Black Dada denken mit Adam Pendleton

Wie Abstraktion ein anderes Wort für Freiheit ist

Unser Autor Gauthier Lesturgie hat sich mit dem Künstler Adam Pendleton getroffen, um über seine aktuelle Ausstellung shot him in the face, bei KW Institute for Contemporary Art in Berlin

Adam Pendleton, shot him in the face. Installation view. KW Institute for Contemporary Art, 2017. Photo: Frank Sperling

By Gauthier Lesturgie
Tweet about this on TwitterShare on FacebookEmail to someone

Gauthier Lesturgie: Du hast zwei Zitate aus dem Gedicht „Albany“ von Ron Silliman als Ausgangspunkt beziehungsweise als Titel für deine Ausstellung verwendet: „If the function of writing is to ‚express the world‘“ und „shot him in the face“. Ron Silliman theorisiert sein System des Schreibens in dem Essay „The New Sentence“ (1987), in dem er eine kollagenähnliche Prosa aus nebeneinander stehenden kurzen Sätzen anregt. Ich finde, diese Art der Montage ist deinem kreativen Prozess sehr ähnlich: Deine Sprache besteht aus Ellipsen, Umstellungen und Parataxen. Kannst du uns mehr über dein Interesse an Ron Silliman erzählen?

Adam Pendleton: Ich habe ein allgemeines Interesse an Sprachtheorien, insbesondere in welchem Zusammenhang sie zu bestimmten poetischen Traditionen stehen. Ron Sillimans Vorstellung von „The New Sentence“ wird in meiner Arbeit mobilisiert und als visuelles Werkzeug angewendet: Sätze zusammenkleben, schichten, doch ohne den Drang, ein Werk zu schaffen, das endgültig und festgelegt ist. Das erscheint sehr weit und abstrakt, aber man versucht auch, Bedeutungen zu strukturieren und neue Theorien der Logik und neue Erzählweisen zu schaffen, die eine lineare Vorstellung der Funktionsweise von Narrativen durchbrechen, um etwas anderes anzubieten. Hier spielt eine Kritikalität in Bezug auf den Satz, das Bild, das Wort selbst eine Rolle, und das wird hier untersucht und eingesetzt. Diese Ausstellung bringt Konzepte und Werke zusammen, mit denen ich mich schon sehr lange beschäftige, die ich in unterschiedlichen Satzstellungen und Bildern überarbeitet und neu positioniert habe.

„Albany“ ist Teil von Sillimans umfangreicherem Werk mit dem Titel „Ketjack“, das eine Art Lebenswerk, ein gigantisches Oeuvre ist. Wie viele seiner Texte ist der Satz, selbst die Vorstellung davon, unglaublich großzügig; diese einfache Sache, die einfache Struktur kann sich gleichzeitig in so viele verschiedene Richtungen bewegen, und genau das verlange ich vom Kunstwerk selbst. Dass wir als Betrachter_innen durch die Sparsamkeit der Mittel gleichzeitig in viele Richtungen gehen können.

Adam Pendleton, WE (we are not successive), 2015, face. Installation view. KW Institute for Contemporary Art, 2017, Courtesy of the artist and Pace Gallery, New York. Photo: Frank Sperling

GL: “shot him in the face” ist Teil der Ausstellungsreihe beim KW Institute for Contemporary Art, die dem Künstler Ian Wilson gewidmet ist: Sie bringt Wilsons Werk mit dem anderer zeitgenössischer Künstler zusammen und bietet gleichzeitig seine Praxis als konzeptionellen Rahmen an. Einige der Verbindungen zwischen deinem und seinem Werk sind sofort sichtbar, insbesondere die Reflektion und die Verwendung diskursiver Formen. Weniger offensichtlich ist da vielleicht das ausgeprägte Interesse an der Abstraktion, das du und Ian Wilson teilen. Kannst du uns mehr über dieses Zusammenspiel erzählen?

AP: Ian Wilson ist ein bedeutender Konzeptkünstler, der Fragen zur Materialität von Sprache eingesetzt hat, in diesem Fall die fehlende Materialität. Seine Diskussionen sind inzwischen seine Hauptwerke, die er mit seinem Publikum „macht“. Interessant ist, dass in dieser Ausstellung eigentlich zwei Künstler aufeinandertreffen, die sich für Sprache interessieren, in meinem Fall Sprache als Bild, Bild als Sprache. Letztendlich treten wir über zwei monochromatische Gemälde in den Dialog. Seins ist ein etwas schiefes Rechteck, meins ein schwarzes Monochrom, das jenen Raum des modernistischen, monochromen schwarzen Bildes, wie „Black Square“ von Malevich, pervertiert. Beide Methoden der Umsetzung pervertieren diesen Raum irgendwie. Es ist nicht handgemalt, sondern auf eine Art mechanisch, die Leinwand ist reproduzierbar, hat aber trotzdem die Intimität von etwas, das handgemacht und durch seine Detailliertheit präzise ist: welches Schwarz, welche Oberflächenbehandlung, das Diptychon – zwei Dinge, aus denen eins wird – und der auf der Seite liegende Buchstabe „a“, abgeleitet vom Begriff „Black Dada“. Es entsteht eine Art Prozess der Befreiung und der Abstraktion in Bezug auf die Malerei, aber auch in Bezug auf Sprache und Geschichte und wie Abstraktion ein anderes Wort für Freiheit ist. Diese Bilder sprechen miteinander, das ist der Dialog, das ist der Austauschmechanismus. Ich finde das unerwartet und produktiv.

