Rezension:

„Wohin gehst du, weißer Mann?“

Diese Sonderausstellung zum deutschen Kolonialismus eröffnete im Oktober 2016 und rückt seither eine dunkle historische Etappe ins öffentliche Bewusstsein, schreibt Jessica Aimufua...

Installation view German Colonialism - Fragments Past and Present at the Deutsches Historisches Museum, Berlin, 2017. © Deutsches Historisches Museum

By Jessica Aimufua
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Zum ersten Mal nun, wagte sich das Deutsche Historische Museum in Berlin an die längst überfällige Ausstellung zur kolonialen Vergangenheit Deutschlands. Unter dem Titel Deutscher Kolonialismus – Fragmente seiner Geschichte und Gegenwart eröffnete die Sonderausstellung im Oktober 2016 und rückt seither eine dunkle historische Etappe ins öffentliche Bewusstsein, die über zu viele Jahrzehnte aus dem kollektiven Gedächtnis verdrängt wurde. In insgesamt acht Stationen wird die Kolonialgeschichte Deutschlands thematisch verhandelt. Denn das Kuratorenteam um Heike Hartmann und Sebastian Gottschalk entschied sich für einen fragmentarischen Ausstellungsansatz: wer sich gerne assoziativ mit Themen beschäftigt, wird hier eher auf seine Kosten kommen als diejenigen, die Geschichte chronologisch verstanden wissen wollen.

Von 1884 bis 1918 verfügte das Deutsche Reich über sogenannte „Schutzgebiete“ in Ost- und Südwest-Afrika sowie in Teilen Chinas und des Pazifiks. Im Ausstellungsaal wird diese koloniale Aufteilung der Welt anhand von hellgrauen Streifen versinnbildlicht, welche die Wände und Fußböden des Raums durchkreuzen. Unter den Ausstellungsstücken befinden sich Kunstwerke, Dokumente und eine Vielzahl an historischen Objekten und Artefakten. Die begleitenden Informationsschilder und Objektbeschriftungen sind inklusiv gestaltet; so gibt es die Angaben sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch, außerdem in Brailleschrift, Deutscher Gebärdensprache und Leichter Sprache.

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Zuckerdose (Gewürzdose) mit Afrikanerin, Deutschland, um 174 © Königliche Porzellan Fabrik Meißen. Courtesy Deutsches Historisches Museum

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Die Herausforderungen und Schwierigkeiten der kuratorischen Umsetzung einer groß angelegten Ausstellung liegen auf der Hand – ebenso wie die hohen Erwartungen des (Berliner) Publikums. Doch das DHM hat es sich zur Aufgabe gemacht, die notwendigen Elemente als Teil der deutschen Geschichte zu beleuchten und teils auch politisch Stellung zu beziehen. Die Strategie der fragmentarischen Anordnung hat den Vorteil, keine dramaturgisch heroische Lesart der kriegerischen Herrschaft zuzulassen. Statt sich in historischen Porträts zu ergehen, entschied man sich für eine Narration in Bruchstücken, womit Besucher_innen die Möglichkeit zum affirmativen Schwelgen verwehrt wird. Vom Genozid an den Herero und Nama bis hin zum Maji-Maji-Krieg und dem Brutalen im kolonialen Alltag: die Darstellung bleibt sachlich und die Schuldfrage eindeutig. So wird der Völkermord an den Herero und Nama tatsächlich als solcher benannt; und das entgegen der Linie der Bundesregierung, die zu der kolonialen Gräueltat bis heute nicht eindeutig Stellung bezogen hat.

Im Abschnitt „Dekolonisation und geteilte Erinnerung“ zeigt sich, dass diese Formel wörtlich zu verstehen ist. Zu sehen ist die mit Graffitis verzierte, liegende Statue des brutalen Kolonialgouverneurs Hermann von Wissmann. Im Zuge von Studentenprotesten wurde sie 1967 gestürzt und wird im Ausstellungssaal in all ihrer Prunklosigkeit präsentiert.

Weitestgehend offenbart die Ausstellung einen unverkennbar deutschen und somit eurozentrischen Blick auf die Kolonialherrschaft. Zwar werden die namibische Historikerin Memory Biwa und die tansanische Kuratorin Flower Manase Msuya im Verzeichnis als „Curators-in-Residence“ aufgeführt, jedoch wurden die beiden erst zu einem Zeitpunkt hinzugezogen, als die Ausstellung bereits zu großen Teilen konzipiert war.

