Im Gespräch mit Ato Malinda

“Diese Arbeit erzählt von der afrikanischen Hybridität”

C& ist Mediapartner der Ausstellung “The Divine Comedy: Heaven, Hell, Purgatory revisited by Contemporary African Artists”. Exklusiw wird C& mit allen teilnehmenden KünstlerInnen sprechen.

Ato Malinda, On Fait Ensemble, 2010, Filmstill, courtesy: the artist

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MMK/C&: Ausgangspunkt der Ausstellung ist Dantes „Göttliche Komödie“. Welche Rolle hat im Vorfeld der Ausstellung die Auseinandersetzung mit Dantes Dichtung für dich gespielt?

Ato Malinda: Einzelne Passagen eines jeden Teils hatte ich während meines Studiums gelesen, daher war mir der Text bekannt. Zur Vorbereitung der Ausstellung habe ich sie teilweise noch einmal gelesen (aber nicht alles).

MMK/C&: Mit ihrer Verbindung von christlichen Glaubens- und Moralvorstellungen und antiken heidnischen Themen steht die „Göttliche Komödie“ für eine tiefgreifend eurozentrische Vorstellung von Gesellschaft, Werten und Kultur. Diese europäische Deutungshoheit soll mit der Ausstellung aufgebrochen und neu betrachtet werden. Inwieweit glaubst du, dass mit diesem Ansatz eine generelle Hinterfragung eines eurozentrischen Deutungshorizonts stattfinden kann?

AM: Ich nehme die Ausstellung nicht so wahr, dass sie darauf ausgerichtet ist, die europäische Hegemonie hervorzuheben. Nach meinem Verständnis wollte Simon afrikanische Kunst in eine Linie mit der Metapher von Dantes Dichtung stellen. Das heißt nicht, dass im Kontext, in dem die Ausstellung gezeigt wird, Eurozentrismus und Post-Kolonialismus nicht bewusst gemacht werden. Vielmehr geht es in dieser Ausstellung für mich darum, sich von den üblichen Kontexten, in die afrikanische KünstlerInnen dauernd gestellt werden, abzuwenden, und wirklich über (die Erfahrung von) Kunst und Dichtung zu sprechen.

MMK/C&: Die „Göttliche Komödie“ wurde in der europäisch-nordamerikanischen Kunstgeschichte von zahlreichen Künstlern bearbeitet (wie beispielsweise von Botticelli, Delacroix, Blake, Rodin, Dalí oder Robert Rauschenberg). Inwieweit war dies im Hinblick auf die Auseinandersetzung mit dem Thema für dich von Bedeutung?

AM: Natürlich war mir die Bedeutung der Komödie bewusst, aber ich habe mir die Interpretationen anderer KünstlerInnen nicht angesehen.

MMK/C&: Welche Rolle spielen Religion und Moral für dich in deiner künstlerischen Praxis? Was bedeuten dementsprechend die Begriffe Himmel/Hölle/Fegefeuer für dich persönlich?

AM: Ich interessiere mich sehr für afrikanischen Paganismus und finde vorkoloniale Gottesverehrung unheimlich fesselnd und angebracht. Die Begriffe Himmel, Hölle und Fegefeuer beziehen sich auf eine monotheistische Gottesverehrung, die ich als einschränkend empfinde. Natürlich ist das eine persönliche Sichtweise, da man zu solchen Themen nie für andere sprechen kann.

MMK/C&: Die über 50 Werke in der Ausstellung sind den Bereichen Himmel, Hölle und Fegefeuer zugeordnet. Zu welchem Jenseitsreich gehört deine Arbeit? Wie ist diese Zuordnung zustande gekommen?

AM: Meine Arbeit gehört ins Fegefeuer. Ich finde, ich passe gut ins Fegefeuer. Ich gebe nie vor, irgendwelche eindeutigen Antworten zu haben und finde, dass es in meinem Leben und meiner Arbeit darum geht, den Raum zu finden, um die Unwägbarkeit des Lebens anzunehmen. Die Arbeit, die ich für diese Ausstellung eingereicht habe, erzählt von der afrikanischen Hybridität; einer afrikanischen Identität, die Einflüsse aus Asien und Europa hat; einer afrikanischen Identität, die der Authentizität trotzt.

MMK/C&: Worum geht es in der Arbeit, die im MMK zu sehen ist?

AM: Wie oben schon erwähnt, geht es in der Arbeit um Afrika im 21. Jahrhundert. Sie erzählt die Geschichte eines paganistischen Glaubens, der durch die Migrationsbewegungen des Kolonialismus beeinflusst wurde. Im Video geht es um die uralte afrikanische Wassergöttin Mami Wata, die lange vor der Ankunft der EuropäerInnen von AfrikanerInnen verehrt wurde, jedoch erst im 15. Jahrhundert in die Geschichtsschreibung einging. Festgehalten wurde, dass die AfrikanerInnen seit der Sichtung europäischer Schiffe Wassergottheiten mit den EuropäerInnen verbinden. Während des Kolonialismus, in den 1880er Jahren, brachte der bekannte deutsche Jäger Breitwieser eine Ehefrau aus Südostasien nach Deutschland. Unter dem Künstlerinnennamen „Maladamatjaute“ trat Breitwiesers Frau als Schlangenbeschwörerin in Hamburg in der Völkerschau im Tierpark Hagenbeck auf, letztendlich einem menschlichen Zoo. Die Hamburger Druckerei von Adolph Friedländer druckte eine Chromolithographie der Schlangenbeschwörerin, deren Original niemals wieder auftauchte. Allerdings entstand 1955 ein Nachdruck des Bildes in Bombay, Indien, nachdem es aus Ghana dorthin geschickt wurde. Unklar ist, wie genau das Bild nach Westafrika gelangte, doch wird vermutet, dass afrikanische Matrosen es von Hamburg mitnahmen, als sie in Deutschland waren. Bei seiner Ankunft in Afrika erklärten die Einheimischen, die darauf abgebildete Maladamatjaute habe Ähnlichkeit mit Mami Wata. Das Bild hat sich seitdem auf dem gesamten afrikanischen Kontinent als Mami Wata, die Schlangenbeschwörerin verbreitet. On Fait Ensemble legt in metaphorischer Weise nahe, dass dieses Bild von den EuropäerInnen kam. Dies geschieht durch die Markt-Performance von Papai Wata. Papai Wata, Mami Watas Gefährte in traditionellen beninischen Zeremonien, symbolisiert den europäischen Mann und wird im Video in Weiss dargestellt.

Ato Malinda, On Fait Ensemble, 2010, Filmstill, courtesy: the artist

Ato Malinda, On Fait Ensemble, 2010, Filmstill, courtesy: the artist

 

Die Ausstellung  The Divine Comedy: Heaven, Hell, Purgatory revisited by Contemporary African Artists kuratiert von Simon NjamiMMK / Museum für Moderne Kunst, 21 März – 27 Julyi 2014, Frankfurt/Main.

 

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