse als Metapher zu verwenden. Wie kann ich in dieser Welt handeln? Als Frau, als Schwarze Frau? Diese Fragen beschäftigten mich. Ich hatte mir vorgenommen auf der Straße pinkeln, und wenn man sich in Addis so umsieht, ist das Urinieren auf der Straße meist leichter für Männer. Ich trug weiße Leggings und ein weißes Hemd. Ich stand auf der Straße und wartete eine Stunde, dazwischen trank ich Bier und Wasser. Es war ziemlich schwer meinen Körper zu beherrschen und dann einfach loszulassen und zu pinkeln. Ich wollte zeigen, wie der Körper mit verschiedenen Prozessen und Ereignissen zu kämpfen hat.

MR: Warum glaubst du ist das Addis Video Arts Festival wichtig für die Zeit, in der wir gerade leben? Warum ist es besonders für äthiopische KünstlerInnen wichtig?

MH: Ich glaube, dass dieses Medium insbesondere äthiopischen KünstlerInnen die Möglichkeit gibt, mit der Kunstszene zu kommunizieren. Zurzeit sind wir auf der Suche nach Medien, die wir nutzen können, um unsere Ideen zu veranschaulichen.

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„Frightened“ Performance © Martha Haile

MR: Ezra, wie kam es zu der Idee für das Addis Video Art Festival?

Ezra Wube: Das geschah ganz natürlich. Ich wollte schon immer etwas in Äthiopien machen, weil ich in den USA lebe. Ich habe es mit verschiedenen Projekten, zum Beispiel Werkaufenthalten versucht. Doch dafür musste ich viel in Addis sein. Und dann entstand die Idee eines Video-Festivals, da ich schon an einigen teilgenommen hatte. Mir gefällt die Großzügigkeit des Mediums, das ganze Konzept des Teilens und seinen Bezug zur Öffentlichkeit.

MR: Welche Relevanz hat dieses Festival hier in Addis?

EW: Ich finde digitale Medien sind ein äußerst inspirierendes Medium und es gibt eine Menge Festivals überall auf der Welt. Doch hier gab es keins, also gab es dafür wirklich einen Bedarf. Es ist toll, dass wir als KünstlerInnen an einem Ort sein, aber trotzdem unsere Arbeiten an mehreren Orten gleichzeitig zeigen können. Die digitalen Medien sind inzwischen so leicht zugänglich, dass wir Filme auf dem Handy machen und sie nach Belieben teilen können. Ich habe mich auch auf Video verlegt, obwohl ich von der Malerei komme. Irgendwann habe ich mir gesagt, warum immer diese Objekte schaffen?

Das Festival hat sich irgendwie entwickelt und ich habe Freunde gefragt, ob sie dabei sein wollen und wir haben die erste offene Ausschreibung gestartet.

MR: Wie habt ihr euch für das diesjährige Thema entschieden?

EW: Anfangs wollte ich auf ein Thema verzichten, doch dann inspirierte mich ein Freund dazu, das Festival thematisch auszurichten. Wir entschieden uns für „New Home“ in Bezug auf Addis Abeba, weil hier so viel gebaut wird, da schwingt das Gefühl von Mobilität mit. Ein Viertel der Einwohner der Stadt werden gerade verdrängt. Es gibt Bewegung und Anpassung an Neues. Jeder Künstler, jede Künstlerin konnte das natürlich so interpretieren wie es ihm/ihr gefiel, so buchstäblich, poetisch oder wissenschaftlich wie er oder sie wollte. Abgesehen von der digitalen Welt, die ebenfalls ein „New Home“, ein neues Zuhause ist.

MR: Wo siehst du zurzeit die Rolle „Äthiopischer Video/Kunst“? Auch im Verhältnis zum westlichen Kanon?

EW: Ich denke, die Dinge verändern sich ständig. Je beständiger man jedoch ist, desto höher ist das Vermarktungspotential. Die Vermarktung stellt Ansprüche. Selbst für mich ist beispielsweise die Bedeutung von Addis Abeba sehr vielschichtig, sehr verwirrend. Dann gibt es noch Äthiopien und Afrika als Landkarte oder einfach als Phantasievorstellung. Ich persönlich glaube, dass man eine Beziehung zu einem Ort hat, zu einer Kultur oder Besitz. Das ist Teil unserer Ausstattung. Das bedeutet Afrika für mich. Es gibt da keine feste Grenzlinie. Ginge es um einen Gegenstand, wäre das einleuchtend, doch wir leben, wir verändern uns. Wir vergessen Dinge. Wir häufen ständig Dinge an. Aber noch einmal, der Markt stellt Forderungen und zwingt Kunstschaffende dazu, beständig zu sein oder sich dem anzupassen, was der Markt erwartet oder steuert.

Addis Video Arts Festival, 2016 © Ezra Wube

Addis Video Arts Festival, 2016 © Ezra Wube

MR: Ich denke gerade, dass Storytelling ein wichtiger Aspekt von Videokunst sein kann. Egal ob abstrakt, fragmentarisch oder zusammenhängend. Was denkst du, welche Geschichten erzählst du mit diesem Medium?

EW: Meine Arbeit greift stark auf die Vergangenheit zurück. Ich lasse mich vom Alltag in Überschneidung mit Autobiografischem inspirieren, von Dingen, die ich erlebt habe. Gegenwärtig arbeite ich an einem Projekt, das sich mit Äthiopien in den 1980er Jahren beschäftigt, ich verbinde es mit meinen persönlichen Erinnerungen, der Kultur, in der ich aufgewachsen bin, den Fernsehsendungen, die wir uns ansahen. Mir geht es nicht darum, Stellvertreter für etwas zu sein, aber natürlich gibt es diese Mystik bezogen auf eine gewisse Weltferne, unsere Vorstellungen von anderen Kulturen, es gibt immer eine Neugier, ein Interesse. Ich versuche so ehrlich wie möglich zu sein und eine Wahrheit über mich offenzulegen. Doch es bleibt eine Grenzerfahrung, denn das Persönliche ist politisch und das Politische ist persönlich.

MR: Zum Schluss möchte ich dich fragen, was deiner Meinung nach die Themen oder Konflikte sind, die äthiopische KünstlerInnen hier in Addis zurzeit bewegen. Was siehst du da?

EW: Aufgeschlossenheit für Ideen und Austausch ebenso wie für Kommunikation. Das hoffe ich mit dem Addis Video Art Festival zwischen den Welten und Kulturen, in denen wir leben, zu erreichen. Wir wollen wirklich eine Plattform dafür schaffen. Stell dir vor, dass jemand in Sibirien die gleichen Fragen oder Frustrationen hat. Ich möchte das Menschsein aus einer 360-Grad-Perspektive wiedergeben.

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Magnus Rosengarten ist Filmemacher, Autor und Journalist aus Deutschland. Er lebt z.Zt. in New York, wo er einen Master in Performance Studies an der NYU macht.