EVA International Biennale

Wir warten nicht mehr auf die Barbaren

Liese van der Watt zu Besuch auf der von Koyo Kouoh kuratierten irischen Biennale in Limerick.

shot from EVA International – Ireland’s Biennial, 2016, Photo Miriam O’Connor, Courtesy the artist and EVA International - Ireland’s Biennial, Still (the) Barbarians, Limerick City, Ireland, 16 April – 17 July 2016, www.eva.ie

By Liese van der Watt
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Am Morgen der Eröffnung von Still (the) Barbarians, der dritten EVA International Biennale in Limerick, die von Koyo Kouoh kuratiert wird, erfahren wir, dass das senegalesische Rap-Duo Journal Rappé, das zur Eröffnung auftreten sollte, von der Royal Air Maroc abgewiesen wurde, weil die Beamten annahmen, die Künstler reisten mit gefälschten Visa. Nachdem das kuratorische Team und die MitarbeiterInnen von EVA enorme Anstrengungen unternommen haben, überhaupt Besuchervisa für alle KünstlerInnen zu bekommen, ist es ganz besonders frustrierend, wenn langwierige bürokratische Prozeduren so leicht von einem namenlosen Angestellten zunichte gemacht werden können. Überraschend ist dies keineswegs: in einer von Einreisekontrollen und dem ängstlichen Bewachen von Eingängen und Ausgängen geplagten Welt, hat sich die Überwachung der Bewegungsfreiheit zu einem mächtigen Instrument in den Händen der Privilegierten entwickelt.

Dieser Vorfall hält all unseren Vorurteilen den Spiegel vor und, als sei es ein durchdachtes Performance-Stück, ist dies ein äußerst passendes Echo auf den konzeptionellen Rahmen der Schau. Mit dem von ihr gewählten Titel bezieht sich Kouoh auf ein Gedicht von Konstantínos Kaváfis aus dem Jahre 1898: „Warten auf die Barbaren“, allerdings kommt mir zwangsläufig der gleichnamige, mit dem Booker Prize ausgezeichneten Roman des südafrikanischen Autors JM Coetzee in den Sinn, wenn ich an den Vorfall denke. Coetzees Roman macht deutlich, dass wir nicht auf die Barbaren zu warten brauchen, denn sie sind schon mitten unter uns: sie sind hier, sie sind jetzt hier, und sie sind wir.

Das „Jetzt“ dieser Biennale ist eine postkoloniale Welt, in der sich die Auswirkungen des Kolonialismus noch immer täglich bemerkbar machen – in politischer, geografischer, psychologischer, intellektueller und physischer Hinsicht. Es ist eine Realität, die Kouohs theoretische Herangehensweise in ihrer gesamten Arbeit beharrlich geprägt hat und sich in den Projekten ihrer Kunststiftung RAW Materials in Dakar niederschlägt, wo Ausstellungen, Residenzen und Bildungsprogramme durchgeführt werden.
Still (the) Barbarians beschwört eine Welt persönlicher Mittäterschaft, ungleicher Chancen, hybrider Formen, asymmetrischer Machtverhältnisse, finanzieller Unverhältnismäßigkeit herauf. Es ist eine postkoloniale Welt, die afrikanischen Menschen sehr vertraut ist, doch Kouoh erweitert diese um Irland, das sie als den ersten Ort interpretiert, an dem England seine Landnahmepolitik praktizierte, lange bevor es sein Reich rund um den Globus ausdehnte. Das ist eine gewagte Aussage, vor allem wenn sie hinzufügt, dass Irlands Postkolonialität im heutigen Irland nicht gerade ein viel diskutiertes Thema ist (und unter meinen anwesenden irischen FreundInnen äußerst umstritten, denn deren Einführung in geopolitische Zusammenhänge lässt sich offenbar auf die Botschaft „fuck the English“ reduzieren.) Mit dieser postkolonialen Schwerpunktsetzung scheint es passend, dass genau diese Biennale mit dem einhundertjährigen Jubiläum des Osteraufstands zusammenfällt, der Rebellion, die Irland die Unabhängigkeit von britischer Herrschaft einbrachte. Im Zusammenhang mit dem Umdenkprozess hinsichtlich Irlands kolonialer Belastungen hat Kouoh darauf bestanden, den Ausstellungskatalog auf Englisch und Irisch-Gälisch zu verfassen, eine einfache symbolische Geste, die aber sehr bedeutsam ist.

