Im Gespräch mit Stary Mwaba

DER GRIFF NACH DEN STERNEN

Unser Autor Magnus Rosengarten spricht mit dem Künstler über seine neue Einzelausstellung.

Stary Mwaba, Copper, Cobalt and Manganese Cabbage, 2014, installation (detail). Courtesy of the artist

By Magnus Rosengarten
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Arbeiten des sambischen Künstlers Stary Mwaba sind derzeit im Künstlerhaus Bethanien in Berlin zu sehen. Seine Soloausstellung mit dem Titel Life on Mars, die Malerei und installative Arbeiten vereint, lotet verschiedene Aspekte der jüngsten Geschichte Sambias aus wie etwa eine Weltraummission in den optimistischen 1960er-Jahren nach der Unabhängigkeit  oder auch die jüngeren Erfahrungen Sambias mit chinesischen Geschäftsinteressen an den reichen Kupfervorkommen des Landes. Mwaba, der in Lusaka lebt und arbeitet, derzeit jedoch Stipendiat der KfW Stiftung in Frankfurt ist, spricht mit unserem Autor Magnus Rosengarten über seine neue Ausstellung.

Magnus Rosengarten: Du bewegst dich in deinem kreativen Prozess stark zwischen verschiedenen Vorstellungswelten und der Realität. Wie beflügelt das deine kreative Arbeit? 

Stary Mwaba: Du hast völlig Recht, ich pendele immer hin und her. Momentan interessiert mich besonders die Arbeit mit Archivmaterialien. In meiner Kultur wird der Großteil der Geschichte mündlich an die nächste Generation weitergegeben. Dabei gibt es, glaube ich, viele Lücken, die ich mit Fantasie fülle.

Stary Mwaba, Installation view of D-Kato, 2015. Courtesy of the artist

Stary Mwaba, Installation view of D-KALO 1, 2015. Courtesy of the artist

MR: In deiner Ausstellung „Life on Mars“ ist eine Skulptur mit dem Titel „D-KALO 1“ zu sehen. Sie ist nach dem Raumschiff benannt, das der verstorbene sambische Lehrer Edward Makuka Nkoloso entwickelte; Nkoloso gründete 1964 die Nationale Akademie der Wissenschaft, Weltraumforschung und Philosophie, eine inoffizielle Weltraumakademie. Er wollte ein Raumschiff zum Mars schicken. Sind deine Arbeiten vom Konzept des Afrofuturismus geprägt?

SM: Ja. In der Zeit der Unabhängigkeit Sambias (1964) gab es diese Verbindung zwischen Freiheit, Unabhängigkeit und dem Weltraum. Wenn man sich die jüngste Geschichte Sambias ansieht, dann sind unsere Bergwerke buchstäblich in den zehn Jahren nach der Unabhängigkeit zusammengebrochen, und es ging mit der Wirtschaft bergab. [Zwischen 1974 und 1994 nahm das Pro-Kopf-Einkommen um 50 Prozent ab, so dass Sambia auf Platz 25 der ärmsten Länder der Welt rangierte.] Wir mussten einen Blick zurück auf die Geschichte werfen, in der die Menschen so begeistert waren, so positiv in die Zukunft blickten. Und Nkoloso ist einer der Menschen, der diesen immensen Traum hatte, ins Weltall zu reisen. Wenn man sich die Lebensgeschichte des Mannes anschaut, versteht man die Begeisterung, die für diese Phase der Unabhängigkeit typisch war.

MR: Du bist für dieses Projekt auch in die Archive gegangen. Wie macht sich die „dokumentierte Geschichte“ in deinem kreativen Prozess bemerkbar?

SM: Sie macht sich sehr bemerkbar. Als ich in Sambia ins Nationalarchiv ging, gab es nur sehr begrenzte Informationen über Nkoloso. Irgendwann wurde er eher zu einer Geheimdienstfigur und stand Präsident Kenneth Kaunda sehr nahe. Er war außerdem im Vorstand des African National Congress, der Partei, die heute in Südafrika regiert und damals noch verboten war und vom Exil in Lusaka aus arbeitete. Ich fand jede Menge Bilder und bekam auch ein sehr kurzes Video, auf dem Nkolosa beim Training zu sehen ist. Er spricht davon, von wo aus er sein Raumschiff starten lassen möchte. Auf dem Video ist auch Martha Mwamba zu sehen, das Mädchen, das Nkoloso auf der ersten Mission in den Weltraum schicken wollte.

MR: Eine Frau wollte in den 1960er-Jahren in den Weltraum fliegen?

SM: Unter den Kadetten an Nkolosos Sambischer Weltraumakademie war ein 17-jähriges Mädchen namens Matha Mwambwa. Ich finde das wirklich interessant, weil es Sachen gibt, die man wirklich verstehen muss. Heute gibt es sehr viele Probleme im Zusammenhang mit Gender-Ungleichheit. Damals hatten Frauen glaube ich eine stärkere Stellung.

MR: Eine eher kontextuelle Frage. An wen richten sich deine Arbeiten?

