Ein Gespräch zwischen Fadlabi and Issa Samb

“Ein Künstler muss nirgendwo hingehen. Das Sein besteht daraus, Kunst zu produzieren. Man kann sein, wo immer man ist”

Der sudanesiche Künstler Fadlabi trifft auf den senegalesischen Künstler Issa Samb, dessen erste Einzelausstellung in Europa gerade in Oslo zu sehen ist

‘WORD! WORD? WORD! Issa Samb and the Undecipherable Form’, installation view, photo: OCA/ Vegard Kleven.

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Zum ersten Mal begegnete ich Issa Samb in Dakar. Ich war dort, um gemeinsam mit anderen den Aufbau von Institutionen für die Künste in Afrika zu diskutieren. Die meisten Teilnehmenden des Symposiums waren keine AfrikanerInnen. Issa saß in der ersten Reihe und lauschte konzentriert – die meiste Zeit mit Kopfhörern – der Übersetzung vom Englischen ins Französische. Hin und wieder stand er plötzlich auf, ging zum Podium und füllte die Gläser der ReferentInnen mit Wasser. Dann verbeugte er sich und machte Gesten, um zu zeigen, dass er sie willkommen hieß. Es kam einem so vor, als sei Dakar sein Zuhause und als seien wir alle seine Gäste.

Issa bewegt sich auf theatralische Weise, langsam und elegant, als versuche er, keinerlei Geräusch zu verursachen. Er spricht auch auf eine sehr ruhige Art. Er ist wie die meisten Senegalesen groß und sehr schlank. Er trägt stets eine Baskenmütze, wie ein alter französischer Maler, wobei sein graues Haar wirr darunter hervorschaut. Er trägt außerdem einen langen farbenprächtigen Mantel, bei dem man nicht weiß, ob es ein westliches Kleidungsstück ist oder das eines Derwisches aus einer Sufi-Moschee.

Jetzt sind wir in Oslo. Issa und ich sitzen in seiner Ausstellung „WORD! WORD? WORD!” im Office for Contemporary Art Norway. Er sitzt auf dem Sofa in einer Ecke des Galerieraums, wo er eine Art Wohnzimmer eingerichtet hat, mit einem Sofa und zwei Sesseln, von denen einer mit einem Haufen bunter Teddybären bedeckt ist, die an den ledernen Sesselbezug angenäht sind. Vor uns steht ein Tisch mit einem Fernsehbildschirm, auf dem irgendein Video läuft. Die Bilder des Videos erscheinen alt und verstaubt, so wie der Rest der Ausstellung. Die Schau scheint aus lauter Dingen zu bestehen, die er über die Jahre gesammelt hat, während er am Rand irgendeiner überfüllten Stadt lebte. Fast alles ist mit Staub überzogen, manche Gegenstände sind von vertrockneten Blättern und Spinnweben bedeckt.

Wenn man sich die Gegenstände im Galerieraum näher ansieht, ist darunter fast alles zu finden: Gemälde, Skulpturen, Stoffe, Röntgenbilder, Stapel alter Zeitungen und viele andere Dinge. Bemerkenswert an diesem Chaos ist die ruhige Energie, die die Gegenstände ausstrahlen. Sie bringen einen tatsächlich dazu, nachzudenken! Als ich sie betrachtete, dachte ich an Tod, Zeit, Religion, Wirtschaft, Gut und Böse, und manchmal sah ich wieder Dakar. Mitten auf dem Boden der Galerie liegt etwas, das aussieht wie ein sehr großer toter Mann, der in ein weißes Tuch gehüllt ist. Auf ihm platziert hat Issa vier hölzerne Kreuze. Am Kopf des toten Mannes steht ein riesiges Kreuz, das in den Raum aufragt, vom Boden bis hinauf zur sehr hohen Decke, die es berührt. Das verstörendste Bild bieten für mich die Nägel, die Issa in einige Babypuppen aus Plastik gebohrt hat. Er hat Nägel in ihre Gesichter und Körper gebohrt. Das fühlt sich an, als ob Issa sich selbst martere oder über etwas sehr Schmerzhaftes klage. Der tote Mann fühlt sich auch an wie er. Er ist so groß und ruhig wie Issa.

Fadlabi: Ich bin kein Journalist, daher werde ich dir Fragen stellen, die ich selbst nicht beantworten könnte.

Issa nickt.

Fadlabi: Gibt es afrikanische Kunst?

Samb: Ja, die gibt es!

Fadlabi: Ist es afrikanische Kunst oder Kunst von AfrikanerInnen?

Samb: Während meines Aufenthalts in Oslo sind mir in der norwegischen Kunstszene Aspekte und Elemente aufgefallen, die man als afrikanisch bezeichnen kann. Und wenn wir von Musik sprechen, ist es gar keine Frage.

Fadlabi: Geht es dabei also nur um die Ästhetik oder gehört dazu auch eine Ideologie? Ich meine, es ist ja nicht neu, Elemente zu erkennen, die findet man genauso bei Picasso und Modigliani.

