Ausstellungsgeschichte(n)

Eine nicht-lineare Geschichte der Dak’Art

In dieser Serie kommt C& noch einmal auf die am meisten diskutierten, geliebten, gehassten, zum Nachdenken anregenden und wegweisenden Ausstellungen zurück, die in den vergangenen Jahrzehnten zeitgenössische Kunst aus afrikanischen Perspektiven präsentierten. Cédric Vincent lässt die Anfängen der Biennale in Dakar Revue passieren.

Barthélémy Toguo, Carte de Séjour performance, Dak’Art 1998 © Dak'Art Biennale

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Aus der C& Print issue No.1 – HERE

Die erste Biennale von Dakar fand nach allgemeiner Auffassung 1992 statt. Das Programm, das zwei Jahre zuvor Künstler aus aller Welt versammelt hatte, ist dagegen weniger im Gedächtnis. Und dass im selben Jahr eine Literatur-Veranstaltung stattfand, scheint vollständig aus dem Blickfeld geraten zu sein. Jene Ausgabe war die erste Phase einer Kunst- und Literatur-Biennale, die ursprünglich alle zwei Jahre im Wechsel mit einer Kunst-Biennale stattfinden sollte. Senegalesische Künstler und Intellektuelle hatten sie nach eigenem Bekunden ins Leben gerufen, um ihre Arbeiten zu bewerben und im größerem Umfang bekannt zu machen. Diese thematische Verschränkung hat in den Köpfen jedoch für Verwirrung gesorgt, was die Geburtsstunde der Dak’Art angeht, denn als 2002 das zehnte Jubiläum der Veranstaltung stattfand, wurde die Chronologie kurzerhand – unter Auslassung der Ausgabe von 1990 – umgestellt.

Courtesy: Stuart Hall Library at INIVA

Courtesy: Stuart Hall Library at INIVA

Anlässlich seiner zweiten Ausgabe 1996 schlug die Dak’Art eine neue Richtung ein, die entscheidenden Einfluss auf ihre Zukunft haben sollte. Sie wurde zur „Biennale zeitgenössischer afrikanischer Kunst.“ Dies war in gewisser Weise eine Renaissance, aber auch eine Grundvoraussetzung, um sich in der sich damals formierenden Wettbewerbslandschaft der Biennalen zu behaupten. Die neue panafrikanische Ausrichtung der Veranstaltung machte eine neue Organisation erforderlich, die sich erst einmal finden musste. Das aktuelle Modell fungiert seitdem als eigenständige Plattform, die nicht nur die Auswahl der Künstler, sondern auch die Auswahl junger Ausstellungskuratoren vornimmt, die dann die künstlerische Leitung übernehmen.

Opening Ceremony of Dak’Art 1996 Daniel Sorano Theatre Dakar 1996 President Abdou Diouf is standing in the middle Courtesy of Dak’Art Biennale Secretariat

Opening Ceremony of Dak’Art 1996, Daniel Sorano Theatre Dakar 1996. President Abdou Diouf is standing in the middle, courtesy of Dak’Art Biennale Secretariat

Courtesy: Stuart Hall Library at INIVA

Courtesy: Stuart Hall Library at INIVA

Die Historizität einer Biennale ist immer eine kuriose Ménage-à-trois aus Kontinuität, Amnesie und Bruch. In Dakar fügte der von Anfang an bemühte Verweis auf das Erste Internationale Festival Schwarzer Kunst (1966) eine weitere Dimension hinzu. Dieser Verweis stellte nämlich eine höchst willkommene Kontinuität mit einem renommierten kulturellen Ereignis der Vergangenheit her und verankerte die Dak’Art so in einer rein afrikanischen Genealogie.

Courtesy: Stuart Hall Library at INIVA

Courtesy: Stuart Hall Library at INIVA

Dennoch ist es zu simpel, eine Verbindung zwischen dem Festival von 1966 und der Dak’Art herzustellen – zu unterschiedlich sind ihre Intentionen, Fragestellungen und Formate. Wenn man sich jedoch, so künstlich es auch sein mag, auf dieses Erbe beruft, so eröffnet dies immerhin die Möglichkeit, ein Narrativ in Frage zu stellen, das nicht mehr ausschließlich über die Biennale von Venedig verläuft und von einschlägigen Studien als Ausgangspunkt aller Biennalen beschrieben wird. Es ist an der Zeit, eine aufgefächerte und weniger lineare Erzählung zu schreiben, um den Brüchen und Fehlstarts und den vergessenen oder im Zustand des Projekts verbliebenen Veranstaltungen Geltung zu verschaffen.

