Im Gespräch mit kate-hers RHEE

Schwarz Asiatisch Weiß: Die Rassistische Triangulation

Die südkoreanisch-US‑amerikanische Künstlerin kate-hers RHEE erforscht in ihrer interdisziplinären Kunstpraxis die Racial Triangulation zwischen Schwarzen, asiatischen und weißen Menschen. C& sprach mit der Künstlerin, die heute in Berlin lebt, über ihre Erkenntnisse und über Racial Triangulation im deutschen Kontext.

kate-hers RHEE, And then there were none. ©2013, performance HD video and C-Print photography, courtesy of the artist

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Contemporary And (C&:) Eines deiner zentralen Themen ist die Racial Triangulation zwischen Schwarzen, Asiat*innen und Anderen (Weißen). Wegweisend waren dabei die Statements von Claire J. Kim, die die Erfahrungen der asiatisch-amerikanischen und afroamerikanischen Communities zueinander in Bezug gesetzt hat. Kannst du uns diesen Ansatz etwas erläutern?

kate-hers RHEE: Während meines Studiums an der University of California – Irvine habe ich einen Kurs bei der Politikwissenschaftlerin Claire J. Kim belegt. Das war ein sehr prägender Moment für mich, hier konnte ich meine vielfältigen, verwirrenden Erfahrungen als nicht-weiße, nicht-Schwarze Person, die ich in einem massiv segregierten Vorort von Detroit aufgewachsen und in der ähnlich rassistisch aufgeladenen Stadt Chicago zum College gegangen war, einfließen lassen. In ihrer Theorie der Racial Triangulation erklärt Kim: “… Asian-Americans have been racialized relative to and through interaction with Whites and Blacks. As such, the respective racialization trajectories of these groups are profoundly related.” (… die asiatischen Amerikaner_innen wurden in Beziehung auf und über ihre Interaktion mit Weißen und Schwarzen rassifiziert. Insofern sind auch die jeweiligen Verläufe der Rassifizierungen dieser Gruppen eng miteinander verbunden und aufeinander bezogen).

Racial Triangulation materialisiert sich über zwei Prozesse und dient letztlich der Stärkung der Macht und Privilegien der Weißen. In der Mainstream-Wertung haben Asiat*innen einen höheren Stand als Schwarze, zitiert werden etwa die Arbeitsmoral und der materielle Erfolg der Asiat*innen und implizite Defizite letzterer Gruppe. Gleichzeitig jedoch werden asiatische, anders als Schwarze Menschen, nach wie vor als alien (fremd, ausländisch, außerirdisch), als apolitisch, als nicht an die Mainstream-Kultur assimilierbar wahrgenommen, jedenfalls nicht als echte Amerikaner*innen. In den 1960er Jahren bekam die asiatische Bevölkerung ihren Ruf als Model Minority, als die vorbildliche Minderheit, und dieser Mythos plagt seitdem die Beziehungen zwischen asiatischen Amerikaner*innen (der „guten Minderheit“) und Schwarzen und Latino*s (den „defizitären Minderheiten“).
Als ich dann meine ersten Erfahrungen mit der Wahrnehmung von Schwarzsein in der weißen deutschen Mehrheitsgesellschaft machte, begann ich unwillkürlich, darüber nachzudenken, wie diese sich auf die Wahrnehmung von Asiatisch-Sein in Deutschland auswirkt.

kate-hers RHEE, Black Projection Grid 1, 2, 3, ©2014, each work consists of 49 corks on wood panel, 30 x 30 cm, photo credit: Aleks Slota

C&: Du hast Deine Erfahrungen als in Berlin lebende südkoreanisch‑US‑amerikanische Künstlerin analysiert. Ein wichtiger Referenzpunkt waren für dich dabei insbesondere auch die Erfahrungen von Schwarzen Menschen. Welche Erkenntnisse hast du in Bezug auf deine eigenen Erfahrungen daraus gewinnen können?

khR: Ich glaube, ich habe schon allein deswegen angefangen, mir anzuschauen, wie Schwarze Menschen und die Schwarze Kultur in der deutschen Kultur und Sprache dargestellt werden, weil mir das sehr vertraut war, da ich mich in meinem Leben bisher immer irgendwo zwischen der Minderheit und der Mehrheit verorten musste. In meinen Arbeiten gehe ich allerdings nicht so sehr auf die unmittelbaren persönlichen Erfahrungen von Schwarzen Menschen ein. Ich zeige eher auf, wie Schwarzsein in der weißen deutschen Mehrheitsgesellschaft repräsentiert wird. Ein Beispiel hierfür ist etwa der deutsche „Schokokuss“ (der früher eine andere, abwertende Bezeichnung hatte, „N‑Kuss“). Gleichzeitig mache ich mit all diesen Arbeiten aber immer auch auf meine Position als nicht-Schwarze asiatisch-amerikanische Künstlerin aufmerksam. So habe mich etwa mit den folgenden Frage beschäftigt: Was bedeutet es für einen nicht Schwarzen Menschen, sich mit Schwarzsein auseinanderzusetzen? Wie kann ich zu einem Diskurs über race beitragen, wenn der sprachliche Rahmen, in dem ich mich bewege, es mir oftmals nur ermöglicht, mich in Begriffen von Schwarz und weiß auszudrücken? Wenn ich Ungerechtigkeiten gegenüber Schwarzen Menschen benenne und öffentlich mache, ist diese Aufgabe auch essentiell für mich, um meine eigene Unterdrückung – nicht nur als Opfer von Diskriminierung, sondern auch als Person, mit einer impliziten Voreingenommenheit – zu verstehen und zu überwinden. Jede Art von Othering betrifft und hat Auswirkungen auf uns alle, die wir außerhalb der Norm stehen.

