Wearing many hats

Bowie in Afrika

Mitte der 1990er, als seine Musikkarriere gerade ruhte, jobbte David Bowie als Kunstkritiker und berichtete dabei sogar über das erste Kunstspektakel in Südafrika nach der Apartheid.

David Bowie as Andy Warhol in Julian Schnabel’s 1996 Basquiat movie. source: Widewalls

By Sean O’Toole
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Das Plattencover von David Bowies Studioalbum Heroes von 1977 zitiert bekanntlich ein Werk des österreichischen Malers Egon Schiele, dessen Leben der Popmusiker in einem Filmvorhaben von David Hemmings spielen sollte. Die Filmbiografie wurde nie verwirklicht, doch Bowies Albumcover hat bis heute Bestand als Designklassiker des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Weit weniger Beachtung finden Bowies Reisen nach Kenia in dieser Zeit, Begegnungen, die sich, bestimmt durch weiße bürgerliche Privilegien, auf seinen zukünftigen Werdegang als Maler und Kunstkritiker auswirken sollten.

Im Oktober 1977, kurz nach einem Auftritt in Just a Gigolo, dem viel geschmähten Hemmings-Film, der im Berlin der 1920er Jahre spielt, flog Bowie mit seinem Sohn Zowie nach Kenia. Sie machten Urlaub im Treetops, einer Wildreservat-Lodge im Aberdare Nationalpark. Auf Bitten von Ärzte ohne Grenzen besuchte Bowie auch ein „Lager der Massai“ im Westen Kenias, wo er „Milch und Blut, die ein Angehöriger der Massai einer Kuh entnommen hatte“, trank.

In einem Beitrag, den er beinahe zwei Jahrzehnte später für die noble Englische Kunstzeitschrift Modern Painters schrieb – 1987 vom Kunstkritiker Peter Fuller gegründet –, erinnert sich Bowie an den Ursprung seiner Begeisterung für Kunst vom afrikanischen Kontinent, eine Serie von Drucken, auf denen der Wassergeist Mami Wata abgebildet ist, die er in Nairobi kaufte. Ja, Bowie schrieb Kunstkritiken, und manche davon beschäftigten sich sogar mit der sich langsam formierenden zeitgenössischen afrikanischer Kunst, insbesondere wie diese sich 1995 in Johannesburg gestaltete.

A fake Zairian stamp set depicting Bowie and other well known musicians.

A fake Zairian stamp set depicting Bowie and other well known musicians.

Musikalisch war 1995 ein eigenartiges Jahr für den 48-jährigen Bowie, der sein bombastisches Konzeptalbum Outside herausbrachte, das auf seine experimentierfreudige Berlin-Trilogie zurückgreift, die Mitte der 1970er Jahre entstand. In anderer Hinsicht schlug Bowie, der an einer Jungenschule in der Londoner Vorstadt die Fächer Kunst, Musik und Design belegt hatte, jedoch sowohl als Maler als auch als Kritiker neue Wege ein. Seine fünfseitige Kritik der ersten Johannesburg Biennale in der Sommerausgabe 1995 von Modern Painters ist dafür ein Beispiel. Der üppig bebilderte Artikel bietet ein faszinierendes Porträt der temperamentvollen Begegnung des Musikers mit KünstlerInnen vom Kontinent im kürzlich demokratisierten Südafrika.

Obwohl er der Redaktionsleitung von Modern Painters angehörte und regelmäßig für die Zeitschrift schrieb – „Was die Stärke von Basquiats Werk ausmacht ist seine Transzendenz des Schwarz-weiß-Getues und die wahrlich würdevolle Gleichgültigkeit des Existenzialisten“, kommentierte Bowie – war der Grund für seinen Südafrikabesuch nicht rein journalistisch. Die American Vogue hatte den Popstar und seine Frau, das Model Iman Abdulmajid dazu eingeladen, bei einer Modestrecke mitzuwirken, gestaltet von Stilpäpstin Grace Coddington und fotografiert vom Amerikaner Bruce Weber. Beim Fototermin in Kapstadt modelte Bowie mit seiner Frau, mit der er seit drei Jahren verheiratet war, in seinen eigenen Kleidern am Strand.

Bei ihrem Südafrikabesuch verkehrte das Promipaar mit der Crème de la Crème, traf die Sängerin Miriam Makeba sowie den religiösen Führer und Aktivisten Desmond Tutu. Bowies Kritik der Johannesburg Biennale ist ein Foto beigefügt, auf dem er den wohl unelegantesten Anzug trägt, den man zu einem Treffen mit Nelson Mandela tragen kann. Doch das ist nur die Hintergrundgeschichte.