Samb: Es geht um beides. Es kommt auf den Künstler an. Die Elemente, die wir in der Kunst norwegischer KünstlerInnen erkennen, sollten als afrikanisch gelten, und Picasso und Modigliani schufen ebenfalls afrikanische Kunst. Als Picasso sich vom Impressionismus und dem Klassizismus löste und den Kubismus erfand, tat er dies unter dem Einfluss afrikanischer Skulpturen. Hätte es diese Skulpturen nicht gegeben, wäre er nicht beim Kubismus angekommen.

Fadlabi: Du meinst also, in der zeitgenössischen Kunst gibt es afrikanische Kunst, doch niemand nennt das beim Namen?

Samb: Ja. Es ist nicht richtig, afrikanische Elemente zu verwenden und das, was man macht, nicht afrikanisch zu nennen. Es ist egal, woher man kommt.

Fadlabi: Müssen afrikanische KünstlerInnen nach Europa kommen, um es in der Kunst zu schaffen?

Samb: Ein Künstler muss nirgendwo hingehen. Das Sein besteht daraus, Kunst zu produzieren. Man kann sein, wo immer man ist.

Fadlabi: Wie kommt es dann, dass afrikanische KünstlerInnen sich mehr auf Europa als auf Afrika beziehen, warum wissen senegalesische Künstler nichts von somalischen Künstlern und sudanesische nichts von senegalesischen Künstlern?

Samb: Das liegt nicht an ihnen. Es ist eine Frage der Austausch- und Begegnungsmöglichkeiten. Wenn sie sich nicht begegnen, wissen sie nichts voneinander.

Fadlabi: Erinnerst du dich an das “2nd World Black and African Festival of Arts and Culture” (FESTAC) in Lagos 1977? Es wird behauptet, dass die damalige diplomatische Krise zwischen Senegal und Nigeria eigentlich den Konflikt zwischen England und Frankreich wiederspiegelte. Es drehte sich nur um das Öl in Biafra.

Samb: Es wäre zu einfach, das Ganze auf ein Problem zwischen Frankreich und England zu reduzieren. Zunächst einmal traf das nicht zu und zweitens waren beide Länder, Senegal und Nigeria, zu der Zeit unabhängig. Doch Nigeria war zu einer Diktatur geworden und das Militär inszenierte einen Coup gegen die Organisation des Festivals. Und das hatte ganz und gar nichts mit Biafra zu tun. Alle haben durch den Krieg in Biafra gelitten, doch was du hier ansprichst, hat nichts mit Biafra zu tun. Es war ein zweiter Coup gegen KünstlerInnen, Intellektuelle und reflektierte Menschen.

Der Vorläufer von FESTAC, das erste Festival Mondial des Arts Nègres in Dakar (auch FESMAN genannt) wurde 1966 von der Société Africaine de Culture organisiert, einer Organisation, die Alioune Diop aufgebaut hatte und die durch den ehemaligen Präsidenten Senghor initiiert worden war. Sie war von der Afrikanischen Union anerkannt und hatte in jedem Land eine Geschäftsstelle. Diop organisierte dieses Festival nach zwei Konferenzen, die in Paris und Rom mit afrikanischen SchriftstellerInnen und KünstlerInnen stattgefunden hatten. FESMAN war die Initialzündung für die folgenden Festivals. Da die Organisation in den Händen von Intellektuellen lag, wollte Nigeria, dass das Militär die Führung übernahm.  Die Sektion der African Society for Culture (Société Africaine de Culture) in Lagos installierte Ambroise Mbia, einen Schauspieler aus Kamerun, als Generalsekretär für das Festival. Als das nigerianische Militär Ambroise Mbia und Alioune Diop ablehnte, protestierte Senegal. Es ging nicht um Frankreich und England.

Fadlabi: Ich sehe einige Ähnlichkeiten zwischen der norwegischen und der senegalesischen Kunstszene, wenn es darum geht, wie sehr sie in Norwegen gefördert wird, denn es ist nicht nur die finanzielle Unterstützung, sondern auch das Ideologische. Im Falle Senegals war es offensichtlich die Négritude, so empfinde ich es zumindest als Sudanese. Ich habe das Gefühl, dass irgendwie alle senegalesischen KünstlerInnen damit gearbeitet haben und frage mich, ob es uns in Norwegen auch so gehen wird. Ob wir alle Kunst produzieren werden, die das offizielle Image von Norwegen als Friedensstifter und Mediator stützt. Was meinst du?

Samb: Senegal ist ein Land der Kultur. Friedensstiften und Mediation ist auch ein Teil unserer Kultur. Und wir haben diese Rolle in Afrika von Anfang an eingenommen. Senegal hat nie aufgehört, die Kultur zu unterstützen, selbst in wirtschaftlichen Krisenzeiten in den 1980er Jahren. Durch die Vergabe von Stipendien und die Organisation von Festivals. Das ist ein Teil unserer kulturellen DNS.

Fadlabi: Es war also nicht nur Senghor?

