Ein künstlerischer Blick auf den Übergang von der Apartheid zur Demokratie

Die Kunstsammlung des Verfassungsgerichts von Südafrika

C& spricht mit dem Richter Edwin Cameron, und der Menschenrechts-Aktivistin Albie Sachs, über die Kunstsammlung des Verfassungsgerichts von Südafrika

Joseph Ndlovu, Humanity, 1994

By Richter Edwin Cameron und Justice Albie Sachs
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Am Eingang des Verfassungsgerichts von Südafrika im Zentrum von Johannesburg steht die Skulptur eines großen Mannes, der vor einen Karren gespannt ist. Seine Last ist menschlicher Natur – ein Mann und eine Frau, die ihrerseits auf dem Rücken einer vierten Person sitzen, welche auf dem Karren kniet. Auf den ersten Blick erinnert die Skulptur an die Geschichte der Knechtschaft, die die entmenschlichende Institution der Apartheit prägte. Bei genauerer Betrachtung bringt sie jedoch eine komplexere Botschaft zum Ausdruck. Der Künstler Dumile Feni hat keine rassenbezogenen Unterschiede zwischen den vier Figuren gemacht, und der Mann, der den Karren zieht, ist die einzige Figur, die groß und stark genug ist, diese Aufgabe zu übernehmen. Der Titel der Arbeit lautet History, und die vier Figuren tragen sich gegenseitig auf eine Weise, die die Abhängigkeit, Verbundenheit und Spannung spiegelt, die menschliche Beziehungen seit jeher charakterisieren.

 Dumile Feni. “History”  2003, bronze. Photo by Akona Kenqu


Dumile Feni. “History”  2003, bronze. Photo by Akona Kenqu

History ist die erste von zahlreichen künstlerischen Arbeiten, die Besucher des Verfassungsgerichts von Südafrika dazu einladen, über die brutale Vergangenheit des Landes und seinen Übergang zu einer verfassungsmäßigen Ordnung zu reflektieren. Als oberstes Gericht des Landes schützt und fördert das Verfassungsgericht die fundamentalen Werte der menschlichen Würde, Gleichheit und Freiheit all jener, die innerhalb der Grenzen Südafrikas leben. Die Kunstsammlung des Verfassungsgerichts (CCAC) ist nicht nur ein lebendiges Denkmal der Ideale, auf denen die Post-Apartheidsverfassung Südafrikas beruht, sondern auch eine Erinnerung an das, was noch zu tun ist.

Ihre Anfänge waren bescheiden. Als die ursprünglichen elf Richter des Gerichts sich 1994 in einem Bürokomplex in Johannesburg trafen, erhielten die Richter Albie Sachs und Yvonne Mokgoro $1,000, um den Gerichtssaal zu gestalten. Die beiden taten jedoch etwas viel Bedeutsameres, als den Raum freundlicher zu machen; sie gaben das gesamte Budget an den Künstler Joseph Ndlovu und beauftragten ihn mit der Gestaltung eines Wandteppichs, der die Grundsätze der Menschlichkeit darstellen sollte. Seitdem ist die CCAC auf Schenkungen von über 400 Künstlern angewachsen und stellt heute eine Sammlung im Wert von über $5 Millionen dar.

Unter der Leitung der Kuratorin der CCAC, Stacey Vorster, werden Besucher des Gerichts heute mit einer Sammlung konfrontiert, die zugleich inspiriert und zum Nachdenken anregt. Bereits der Eingangsbereich des Gerichts führt durch eine Reihe massiver Holztüren, die mit handgeschnitzten Darstellungen der 27 in der Verfassung verankerten Rechte verziert sind. Eine Neonlicht-Installation von Thomas Mulcaire verkündet daraufhin mit lauter Stimme „A luta continua“ (der Kampf geht weiter). Die anschließende Serie urbaner Trauerlandschaften von Regi Bardavid versinnbildlicht die emotionale Zerrissenheit der Künstlerin, deren Mann bei einem missglückten Überfall ums Leben kam. Ein nacktes Selbstporträt von William Kentridge unterstreicht, wie Nacktheit historisch von der Macht instrumentalisiert worden ist, um insbesondere schwarze und weibliche Körper zu verdinglichen – und kehrt diesen Prozess zugleich um.