Die Idee kam hauptsächlich von Krist Gruijthuijsen, dem Kurator, und ich war eigentlich während der gesamten Zeit, die wir an dieser Ausstellung gearbeitet haben, davon überzeugt, dass es nicht funktioniert. In intensiven Gesprächen hatten Krist und ich eine bestimmte Anordnung und einen Plan entwickelt: die Wand, die den Raum zweiteilen und was dort hängen würde, der Satz usw. Ich dachte, dass die eigentliche Platzierung von Ian Wilsons Arbeit alles durcheinanderbringen würde, vom formalen Standpunkt aus gesehen. Doch dann, als das Bild hing, dieses rote, monochrome, etwas schiefe Rechteck, wurde es eine Art Filter für mein eigenes Bild. Für mich ist das „Black Dada Painting“ die Bühne, die Grundlage, auf der meine Theorien von Sprache, von Geschichte, von Abstraktion sich manifestieren. Die Vereinigung dieser beiden Werke hat einen umfassenden Raum eröffnet. Ich glaube, dass dadurch letztendlich doch etwas Neues entstanden ist, in Bezug auf Konzeptualismus und das geschriebene, das gesprochene Wort.

Adam Pendleton, shot him in the face. Installation view. KW Institute for Contemporary Art, 2017. Photo: Frank Sperling

GL: Ich würde gern über die Entstehung dieses Raums sprechen. Mir gefällt die Vorstellung des Archivs als Ort, abgeleitet vom Ursprung des Wortes. Das ist in deiner Arbeit förmlich sichtbar: du produzierst dein Archiv in deinem Atelier, indem du Material bearbeitest (durch Fotokopieren, Siebdruck, Beschneiden usw.) und dann zum Aufbau eines sehr physischen Raums verwendest. Dein Archiv wird tatsächlich greifbar: hier baust du eine große Wand auf, vielleicht das Grundelement, wenn man an einen Raum denkt.

AP: Praktisch gesehen ist die Wand eine räumliche Lösung, was dann aber einen Einfluss auf die Präsentation und die Funktion der Werke in diesem Raum hatte. Sie teilt den gesamten Galerieraum buchstäblich in zwei Teile und wurde eine Art durchgehende Oberfläche. Die Wand arbeitet mit den unterschiedlichen Bildern und Bezügen: angefangen von dem Paar, das 1960 zum kongolesischen Unabhängigkeitstag tanzt, über das Foto einer Blume von einem Bauhaus-Studenten und die Dokumentation der ersten Documenta bis hin zu Stoffmustern. All diese Werke verwenden Sprache in unterschiedlichen Abstufungen der Abstraktion. Ich denke der architektonische Bruch wird zu einer Frage der Lesbarkeit in Form von Raum, wie wir den Raum wahrnehmen und uns in ihm bewegen, also gibt es eine Art Verschmelzung der Gesten, sowohl auf ernste als auch spielerische Weise.

Adam Pendleton, Black Dada/Column (A), 2015. Courtesy of the artist and Galerie Eva Presenhuber, Zurich;
Ian Wilson, Red Rectangle, 1966 (reconstructed in 2008). Courtesy of the artist and Jan Mot, Brussels. Installation view. KW Institute for Contemporary Art, 2017. Photo: Frank Sperling

GL: Ich habe gelesen, dass du im Laufe dieser Ausstellung den „Black Dada Reader“ veröffentlichen wirst. Kannst du uns mehr über diese bevorstehende Publikation erzählen?

AP: Ziel ist es, den „Black Dada Reader“ zur laufenden Ausstellung zu veröffentlichen und eine Buchpräsentation in Berlin zu veranstalten. Das Buch hat 300 bis 400 Seiten und begann als Atelier-Publikation, die diesen Gedanken von Black Dada in Umlauf brachte. Jetzt enthält es Essays, die Bezug nehmen auf Leute wie Hugo Ball, W.E.B. Du Bois, Stokely Carmichael und Gertrude Stein ebenso wie Künstler_innen unterschiedlicher Generationen wie Joan Jonas und William Pope. L. Geschrieben wurden sie von Kurator_innen und Kunsthistoriker_innen, angefangen von Adrienne Edwards über Jenny Schlenzka, Laura Hoptman und Tom McDonough bis zu Susan Thompson. Diese Veröffentlichung steht für einen Übersetzungsprozess, und ich hoffe, dass sie ihr Potenzial ausschöpft und großzügig aufgenommen wird.

 

Adam Pendleton, shot him in the face, February 24 – May 14, 2017, KW Institute for Contemporary Art, Berlin

 

Gauthier Lesturgie, freischaffender Kunstkritiker und Kurator, lebt in Berlin. Seit 2010 hat er für verschiedene Projekte und Kunsträume, u.a. Galerie Art&Essai (Rennes), Den Frie Centre for Contemporary Art (Kopenhagen) und SAVVY Contemporary (Berlin), gearbeitet. Derzeit schreibt er für verschiedene Plattformen wie u.a. 02 (Nantes), Contemporary And (Berlin), Espace art actuel (Montréal), ETC media (Montréal), Inter art actuel (Québec), Momus (Toronto), Mouvement (Paris) und Sleek (Berlin).

 

Don't miss out

Sign up to our newsletter now to get the latest stories from CONTEMPORARY AND (C&) delivered straight to your inbox

Thank you!

You have already signed up

Thank you!

We’ve successfully received your details.

To complete the subscription process, please click the link in the email we just sent you.

Don't miss out

Sign up to our newsletter now to get the latest stories from CONTEMPORARY AND (C&) delivered straight to your inbox

Thank you!

You have already signed up

Thank you!

We’ve successfully received your details.

To complete the subscription process, please click the link in the email we just sent you.