Ausstellungsgeschichte(n)

Africa Remix

In dieser Serie kommt C& noch einmal auf die am meisten diskutierten, geliebten, gehassten, zum Nachdenken anregenden und wegweisenden Ausstellungen zurück, die in den vergangenen Jahrzehnten zeitgenössische Kunst aus afrikanischen Perspektiven präsentierten. Wir machen weiter mit der Ausstellung Africa Remix, die von Simon Njami kuratiert wurde.

Installation view Africa Remix, 2004. Photo: Andreas M. Wiese.

By Julia Friedel
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Die Johannesburg Art Gallery (JAG) verzeichnete 2007 einen Besucherrekord. Während der dreimonatigen Laufzeit von Africa Remix. Contemporary Art of a Continent wurden 28 000 Gäste gezählt. Simon Njami, der die Ausstellung kuratierte, konzipierte gemeinsam  mit einem internationalen Team von Kurator_innen eine Übersicht über das zeitgenössische Kunstschaffen des Kontinents und der Diaspora der letzten zehn Jahre. Es war eine bedeutende Geste der Macher_innen, diese Blockbuster-Ausstellung nach Düsseldorf, London, Paris und Tokio schließlich auch nach Johannesburg zu bringen.

Konzept und Kritik

2004 wurde Africa Remix im museum kunst palast in Düsseldorf eröffnet und ging danach drei Jahre auf Tour. Über 80 Künstler_innen aus 25 Ländern waren in dieser Ausstellung zu sehen. Neben dem hauptverantwortlichen Kurator Simon Njami, war auch Jean-Hubert Martin (museum kunst palast, Düsseldorf) beteiligt, der 1989 die Ausstellung Magiciens de la Terre ins Leben rief. Drei weitere Kurator_innen der Museen, zu denen Africa Remix im Anschluss wanderte, waren ebenfalls involviert: Marie-Laure Bernadac (Centre Georges Pompidou, Paris), David Elliott (Mori Art Museum, Tokio) und Roger Malbert (Hayward Gallery, London).

Ausstellungsansicht mit dem Werk Sasa, 2004 von El Anatsui. Courtesy of October Gallery, London. Foto: Andreas M. Wiese.

Konzeptuell gliederte Njami die Schau in drei Bereiche. In Body & Soul ging es ihm um die zentrale Frage der Repräsentation und um die Performativität des Körpers.[1] Der Kurator integrierte hier Collagen von Wangechi Mutu und Selbstportraits von Hicham Benohoud. City & Land sollte sich Künstler_innen widmen, die ihre Umgebung reflektieren und sich mit „(…) der Stadt als konstruierte Szenerie“ beschäftigen. Zu sehen waren utopische Stadtlandschaften von Bodys Isek Kingelez oder Schwarzweißfotografien von Jellel Gasteli. Im Bereich Identity & History zeigte Njami u. a. die performativen Fotografien von Samuel Fosso und das Werk Great American Nude von Hassan Musa. Dem Kurator ging es hier um die Auseinandersetzung mit heterogenen Konzepten von Identität. Eine wesentliche Methode der vertretenen Künstler_innen sah Njami darin, „(…) die Klischees zu dekonstruieren, auf denen die Weltgesellschaft errichtet wurde.“[2] Insgesamt fiel die verstärkte Integration von nordafrikanischen Künstler_innen auf, durch die Njami der willkürlichen Trennung, die zwischen Nordafrika und Ländern südlich der Sahara gemacht wird, entgegenwirken wollte.[3] Er legte den Schwerpunkt auf junge, lebende Künstler_innen und integrierte dabei sowohl Autodidakten als auch Akademiker. Africa Remix sollte – in Abgrenzung zu Magiciens de la Terre – das ‚Zeitgenössische‘ ihrer Kunst betonen und ihre selbstverständliche Teilhabe an einer globalisierten Welt demonstrieren.[4]

Great American Nude, 2002 von Hassan Musa. Malerei/Tinte auf Textil, 357 x 204 cm, Courtesy of the Artist.

Wie vergleichbare Ausstellungen zuvor, wurde Africa Remix vor allem für sein kuratorisches ‚Korsett‘ kritisiert. Das Konzept erinnerte Rory Bester an das einer kommerziellen Galerie oder Kunstmesse.[5] Auch anderen Kritiker_innen war die Gliederung der Werke zu eng, zu beliebig und ungeeignet, um gegen die stereotypen Bilder anzugehen, die der Kurator eigentlich vermeiden wollte.[6] Dass dieser sich im Katalog für die Diversität des afrikanischen Kontinents aussprach, um dann ein paar Zeilen weiter das „afrikanische Schaffen“ [7] zu erörtern, war dabei wenig hilfreich. Njamis verallgemeinernde Sprache festigte die konzeptuellen Schwachpunkte dieser Ausstellung. Auch der missverständliche Ausstellungstitel wurde in diesem Zusammenhang diskutiert. Zum einen wiederholte der Untertitel die generalisierende Idee der ‚Kunst eines Kontinents‘. Zum anderen versprach das Wort Remix einen neuen Blickwinkel, den man nach David Brodie in der Ausstellung allerdings vergeblich suchte. „Remix Theory promises critical conjunctions and ‚grafts‘ that are progressive – be it in music, architecture or visual arts – where the hybrid sum is far greater than its parts.“[8] Tatsächlich lieferte die Ausstellung wohl eher das Gegenteil: Während Kritiker_innen die künstlerischen Werke an sich schätzten, waren sie von der kuratorischen Narration enttäuscht.