Dak’Art 2006’s official exhibition opening Courtesy of Dak’Art Biennale Secretariat

Dak’Art 2006’s official exhibition opening, courtesy of Dak’Art Biennale Secretariat

Courtesy: Stuart Hall Library at INIVA

Courtesy: Stuart Hall Library at INIVA

Unter den Biennale-Projekten, die zwar in Vergessenheit geraten sind, von denen sich wichtige Aspekte jedoch in der Dak’Art wiederfinden, ist eins zu erwähnen, das 1977 in der Zeitschrift ICA Information vorgestellt wurde. Der Artikel ist der einzige Nachhall, den das Projekt fand, dennoch ist seine Spiegelwirkung mit der Biennale von Dakar für die Geschichte der Veranstaltung höchst aufschlussreich. 1976 äußerte der Exekutivrat des ICA (Institut Culturel Africain) in Dakar den Wunsch, eine vornehmlich den Bildenden Künsten gewidmete Biennale auszurichten, die in den verschiedenen Mitgliedsländern touren sollte. Diese Veranstaltung sollte dem Programm des Instituts, das sich in Sachen Kunst im Wesentlichen auf die jährliche Ausrichtung eines mit dem Grand Prix ICA dotierten Wettbewerbs beschränkte, mehr Dynamik, Nachhaltigkeit und Strahlkraft verleihen. Der Artikel beschreibt ausführlich ein Projekt, das offenbar recht fortgeschritten war, was die zu erfüllenden Verfahren anging. Die Organisatoren hatten gewissenhaft die Herausforderungen einer Veranstaltung dieser Art bestimmt – die Freizügigkeit von Künstlern und ihren Arbeiten sowie die Förderung von Begegnungen zwischen Künstlern und die Publikation von Katalogen; vor allem zielte das Projekt jedoch auf den Fortbestand der Biennale ab, indem es die Eröffnung von Museen für moderne Kunst fördern sowie Anreize für den Kauf von Werken durch bereits bestehende Museen und damit einen Markt schaffen wollte. Diese letzten Punkte sind besonders wichtig, denn sie werfen ein strukturelles Problem auf, das sich heute auch u.a. bei der Dak’Art stellt; tatsächlich gibt es in Dakar kein Zentrum für zeitgenössische Kunst, das regelmäßig Ausstellungen zeigt und Künstlern erlaubt, von einem breiteren Netz als dem einer einmaligen Biennale zu profitieren – was die Ausbildung von Ausstellungskuratoren vor Ort sicherstellen würde. Diese Kuratoren könnten dann professionell die Organisation der Veranstaltung übernehmen. Fragen, die nicht unmittelbar die Kunst betreffen, wie etwa Fragen zu Tourismus und Ausbildung, wurden von den Organisatoren der Biennale des ICA keineswegs ausgeblendet. Die Biennale sollte also ein ambitioniertes Instrument sein, um die Künstlerszenen in den Mitgliedsländern des ICA zu entwickeln. Ziel war die Schaffung einer panafrikanischen Vereinigung der Bildenden Künste. Diese Vereinigung sollte ein Statut des afrikanischen Künstlers ausarbeiten und Verbände auf nationaler Ebene aufbauen, die die bildenden Künstler der Partnerländer unter einem Dach versammeln sollten. Die Auswahl der Künstler sollte sich daher dem politischen Einfluss des Staates entziehen – die Organisatoren scheinen also aus früheren Erfahrungen gelernt zu haben. Eine letzte und sicherlich nicht geringe. Forderung der Organisatoren: die Wahrung einer international vertretbaren Qualität der gezeigten Arbeiten.

Courtesy: Stuart Hall Library at INIVA

Courtesy: Stuart Hall Library at INIVA

A section of Dak’Art 2012 with guests milling around the performance piece by South African artist Lerato Shadi © Ugochukwu-Smooth C. Nzewi

A section of Dak’Art 2012 with guests milling around the performance piece by South African artist Lerato Shadi © Ugochukwu-Smooth C. Nzewi

Das Projekt erinnert an „The Incubator for a Pan-African Roaming Biennial“ – eine Initiative, die die europäischen Biennale Manifesta 8 2010 angeregt hatte. Im Rahmen des Projekts waren Kuratoren aufgefordert, über das Modell einer wandernden, an afrikanische Verhältnisse angepassten Biennale nachzudenken. Wenn die Biennale des ICA den Einfluss von Senghor erkennen lässt, so wollten sich die Initiatoren des Projekts vom Internationalen Festival der Schwarzen Künste absetzen, indem sie sich auf die „Bildende Kunst“ fokussierten. Nichtsdestotrotz ist das Projekt ein Surrogat, ein Derivat ihres illustren Vorgängers, aber auch ein Vorgeschmack auf die künftige Dak’Art. 2016 wird man zweifellos heroisch auf das Festival von 1966 zurückverweisen und damit einschlägige Projekte (die sicherlich unausgegoren, aber dennoch impulsgebend waren) auslöschen, die zwischen diesen beiden Großevents der senegalesischen Kulturszene angedacht wurden.

Cédric Vincent ist Anthropologe und Postdoktorand im Graduiertenkolleg „Anthropologie der Schrift“, wo er das Projekt „Archiv panafrikanischer Festivals“ ko-leitet, das von der Fondation de France gefördert wird. 

 

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