Carolyn Parton Concourt Logo

Carolyn Parton Concourt Logo

Setzt man seinen Weg durch die Galerie fort, legt ein zerfetztes Kleid aus Müllbeuteln Zeugnis vom Schicksal Phila Ndwandwes ab, einer Generalin des bewaffneten Arms des African National Congress. Bei dem Versuch, Informationen außer Landes zu schmuggeln, wurde Ndwandwe von Mitgliedern der South African Defence Force [Name der südafrikanischen Streitkräfte zu Apartheids-Zeiten] festgenommen, ausgezogen und gefoltert, weil sie sich weigerte, Informationen preiszugeben. Ndwandwe nutzte daraufhin einen blauen Plastikmüllsack, um daraus provisorische Unterwäsche für sich zu machen. Dieser Akt des Widerstands und der Humanität brannte sich in das Gedächtnis eines ihrer Gefängniswärter ein, der die Geschichte von Ndwandwes Inhaftierung und Tod vor der Wahrheits- und Versöhnungskommission erzählte. Die Künstlerin Judith Mason erfuhr von der Geschichte und beschloss, den außergewöhnlichen Taten einer gewöhnlichen Frau, die in die brutale Maschinerie der Apartheid geriet, ein Denkmal zu setzen. Auf den Rock des Kleides hat Mason ein Gedicht geschrieben: „Die Denkmale deines Muts sind überall; sie wirbeln in den Straßen umher und treiben auf Wellen und bleiben an Dornbüschen hängen. Aus einigen von ihnen ist dieses Kleid gemacht.“

Die hier zu sehenden Arbeiten gehen über rein dekorative oder Gedenkkunst hinaus. Sie schaffen Momente der Empathie, die abstrakte Konzepte wie Apartheid in intime Erlebnisse des Schmerzes und der Widerstandfähigkeit Einzelner übersetzen. Diese Empathie ist ein essenzieller Bestandteil der Rechtsprechung des Gerichts, die in menschlicher Würde gründet. Kunst und Gerechtigkeit werden in der Regel getrennt voneinander dargestellt: Die Kunst, so heißt es, habe mit dem menschlichen Herzen zu tun, die Gerechtigkeit mit der menschlichen Intelligenz. Rationalität gilt zuweilen als Feind der Kunst, Leidenschaft als Feind der Gerechtigkeit. Das Verfassungsgericht Südafrikas zeigt, wie sich Kunst und Gerechtigkeit überschneiden und gegenseitig verstärken. Im Kern der Bill of Rights und im Kern der im Gericht ausgestellten künstlerischen Arbeiten steht der Respekt der menschlichen Würde. Er verbindet Kunst und Gerechtigkeit.

Es ist unbedingt erforderlich, dass die CCAC die bereits zu sehenden Arbeiten behält und ihre Sammlung um andere Werke von unverminderter Vitalität erweitert. Fundraising im Inland ist jedoch kaum möglich, weil das Gericht unparteiisch erscheinen muss und kein Geld von südafrikanischen Spendern oder der südafrikanischen Regierung annehmen kann, da diese hier als Prozessparteien auftreten könnten. Darunter leidet die CCAC. Aufgrund des undichten Dachs haben unbezahlbare Werke Feuchtigkeitsschäden erlitten; an wichtigen Arbeiten fehlen Beschriftungen und Erläuterungen, die das Verständnis fördern und das Besuchserlebnis bereichern könnten; und Amos Millers Darstellung von Nelson Mandela laufen Tränen von Taubendreck über die Wangen. Aus diesen Gründen hat die Foundation for Society, Law and Art in South Africa [Stiftung für Gesellschaft, Recht und Kunst in Südafrika] im Oktober 2014 eine offizielle Fundraising-Kampagne im Büro [der internationalen Wirtschaftskanzlei] Hogan Lovells in Washington DC und New York gestartet. Das Hauptziel der Stiftung besteht darin, Stiftungsgelder zum Zweck des Schutzes, Erhalts und letztlich der Erweiterung der Kunstsammlung des Gerichts zu akquirieren.