kate-hers RHEE, Fidschi Saft für eine Gute Reise nach Hause (Fiji Juice for a Nice Trip Back Home), Installation shot at SOMA Gallery – Berlin 2017, 5 Fiji Water Bottles and the Artist’s Urine, 24,5 x 7 x 7 cm, photo credit: Aleks Slota

C&: In diesem Sinne interessiert es dich auch, komplexe Prozesse zu erforschen und zu untersuchen, wie Körper von People of Colour (re)produziert, reduziert und essentialisiert werden. Ein Beispiel hierfür ist deine Arbeit „Fidschi“, kannst du uns darüber ein bisschen mehr erzählen?

khR: Dem Ausdruck „Fidschi” als verbaler Beleidigung bin ich erstmals 2009 begegnet, in meinem ersten Jahr in Berlin. Ich war mit einem asiatisch-deutschen Freund unterwegs, vor dem U-Bahnhof Eberswalder Straße, hinter uns liefen zwei weiße Männer, denen wir auf dem Gehsteig versehentlich den Weg abschnitten. Einer dieser beiden Hooligans nannte uns „Fidschi“. Ich war noch neu in Berlin und in der deutschen Sprache und verstand also gar nicht, was er sagte. Ich erinnere mich nur, dass ich beeindruckt war, als mein Begleiter unserem Verbal-Angreifer ein nonchalantes: “Verpiss dich!” entgegensetzte. Als wir keine weitere emotionale Reaktion zu erkennen gaben, wurde der Rassist dann zunehmend hysterisch, fing an zu brüllen und Obszönitäten von sich zu geben. Und ein paar Jahre später hörte ich einmal, wie ein Mann, der mich in einem U‑Bahnhof gerade nach einer Zigarette gefragt hatte, losbrüllte: „Wo sind die verfickten Fidschis?“ Offenbar hatte er erwartet, ich würde ich dort illegal Zigaretten verkaufen.

Diese neuere Arbeit heißt „Fidschi Saft für eine Gute Reise nach Hause“ (Fiji Juice for a Nice Trip Back Home). Sie besteht aus Fiji-Wasserflaschen, die mit meinem eigenen Urin befüllt sind. Die Bezeichnung „Fidschi“ als Schimpfwort hat ihren Ursprung in der DDR, wo es benutzt wurde, um Menschen mit vietnamesischer oder ostasiatischer Herkunft zu diskriminieren und herabzuwürdigen. Der Titel meiner Arbeit verweist auf den Refrain eines Songs der Neonazi-Band Landser: „Fidschi, Fidschi, Gute Reise“.

kate-hers RHEE, 7 Drawings, 28 Kisses, ©2013, performance, photo credit: Aleks Slota

C&: Eine anderes Werk von dir ist die Performance „And then there were none“, eine Gemeinschaftsarbeit mit Abbéy Odunlami. Worum geht es darin und woher kommt der Titel?

khR: Die Performance gehört zu einer Serie, die ich 2012 bis 2014 mit Abbéy Odunlami zusammen produziert habe, und in der ich die frühere Bezeichnung der deutschen Süßigkeit, N-Kuss, als ein kulturelles Artefakt interpretiere, in einer Art Annäherung an ein Verständnis der deutsche Kultur. Ich war weißen Deutschen begegnet, die in der Umgangssprache nach wie vor den alten rassistischen Begriff verwenden, und mir war aufgefallen, wie gleichgültig sie damit umgingen, ohne jegliche Ironie. Gleichzeitig schien es jedoch immer so, auch wenn das nicht artikuliert wurde, als ob mit diesem Begriff moralisch etwas nicht ganz in Ordnung ist, denn ich habe niemals erlebt, dass jemand dieses Wort in Anwesenheit einer Schwarzen Person ausgesprochen hätte.

In dieser Performance spiele ich die weibliche Figur und der nigerianisch-amerikanische Künstler Abbéy Odunlami spielt mein Gegenüber. Wir performen ein seltsames, sadistisches Kuss-Ritual. Vordergründig scheint Abbéy die gesamte Szene zu kontrollieren. Er platziert jeweils einen Schokokuss in meinen Mund und bewegt sich dann mit seinem Mund auf meinen zu. Insgesamt zehn Mal. Dabei verändert sich sein Verhalten allmählich, erst ist es langsam und kontrolliert, dann plötzlich aggressiv oder auch leidenschaftlich, das bleibt der Interpretation der zuschauenden Person überlassen. Wenn wir uns auf diese vulnerable Konfrontation zwischen einer asiatischen Frau und einem Schwarzen Mann konzentrieren, fällt vor allem aber noch etwas auf: die Abwesenheit einer weißen Figur. Dieses Fehlen von Whiteness ist beabsichtigt und ist nur präsent, wenn es einen potenziellen weißen Betrachter gibt.

 

Aus dem Englischen von Anke Mai.