Rezension: Dada Afrika

Dada, what’s up with that?

Die Berlinische Galerie zeigt, wie der Dadaismus mit Kunst aus afrikanischen Kontexten verknüpft ist

Hannah Höch, ohne Titel, aus einem ethnologischen Museum. Collage. Courtesy die Berlinische Galerie

By Spunk Seipel
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Dada und Afrika ist ein vom europäischen Publikum bisher ignoriertes Thema, das in der Presse zu einer „Neuentdeckung“ stilisiert wurde. Dabei macht der Ausstellungstitel DADA Afrika – Dialog mit dem Fremden deutlich, dass hier eine konservative Sichtweise vertreten wird und die VertreterInnen des Dadaismus europäische und afrikanische Kulturen keineswegs als gleichwertig ansahen.

Die Ausstellung ist das Ergebnis einer ungewöhnlichen Zusammenarbeit zweier inhaltlich sehr unterschiedlich ausgerichteter Museen: Des ethnologischen Museums Rietberg in Zürich, in dem die Ausstellung zuerst gezeigt wurde, und der Berlinischen Galerie, spezialisiert auf Berliner Kunst seit 1880. Anlass für diese Zusammenarbeit ist der hundertste Geburtstag von DADA. Zürich und Berlin waren Zentren dieser Bewegung.

Die Berlinische Galerie verfügt über einen großen Bestand von DADA-Kunstwerken, vor allem von Hannah Höch. Das Rietberg Museum kann die Verbindung zu DADA über zwei bedeutende Sammler herstellen: Eduard von der Heydt, dessen Sammlung außereuropäischer Kunst einige DADA-KünstlerInnen inspirierte und zur Gründungsstiftung für das Museum wurde; sowie Han Coray, der in Zürich die erste DADA-Galerie eröffnete und DADA-Kunst zusammen mit afrikanischer Kunst ausstellte.

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Hannah Höch, ohne Titel, aus einem ethnologischen Museum. Collage. Courtesy die Berlinische Galerie

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Das ist die Grundlage für die DADA Afrika Ausstellung, die das Augenmerk auf einen bislang weitgehend ignorierten Aspekt des Schaffens vieler DADA-KünstlerInnen lenkt: ihre Begeisterung für außereuropäische Kunst. Viele DADA-Collagen werden von KunsthistorikerInnen wegen ihrer Technik und ihrer radikalen Aussagen gepriesen. Aber die Verwendung von Abbildungen afrikanischer Masken ist bestenfalls eine Randnotiz wert und wurde bislang nicht eingehend erforscht. Besonders im Ausstellungskatalog sind wichtige Forschungsergebnisse über die Herkunft der verwendeten Bilder angeführt, die Einblick in die Rezeption afrikanischer Kunst Anfang des 20. Jahrhunderts in Mitteleuropa geben.

Auch die lautmalerischen Gedichte von Richard Huelsenbeck und Tristan Tzara haben einen Bezug zum afrikanischen Kontinent. „Umba“, als scheinbar sinnloser Wortfetzen zwischen Versen gerufen, war beim Publikum als Witz beliebt. Tatsächlich ist Umba der Name eines Grenzflusses zwischen Kenia und Tansania, an dem sich zu Beginn des Ersten Weltkrieges koloniale Truppen aus England und dem Deutschen Reich gegenüberstanden. War dies dem damaligen Publikum in Zürich bekannt? Heute weiß es zumindest kaum ein Kunsthistoriker.

Die DADA-KünstlerInnen wollten mit der Verwendung von aus ihrem ursprünglichen Kontext genommenen afrikanischen Wörtern und Masken provozieren. Aber sie wollten damit auch, und darin stehen sie in einer langen Tradition, den Europäern einen Spiegel vorhalten. Der Verkommenheit Europas diente Afrika als ideales, reines und ursprüngliches Gegenbild. Über die Realitäten in Afrika informierten sie sich nicht.

Letztendlich bedienten sich die DADA-KünstlerInnen derselben Klischees über Afrika wie die KolonialistInnen. Mit Masken konnte man einerseits Furcht erwecken, andererseits auf eine bessere, weil ursprüngliche Welt verweisen, und in die angebliche Geschichtslosigkeit der AfrikanerInnen hineininterpretieren, was man wollte. Die DADA-KünstlerInnen machten davon reichlich Gebrauch.

Aus heutiger kritischer Sicht müsste man den DADA-KünstlerInnen berechtigte Vorwürfe hinsichtlich ihres Umgangs mit afrikanischen Kulturen machen. In der Ausstellung und in mehreren Aufsätzen im Katalog wird dagegen behauptet, DADA habe die afrikanische Kunst gewürdigt und als potentiell gleichberechtigt gesehen. Zwar ist das eine mögliche Interpretation, doch die ruft ein gewisses Unbehagen hervor.

Die Ausstellung selbst, die mit ihren Glaskästen und gerahmten Bildern keinerlei DADA-Atmosphäre verbreitet, stellt DADA-Kunst und afrikanische Artefakte ohne Beschriftung nebeneinander. Dies soll die Gleichwertigkeit der Kunst hervorheben. Das funktioniert sehr begrenzt. Letztendlich wird nur gezeigt, welche afrikanischen Artefakte die DADA Künstler für sich nutzten. Die Gliederung in verschiedene DADA-Kapitel, wie beispielsweise „DADA Magie“, wirkt dabei mehr als fragwürdig.

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Installation view Dada Afrika - Dialog mit dem Fremden, 2016, Berlinische Galerie, Berlin. Courtesy of the Berlinische Galerie

Installationsansicht Dada Afrika – Dialog mit dem Fremden, 2016, Berlinische Galerie, Berlin. Courtesy die Berlinische Galerie

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DADA Afrika offenbart eine konservative Ausstellungspolitik, die den Zusammenhang von europäischer Kunst und Afrika als Einbahnstraße zeigt. Afrikanischen KünstlerInnen wird hier maximal eine passive Rolle als LieferantInnen von Artefakten zugesprochen.

Dabei geht es auch anders, wie die Ausstellung Dada South 2009/10 in der Iziko National Gallery Kapstadt bewiesen hat. In ihrem lesenswerten Aufsatz im Katalog zur Ausstellung beschreiben die beiden Co-KuratorInnen Kathryn Smith und Roger van Wyk DADA als eine lebendige Geschichte in Afrika. DADA wird als künstlerisches Potential im Widerstand gegen das Apartheidregime und gegen neokoloniale Strömungen in Afrika gezeigt. In der Ausstellung wurden originale DADA-Kunstwerke präsentiert, doch in einen aktuellen Kontext gestellt, der den Kontakt zwischen Europa und Afrika nicht als einseitige Angelegenheit darstellt. Warum diese Idee nicht für die aktuelle Ausstellung in Berlin aufgegriffen wurde, bleibt offen.

Afrika ist nicht nur eine Projektionsfläche, wie es diese Ausstellung zeigt, sondern, wie Tristan Tzara einst schrieb, auch ein Kontinent der Zukunft. Die Berlinische Galerie hat eine Chance vertan, dies zu beweisen.

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DADA Afrika – Dialog mit dem Fremden, 5. August – 7. November 2016, Berlinische Galerie, Berlin.

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Spunk Seipel lebt in Berlin und Vrane nad Vlatvou. Studium in Berlin und Wien der Kunstgeschichte und Betriebswirtschaftslehre. Kurator unter anderem in Berlin, Prag, Bukarest, London, Johannesburg, Harare, Kapstadt und Windhoek. 

 

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