Curriculum of Connections: Àsìkò Art School

Kollaborative Kritik

Martha Kazungu, eine ehemalige Teilnehmerin der panafrikanischen Àsìkò Art School in Addis Abeba sprach mit der Direktorin Bisi Silva über die Hintergründe und ihre aktuellen Pläne zum Umbau ihrer Plattform

Group photo of Asiko participants and some of the faculty members standing infront of the African Union building in Addis Ababa. Photo: Aron Simeneh

By Martha Kazungu
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In unserer Reihe Curriculum of Connections wollen wir unterschiedliche Stimmen, Projekte und Ideen zusammenbringen, die sich mit Bildungs-, Kunst- und Forschungspraxen beschäftigen. In diesem Raum lernen, verlernen und erforschen wir gemeinsam alte und neue Bereiche von Wissenssystemen, Gemeinschaftsarbeiten und der Imaginationen.

Martha Kazungu: Könnten Sie kurz erklären, warum und wie Sie mit Àsìkò angefangen haben?

Bisi Silva: Àsìkò wurde aus zwei Gründen ins Leben gerufen. Erstens, weil es mich interessiert, kuratorische Formate jenseits des Ausstellungsraums zu erforschen. Und zweitens, weil ich die Lücke füllen wollte, die es auf dem ganzen Kontinent gibt, wo die Kunstausbildung im Rahmen der Bildungssysteme leider keine Ausbildung in kritischer Theorie, Kunstgeschichte, Forschungsmethodik und konzeptionellen Strategien beinhaltet, die als Grundlagen für die künstlerische und kuratorische Praxis heute benötigt werden.

Teju Cole, Wangechi Mutu, Tibebeselassie Tigabu, Berhamu Ashagrie Deribew, Robel Temesgen at the Addis Show Symposium held at Goethe Institut in Addis Ababa. Photo: Papa Shabani

MK: Wir sind in der Fakultät vielen großen Persönlichkeiten begegnet, wie haben Sie die Dozent_innen der Àsìkò Art School ausgewählt?

BS: Glücklicherweise konnte ich auf mein weltweites Netzwerk von Kolleg_innen zurückgreifen. Ich bin, wie Sie sich vorstellen können, im Laufe meines Berufslebens inzwischen sehr vielen Leuten begegnet und fühle mich privilegiert, einige von ihnen nun nach Afrika einladen zu können, um hier intensiv mit afrikanischen Künstler_innen zusammenzuarbeiten und sich mit der Geschichte und Kultur des Kontinents auseinanderzusetzen. Manche Dozent_innen wurden mir auch empfohlen. Viele von ihnen kommen zum ersten Mal, mit manchen habe ich auch schon früher zusammengearbeitet, in einem anderen Kontext oder in einer anderen Funktion, und einige haben sich nun bereits mehrere Male als Dozent_innen zur Verfügung gestellt. Professorin Tamar Garb zum Beispiel war in den letzten vier Ausgaben der Àsìkò Art School Mitglied der Fakultät. Ich weiß es sehr zu schätzen, wie es ihr als erfahrener Akademikerin und Kunsthistorikerin gelingt, auch komplexe Konzepte und Ideen auf eine Art und Weise aufzuschlüsseln und zu kommunizieren, die sie allen zugänglich macht. Das gleiche gilt für Zoe Whitley, Forschungskuratorin an der Tate Modern, die in den beiden letzten Ausgaben ein unglaubliches Fachwissen und wertvolle Einblicke in das kuratorische Segment des Ausbildungsprogramms eingebracht hat. Dann gibt es Leute wie den ruandischen Künstler Christian Nyampeta, den ich selbst vorher nicht kannte, der mir aber freundlicherweise von der Künstlerin Emma Wolukau-Wanamba vorgestellt wurde. Sie alle verfügen über wertvolle Erfahrungen auf ihrem Gebiet, die sie gern mit den ganz unterschiedlichen Teilnehmer_innen an der Àsìkò-Ausbildung teilen. Es ist ein gegenseitiger Austausch, eine gemeinsame Produktion von Wissen. Die meisten Dozent_innen der Fakultät haben anfangs wenig Erfahrung darin, einen Raum mit 15 Künstler_innen und Kurator_innen aus mehr als neun, zehn verschiedenen afrikanischen Ländern zu unterrichten oder anzuleiten. Der intensive Austausch und die engen Interaktionen sind für beide Parteien eine bereichernde Erfahrung.

Yves Makongo, Eyob Kitaba, Ruth Ademasu, Mercy Moyo during a class session at Laphto Art Gallery in Addis Ababa. Photo: Ayo Akinwande

MK: Wie gelingt es Ihnen, die Bedürfnisse aller Teilnehmer_innen zu berücksichtigen, der etablierten wie auch der weniger erfahrenen Künstler_innen und Kurator_innen?

