Ein Rückblick auf die Exit Tour 2006

Eine sagenhafte Kunstreise durch Westafrika

Unter der Führung von Goddy Leye machten sich 2006 sieben Künstler_innen auf eine Reise quer durch Westafrika: von Douala zur Biennale Dak’Art. Unterwegs entwickelten sie die Konzepte, die die künstlerische Ausbildung in Kamerun neu gestalten sollten. Zum 10. Jubiläum ihrer Meisterleistung blicken sie auf die entscheidenden Momente ihrer Kunstreise zurück.

The Exit Tour at the Off of the Dak'art Biennale. Courtesy of the Exit Tour members.

By AMET
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Im März 2006 begibt sich eine kleine Gruppe kamerunischer und (eine) schweizer Künstler_innen auf ein einzigartiges künstlerisches Abenteuer. Sie packen ihren Rucksack und brechen in Douala, der wirtschaftlichen Hauptstadt Kameruns, auf, um über einige Umwege zur Dak’Art zu reisen, zur afrikanischen Biennale der zeitgenössischen Kunst im Senegal. Ihr Wunsch: Afrika zu entdecken und ihr eigenes Kunstverständnis durch die Begegnungen und den Austausch mit anderen Menschen zu erweitern. Der Initiator dieses Projekts war Goddy Leye, ein zeitgenössischer Künstler aus Kamerun und Gründer von ArtBakery, dem ersten Raum für künstlerisches Experimentieren im Kamerun. Die sieben Abenteurer_innen Ginette Daleu, Justine Gaga, Dunja Herzog, Lucfosther Diop, Achilleka, Alioum Moussa und Goddy Leye (†2011) überquerten neun Grenzen und machten Halt in den größten Städten Westafrikas. Zehn Jahre danach erzählen uns Justine Gaga und Alioum Moussa von ihren Erfahrungen, von dem, was in Erinnerung geblieben ist und was sie gelernt haben auf dieser mehr als gewagten dreimonatigen Abenteuerreise.

Exitoureurs 2006 in Dakar.

EXIT: Hinaus in die Welt oder der Ausgangspunkt des Abenteuers …

Alioum Moussa: Goddy Leye wollte seine ArtBakery zu einer Oase des Schaffens und der Selbstbestimmung für Künstler_innen machen. Als wir unsere Werkaufenthalte beendet hatten, ging es darum, dass wir die Ergebnisse unserer Arbeit auf der Triennale DOUAL’ART präsentieren. Wir hatten uns in die Künstlerresidenz hineinbegeben, wurden und haben vieles in Frage gestellt, und schließlich war der Zeitpunkt gekommen, wieder hinauszugehen, in die Öffentlichkeit, daher auch der Titel der Ausstellung:  EXIT – hinausgehen oder herauskommen, wie ein neugeborenes Kind. Diese Gruppenausstellung verhalf uns zu einer guten Präsenz in der Öffentlichkeit. Alle Arbeiten fanden Anklang, es war ein schönes Konzept!

Exit Tour Map 2006

EXIT TOUR: Kunstnomaden unterwegs

Justine Gaga: Ich war eine Abenteurerin. Ich hatte gerade eine Reise hinter mir, die aus dem Ruder gelaufen war. Drei Wochen lang war ich in einem Holzboot bis nach Frankfurt unterwegs gewesen. Im Januar 2005 fing ich an, mit Goddy Leye zusammenzuarbeiten. Das war eine gute Schule. Wenn er einen Raum betrat, waren alle begeistert, alle hatten Lust, ihm zuzuhören. Ich sagte zu ihm: „Weißt du Goddy, da gibt es etwas, das mich reizen würde …“ Ich musste wieder losziehen, neue Abenteuer erleben. Ich hatte solche Lust, Sachen gemacht zu haben, eine Vita zu haben. Ich hatte die nötigen Papiere, um von hier aus, von Douala, bis nach Marokko zu reisen, und von da aus nach Spanien zurückzukehren. Ich fragte ihn, ob wir nicht eine Reise planen könnten auf den Wegen der Clandestins, der Auswanderer… Daraufhin entwickelte er die Idee, ein Projekt zu machen, das Exit Tour heißen sollte, und das es Leuten, die einen Werkaufenthalt abgeschlossen hatten, ermöglichen sollte, weiter zu ziehen und sich auch anderswo auf dem Kontinent ein bisschen umzuschauen.

Hinking to accomodation in Ouagadougu. Photo the artist.

Von DOUAL’ART nach DAK’ART — ein Netz spinnen aus den Erfahrungen von Kunstschaffenden in Westafrika

JG: Warum fangen Afrikaner_innen nicht damit an, sich Afrika anzuschauen, Afrika zu sehen, Afrika zu verstehen? Afrika hieß für uns, ökonomisch betrachtet, zunächst einmal Westafrika, denn die Kunstmesse von Dakar war ja praktisch mit der gesamten Region Westafrika verbunden. Die meisten von uns waren noch nie dort gewesen, dabei gibt es relativ gute Verbindungen über die großen Fernverkehrsstraßen. Wir sind also aufgebrochen auf diese Rundfahrt, von einer großen Stadt zur nächsten, von Douala nach Calabar, Lagos, Cotonou, Lomé, Accra, Ouagadougou, Bamako und schließlich Dakar.