Der Zustand der Sammlung spiegelt die Schwierigkeiten Südafrikas als Land wider. Nach einer Phase des Überschwangs in den Jahren nach dem erstaunlichen Übergang zu einer Rechtsordnung, die die Rechte aller Bürger schützt, hat die harte und aufreibende Arbeit begonnen, die Demokratie erfolgreich zu bewahren. Der Erfolg der neuen südafrikanischen Verfassung wird sich nicht nur an der Stärke der richterlichen Entscheidungen aus Südafrika bemessen, sondern auch an den landesweiten Bemühungen der Zivilgesellschaft, die Achtung der Menschenrechte ihrer Bürger zu fördern.

Die CCAC versinnbildlicht die besten Ambitionen unserer Demokratie, unser Streben nach Versöhnung, Gerechtigkeit und Wandel … Wenn wir für die Kunst kämpfen, kämpfen wir auch für das zugrunde liegende Projekt, eine tragfähige Demokratie in Südafrika aufzubauen. Die Bedeutung der CCAC besteht daher nicht nur darin, den Urteilen des Gerichts Empathie zu verleihen, sondern in breiteren Teilen der südafrikanischen Gesellschaft Debatten auszulösen und zum Nachdenken anzuregen. Wie der amerikanische Rechtswissenschaftler Learned Hand sagte: „Ich frage mich oft, ob wir unsere Hoffnungen nicht zu sehr auf Verfassungen, Gesetze und Gerichte setzen. Das sind falsche Hoffnungen, glauben Sie mir, das sind falsche Hoffnungen. Die Freiheit liegt in den Herzen der Männer und Frauen, wenn sie dort stirbt, kann keine Verfassung, kein Gesetz und kein Gericht sie retten, und kein Gericht kann dagegen etwas unternehmen. Wenn sie aber dort in den Herzen liegt, braucht es keine Verfassung, kein Gesetz und kein Gericht, um sie zu retten.“

Die CCAC setzt ihre Hoffnungen nicht ausschließlich auf die Rechtsprechung der Institution, deren Gebäude sie teilt. Sie fördert die Ideale der südafrikanischen Verfassung auf eine Weise, die sich einerseits mit dem Gesetz überschneidet und andererseits durch einer Reihe von rätselhaften und zentralen Botschaften unabhängig vom Gesetz ist. Die Gedenkstätten befinden sich an anderen Orten. Der Kampf geht weiter. Wir tragen uns gegenseitig. Die CCAC steht für eine Geschichte von intensiver Leidenschaft, Schmerz und Erlösung. Und während sie über diese Geschichte reflektiert, stellt sie eine Geschichte in Frage und regt eine andere an, die noch zu schreiben ist.

Contemporary And: Welche Beweggründe stehen hinter der Kunstsammlung des Verfassungsgerichts von Südafrika (CCAC)?

Albie Sachs & Edwin Cameron: Die CCAC geht auf die Entscheidung der Richter Albie Sachs und Yvonne Mokgoro zurück, mit dem kleinen Ausstattungsbudget von rund $1.000 USD für das Verfassungsgericht Joseph Ndlovu mit einem Wandteppich zu beauftragen. Dieser Teppich mit dem Titel Humanity ist möglicherweise  ein Wunsch für die Zukunft des Landes, das durch seine traumatische Geschichte so tief gespalten ist. Die Arbeit zeigt Menschen, die sich eng aneinanderdrängen. Sie haben die Augen geschlossen und wissen nicht, welches Geschlecht, welche Hautfarbe und welches Alter die anderen haben, und genau das eint sie in ihrer Menschlichkeit.