BS: Àsìkò bietet den Teilnehmer_innen die Möglichkeit, auf vielen verschiedenen Ebenen zu interagieren. Das ist ein sehr wichtiger Aspekt. Wenn wir sowohl erfahrene als auch junge Künstler_innen und Kurator_innen einladen, entstehen aus der Diversität an Fähigkeiten, Kenntnissen und Erfahrungen in der Regel spannende und dynamische Synergien, in denen alle voneinander lernen und sich in den meisten Fällen auch gegenseitig helfen. Manchmal realisieren dann gerade die erfahrensten oder am besten gebildeten Teilnehmer_innen, dass ihre Spezialisierung oder bisherige Erfahrung vielleicht doch auch begrenzt war.

MK: Die Ausgabe 2016 war der letzte Studiengang in seiner bisherigen Form, warum wollen Sie das Format der Ausbildung verändern?

BS: Àsìkò wurde nicht als ein Programm eingerichtet, das immer so weiter laufen sollte. Ich bin keine Schule im klassischen Sinne! Àsìkò ist in erster Linie ein kuratorischer Bildungsgang mit einem pädagogischen Ziel, der ursprünglich auf einen Zeitrahmen von etwa drei Jahren angelegt war. Aber dann stellten wir fest, dass sowohl Interesse als auch ein großer Bedarf an einer solchen Ausbildung bestand, und zwar in einem Ausmaß, das wir nicht erwartet hatten. Wir bekamen zunehmend Anfragen, das Projekt in verschiedene Länder zu bringen. Nun können wir aber nicht einfach immer weiter umherziehen, von einem Ort zum anderen, ohne Plan und ohne uns noch einmal ein paar grundsätzliche Gedanken zu machen. Wir müssen einen Schritt zurückgehen und darüber nachdenken, was wir bisher getan haben, überlegen, was wir sonst noch tun könnten und wie wir das tun wollen.

Außerdem muss das Projekt unabhängiger von mir werden, damit es wachsen und das Modell erweitert werden kann. Mehr als 80 junge Künstler_innen und Kurator_innen aus fast 20 afrikanischen Staaten hatten inzwischen die Chance, an diesem Programm teilzunehmen und wissen um dessen Bedeutung. Ich glaube, wir müssen eine Strategie entwickeln, die es diesen Leuten ermöglicht, Verantwortung zu übernehmen, Verantwortung auch für das Projekt zu übernehmen und dessen Zukunft zu bestimmen. Ich werde noch ein oder zwei Jahre dabei bleiben, um mitzuhelfen, aber ich freue mich auch darauf weiterzuziehen und andere Projekte zu entwickeln. Wie ich schon sagte, als ich damit angefangen habe, ging es darum, neue oder andere kuratorische Formate zu erfinden. Insofern ist es nur konsequent, wenn Àsìkò nun in ein anderes Format übergeht.

Bisi Silva, Director of CCA Lagos, Àsìkò School. Photo: Papa Shabani

MK: Werden Sie eine Plattform anbieten, auf der Àsìkò-Alumni sich treffen, Erfahrungen austauschen und weiterarbeiten können, nachdem das Programm abgeschlossen ist?

BS: Derzeit gibt es noch keine strukturierte Plattform in dem Sinne, aber da es ein sehr intensives Programm ist, in dem alle sehr eng zusammenarbeiten, entwickeln sich starke Bindungen zwischen den Teilnehmer_innen. Wir hatten zum Beispiel innerhalb von drei Jahren fünf Teilnehmer_innen aus Uganda. Euch alle verbindet die Tatsache, dass ihr über einen längeren Zeitraum hinweg eine ähnliche, intensive Erfahrung gemacht habt… Außerdem hat etwa Àsìkò 2016 eine eigene WhatsApp-Gruppe eingerichtet, um den Kontakt zu halten. Mir gefällt die Vorstellung, dass die Teilnehmer_innen selbst solche Netzwerke initiieren und pflegen. Es ist eine organische Entscheidung und es ist das Ergebnis der Zeit und Mühe, die Ihr alle darauf verwenden wollt, dieses Netzwerk aufzubauen, zu pflegen und am Leben zu erhalten. Die Social Media werden in dem Zusammenhang sicherlich eine wichtige Rolle spielen.