Bowie hat als Kritiker einen lyrischen und rasanten Prosastil, der außerdem unverhohlen benutzerfreundlich ist. „Kunst ist nicht mehr elitär“, sagte er 1997 gegenüber der Londoner Times, als er gerade dabei war, seinen Kunstverlag 21 Publishing auf den Weg zu bringen. „Wir wollen, dass die Texte leicht verständlich sind – genauso viele Leute besuchen Rockkonzerte wie Museen und Galerien.“ Seine Form der Kunstkritik unterstreicht das.

„Auf diesem Boden stapeln sich die Klagen und Zwistigkeiten nur so“, stellte Bowie über die Szene in Südafrika fest. „Die Luft ist erfüllt von Animositäten und Launenhaftigkeit, und unter diesem schweren Teppich persönlicher und unpersönlicher Absichten liegt der Künstler.“ Statt sich in seiner Kritik auf diese Ressentiments zu konzentrieren, beschwört Bowie die große Verzückung, die ihn überkam, als er durch die Biennale taumelte. „Je mehr ich umherlaufe, desto mehr Gänsehaut bekomme ich; das Vergnügen wächst von Augenblick zu Augenblick durch das schiere Hochgefühl, teilzuhaben an Werken, die auf Talent und einem ungetrübten Austausch beruhen. Die Farben und die ernsthafte Absichtserklärung sind überwältigend. Das ist so aufrüttelnd und bewegend wie jedes große Kunstevent, das ich gesehen habe, egal ob im Osten, Westen, oder in der Mitte, in jedem beliebigen Jahr.“

Als einer, der die Knochenarbeit des Zuhörens beherrscht – nicht bloß eine Meinung zu haben – zitiert er in seiner Besprechung die unterschiedlichen Kunstschaffenden, mit denen er sich in Johannesburg ausführlich unterhielt. Er zitiert den in Johannesburg lebenden Kay Hassan, der zuletzt in Okwui Enwezors All the World’s Futures auf der Biennale Venedig 2015 zu sehen war, und damals meinte: „Ich verstehe den Grund für die Biennale nicht, deshalb möchte ich nicht daran teilhaben.“ Und den angolanischen Künstler António Ole, der im letzten Jahr in Venedig den angolanischen Pavillon kuratierte, und 1995 über seinen Überdruss in Bezug auf Südafrika sprach: „Hier in Südafrika scheinen sie sich mit Identitätsproblemen herumzuschlagen, denen wir in Angola uns vor 20 Jahren gestellt haben. Mich macht das ungeduldig. Ich verstehe die hiesigen Probleme, aber die Kunstszene ist so klein, dass alles zur Krise gerät und die Kontrolle zum Meister wird, nicht die Arbeit.“

Vielleicht war es Bowies Format, das ihm das Vertrauen so vieler Künstler einbrachte, einschließlich des neo-expressionistischen Malers Beezy Bailey, der mit den Worten zitiert wird, er fühle sich „verbittert angesichts der Antidiskriminierungsmaßnahmen in der Bildenden Kunst“. Bowie gab sich ungerührt ob der Beschwerde des Künstlers. „Ich weiß nicht, ob ich mich auch nur ansatzweise darauf einlassen möchte, denn ich sehe in Südafrika wenig, das auf notleidende Weiße in Dachkammern, Brot-und-Wasser-Situationen hindeutet“, kommentierte er. Bowies Treffen mit Bailey fand in Kapstadt statt, eine Stadt, deren „weiße Lattenzäune“ und „sanfte grüne Hügel“ er froh war, in Johannesburg hinter sich zu lassen.

“Johannesburg ist ein urbaner Albtraum”, schrieb Bowie über die Gastgeberstadt des ersten Kunstspektakels in Südafrika nach der Apartheid. „Eine Blade Runner-artige Brutalität in ihren feindseligen, wimmelnden Straßen, und total spannend.“ Diese Spannung bestimmt seine Einschätzung der Kunst, die ihm begegnete.