Die Arbeit ist in mehrfacher Hinsicht eine Abkehr von der griechisch-römischen Göttin Justitia, die die Augen verbunden hat und eine Waage hält. Justitia, die als Symbol für Rechtsstaatlichkeit in der ganzen Welt verwendet wird, scheint eine universelle Vorstellung von Gerechtigkeit zu verkörpern. Auch scheint ihre Blindheit Unvoreingenommenheit auszudrücken, doch wenn die Gerechtigkeit sich entscheidet, blind zu sein, wirkt sie vielleicht nicht gerade so einladend auf diejenigen, die sich am dringendsten um sie bemühen. In Humanity erweckt die gespiegelte Handlung von Menschen, die ihre Augen schließen, einen ganz anderen Eindruck: Hier geht es um das Aufeinandertreffen von Gemeinschaften, damit Gerechtigkeit durch die Brille von Empathie und Miteinander betrachtet wird. Es geht um ein Arbeitskonzept von Gerechtigkeit, das von einer Vielzahl von Stimmen festgelegt wird.

Ähnlich weicht das von der Künstlerin Carolyn Parton entworfene Logo des Gerichtshofs vom Symbol der Justitia ab. Es zeigt eine Gruppe von elf Menschen, die unter einem Baum versammelt sind. Die elf stehen für die elf offiziellen Sprachen Südafrikas und deuten so an, wie alle Bürger des Landes durch die Verfassung und Rechtsstaatlichkeit geschützt sind. Die Figuren werden jedoch – und das ist wichtig – nicht einfach beschützt, sondern sie stützen aktiv die Äste des Baumes.

Seit dem Ankauf von Humanity ist die CCAC auf über 400 Werke von Künstlern aus der ganzen Welt angewachsen. Als Ausdruck von Gerechtigkeit, Menschenrechten und Versöhnung bietet die Schaffung dieser Kunstsammlung den unterschiedlichsten Stimmen die Möglichkeit, sich daran zu beteiligen, wie wir die Zukunft des Landes imaginieren und – was vielleicht noch wichtiger ist – Empathie und Einheit erzeugen. In den meisten Gerichtsgebäuden hängen – wenn überhaupt – Bilder von toten weißen männlichen Richtern. Eines Tages werden wir beide tote weiße männliche Richter sein. Dagegen ist nichts einzuwenden, doch wenn das die einzigen Bilder sind, dann lautet die Aussage, dass nur Männer wichtig waren und dass nur Weiße wichtig waren.

C&: Welche Künstler haben Sie ausgewählt, und wie wurden diese ausgewählt?

AS & EC: Mit Ausnahme von Humanity haben Künstler, Mäzene und Galerien die Exponate der CCAC großzügigerweise gestiftet. Die Sammlung hat sich, so könnte man sagen, selbst gesammelt. Das übergeordnete Thema ist zwar die Achtung der menschlichen Würde, doch die Sammlung ist unglaublich eklektisch. Sie umfasst eine große Sammlung an Perlenarbeiten des frühen 20. Jahrhunderts aus dem gesamten südlichen Afrika, wichtige Arbeiten der Resistance Art aus den 1970er- und 80er-Jahren, einen dreiköpfigen Hund der Handspring Puppet Company (die mit ihren Theaterpuppen für das Stück War Horse [Gefährten] berühmt geworden ist) sowie verschiedene eher zeitgenössische Arbeiten von Künstlern wie Marlene Dumas, Dumile Feni und William Kentridge. Die Arbeiten werden danach ausgewählt, inwieweit sie Konzepte von Gerechtigkeit, Menschenrechte und Versöhnung thematisieren, aber auch danach, welche Arten von Geschichten sie über die Geschichte und Identität Südafrikas erzählen.

C&: Welches waren im Zeitraum von 1994 bis 2014 die wichtigsten Meilensteine für die CCAC? 

