Massa Lemu about the exhibition 'The Progress of Love'

Ist die Liebe universell?

The show 'The Progress of Love' at the Menil Collection in Houston is one iteration of an ambitious three-part exhibition project realised on two continets.

Emeka Ogboh, 'A Lagos State of Mind' (2012), sound recording and yellow 1984 Volkswagen bus (danfo)

Emeka Ogboh, 'A Lagos State of Mind' (2012), sound recording and yellow 1984 Volkswagen bus (danfo)

By Massa Lemu
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Mit ihrem Hauptaugenmerk auf der kulturellen und sozioökonomischen Dynamik der Liebe in ihren unzähligen Ausdrucksformen untersucht die dreiteilige Ausstellung „The Progress of Love“ – zu sehen in Nigeria in Lagos und in den USA in St. Louis sowie in der Menil Collection in Houston –, wie sich in Afrika die Liebe im Laufe der Zeit im Kontext der Kolonisierung, der rasanten Globalisierung und des enormen technologischen Fortschritts entwickelt hat. Der Titel der Ausstellung ist dem von Fragonards Werk „The Progress of Love: Love Letters“ (1770–1773) entlehnt – einem Symbol für Liebe und Zuneigung im damaligen Frankreich, welches zur Geburtsstunde des europäischen Imperialismus entstand –, um unsere gegenwärtigen Vorstellungen von Liebe in diesen historischen Kontext einzubetten. Nach den Debatten um die Verortung zeitgenössischer afrikanischer Kunst schlägt „The Progress of Love“ als eine transkontinentale Ausstellung eine Brücke zwischen dem Kontinent und der Diaspora und eröffnet ein neues Kapitel zum Thema Afrika.

Der Teil von „The Progress of Love“, der in der Menil Collection gezeigt wird, präsentiert über zwanzig Künstlerinnen und Künstler aus Afrika und der Diaspora mit Arbeiten aus den Bereichen Malerei, Fotografie, Sound, Video und Multimediainstallation. Das Kunstpublikum macht Bekanntschaft mit einer dynamischen Gruppe von Nachwuchskünstlern mit sehr internationalen Biografien, darunter Toyin Odutola, Joel Andrianomearisoa, Kelechi Amadi-Obi, Zoulikha Bouabdellah, Billie Zangewa und Zina Saro-Wiwa, ebenso wie mit etablierten Künstlern wie Kendell Geers, Zwelethu Mthethwa und Yinka Shonibare. Shonibares ausgestellte Installation „The Swing (After Fragonard)“, eine Wiederaneignung von Jean-Honoré Fragonards „The Progress of Love“/„Liebesgeständnis“, stellt eine direkte Verbindung des Ausstellungsthemas zum historischen, kulturellen und sozioökonomischen Kontext des Imperialismus und der Kolonisierung her.

Die Installation von Romouald Hazoumé, die die Besucher als Erstes begrüßt, wirkt in ihrer physischen Präsenz imposant und thematisch anregend. Sie ist eine Nachbildung der Fassade der Hauptgeschäftsstelle von The Beninese Solidarity with Endangered Westerners, einer Nichtregierungsorganisation, welche der Künstler mit Kollegen in Benin gründete, um dem allgemeinen Trend entgegenzuwirken, damit Bürger und Bürgerinnen „unterentwickelter“ Länder sich verwirklichen könnten, indem sie anderen helfen und sich dadurch erbauen. Mit einem Video, das dokumentiert, wie das Kollektiv Spendengelder beschafft, sowie mit Broschüren mit den Leitlinien der Organisation ermutigt die Installation zu bürgerlichem Empowerment, wobei sie gleichzeitig eine universelle Liebe preist, die ökonomische und geografische Schranken überwindet. Aus Benzinkanistern konstruiert, zeigt die Installation außerdem das komplizierte Verhältnis zwischen Handel und Hilfsdiensten auf.

