Tintin in Africa:

Warhol in Nordafrika

Eine neue, gelegentliche Kolumne zu den Höhen, Tiefen und dem chaotischen Dazwischen, wenn Weiße in Afrika Urlaub machen. In dieser Auftaktkolumne besucht Andy Warhol Afrika – zweimal.

Andy Warhol, Queen Ntombi Twala Of Swaziland, 1985.

By Sean O'Toole
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Lange bevor er zum ironischen Refrain mit Silberperücke wurde, war Andy Warhol ein schüchterner und wenig gereister Illustrator, der mit niedlichen Zeichnungen von Damenschuhen in die Kunstszene eintrat. Im Jahre1956, dem gleichen Jahr, in dem eine von Warhols Schuhzeichnungen in Tusche und Temperafarbe für die Gruppenausstellung ‚Recent Drawings USA‘ im MoMA ausgewählt wurde (das Werk wurde später von der gleichen Institution abgelehnt, als er sie der ständigen Sammlung schenken wollte), begab sich Warhol auf eine zweimonatige Auslandstour mit dem Bühnenbildner Charles Lisanby.

Auf dem Weg nach Westen machten die beiden New Yorker – vorwiegend Geliebte, auf jeden Fall Freunde – Zwischenstopps in San Francisco und Honolulu, bevor sie weiter nach Japan und dann nach Indonesien, Kambodscha, Thailand, Indien, Ägypten und zuletzt Italien reisten.

Warhols erster Besuch in Afrika war kurz. Er kam 1956 mit dem Flugzeug in Kairo an, vier Jahre nachdem ein Militärputsch die Herrschaft des ägyptischen Königs Farouk stürzte und damit Ägyptens eigenartige Militärrepublik einführte – die sich bis heute gehalten hat. Zufällig eröffnete Ägypten auch seinen Dauerpavillon im venezianischen Giardini, im gleichen revolutionären Jahr, als Gamal Abdel Nasser und Muhammad Neguib ihren republikanischen Putsch durchführten.

Warhol traf ein kurz nachdem Neguib als Führer verdrängt und Nasser als neuer Präsident der unbeständigen Republik bestätigt worden war. Als gewiefter Politiker, dem Ägyptens geopolitische Bedeutung insbesondere als Transitroute für Schiffe und kulturelles Zentrum bewusst war, baute Nasser geschickt die Rivalitäten des Kalten Krieges zum Vorteil Ägyptens aus. Ungeachtet seines anpassungsfähigen Politikstils war Nassers Haltung in einer Sache ganz klar: er verachtete Israel.

Als Warhol in Kairo landete, waren die Beziehungen zwischen Ägypten und Israel stark angespannt. Das Vorfeld aus Beton des Kairoer Flughafens war zur Bühne für eine militärische Machtdemonstration der Regierung Nassers geworden. „Überall waren Soldaten“, erinnerte sich Lisanby. Ihr Flugzeug wurde umstellt. Die Passagiere wurden angewiesen, von Bord zu gehen.

„Allen wurde der Pass abgenommen“, schreibt Victor Bockris in Warhol: The Biography (2003), „und sie wurden aus dem Flugzeug über eine Landebahn abgeführt, begleitet vom Lärm kreischender Kampfjets, marschierender Soldaten und von Kommandorufen, dann in eine Wellblechhütte gebracht, wo sie gezwungen wurden einen Propagandafilm zu sehen, um dann wieder ins Flugzeug zurückgeführt zu werden.“

Warhol, der ursprünglich geplant hatte, in Kairo und Luxor Sehenswürdigkeiten zu besichtigen, war während der gesamten Tortur gleichgültig – „wie ein Zombie“, schreibt Bockris. Er verließ das Flugzeug, sah sich den Film an, bestieg das aufgetankte Flugzeug und war bereits am nächsten Morgen in Rom.

Der Schauplatz von Warhols erstem Besuchs in Afrika, ein Flughafen, war auch beim zweiten Besuch der zentrale Handlungsort. Nach seinem ersten Besuch in Paris, wo Warhols Anwesenheit dem Dichter John Ashbery zufolge, „das größte transatlantische Tamtam seit Oscar Wilde in den 1890er Jahren die Kultur nach Buffalo brachte“, hervorrief, reiste Warhol nach London und Madrid. Ans Ende seiner Europatour setzte er einen spontanen Besuch in Tanger.