Aber natürlich auch ich darüber nach, Begegnungsmöglichkeiten für Alumni zu schaffen. Einen bescheidenen Versuch dazu werden wir schon in diesem Jahr in Accra starten, wo Àsìkò in Zusammenarbeit mit der Arts Council of the African Studies Association (ACASA) einen 10-tägigen Kurations-Workshop anbietet. Alle bisherigen Teilnehmer_innen des kuratorischen Ausbildungssegments wurden dazu eingeladen. Die meisten von ihnen werden einander bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal begegnen, und ich hoffe, dass daraus künftige Interaktionen und Kooperationen hervorgehen werden. Vielleicht ja ein panafrikanisches kuratorisches Netzwerk, denn ich glaube, es braucht eine kontinuierliche Form der Unterstützung und Förderung für diesen jungen Berufsstand auf dem ganzen Kontinent.

MK: Wir haben uns in diesem Studiengang ausführlich mit feministischer Literatur beschäftigt. Warum ist Ihnen Feminismus so wichtig?

BS: Ich wollte die Teilnehmer_innen mit einer ganzen Reihe von Texten in Berührung bringen, insbesondere auch mit feministischer Literatur, zumal es mich interessiert, was Feminismus für die Teilnehmer_innen bedeutet. Viele der weiblichen und durchaus auch männliche Teilnehmer_innen, beziehen sich zwar auf den Feminismus, konnten aber nicht definieren, was sie darunter verstehen. Ich hoffe, die Lektüre von Texten von Autorinnen wie bell hooks, Linda Nochlin und anderen bietet hier einen Ansatzpunkt. Ich selbst achte in besonderem Maße darauf, dass Künstlerinnen, Kuratorinnen und Autorinnen sichtbar sind, dass ihre Stimmen zu hören sind. Heißt das, dass ich Feministin bin? Vielleicht..!

MK: Erzählen Sie uns etwas über das Àsìkò-Buch und die Präsentation.

BS: Eines meiner wichtigsten Anliegen ist die Erforschung der gedruckten Seite als kuratorische Plattform. Die Arbeit an diesem Buch ist daher ein unabhängiges Projekt. Die Publikation wird fünf Teile umfassen: freie Beiträge, die von ehemaligen Teilnehmer_innen auf unsere Ausschreibung hin eingereicht wurden, in Auftrag gegebene Texte über alternative Bildungsplattformen und -formate, eine Dokumentation der Global Crit Clinic sowie eine umfassende Präsentation von Archivmaterial zu sechs Jahren Àsìkò Art School und einen Anhang.

Das Buch wird 2017 unter anderem in Accra auf der Arts Council of the African Studies Association (ACASA) vorgestellt, dem wichtigsten Forum für Wissenschaftler_innen, Akademiker_innen und anderen Fachleuten auf dem Gebiet der Afrikanistik. Das Forum selbst gibt es schon seit mehr als 30 Jahren, aber nie zuvor hat die ACASA in Afrika getagt – dieses Jahr ist es nun aber soweit. Es ist eine gute Gelegenheit, den Reader der Öffentlichkeit vorzustellen, zumal das Forum auch Zugang bietet zu einem internationalen Fachpublikum, das sich für Afrika interessiert.

Guarsha installation performance in the Here and Here final group exhibition by the Asiko participating Curators and Artists under the guidance of Bisi Silva. Photo: Papa Shaba

MK: Was sagen Sie zu der Ausstellung Here And Here?

BS: Die Ausstellung war wirklich spannend. Ich sage ja immer, es geht vor allem um den Prozess, es geht um die Reise, die uns irgendwohin bringt. Der Gedanke an die gemeinsame Ausstellung ermöglicht es den Teilnehmer_innen wirklich zu verstehen, was es bedeutet zusammenzuarbeiten. Die Prämisse heißt, wenn es euch gelingt zu kollaborieren, dann kann es ein erfolgreiches Ergebnis geben. In einer sehr intensiven Woche haben wir einiges durchgemacht: erst waren wir ein Team, dann waren wir viele Teams, wir mochten einander und dann mochten wir uns nicht, wir fanden wieder zusammen und kanalisierten schließlich all das so in unsere Kreativität, dass wir kollaborieren und am Ende das Beste präsentieren konnten, was möglich war. Für mich war es wirklich schön zu sehen, wie sich einer der Kuratoren, Mifta Zeleke, und einer der Künstler, Madiaw, – die sich zwischendurch gegenseitig fast umgebracht hätten – nach der unglaublichen Eröffnung umarmten. Das war so eine schöne und umwerfende Geste. Und es brachte ziemlich genau zum Ausdruck, worum es in Àsìkò geht. Lasst uns streiten, lasst uns diskutieren, denn wir wollen alle nicht mit einer Stimme sprechen, aber dann lasst uns einen Kompromiss finden. Am Ende, wenn du ihn dann findest, und wie auch immer du ihn findest, wird es etwas ganz Besonderes.

 

Martha Kazungu ist eine junge Kuratorin und Autorin und lebt in Kampala. Sie arbeitet z.Zt. für das Institute of Heritage Conservation and Restoration (IHCR).

 

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