Public Studio, Road Movie (2015), 6-channel video installation, sound installation with 6 megaphones and LED lights; 3 walls, each 7 x 12 feet, 52 min (26 min each side)Photo Miriam O'Connor, Courtesy Public Studio, National Film Board of Canada and EVA International - Ireland’s Biennial, Still (the) Barbarians, Limerick City, Ireland, 16 April – 17 July 2016, www.eva.ie

Public Studio, Road Movie (2015), 6-channel video installation, sound installation with 6 megaphones and LED lights; 3 walls, each 7 x 12 feet, 52 min (26 min each side)Photo Miriam O’Connor, Courtesy Public Studio, National Film Board of Canada and EVA International – Ireland’s Biennial, Still (the) Barbarians, Limerick City, Ireland, 16 April – 17 July 2016, www.eva.ie

Die 57 hier ausgestellten KünstlerInnen – die entweder eingeladen oder über eine Ausschreibung aufgenommen wurden – gehen von diversen geopolitischen Standorten aus und auf unterschiedlichste Weisen auf aktuelle postkoloniale Situationen ein. Beispielsweise ist unsere materielle Welt ausnahmslos durch unsere Geschichte(n) geprägt, so wie Gebäude errichtet werden, um einzuschließen oder auszuschließen, und viele Formen der Ausbeutung Narben in den Landschaften hinterlassen. Das Kanadische Duo Public Space zeigt die umwerfende Videoprojektion Road Movie auf sechs Leinwänden, die ein segregiertes Straßensystem zeigt, das in der West Bank durch die israelische Militärkontrolle errichtet wurde. Im Zeitraffer gefilmt und mit einem atmosphärischen, besinnlichen Soundtrack unterlegt, bereisen die Filme diese ‚Apartheid‘-Straßen und fangen Momentaufnahmen des zerrissenen Alltags der Menschen ein. Auszüge aus Berichten sind jeweils auf beide Seiten der drei riesigen, versetzt angeordneten Leinwände projiziert, so dass es für die/den Betrachtenden unmöglich ist, alles von einem Standort aus zu sehen, und die Filme buchstäblich in unterschiedliche Folgen aufgeteilt werden.

Mit einem ähnlichen Interesse an Raum hat sich der in New York lebende Künstler Michael Joo eines verfallenen historischen Hauses am Stadtrand von Limerick – das Sailor’s Home – angenommen, und belebt den Raum mit der für ihn typischen Vielschichtigkeit und Subtilität mit Videoinstallationen und einer Umnutzung eingebauter Balken und baulicher Besonderheiten neu. Mit der Projektion der Aufnahme eines ausgezehrten pakistanischen Buddhas aus dem dritten Jahrhundert, gefilmt im British Museum, auf diese sehr irische, doch vergessene Alltagsszenerie, die das Leben von Matrosen widerspielgelt, stellt er Handelsketten, Geschichte, Austausch und Migration nebeneinander. Ohne Beschreibungen oder Beschriftungen der Werke (abgesehen von einer Biennale-Zeitung mit Titeln und Karten) müssen sich BesucherInnen ziemlich anstrengen, um Arbeiten wie die von Joo in Kouohs kuratorischer Vision rund um Barbaren, BürgerInnen und Poskolonialität zu verorten, doch durch die Verwendung grundverschiedener Elemente und gespenstischer Überbleibsel, spricht das Werk des Künstlers deutlich von kollidierenden Geschichten und Identitäten. Man muss nur zuhören, fühlen. Und wirklich nachdenken.

Theo Eshetu, Trip to Mount Zuqulla (2015), Video installation, 7 min, loop, Installation view at EVA International – Ireland’s Biennial 2016, Photo Miriam O'Connor, Courtesy the artist, Tiwani Contemporary and EVA International - Ireland’s Biennial, Still (the) Barbarians, Limerick City, Ireland, 16 April – 17 July 2016, www.eva.ie

Theo Eshetu, Trip to Mount Zuqulla (2015), Video installation, 7 min, loop, Installation view at EVA International – Ireland’s Biennial 2016, Photo Miriam O’Connor, Courtesy the artist, Tiwani Contemporary and EVA International – Ireland’s Biennial, Still (the) Barbarians, Limerick City, Ireland, 16 April – 17 July 2016, www.eva.ie

Vielleicht täten sich BesucherInnen der Biennale in Limerick leichter damit, Werke, die sich mit Afrika befassen, oder von afrikanischen oder afrikanisch-diasporischen Kunstschaffenden stammen, in den konzeptionellen Rahmen der Schau einzuordnen, da so viele dieser KünstlerInnen ein Bindestrich-Leben leben, geformt durch die eigene Geschichte. Beispielsweise dokumentiert die Projektion auf drei Leinwänden von Theo Eshetu ein kreatives Ritual, das aus der Fusion unterschiedlicher Religionen entstanden ist. Gefilmt wurde eine Pilgerreise an einen heiligen Ort, den Zuqualla in Äthiopien. Mit dem Schwerpunkt auf den transkulturellen Aspekten verschiedener Glaubenssysteme und untermalt von einem Soundtrack aus Hip-Hop und Bach, veranschaulicht das Werk eine Gegenwart, die reich ist an Synkretismen.