AS & EC: In diesen 20 Jahren hat sich die CCAC zu einer der wichtigsten Sammlungen Südafrikas entwickelt. In gewisser Weise spiegelt die Erweiterung der Sammlung die Übergänge, Verhandlungen und das gemeinsame Trauma der letzten zwei Jahrzehnte wider. Paul Stopforths Freedom Dancer (1992) zum Beispiel scheint die ausgelassene Stimmung der Wahlen 1994 einzufangen, die das Ende der Apartheid markierte. Die Ereignisse der Wahrheits- und Versöhnungskommission stehen im Mittelpunkt zahlreicher Arbeiten der Sammlung, so etwa Judith Masons Blue Dress (1995), das die Geschichte der ermordeten Aktivistin Phlia Ndwandwe erzählt. In vielen Arbeiten spiegelt sich auch der Kampf gegen HIV, insbesondere in der Serie der erschütternden Körper-Landkarten von Menschen mit HIV, darunter schwangeren Müttern. Was als Sammlung begann, die der rationalen Rechtsprechung eine emotionale Komponente hinzufügen wollte, hat sich inzwischen zu einem lebendigen Denkmal der Gründungsprinzipien unserer Verfassung entwickelt. Was die praktische Arbeit angeht, hat sich die Sammlung derart erweitert, dass sie ihre ursprünglichen Absichten übertroffen hat und daher der Unterstützung und einer sorgsamen Leitung bedarf.

C&: Wie haben Rechtsanwälte, Politiker, der Kunstwelt und ganz normale Bürger auf die Sammlung reagiert? 

AS & EC: Die CCAC nimmt im öffentlichen Verständnis von Kunst in Südafrika eine Schlüsselrolle ein. Entsprechend prägt sie entscheidend das öffentliche Verständnis von Verfassung und Rechtsstaatlichkeit. Jedes Jahr betreten Tausende Gerichtsbesucher das Gebäude durch die wunderbare, weiträumige Eingangshalle, in der die Ausstellung beginnt, und begeben sich dann weiter in den großen öffentlichen Korridor des Gerichts – fast 140 Meter Stufen in einer weitläufigen, hellen Galerie von großzügigen Ausmaßen – in der die herausragendsten und eindrucksvollsten Werke zu sehen sind. Die zugelassenen Anwälte haben sich begeistert über das Gebäude geäußert. Arme Menschen, die ihre Grundrechte einfordern, fühlen sich hier wohl und anerkannt. Viele von ihnen sind Schüler und Schülerinnen, die jeden Samstag in Busladungen zum Gericht kommen, um an den pädagogischen Angeboten und dem öffentlichen Vermittlungsprogramm teilzunehmen, das von Rechtsreferendaren und anderen Freiwilligen organisiert wird.

Die Sammlung ist darüber hinaus international berühmt geworden und von Würdenträgern aus der ganzen Welt besucht worden, darunter Barack Obama, der damals noch Senator für Illinois war. Ein prominenter Architekt hat erklärt, dem Gericht gelinge es besser als irgendeinem anderen Gebäude auf der Welt, den Bauhaus-Traum umzusetzen und Kunst, Architektur und Kunsthandwerk zu einem sozial und künstlerisch sinnvollen Ganzen zusammenzuführen. Im Vorwort zu Art and Justice bemerkt die Richterin Ruth Bader Ginsburg: „Die Sammlung ist erfüllt vom Geist emanzipierter Menschlichkeit und ist die dynamischste Sammlung, die ich je in einem Gerichtsgebäude auf der Welt gesehen habe.“

Öffentliche Veranstaltungen im Gericht finden in der Galerie statt, umgeben von der Kunst von Kentridge, Dumas, Noria Mabasa und Marc Chagall. Die Chagalls wurden von den Enkelinnen des Künstlers Meret und Bella gestiftet als Zeichen des Respekts nicht nur vor der Menschenrechtsarbeit des Gerichts, sondern auch vor der öffentlichen Bedeutung der Sammlung als solcher. Die größte bauliche Ergänzung des Gerichtsgebäudes seit seiner Eröffnung 2004 ist die Flamme der Demokratie, ein ständig brennendes Feuer in einem der Bögen, die von den Wachtürmen des Gefängnisses gebildet wird, auf dessen Fundament das Gericht steht. Die Flamme am Eingang und die Kunstsammlung im Innern – sie sind die sichtbaren und einprägsamen Zeichen der Arbeit des Gerichts, das Gerechtigkeit und Rechtsstaatlichkeit innerhalb eines demokratischen Südafrikas ohne Rassenschranken schaffen will.