Austausch und Begegnung als schöpferische Arbeit

JG: Als wir in Cotonou ankamen, veränderte sich alles, weil uns klar wurde, dass wir keine Lust hatten, dorthin zu kommen um zu malen.

AM: Afrika kennen zu lernen hieß für uns nicht, an einen anderen Ort zu kommen, um dort etwas auszustellen, das wir  gemacht haben. Es ging vielmehr darum, die lokalen Künstler_innen kennenzulernen, die Kurator_innen, die Kunstzentren. Sich die Frage zu stellen, ob sie unsere Realitäten teilen.

JG: … und vor allem Erfahrungen auszutauschen, was uns ermöglichte zu erkennen, dass die Probleme, die wir hatten, nicht nur unsere Probleme waren, sondern dass es anderen genauso ging. Das Interessanteste an dieser Tour waren immer die Schwierigkeiten, die Realitäten, die wir hautnah miterleben konnten.

Encounter with the local art scene at Queen Arlette. Photo the artists.

Von einer Grenze zur nächsten, mit den Fragen zur Kunst im Gepäck

AM: An jedem Ort, an den wir kamen, haben wir diskutiert und viele Fragen gestellt. Welchen Status haben Künstler_innen hier, wie werden sie von den Institutionen unterstützt? Kümmert sich der Staat um die Künstler_innen? Und alle haben dazu dann Stellung genommen, ihre Einschätzungen zum Ausdruck gebracht.

JG: … und Exit Tour hat dann ja auch auf der Dak’Art einige Fragen aufgeworfen. Exit Tour gibt im Grunde selbst eine Antwort auf die Frage, was ist ein Kunstwerk? Kann der Künstler selbst zum Werk werden? Was auf uns ja zutraf, denn wir brauchten unterwegs keine Werke mehr zu schaffen. Alles was wir auf dem Weg  gemacht hatten, die Begegnungen, der Austausch und diese ganze Performance war ein einziges Kunstwerk! Es entstand unterwegs, allmählich, während wir uns fortbewegten.

Exit Tour at Les Dépôts de Bamako show. Photo the artists.

Von der EXIT TOUR zur ArtBakery — eine neue Plattform für eine alternative Kunstausbildung in Kamerun

AM: Die Künstler_innen im Umfeld der ArtBakery waren alles Leute, denen Goddy Leye in irgendeiner Form geholfen hat, ihre menschliche und künstlerische Haltung zu festigen.

JG: Goddy Leye hat selbst einmal gesagt, dass er die Entscheidung, nach Kamerun zurückzukommen traf, als ihm klar wurde, dass es für die kamerunische Kunstszene keinerlei Ausbildungsmöglichkeiten gab. Und das war auch der Grund, warum er beschloss, sein Projekt, die ArtBakery aufzubauen. Die ArtBakery ist ein Ort, wo man über seine Kunst nachdenkt, wo du dir Gedanken machst, wo dir überlegen musst, wie du deine Arbeit aufbaust. Es ist eine alternative Ausbildung. Damals gab es keine einzige Kunstschule im Kamerun, keinen Anhaltspunkt, keine Orientierung, nichts für Künstler_innen wie uns. Und EXIT TOUR war das Projekt, das den Blick wirklich verändert hat, das war der Durchbruch für die ArtBakery.

Exit Tour Exhibition in Douala. Photo the artists.

POST Exit Tour

JG: Für uns ist die EXIT TOUR ein wahrhaftiges Lehrstück. Was wir auf dieser Reise erlebt haben, sind für uns Erfahrungen von unschätzbarem Wert. Goddy hat so vieles an uns weitergegeben. Diese Lust, Dinge zu bewegen, etwas auf die Beine zu stellen, Projekte zu initiieren, die nicht nur uns selbst etwas bringen, sondern auch andere inspirieren und nähren. Es gibt eine Art Magie, die uns anzieht, das geht auch darauf zurück, dass wir auf dieser Reise so viel Zeit zusammen verbracht und darauf verwandt haben, uns näher zu kommen, uns besser kennenzulernen und gemeinsam zu wachsen. Von diesem Projekt können wir wirklich mit Stolz erzählen.

 

AMET ist eine kamerunische Klangkünstlerin, die teilweise in Deutschland aufgewachsen ist. Sie arbeitet mit zeitbasierten Medien, vornehmlich in Form von Performances und experimentellen Podcasts. In ihren Arbeiten verwendet sie Worte und Klänge in Form von Transcodierung, Code-Switching und Algorithmen. Ihr aktueller Arbeitsprozess findet hauptsächlich in afrikanischen und diasporischen Communities statt, wo sie ein feines Abbild der elektronischen Griotage kreiert, die von der Vergangenheit in die Zukunft reicht. Wie der Philosoph Mudibe sagte: „Afrika ist eine Erfindung, deshalb müssen Afrikaner*innen sich selbst (neu) erfinden.“

 

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