Eine ähnlich transkulturelle Sichtweise der Liebe wie Hazoumé bietet Emeka Ogboh mit „A Lagos State of Mind“: Mit dem für Lagos typischen Pendlerbus, genannt „Danfo“, werden wir mitgenommen auf eine Reise in die Herzen Liebender und erfahren, wie unsere moderne Auffassung von Liebe selbst durch Raum und Zeit gereist ist. Die Installation, die aus einem „Danfo“-VW-Bus, Aufzeichnungen von Radio-Hörergesprächen und Straßengeräuschen besteht, ist sowohl faszinierend als auch entwaffnend. Der im Alltag eher robust und dominant wirkende „Danfo“-VW ruht nun im Ausstellungsraum regelrecht friedlich und harmlos. Von zentraler Bedeutung in der Installation ist der Telefondialog mit Radiozuhörern, dem man über Kopfhörer lauscht, die in die Sitze des Busses eingebaut sind. Darin beschreiben junge Liebende ihre durch die Medien beeinflussten Präferenzen bei Dates (z.  B.: „Sie sollte groß sein“ oder „Er sollte Arbeit haben“).

In einer Fortsetzung der Thematik der Intimität feiert Dineo Bopapes Videoinstallations-Triptychon „They Act as Lovers“ eine rasende Liebesaffäre durch den psychedelischen Beschuss mit den Einzelheiten der Liebe. Bei Bopape handelt es sich um einen gewaltigen Schwall von Bildern und Metaphern, die auf die flüchtigen Augenblicke der Leidenschaft und/oder Frustration in der Liebe anspielen, seien sie echt oder gespielt. Als schamlose Voyeure, die in die intimen Momente anderer Menschen verstrickt sind, fühlen wir uns, wenn wir uns Zina Saro-Wiwas bunte Videoinstallation mit dem Titel „Eaten by the Heart“ ansehen, die verschiedene Paare beim leidenschaftlichen Küssen zeigt. Auf einer Ebene ist Saro-Wiwas Video eine Stellungnahme zu öffentlichen Liebesbekundungen, die in den meisten afrikanischen Gesellschaften noch immer als tabu angesehen werden. Auf einer anderen Ebene feiert es einen Exhibitionismus, der die eigene Identität behauptet in einer Zeit, da Sexualität streng überwacht wird und „Abweichler“ verfolgt werden.

Dieses doppelte Gefühl von Verletzlichkeit und Stolz wird auch in Zanele Muholis Silbergelatineabzügen von lesbischen Paaren in inniger Umarmung eingefangen – ebenso wie in einer von Samuel Fossos Fotografien ohne Titel aus der Serie „Memory of a Friend“, auf der der Künstler sich selbst nackt auf einem Bett liegend im Stile einer Odaliske zeigt. Im Blick des Betrachters wird der Mann, sonst oft als sexueller Aggressor wahrgenommen, zum verletzlichen Objekt der Begierde.

Vielleicht ist in Kendell Geers Wandinstallation mit dem Titel „Arrested Development (Cardiac Arrest)“, in der Glasknüppel so angeordnet sind, dass sie ein Herz bilden, der zarte und gleichzeitig brutale Aspekt der Liebe am anschaulichsten erfasst. Als Waffe polizeilicher Gewalt symbolisiert der phallusförmige Glasknüppel, der auch einem Dildo ähnelt, die Brutalität sexueller Begierde. Auf der anderen Seite verweist das Herz aus Glasknüppeln in seiner Gesamtheit auf die Zerbrechlichkeit der Liebe unter widrigen Umständen. Eine Aussage zum Thema Liebe und Hass, die in eine Zeit passt, da verschiedene Regionen in Afrika mit Homophobie und Diskriminierung zu kämpfen haben.

Das Handwerkszeug, das wir nutzen, um Liebe zum Ausdruck zu bringen, hat sich zwar weiterentwickelt, doch haben wir tatsächlich Fortschritte in unseren Gefühlen für unsere Mitmenschen gemacht? Bedeutet bessere Kommunikation mehr Liebe für den anderen? Die verschiedenen in der Ausstellung versammelten Künstler versuchen diese und viele weitere Fragen zu bearbeiten, indem sie ihre eigenen unterschiedlichen Sichtweisen entsprechend ihrer jeweiligen persönlichen Erfahrung anbieten. Mit ihrem transkontinentalen Ansatz und dem breit gefassten thematischen Rahmen behauptet sich die Ausstellung „The Progress of Love“ daher als kosmopolitische Schau, die die Liebe seziert, um ihre komplexen Formen zu analysieren und die Möglichkeit zur Reflexion zu bieten.

 

Massa Lemu ist Schriftsteller und Künstler aus Malawi und lebt zurzeit in Houston, Texas.

 

The Progress of Love, Menil Collection, Houston, USA, bis 17. März 2013

www.theprogressoflove.com

 

Aus dem Englischen: Ekpenyong Ani

 

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