C&: Wie hängen Kunst und Menschenrechte und Rechtswesen zusammen? Wie können die Künste für mehr Empathie und Emotionen auf dem Gebiet von Recht und Politik sorgen? Und wie vermeidet man es im Zusammenhang damit, die Rolle und Funktion von Kunst zu instrumentalisieren?

AS & EC: Es gibt einen wichtigen historischen Zusammenhang zwischen Recht und Kunst. In gewisser Weise sind sie sich sehr ähnlich. Im günstigsten Fall können Kunst und Recht menschliche Ambitionen widerspiegeln. Genau wie eine Verfassungsurkunde kann auch ein bedeutendes Kunstwerk ein wichtiges Zeichen gesellschaftlicher Identität darstellen. Beide sind Spuren dessen, wie eine Gesellschaft sich sieht und was sie zu werden hofft.

Die sehr individuelle Erfahrung Südafrikas auf dem Weg in die Freiheit kommt nicht nur in den Bestimmungen seiner Verfassung, sondern auch in den kreativen Arbeiten dieser Sammlung zum Ausdruck. Sie alle befassen sich mit den wesentlichen Grundsätzen, die menschliche Würde zu bekräftigen und die reiche Vielfalt seiner Bürger zu fördern, die die neue politische Ordnung in unserer „Regenbogen-Nation“ antreibt. Diesem Land könnten Recht und Kunst eine Richtung weisen und als Inspirationsquelle dienen, da es in seinem dritten Jahrzehnt weiter mit wichtigen Herausforderungen in Bezug auf Identität, Ressourcen und Macht zu kämpfen hat.

Zugleich kann die Kunst als unabhängige Kraft jedoch eine eigenständige Rolle in der Gesellschaft spielen, die oftmals Recht und Gesetz zugute kommt. Während das Gesetz häufig das Ergebnis von institutionellen Absprachen und Gruppenkompromissen ist, ist die Kunst das Instrument der freien Meinungsäußerung Einzelner. Die Kunst vermag es, die Wahrheit auszusprechen, die selbst dann die Macht erreicht, wenn wenige andere Kanäle verfügbar sind. In Liedern, Satire oder den bildenden Künsten haben Kunst und Künstler nachdenklich stimmende Einsichten und bisweilen eine Kritik an Gesetz und Rechtssystemen vorgelegt. Südafrikas Fundus an kunst-basiertem Protest ist in dieser Sammlung für jedermann sichtbar und erinnert Beobachter aller Art daran, wie wichtig Meinungsäußerung in einer freien Gesellschaft ist. Die Macht der Kunst, die jenseits der Grenzen von Formalismus und Regeln liegt, liegt so gesehen in ihrer Fähigkeit, Diskussionen und Dialog über Recht und Gesetz anzuregen, indem sie die Menschlichkeit der Unterdrückten anerkennt und (häufig zugleich) die Menschlichkeit in denen sucht, die Gerechtigkeit verweigern würden.

Aus all diesen Gründen darf die Gesellschaft nicht vergessen, wie wichtig es ist, einen Raum in der Gesellschaft zu wahren, in dem die Kunst gedeihen kann. Selbstverständlich muss man bei dem Bemühen, die Ausdrucksfreiheit zu respektieren, auf ein ausgewogenes Verhältnis in einer Sammlung achten. Was für den einen Protest ist, ist für eine andere Person obszön. Ebenso richtig ist jedoch, dass dort, wo die Ziele der Kunst derart mit den Bedürfnissen und Ansprüchen des Gesetzes verquickt sind, weder das eine noch das andere gesellschaftliche Streben wahrhaft gelingen kann. Die gesellschaftliche Erwartung muss daher tendenziell immer das Prinzip der freien Meinungsäußerung vorantreiben – vielleicht sogar um den Preis der Achtung gewisser Werke, die die Machthaber nicht ruhig schlafen lassen.