A signed David Bowie exhibition poster for his New Afro-Pagan And Work 1975-1995 at at The Gallery in Cork Street, London, 1995

A signed David Bowie exhibition poster for his New Afro-Pagan And Work 1975-1995 at at The Gallery in Cork Street, London, 1995

Bowie schreibt elegant darüber wie hingerissen er von dem „Großstadtjungen“ William Kentridge ist, damals noch ein regionales Kleinod und nicht der Güteklasse A-Exportartikel, der er heute ist. Bowie beschrieb Kentridges Zusammenarbeit mit der in Südafrika geborenen Dänischen Künstlerin Doris Bloom als den „strahlenden Höhepunkt“ seines Besuchs. Doch nicht alles ist Verzückung: “ … einige der Netze dieser kleinen Künstlergemeinschaft wurden zeitweilig in Richtung New York der 1980er Jahre ausgeworfen.“ Diese Gewohnheit hält sich.

Bowies Begeisterung reichte über die heiße Luft des Kritikers hinaus. Besonders die Kunst des beninischen Bildhauers Romuald Hazoumè hatte es ihm angetan, von dessen „unglaublich eindrucksvollen picassironischen [sic] Montagen“ Bowie drei erwarb. Er wollte auch eines der ironischen Bilder aus Zulu-Lulu-Umrührstäbchen des Kunst-Appropriationisten Wayne Barker kaufen. Schon verkauft, sagte Barker Bowie. Barker kuratierte bekanntlich The Laager, eine Begleitausstellung, bei der 14 nach innen gerichtete Schiffscontainer im Kreis aufgestellt und u.a. die Werke von Barker, Barend de Wet und Malcolm Payne gezeigt wurden. Bowie beschrieb die Ausstellenden als “Haufen wahnsinnig talentierter, junger, größtenteils weißer Künstler, die sich mit der südafrikanischen Sache auseinandersetzen.“

Bei seiner Rückkehr nach London überzeugte Bowie seinen Kunsthändlerfreund Bernard Jacobson (mit dem er 1998 den Kunstverlag 21 Publishing gründete) eine Ausstellung neuer südafrikanischer Kunst zu veranstalten. Ende 1995 unter dem Titel Mayibuye i Africa durchgeführt, umfasste sie Werke von Kentridge, den Bildhauern Willie Bester, Norman Catherine und Kendell Geers, sowie Bilder von Penny Siopis, alles KünstlerInnen der Goodman Gallery. Bowie wird darüber gelächelt haben. In seiner Kritik schrieb er, dass vieles, was aus Afrika nach Europa und in die USA gelangte, durch einen engen Kanal geschleust wurde: „Statt jeweils einzeln das Risiko einzugehen, das die Gefahren der Reise und das Entdecken von Kunstwerken mit sich bringen, wurden einige große Sammlungen moderner afrikanischer Kunst beinahe komplett von der Goodman Gallery erworben, sogar per Post.“

Bowie kaufte Arbeiten von Catherine. „Ich habe meine kleinen Catherines aus Holz überall im Haus verteilt“, verriet er im Vorwort zu Catherines Monografie aus dem Jahre 2000. „In der südafrikanischen Kunst besetzt er einen ähnlichen Platz wie Eduardo Paolozzi in der britischen Kunst einnimmt. Rebellisch und einfach ‚außerhalb‘. Daher liebe ich ihn natürlich.“ Bowie erstand auch Bilder von Siopis und El Hadji Sy. Letzterer erzählte später, wie sehr er sich darüber freute, weil er seit Jahren Bowies Musik kaufte. Siopis war auch ein großer Fan. “Mir wurde damals gesagt, dass er mein Bild für Iman kaufte, die davon sehr ‚begeistert‘ sei“, sagte die Künstlerin, die den Musiker nie persönlich getroffen hatte.

Siopis, die vor kurzem den Helgaard Steyn-Preis für ihr Diptychon Swarm (Tinte und Klebstoff) von 2011 erhielt, liebte Bowies Musik seit Anfang der 1970er Jahre: „Vor allem Ziggy Stardust, das ich mir immer wieder anhörte wenn ich malte.“ Sie verbindet seine Musik noch immer mit der radikalen Studentenpolitik der damaligen Zeit, findet ihren Einfluss auf Kunststudierende jedoch überbewertet, zumindest in Südafrika. „Einige Kunststudenten fuhren auf ihn ab, doch die Philosophiestudenten waren richtig süchtig, soweit ich mich erinnere.“

Sean O’Toole ist Autor und Mitherausgeber von CityScapes, einem kritischen Magazin für urbane Forschung. Er lebt in Kapstadt, Südafrika.

 

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