Artist Emma Wolukau-Wanambwa 

„In den vier Jahren seit meinem ersten Besuch in Kampala hat sich viel verändert“

A conversation with the artist Emma Wolukau-Wanambwa 

Emma Wolukau-Wanambwa, Penderosa, 2010. Multimedia installation with 35mm slide, slide viewer, inkjet print on paper, wood, paint. Installation view, Marcelle Alix, Paris, 2011 (courtesy of the artist)

Tweet about this on TwitterShare on FacebookEmail to someone

C&: Wann hast du angefangen, dich für Kunst zu interessieren?

Emma Wolukau-Wanambwa: In der Schule habe ich Kunst gehasst und habe das Fach so bald wie möglich abgewählt. Ich habe mich eigentlich nur für klassisches Theater interessiert. Ich wollte Stücke inszenieren. Nach meinem Literaturstudium habe ich mir also genau das vorgenommen. Im Alter von 23 Jahren bekam ich einen Ausbildungsplatz bei der Royal Shakespeare Company in Großbritannien. Mit dem Eintritt in die RSC wurde für mich ein Traum wahr, doch während meiner Zeit dort veränderten sich meine künstlerischen Ambitionen radikal. Danach folgten sozusagen ein paar Jahre „in der Wüste“, dann begann ich nach und nach das zu machen, was, wie ich später entdeckte, „zeitgenössische Kunst“ war. Meine ersten Versuche wurden positiv aufgenommen und so wollte ich mehr lernen. Nachdem ich die Kunst also mit 14 aufgegeben hatte, war ich mit 30 dabei, sie wieder zu studieren. 2008 machte ich einen MA-Abschluss an der Slade School of Fine Art und bin seitdem praktizierende Künstlerin.

.

C&: Du lebst in London und Berlin, reist aber auch regelmäßig nach Uganda. Welchen Bezug hat deine Arbeit zu Uganda? 

EWW: Meine Familie kommt aus Uganda, doch ich habe bis 2010 nie dort gelebt oder überhaupt viel Zeit in dem Land verbracht. 2010 fuhr ich dann hin, um eine Idee für einen Film zu recherchieren. Aus dem Film wurde nichts, doch ich beschloss trotzdem zurückzukehren, denn wo ich mich auch umsah gab es eine Fülle von außergewöhnlichem Material. Seitdem reise ich jedes Jahr nach Uganda und folge mehr oder weniger meinem Riecher. Dadurch haben sich unterschiedliche Kunstwerke entwickelt und bestimmte Themen sind selbstständige Rechercheschwerpunkte geworden. Zum Beispiel ist es mir wichtig, meine eigene Praxis mit der meiner ugandischen ZeitgenossInnen in Bezug zu setzen. Etwas über sie zu erfahren, beinhaltet, etwas über die Kunstgeschichten Ostafrikas zu lernen. Im Zuge dessen habe ich ein Interesse für koloniale Kunsterziehung entwickelt und angefangen, diese eingehend zu erforschen.

Emma Wolukau-Wanambwa, Nice Time, 2014, Ausstellungsansicht SAVVY Contemporary, 2014 © Neuer Berliner Kunstverein / SAVVY Contemporary /Jens Ziehe

Emma Wolukau-Wanambwa, Nice Time, 2014, Ausstellungsansicht SAVVY Contemporary, 2014 © Neuer Berliner Kunstverein / SAVVY Contemporary /Jens Ziehe

C&: Du sagst Ostafrika – also hast du Kunsterziehung nicht nur in Uganda, sondern auch in anderen Gebieten der Region erforscht?