L’Initiantion, 2004 von Abdoulaye Konaté. Courtesy of the Artist. Foto: Andreas M. Wiese

Die Präsentation in der Johannesburg Art Gallery machte zudem deutlich, dass die Schau mit einer Masse an Objekten aufwartete, die den einzelnen Kunstwerken nicht in jeder Ausstellungssttation gerecht werden konnte. Die Fülle an Werken in der JAG rief nach Brodie das Bild eines chaotischen Marktes wach.[9] Bester betonte, die Relevanz einer gut funktionierenden Infrastruktur dürfe bei der Diskussion nicht ausgeklammert werden. Nur so könne man die Präsentation von Ausstellungen wie Africa Remix auf dem Kontinent vorantreiben.[10]

Relevanz

Auch wenn die JAG die rund 200 Werke dieser Schau kaum aufnehmen konnte, war die große und entscheidende Errungenschaft dieser Ausstellung doch die Tatsache, dass Africa Remix auf dem Kontinent zu sehen war. Colin Richards, Professor an der Wits School of Arts, resümierte: „However a mixed bag the show inevitably was, Africa Remix offered a window and a mirror on ourselves in ‚Africa‘ (…) and ‚Africa‘ out there (…).“[11] Die Schau sorgte – vor allem in Johannesburg – für Diskussionen. Sie rief positive wie negative Kritik hervor und trieb den Diskurs voran. Nicht zuletzt die sehr unterschiedlichen Webseiten und Kataloge der Ausstellungsstationen machten Steve Nelson zufolge eine pluralistische Auseinandersetzung mit dem Konzept Njamis sowie der Präsentation von Kunst aus Afrika generell möglich.[12]
Ohne Zweifel war Africa Remix, wie viele Ausstellungen zuvor, wieder einmal das Produkt eines einflussreichen Zentrums der Ausstellungs- und Wissensproduktion. Dennoch war sie die erste große Schau über Kunst aus Afrika, die auf dem Kontinent gezeigt wurde und trieb damit auch die Auseinandersetzung mit dieser Art von Ausstellung vor Ort voran. Und noch viel wichtiger: Sie demonstrierte die dringende Notwendigkeit, zukünftig die Rollen neu zu verteilen und anstatt eine in Europa konzipierte Ausstellung nach Afrika, eine in Afrika entstandene Schau nach Europa zu bringen.[13]

Samuel Fosso, Le chef, 2003 © Samuel Fosso, Centre Georges Pompidou d’Art Moderne, Paris