Diese marokkanische Hafenstadt nahm in der amerikanischen Phantasie einen besonderen Platz ein, was teilweise den Schriften Paul Bowles‘ zu verdanken war, der die Stadt auf Empfehlung von Gertrude Stein 1931 zum ersten Mal besuchte und sich dann 1947 dort niederließ. Im Jahre 1950, als der Journalist Charles J. Rolo seine Artikel „The New Bohemia“ veröffentlichte, stand Tanger bereits im Zentrum einer aufregenden kulturellen Bewegung, in der Bebop-Typen und Hipster vor fassungslosen Amerikanern „die Vorzüge von Haschisch“ feierten.

Einzelheiten zu Warhols Besuch gibt es wenige. In POPism, seinen gemeinsam mit Pat Hackett verfassten Erinnerungen von 1980, widmet Warhol seinem Abstecher nach Süden quer übers Mittelmeer einen einzigen Satz: „In Tanger roch es überall nach Pisse und Scheiße, aber natürlich fanden es alle toll, wegen der vielen Drogen.“

So wie in Kairo fand das meiste, was über die Reise bekannt ist, am Flughafen statt. Warhol und seine Entourage – die Salonlöwin Edie Sedgwick, der Dichter und Fotograf Gerard Malanga und der Veranstalter Chuck Wein – bestiegen das Flugzeug nach Hause. In letzter Minute verließ Wein fluchtartig das Flugzeug. „Mir wurde klar, dass er vielleicht geflüchtet war, bloß weil er eine dieser kosmischen Erleuchtungen gehabt hatte, dass unser Flugzeug abstürzen würde“, sagte Warhol später, dessen apolitische Ironie und geistreicher Witz die bruchstückhafte Kultur der Kurzzitate auf Facebook und Twitter vorwegnahmen. „Er war schließlich aus Harvard, das war das frühe LSD-Land.“

Warhol, ein Künstler, der dem Ausruf „Gee!“ („Na sowas!“) literarisches Gewicht verlieh, hatte zweifellos mehr gewollt. Das trifft insbesondere auf seinen ersten Afrika-Besuch zu. Doch Nassers drohender Krieg gegen den von David Ben Gurion geführten israelischen Staat kappte seine Besichtigungspläne. Er hatte auch gehofft, mehr von Marokko kennenzulernen als bloß dessen Randgebiete der Boheme.

„Was für eine Regierung haben sie dort, Bob?“, fragte Warhol seinen Geschäftsfreund und Herausgeber des Interview-Magazins Bob Colacello eines Tages. Das war in den 1970ern. Zu der Zeit scheffelte Warhol Geld mit Auftragsporträts von Prominenten, dicken Katzen, Monarchen und ihren Gattinnen. Der Schah von Iran war auch dabei. Es war der Cousin des iranischen Botschafters in Marokko, der Warhol angedeutet hatte, er könne ihm den Auftrag für das Porträt von König Hassan II. beschaffen. Es wurden taktvolle Anfragen getätigt. Nichts geschah.

Zwei Jahre vor seinem Tod hatte Warhol 1987 eine entschädigende Begegnung mit einem afrikanischen Königshaus als er ein Porträt signierte, das Königin Ntfombi Twala von Swasiland zeigte – die Mutter des gegenwärtigen Swasi-Regenten König Mswati III. Der Siebdruck wurde vollständig von Atelierassistenten hergestellt und war Teil des Portfolios Reigning Queens, das vier Monarchinnen aus Dänemark, Swasiland, Großbritannien und den Niederlanden darstellte. Die Porträtserie zeigt Warhol im Autopilot-Modus seiner späten Laufbahn. „Man kann ‚Reigning Queens‘ durchaus als ein Denkmal für den Kitsch lesen“, sagte Alfredo Jaar in einem Interview, das 2012 in Regarding Warhol: Sixty Artists, Fifty Years erschien.

Letztendlich lässt sich Warhols Begegnung mit Afrika in einer Handvoll Wörtern zusammenfassen: Waffen, Flughäfen, Drogen und unzugängliche Monarchen. Gee!

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Sean O’Toole ist Autor und Mitherausgeber von CityScapes, einem kritischen Magazin für urbane Forschung. Er lebt in Kapstadt, Südafrika.