C&: Können Sie Näheres zur Stiftung für Gesellschaft, Recht und Kunst in Südafrika und ihrer Fundraising-Kampagne sagen?

AS & EC: Die CCAC steht derzeit vor wichtigen Herausforderungen, die nachhaltiger Unterstützung und Aufmerksamkeit bedürfen. Da die Sammlung im Gerichtsgebäude untergebracht ist und von vielen Besuchern besichtigt wurde, haben der Zahn der Zeit und die Elemente an vielen Arbeiten ihre Spuren hinterlassen. Aufgrund dieser nicht zu vermeidenden Beanspruchung zeigen verschiedene Arbeiten in unterschiedlichem Maße Abnutzungserscheinungen oder Schäden. Obwohl die Sammlung von einem kleinen, talentierten kuratorischen Team betreut wird, das manche dieser Probleme kompetent angegangen ist, ist ein tragfähigeres Instandhaltungssystem vonnöten, um diese Sammlung von Weltrang langfristig zu bewahren. Darüber hinaus schränken die institutionellen Bestimmungen des Gerichts in Bezug auf Konflikte seine Fähigkeit ein, Zuwendungen von Quellen in Südafrika anzunehmen, die später möglicherweise Rechtsansprüche vor den Richtern stellen.

Um diesen Herausforderungen zu begegnen, wurde die Stiftung gegründet, die eine Strategie für langfristige Investitionen in die Lebensdauer der Sammlung entwickeln soll. Die Gruppe ist ein Zusammenschluss von Einzelpersonen, deren Respekt und Unterstützung für Südafrika und die CCAC aus ihrer Perspektive als ehemalige Rechtsreferendare, Prozessanwälte und Geschäftsleute resultiert. Ziel der Stiftung ist es, ein nachhaltiges Stiftungskapital einzurichten, um kuratorische Dienste zu finanzieren und die Sammlung so aufrechterhalten zu können; die Stiftung hat außerdem den langfristigen Ehrgeiz, diesen Fond zu verwenden, um den Aktionsradius der CCAC zu erweitern und pädagogische Vermittlungsprogramme sowie Ausstellungsführungen anzubieten. Insgesamt ist es das Ziel der Stiftung, die Kreativität der beteiligten Künstlerinnen und Künstler zu präsentieren und die Themen von Kunst und Gerechtigkeit einem weltweiten Publikum vor Augen zu führen.

C&: Kooperieren Sie mit anderen Projekten auf der Welt, die ebenfalls an der Schnittstelle von Kunst, Gesetz und Menschenrechten arbeiten?

AS & EC: Unseres Wissens nach ist diese spezielle Kunstsammlung (als unabhängige Holding eines aktiven Gerichts mit dem Schwerpunkt Gerechtigkeit und Freiheit) weltweit einzigartig. Es ist uns allerdings bewusst, dass die CCAC eine von vielen wichtigen Sammlungen ist, in denen die Themen Kunst und Gerechtigkeit verhandelt werden. Wir hoffen, dass wir – während dieses Projekt, die Sammlung zu erhalten und zu erweitern, weiter in Gang kommt – ähnliche Sammlungen identifizieren können, mit denen wir in Zukunft zusammenarbeiten könnten.

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Edwin Cameron ist seit 20 Jahren Richter in Südafrika und seit 2009 Richter am Verfassungsgericht. Er ist der Autor von Witness to AIDS (2005) und Justice: A Personal Account (2014).

Albie Sachs ist ein bekannter Menschenrechts- und Anti-Apartheids-Aktivist und seit 1994 Richter am südafrikanischen Verfassungsgericht. Er hat zahlreiche Bücher zu Menschenrechtsthemen sowie einen Kunstband mit dem Titel Images of a Revolution: Mural Art in Mozambique (1983) veröffentlicht. 

Aus dem Englischen von Claudia Kotte

 

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