EWW: Gegenwärtig versuche ich die Entwicklung bestimmter Diskurse und Praxen der „Kunst“ im anglophonen Ostafrika– von denen viele unter der Kolonialherrschaft und im mitnichten emanzipatorischen Rahmen kolonialer Erziehungspolitik entstanden – aufzuspüren und zu verstehen. Margaret Trowell, die in den 1930er Jahren die erste „professionelle“ Kunstschule in Kampala gründete, schaffte es auf geschickte Weise, einen Platz für ihre Schule in der später ersten Universität Ostafrikas zu sichern. AfrikanerInnen hatten zu dieser Zeit einen sehr eingeschränkten Zugang zu höherer Bildung, und die Makerere University im Protektorat Uganda war lange einer der wenigen Orte auf dem Kontinent, wo man einen Universitätsabschluss erlangen konnte. Folglich kamen die Studierenden nicht nur aus dem heutigen Uganda, aus Kenia, Tansania und dem Sudan, sondern aus sehr viel weiter entfernten Ländern wie Simbabwe, Sambia und Botswana. Daher war die Makerere School of Art schon seit ihren Anfängen äußerst international und hatte dementsprechend einen beträchtlichen Einfluss auf die Entwicklung der bildenden Künste in zahlreichen afrikanischen Ländern.1

.

C&: Kannst du uns mehr über deine Lehrerfahrung in Kampala erzählen?

EWW: Obwohl ich dort bisher wenig in einem formalen schulischen Rahmen unterrichtet habe, arbeite ich seit 2011 mit ugandischen Kunstschulen zusammen. Damals nahm ich an einem Werkaufenthalt der Commonwealth Foundation teil, der von der Makerere University Art Gallery ausgerichtet wurde. Je mehr ich mich ernsthaft für Ugandas zeitgenössische Kunstszene interessierte, desto klarer wurde mir, dass ich sie nur verstehen würde, wenn ich mich mit ihrer, wie ich sie nennen würde, „Ökologie“ auseinandersetzte, und ein entscheidender Teil dieses Ökosystems ist offenkundig die Ausbildung, die die KünstlerInnen prägt.

Eine der spannendsten und vielschichtigsten Fragen, die sich bisher aus dieser Forschung ergeben haben, ist: Wie unterrichtet man Kunst in einem Land ohne Kunstmuseen? Ich meine damit nicht das „Museum“ im Sinne eines Ortes, wo man sich Kunst anschaut, sondern beziehe mich mehr auf seine Funktion im Kontext des diskursiven Feldes der Kunst: aus meiner Sicht hat das „Museum“ im westlichen Kunstdiskurs im Grunde die Funktion des Goldstandards – ein Garant für Werthaftigkeit. Auch wenn man nie ein Museum besuchen mag, geschweige denn mit seinem Werk in dessen Sammlung aufgenommen wird, bedeutet der Glaube an den Wert seiner Existenz und ein relativer Konsens bezüglich seiner Position und Funktion, dass so gut wie alles, das innerhalb des diskursiven Feldes der Kunst existiert und passiert, irgendwie im Verhältnis dazu geschieht – auch wenn dieses Verhältnis antagonistisch ist. Dass es in Uganda kein Kunstmuseum (im westlichen Sinne) gibt, betrachte ich an sich nicht als Problem. Genau genommen könnte dies möglicherweise sogar emanzipatorisch sein. Doch was für mich tatsächlich vielschichtige und zuweilen problematische Auswirkungen auf den heutigen Kunstdiskurs in Uganda hat, ist dass die akademischen Kunstlehrpläne scheinbar größtenteils auf der Annahme beruhen, dass es ein Museum gibt. Und dieses Museum ist der Louvre.

Die Nagenda Academy of Art & Design ist eine sehr kleine, sehr junge Schule, die von einer Gruppe von KünstlerInnen und KunsterzieherInnen gegründet wurde und geführt wird, die sich der Probleme, die die künstlerische Bildung in Uganda belasten, äußerst bewusst sind und sich leidenschaftlich für Veränderung einsetzen. Im letzen Jahr lud mich die Leiterin der Schule Dr. Kizito Maria Kasule dazu ein, mit ihnen zu arbeiten. Unsere Zusammenarbeit entwickelt sich langsam, und das ist auch gut so, doch wir haben das Ziel, einen Forschungsbestand sowie eine Reihe von Forschungspraxen zu erstellen, die letztendlich zu wesentlichen Veränderungen des allgemeinen Lehrplans beitragen werden.