Godfried Donkors Rebel Madonna Lace Collection erzählt eine Geschichte von gegenseitiger Befruchtung und Handelsverkehr mit dem Medium der Spitze, einem wiederkehrenden Thema in Donkors Arbeit, die sich mit der Arbeit versklavter Menschen beschäftigt, die das Baumwollgarn lieferten für das, was im Westen zu einem erlesenen Statussymbol wurde. In Zusammenarbeit mit KunsthandwerkerInnen aus Limerick, wo die Herstellung von Spitze ein altes und inzwischen bedrohtes Handwerk ist, wurde anhand einer von Donkors großen Wandzeichnungen des heutigen Kumasi in Ghana ein komplexes Spitzenwerk hergestellt. Daneben sind zwei Schaufensterpuppen platziert, die den in Ghana beliebten maschinell gefertigten westafrikanischen Spitzenstoff tragen. In einer Zwangsjacke und einem orangefarbenen Gefängnisoverall sprechen diese dreidimensionalen Beispiele von den Bedingungen der Spitzenproduktion in Limerick, wobei sie auf Assoziationen mit Isolation, Inhaftierung, Geduld, Freiheit sowie Reichtum und Schönheit anspielen. In dieser Installation verbinden Vergangenheit und Gegenwart das Lokale mit dem Globalen, und erfassen dabei das vielschichtige Netzwerk von Handel und Verkehr – in einem Kunstwerk, das auch eine sehr persönliche Geschichte erzählt.

Godfried Donkor, Rebel Madonna Lace Collection (2016), Installation shot from EVA International – Ireland’s Biennial, 2016, Photo Miriam O’Connor, Courtesy the artist and EVA International - Ireland’s Biennial, Still (the) Barbarians, Limerick City, Ireland, 16 April – 17 July 2016, www.eva.ie

Godfried Donkor, Rebel Madonna Lace Collection (2016), Installation shot from EVA International – Ireland’s Biennial, 2016, Photo Miriam O’Connor, Courtesy the artist and EVA International – Ireland’s Biennial, Still (the) Barbarians, Limerick City, Ireland, 16 April – 17 July 2016, www.eva.ie

Neben den Auswirkungen des Postkolonialen auf die materielle Umgebung, auf die Architektur und auf persönliche Geschichten von Migration und kultureller Anpassung, spiegeln insbesondere Projekte, bei denen es um Übersetzung geht, die postkoloniale Situation wider. Abgesehen von der Übersetzung des Katalogs zeigt sich dies auch indirekt im Werk des in Bamako lebenden Abdoulaye Konaté, der zwei riesige Textilarbeiten aus seiner Butterfly-Reihe präsentiert. Er richtet den Blick des Malers auf diese gewissermaßen abstrakten Arbeiten, die den schwachen Umriss eines Schmetterlings in unendlichen Farbabstufungen zeigen, die er mit absoluter Präzision auswählt. Das Material sind unbehandelte oder gefärbte Stoffe aus Mali, und die Farben sind der Umgebung des Künstlers entnommen: die Indigotöne der halbnomadischen Tuareg im Nordosten Malis, eine andere Familie von Blautönen von der Farbe des Wassers und des Nigers, weiß von den Arabern aus Mali, die Rottöne der Erde. Auf diese Weise übersetzt Konaté ästhetisch die Welt, die ihn umgibt in eine bildliche Form – hier die eines zerbrechlichen Schmetterlings, den er in Bezug setzt mit der Zerbrechlichkeit der postkolonialen afrikanischen Nationen.

Abdoulaye Konate, Le Papillon Bleu (2016), Installation shot from EVA International – Ireland’s Biennial, 2016, Photo Miriam O’Connor, Courtesy the artist, Blain|Southern and EVA International - Ireland’s Biennial, Still (the) Barbarians, Limerick City, Ireland, 16 April – 17 July 2016, www.eva.ie

Abdoulaye Konate, Le Papillon Bleu (2016), Installation shot from EVA International – Ireland’s Biennial, 2016, Photo Miriam O’Connor, Courtesy the artist, Blain|Southern and EVA International – Ireland’s Biennial, Still (the) Barbarians, Limerick City, Ireland, 16 April – 17 July 2016, www.eva.ie

Wie viele Kunstwerke in dieser zum Nachdenken anregenden Schau kommunizieren Konatés Textilarbeiten auf mehreren Ebenen, allerdings kommt man nicht so leicht darauf, wie sie in den konzeptionellen Rahmen der Biennale passen. Die fehlenden Beschreibungen der Kunstobjekte machen es auch nicht leichter, und obwohl das die Betrachtenden dazu zwingt, sich mit einem Werk zu befassen bevor sie auf einen vermittelnden Text zurückgreifen, braucht es oft einer gewissen Erklärung, um zu irgendeiner Interpretation zu kommen – wie ich auch einige BesucherInnen bemängeln hörte.

Doch genau diese reichhaltige und unterschiedliche Mischung von Werken – eine recht eigenwillige Auswahl, die wahrscheinlich teilweise auf Kouohs afrikanische Verbindungen zurückzuführen ist, ebenso wie auf ihre internationalen Kontakte – sorgt für eine anregende Ausstellung. Diese KünstlerInnen sind inzwischen weit davon entfernt, auf irgendwelche Barbaren zu warten: sie haben sie/uns erkannt und setzen sich bereits kreativ und produktiv mit ihnen auseinander.

The exhibition Still (the) Barbarians, the third EVA International Biennale in Limerick, is running until 7th July.

See more installation shots of the exhibition here on Contemporary And

 

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