Samb: Doch, allgemein gesprochen hat es etwas mit Senghor zu tun, da er der Erste war, der das machte. Und auch weil er der Begründer der Ideologie der Négritude war. Übrigens habe ich mich persönlich gegen die Négritude gewandt. Ich stimme mit den Vorstellungen dieser Philosophie nicht überein. Ich finde sie ethnisierend und rassistisch. Das kann man heute im Rückblick erkennen. Vielleicht war es in der damaligen Zeit ein wichtiger Kampf. Obwohl ich also nicht mit ihren Prinzipien konform gehe, verstehe ich ihre Bedeutung. Doch meine Ablehnung bleibt bestehen.

Fadlabi: Worum geht es in deiner Kunst?

Samb: Ich arbeite jeden Tag. Das mache ich schon viele Jahre so und werde es immer tun. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an meiner Kunst arbeite.

Fadlabi: Was sollte ich tun, um ein guter Künstler zu sein?

Samb: Du brauchst nicht gut zu sein. Du musst Kunst schaffen. Es geht nicht darum, ob sie gut oder schlecht ist. Ein Künstler produziert Kunst.

‚WORD! WORD? WORD! Issa Samb and the Undecipherable Form‘ ist die erste Einzelausstellung des einflussreichen senegalesischen Künstlers Issa Samb in Europa. Die Ausstellung versammelt eine Auswahl emblematischer Arbeiten, die Samb in den letzten 25 Jahren schuf, darunter Gemälde, Zeichnungen, Skulpturen, Assemblagen und Installationen sowie Objekte, Kunstwerke von anderen und diverse Materialien, die er in seinem Atelier in der Rue Jules Ferry in Dakar angesammelt hat.

1974 gründete Samb gemeinsam mit dem Filmemacher Djibril Diop Mambety und einer Gruppe von Künstlern, Schriftstellern, Musikern, Schauspielern und Filmemachern das Laboratoire Agit?Art. Dessen multidisziplinäre Aktionen richteten sich gegen den Formalismus der École de Dakar, einer objektgebundenen Bewegung, die an der École Nationale des Beaux-Arts de Dakar entwickelt wurde und durch Léopold Sédar Senghors Philosophie der Négritude geprägt war. Mit dem Ziel, dieses Konzept hinter sich zu lassen und aufzubrechen in das Herumexperimentieren und die Bewegung, Kurzlebigkeit statt Dauer sowie politische und soziale Inhalte statt ästhetischer Vorstellungen, entwickelte das Laboratoire Agit?Art eine ausgeprägte ‚Ästhetik des Sozialen‘. In ihrer Arbeit stellte die Gruppe die Beteiligung des Publikums in den Vordergrund, ebenso wurden kommunikative Darstellungen dem physischen Objekt vorgezogen. Weder utopisch noch selbstreferentiell ausgerichtet, bezogen sich die Aktionen der Gruppe auf die unmittelbare soziopolitische Situation. Heute sind viele der Mitglieder der Anfangszeit verstorben, doch der Geist der Gruppe lebt weiter, verkörpert in allen von Sambs Werken.

Seit der Gründung des Laboratoire Agit?Art hat Issa Samb ein beachtliches, dennoch kryptisches und flüchtiges Schaffenswerk produziert. Es handelt sich um ein Schaffenswerk, das trotz seines avantgardistischen Charakters fest verankert ist in afrikanischen Traditionen künstlerischer Vielfalt und der Gleichzeitigkeit von Formen und Handlungen, in denen das gesprochene Wort und performatives Handeln hoch geschätzt werden. Und einhergehend mit Sambs Lektüre marxistischer Philosophie und Ästhetik, greifen viele seiner plastischen Assemblagen das Paradigma revolutionärer Bewegungen thematisch auf, wobei sie die Möglichkeit nahelegen, dass die Energie der bildenden Künste genutzt werden kann, um den Kampf der Schwachen und Benachteiligten zu unterstützen.

‚WORD! WORD? WORD!‘, kuratiert von Koyo Kouoh, bringt eine Auswahl von Arbeiten nach Europa, die sich auf Sambs facettenreiche eigene Produktion konzentrieren, in einer performativen Installation, die einen Bezug herstellt zu Sambs Atelier in Dakar, das als ‚La Cour‘ oder ‚Der Hof‘ bezeichnet wird. Die Schau wird ein fließendes System des Austauschs zwischen den Objekten, dem Künstler und dem Publikum schaffen.

Issa Samb wurde 1945 im Senegal geboren und lebt in Dakar. Er war Mitbegründer der Galerie TENQ – Village des Arts in Dakar und ist Autor zahlreicher Theaterstücke, Gedichte und Essays.  2010 zeigte die National Art Gallery in Dakar eine Retrospective seiner Arbeit. Seine Werke waren auch Teil großer Ausstellungen wie der dOCUMENTA (13), Kassel, Deutschland (2012), der Biennale de l’Art Africain Contemporain, Dak’Art, Dakar (2008) und ‘Seven Stories of Modern Art in Africa’, Whitechapel Gallery, London, UK (1995).

Fadlabi ist ein sudanesischer Künstler der in Oslo lebt und arbeitet.

‘WORD! WORD? WORD! Issa Samb and the Undecipherable Form

The Office for Contemporary Art Norway (OCA), 4 May – 23 June

 

 

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