.

C&: Du hast 2012 an KLA ART teilgenommen. Was hat dies rückblickend für dich bedeutet?

EWW: Es war ein großes Privileg, ausgewählt worden zu sein, um 2012 am ersten Kampala Contemporary Art Festival teilzunehmen. Damals arbeitete ich seit drei Jahren in Uganda und schuf Arbeiten über das Land, doch ich hatte noch nie die Gelegenheit gehabt, dort auszustellen. Teil des Festivals zu sein war also nicht nur enorm wichtig, um bestimmte Beziehungen und Dialoge zu fördern, sondern auch mein Verständnis. Die von mir gezeigte Installation mit dem Titel Paradise war die erste Arbeit, die entstanden war aus meiner andauernden Erforschung der größtenteils vergessenen Geschichte der 30.000 europäischen Flüchtlinge, die in den 1940er und 50er Jahren in Flüchtlingslagern in Großbritanniens ostafrikanischen Kolonien lebten. (7.000 gab es allein im Protektorat Uganda.) Es war gut, eine ugandische Geschichte in Uganda zu erzählen und auch nicht das Gefühl zu haben, bloß etwas „für den Export“ zu schaffen.

.

C&: Und zum Schluss, wie würdest du die Kunstszene in Kampala beschreiben?

EWW: In den vier Jahren seit meinem ersten Besuch in Kampala hat sich viel verändert. Die Künstlergemeinschaft interessiert sich immer mehr für das, was in anderen Teilen der Welt passiert und ist zunehmend begierig darauf, sich an den vielfältigen internationalen Dialogen zu beteiligen. Die neue Kampala Art Biennale, die dieses Jahr im August eingeweiht wurde, ist der jüngste Beweis dafür. Als wesentliche Katalysatoren für die Veränderungen, die ich zurzeit feststelle, würde ich benennen: KLA ART 012 (Kampala Contemporary Art Festival 2012); David Adjayes und Simon Njamis Wanderausstellung Visionary Africa: Art at Work, die zur gleichen Zeit in Kampala präsentiert wurde; die Eröffnung von 32º East (ein Projektraum, eine Bibliothek und ein Ateliergebäude, das Uganda wieder mit dem Triangle Arts Network zusammengebracht und einen konstanten Strom von KünstlerInnen aus dem Ausland nach Uganda gebracht hat); Fas Fas (Ronex Ahimbisibwes kurzlebiger Künstlerraum); und, indirekt, der Erfolg von Bayimba – eines ungeheuer populären Festivals für darstellende Künste, das inzwischen im ganzen Land stattfindet und sich zur Triebkraft in der Region entwickelt. Ich glaube, dass die Bestrebungen und Errungenschaften des Festivalgründers Faisal Kiwewa und seines Teams ein wertvolles Musterbeispiel dafür sind, was man erreichen kann.

Emma Wolukau-Wanambwa ist Künstlerin und Wissenschaftlerin. Sie arbeitet seit 2011 zu Repräsentationen des späten Kolonialismus, insbesondere in Ostafrika. 

KLA ART 014 – KAMPALA’S CONTEMPORARY ART FESTIVAL: 04 – 31 OCTOBER 2014, Kampala, Uganda.

.

Ein Gespräch von Aïcha Diallo

 

Don't miss out

Sign up to our newsletter now to get the latest stories from CONTEMPORARY AND (C&) delivered straight to your inbox

Thank you!

You have already signed up

Thank you!

We’ve successfully received your details.

To complete the subscription process, please click the link in the email we just sent you.

Don't miss out

Sign up to our newsletter now to get the latest stories from CONTEMPORARY AND (C&) delivered straight to your inbox

Thank you!

You have already signed up

Thank you!

We’ve successfully received your details.

To complete the subscription process, please click the link in the email we just sent you.