Beteiligte Künstler*innen

Akinbode Akinbiyi (* Großbritannien, lebt in Deutschland), Sunday Jack Akpan (Nigeria), Jane Alexander (Südafrika), Fernando Alvim (Angola), Ghada Amer (* Ägypten, lebt in USA), El Anatsui (* Ghana, lebt in Nigeria), Joël Andrianomearisoa (* Madagaskar, lebt in Frankreich), Rui Assubuji (Mosambik), Lara Baladi (* Libanon, lebt in Ägypten), Yto Barrada (* Frankreich, lebt dort und in Marokko), Luis Basto (* Mosambik, lebt dort und in Simbabwe), Mohamed El Baz (* Marokko, lebt in Frankreich), Hicham Benohoud (Marokko), Willie Bester (Südafrika), Berry Bickle (Simbabwe), Bili Bidjocka (* Kamerun, lebt in Frankreich), Andries Botha (Südafrika), Wim Botha (Südafrika), Zoulikha Bouabdellah (* Sowjetunion, lebt in Frankreich), Frédéric Bruly Bouabré, (*/† Elfenbeinküste), Chéri Cherin (Demokratische Republik Kongo), Loulou Cherinet (Schweden), Soly Cissé (Senegal), Omar D. (* Algerien, lebt dort und in Frankreich), Tracey Derrick (Südafrika), Cheick Diallo (* Mali, lebt in Frankreich), Dilomprizulike (Nigeria), Marlene Dumas (* Südafrika, lebt in den Niederlanden), Ymane Fakhir (* Marokko, lebt in Frankreich), Mounir Fatmi (* Marokko, lebt dort und in Frankreich), Balthazar Faye (* Senegal, lebt in Frankreich), Samuel Fosso (* Kamerun, lebt in der Zentralafrikanischen Republik), Meschac Gaba (* Benin, lebt in den Niederlanden), Jellel Gasteli (* Tunesien, lebt in Frankreich), Gera (*/† Äthiopien), David Goldblatt (*/ † Südafrika), Romuald Hazoumé (Benin), Jackson Hlungwani, (*/† Südafrika), Paulo Kapela (* Demokratische Republik Kongo, lebt in Angola), Amal & Abd El Ghany Kenawy (Ägypten), William Kentridge (Südafrika), Bodys Isek Kingelez (*/† Demokratische Republik Kongo), Abdoulaye Konaté (Mali), Moshekwa Langa (* Südafrika, lebt dort und in den Niederlanden), Ananias Leki Dago (Elfenbeinküste), Goddy Leye (* Kamerun, lebt dort und in den Niederlanden), Georges Lilanga Di Nyama (*/† Tansania), Franck K. Lundangi (* Angola, lebt in Frankreich), Gonçalo Mabunda (Mosambik), Michèle Magema (* Demokratische Republik Kongo, lebt in Frankreich), Abu Bakarr Mansaray (* Sierra Leone, lebt dort und in den Niederlanden), Julie Mehretu (* Äthiopien, lebt in USA), Myriam Mihindou (* Gabun, lebt in Marokko), Santu Mofokeng (Südafrika), Zwelethu Mthethwa (Südafrika), Hassan Musa (* Sudan, lebt in Frankreich), N’Dilo Mutima (Angola), Wangechi Mutu (* Kenia, lebt in USA), Ingrid Mwangi (* Kenia, lebt in Deutschland), Sabah Naim (Ägypten), Moataz Nasr (Ägypten), Otobong Nkanga (* Nigeria, lebt dort, in Frankreich und den Niederlanden), Shady El Noshokaty (Ägypten), Aimé Ntakiyica (* Burundi, lebt in Belgien), Antonio Ole (Angola), Richard Onyango (Kenia), Owusu-Ankomah (* Ghana, lebt in Deutschland), Eileen Perrier (Großbritannien), Rodney Place (Südafrika), Francis Pume (Demokratische Republik Kongo), Tracey Rose (Südafrika), Chéri Samba (* Demokratische Republik Kongo, lebt dort und in Frankreich), Sérgio Santimano (Mosambik), Zineb Sedira (*  Frankreich, lebt in Großbritannien), Benyounès Semtati (* Marokko, lebt in Frankreich), Yinka Shonibare (Großbritannien), Allan deSouza (* Kenia, lebt in USA), Joseph-Francis Sumegné (Kamerun), Pascale Marthine Tayou (* Kamerun, lebt dort und in Brüssel), Patrice Felix Tchicaya, (Frankreich), Guy Tillim (* Südafrika, lebt dort und in Frankreich), Titos (Mosambik), Barthélémy Toguo (* Kamerun, lebt dort, in Deutschland und Frankreich), Cyprien Tokoudagba, (*/† Bénin), Fatimah Tuggar (* Nigeria, lebt in USA), Ernest Weangaï (Zentralafrikanische Republik)

 

 

Julia Friedel ist Forschungskustodin für Afrika am Weltkulturen Museum in Frankfurt am Main und  Autorin. Sie studierte Afrikanistik mit den Schwerpunkten Sprachen, Literatur und Kunst (in Bayreuth) und Kuratieren (in Frankfurt am Main).

 

 

Weiterführende Literatur:

Marion Arnold, 2005 : « Africa Remix: Contemporary Art of A Continent » http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/j.1467-8357.2005.562_5.x/full

Rory Bester, 2008 : « Africa Remix. An Immigrant, to Be Looked at from the other Side of Reinforced Glass » in NKA, numéro 22/23.

David Brodie, 2007 : « Africa Remix » http://artsouthafrica.com/archives/archived-reviews/213-main-archive/archived-reviews/1566-africa-remix-1.html

Steve Nelson, 2008 : « Africa Remix Remix » in African Arts, volume 41, numéro 3.

Colin Richards, 2008 : Chika Okeke-Agulu, Salah M. Hassan, « The Twenty-First Century and the Mega Shows » in NKA, numéro 22/23.

 

[1] vgl. Njami 2004: 115.

[2] Njami 2004: 72.

[3] vgl. Njami 2004: 14.

[4] vgl. Njami 2004: 24.

[5] vgl. Bester 2008: 86.

[6] vgl. Arnold 2005, Nelson 2008: 4.

[7] vgl. Njami 2004: 23.

[8] Brodie 2007

[9] vgl. Brodie 2007

[10] vgl. Bester 2008: 85.

[11] Colin 2008: 173.

[12] vgl. Nelson 2008: 8.

[13] vgl. Bester 2008: 87, Colin 2008: 174.

 

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