SM: In meinem Umfeld zuhause mache ich viel Sozialarbeit. Die Geschichte von Nkoloso klingt zum Beispiel wie Fiktion. Und ich habe einen kleinen Workshop gemacht, in dem ich das Video jungen Mädchen gezeigt habe. In der Gruppe haben wir dann überlegt, wie es auf dem Mars wohl aussieht. „Bauen wir doch ’mal den Mars!“ Das ist ein anderes Publikum und wir stellen gemeinsam Arbeiten her. Wo ich jetzt in Deutschland bin, scheint mir, dass meine Arbeiten in Wirklichkeit die immer noch bestehenden falschen Vorstellungen des afrikanischen Kontinents und seiner Menschen behandeln. Sie sind für mich auch ein Anlass, über meine persönliche Inspiration zu sprechen. Das war damals ein Wettlauf: Russland und die USA wollten beide als erste im All sein. Das war eine große Sache, und auch wir waren im Rennen. Meine Arbeiten erzählen in Wirklichkeit von meiner Inspiration als Afrikaner, als Sambier und als Künstler.

MR: Was bedeutet die aktuelle Präsenz Chinas in Sambia für dich?

SM: Zwei Dinge: Auf der einen Seite bietet China Afrika Optionen. Vorher hatten wir nicht so viele Optionen. Unsere Wirtschaft wächst, weil China da ist. Es ist immer wieder von wirtschaftlicher Kolonisierung die Rede, aber ich glaube, die war schon vorher da. China führt sie nicht erst ein; die Chinesen kommen einfach aus demselben Grund nach Afrika, aus dem die Europäer kamen. Auf der anderen Seite bin ich mir nicht sicher, ob man ihnen trauen kann. Sie reißen riesige Flächen an sich, sie behandeln die Arbeiter schlecht. In meiner Arbeit geht es darum, langfristige Fragen zu stellen. Werden wir – wie immer – über den Tisch gezogen werden, oder werden wir davon profitieren? Aber ich glaube, es liegt wirklich an uns, den Sambiern, zu entscheiden, in welche Richtung wir gehen wollen.

Stary Mwaba. Courtesy of the artist

Stary Mwaba. Courtesy of the artist

MR: In deiner Ausstellung gibt es auch eine Serie mit dem Titel „Chinese Cabbage”, Chinakohl. Was symbolisiert der Kohl für dich?

SM: Als ich klein war, kannte ich Kohl so gut wie gar nicht. Wir haben andere Gemüse gegessen. Aber heute gibt es ihn, und er hat die Gemüselandschaft verändert. Häufig braucht man nur zu sagen „ich will chinesisch“, und jeder weiß, dass man Kohl haben möchte. Es gibt also ein Gemüse, das gut für einen ist, aber zugleich ist es auch eine ausländische Pflanze – wahrscheinlich führt sie irgendwelche Schädlinge ein. Der Kohl ist wirklich ein Material, das das aktuelle Geschehen in Sambia widerspiegelt. Meine Arbeit beruht auf einem einfachen Grundschulexperiment, das damit zu tun hat, wie Pflanzen Mineralien und Wasser absorbieren. Mit dem Kohl klappt das ganz gut. Es ist unglaublich, wie er die verschiedenen Lebensmittelfarben, die ich ins Wasser gebe, absorbiert. Für mich repräsentiert die „Chinese Cabbage“-Serie die Präsenz der Chinesen in Sambia und vielen Teilen Afrikas und ihre Art und Weise, die Mineralien aufzusaugen.

MR: Wie hat sich deine Künstlerresidenz in Berlin auf deine Praxis ausgewirkt? 

SM: Es war für mich einfach toll, so viel Kunst aus allen Teilen der Welt zu sehen, aber ebenso wichtig war es zu sehen, was die Arbeiten afrikanischer Künstler in der Diaspora repräsentieren. Es gibt ein Modell, ihr habt dieses System, irgendwie muss man sich je nach Bedarf einfügen, je nachdem, welche Äußerung andere von einem erwarten. Das hat mir auch geholfen, über meine Arbeit nachzudenken und die Gründe, weswegen ich sie für wichtig halte.

MR: Warum ist deine Arbeit wichtig?

SM: Aus vielerlei Gründen, selbst wenn ich manchmal mit dem Thema Publikum so meine Probleme habe. Meine Arbeiten werden manchmal nicht als Kunst, sondern eher als Unterrichtsmaterial ausgestellt. Ich bin wirklich froh, dass ich dem Betrachter etwas beibringen kann, aber es ist gut, meine Arbeit zurückzuziehen und sie in einem Raum zu zeigen, wo ein völlig anderes Publikum sie sehen kann. Das verändert die Botschaft in gewisser Weise.

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Stary Mwaba, Life on Mars, 6. – 29. März 2015,  Künstlerhaus Bethanien, Berlin.

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Magnus Rosengarten ist Filmemacher, Autor und Journalist aus Deutschland. Er lebt z.Zt. in New York, wo er einen Master in Performance Studies an der NYU macht.

 

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