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Kolonfigur: Missionar, Westafrika, o.J. © GRASSI Museum für Völkerkunde zu Leipzig, Staatliche Kunstsammlungen Dresden. Courtesy Deutsches Historisches Museum

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Vereinzelt wird dennoch der Versuch eines Perspektivwechsels unternommen, so zum Beispiel mit den Holzskulpturen in der ersten Station. Die sogenannten Kolonfiguren, welche die deutschen Kolonialherren überzeichnet darstellen, wurden von Kolonisierten gefertigt und sollen somit eine Blickumkehr möglich machen. Gefährlich an diesem Ansatz ist, dass dabei zwei Formen der Repräsentation des Fremden analogisiert werden – die satirische Überzeichnung auf der einen, und die rassistische Stereotypisierung auf der anderen Seite.

Mit rund 500 Exponaten auf 1000 Quadratmetern bietet die Ausstellung zu viele Objekte auf engstem Raum, wobei kaum auf Kopien oder Abbildungen zurückgegriffen wird. In einem der Infotexte wird die Provenienz der meisten Objekte als ungeklärt angegeben, jedoch ist zu vermuten, dass es sich bei einem Großteil der ausgestellten Artefakte um Raubware handelt. So birgt der zur Schau getragene Objektfetischismus unweigerlich ein gewaltsames Moment und die präsentierten Originale verkörpern genau jene auratische Präsenz und jenen mystischen Reiz des Fremden, den eine Ausstellung mit einem kritischen Ansatz zu überwinden suchen sollte.

In der Fülle von Objekten überwiegen die rassifizierten Repräsentationen der Kolonisierten. Vom „Sarotti-Magier“ bis hin zu Illustrationen auf Werbeplakaten und Vorratsdosen finden sich an jeder der acht Stationen stereotype Abbildungen. Doch ungeachtet der Vielzahl an rassistischen Darstellungen, bleiben die Kuratoren dem Exemplarischen verhaftet: die Begleitinformationen fallen meist zu oberflächlich aus und bieten wenig aufklärerischen Impetus. Angesichts der anhaltenden Abwertung und Exotisierung von People of Color, bedürfte es jedoch einer weitaus kritischeren Behandlung der Darstellungsmodi, um das rassistische Menschenbild zu entlarven, welches dem Kolonialismus zugrunde liegt.

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Geografisches Mosaik, P. Eitner (Stecher), C. Flemming (Verlag) Glogau, um 1860 © Deutsches Historisches Museum

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Die letzte Station der Ausstellung enthält die wichtige Darstellung der Neuen Schwarzen Bewegung in Deutschland, inklusive Fotomaterial, afrodeutscher Literatur und Satch Hoyts Denkmal-Entwurf Shrine of the Forgotten Souls. Leider wurde die Installation in der hintersten Ecke des Ausstellungsraumes so versteckt platziert, dass ein Großteil der Besucher_innen diese zum Ende des Rundgangs vermutlich kaum mehr wahrnimmt.

Titel dieser letzten Station ist: „Postkoloniale Gegenwart?“. Bewusst mit einem Fragezeichen versehen, bildet sie den ambivalenten Knotenpunkt der Ausstellung.

Zwei Elemente fallen dabei besonders ins Auge: Auf der einen Seite Videoaufnahmen von Vertreter_innen des Berlin postkolonial e.V, die in ihren Statements Kritik am geplanten Humboldt-Forum üben und sich für Reparationszahlungen sowie die Rückgabe von Kolonialbeute stark machen. Auf der anderen Seite der Dokumentarfilm Togoland November von Jürgen Ellinghaus, der durch den gezielten Fokus auf deutsche Tugenden und das Vermächtnis der Kolonialherren ein seltsam einseitiges und germanophiles Bild zeichnet und somit den „White Saviour“-Mythos beschwört.

In einer Schlüsselszene des elfminütigen Films ist ein togolesisches Orchester zu sehen, welches in einer Kirche die deutsche Nationalhymne spielt. All jene, die den leisen Beiklang bis dahin noch nicht vernommen hatten, hören ihn nun: „Das Lied der Deutschen“ durchzieht die Ausstellung im Deutschen Historischen Museum wie ein roter Faden. Im Elf-Minuten-Takt hallt es von den Wänden des Museumsraums, ebenso wie die unweigerliche Schuldfrage.

Im DHM scheint man sich der kolonialen Geschichte bewusst zu werden, doch wie es um die Gegenwart steht, bleibt offen. Zwischen Affirmation, Verdrängung und Kritik der Kolonialvergangenheit stellt sich die Frage: „Yovo yovo oú vas-tu?“ (dt. “Wohin gehst du, weißer Mann?”)

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Deutscher Kolonialismus –  Fragmente seiner Geschichte und Gegenwart bis zum 14. Mai 2017 am Deutschen Historischen Museum, Berlin.

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Jessica Aimufua lebt in Berlin und arbeitet Autorin, Redakteurin und Übersetzerin. 

 

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