Im Gespräch mit Walter Mignolo

“Dekoloniale Ästhetik ist zu einem verbindenden Element für die gesamten Kontinente geworden” 

C& spricht mit Walter Mignolo, Forscher und Professor an der Duke University über das Konzept der Dekolonialen Ästhetik.

Jeannette Ehlers, WAVES, installation shot, Nikolaj Kunsthal, 2014

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C&: Dekoloniale Ästhetik ist ein Konzept, das Sie im Prozess Ihrer Reflexionen und Arbeit entwickelt haben. Wie kam es dazu?

Walter Mignolo: Zunächst einmal ist dieses, wie jedes Konzept der Moderne / Kolonialismus / Dekolonialismus, ein kollektives Projekt, ja eine Folge kollektiver Diskussionen. Es wurde von Adolfo Alban Achinte eingeführt, ich glaube etwa 2003, als er noch Doktorand an der Universidad Andina Simón Bolívar in Quito, Ecuador, war. Es entstand im Laufe von Diskussionen über die koloniale Matrix von Macht: welchen Stellenwert hat Ästhetik in der kolonialen Matrix? Wir diskutierten die Kolonialität von Wissen und die Kolonialität des Seins, politische und ökonomische Kolonialität, oder die Kolonialität von Religion, die zu Lasten von Spiritualität geht, Kolonialität von Geschlecht und Sexualität, Kolonialität der Ethnizität (woraus Rassismus entstand). Aber wir waren noch nicht bei der Ästhetik angelangt. Und der Grund war jener, dass bis zu diesem Zeitpunkt keiner von uns Künstler oder Kunsthistoriker und Kunstkritiker war. Mit Ausnahme von Adolfo, er war Künstler und Aktivist, stammte aus der Pazifikregion Kolumbiens, war Afro-Kolumbianer.

Es war im Sommer 2009, als das Thema explodierte. Zu diesem Zeitpunkt war Adolfo bereits Assistent der Programmdirektorin, Catherine Walsh. Ich war Professor und arbeitete mit Catherine Walsh seit Beginn des Doktoranden-Programms zusammen. Pedro Pablo Gómez, von der School of Fine Arts in Bogotá, schrieb an seiner Promotion und war gleichzeitig der Herausgeber einer neuen Publikation namens CALLE 14. Revista de investigacion en el campo del arte (“14. STRASSE. Fachzeitschrift für Untersuchungen im Bereich der Kunst “). Er lud mich ein, einen Artikel für diese Zeitschrift zu verfassen. Der Artikel “Dekoloniale Ästhetik” wurde im März 2010 veröffentlicht. Doch noch während der Artikel im Entstehen war (ich beendete ihn im Herbst 2009) schlug Pedro Pablo vor, gemeinsam mit ihm eine Ausstellung-cum-Workshop mit dem Titel “Estéticas Descoloniales”( “Dekoloniale Ästhetik “) zu kuratieren. Aus dem Untertitel wurde im Laufe des Planungsprozesses “Sentir, pensar y hacer en Abya-Yala” (“Fühlen, Denken und Handeln in Abya-Yala”). Wir legten die Betonung auf “Fühlen, Denken und Handeln”, um den Bruch mit der europäischen Unterscheidung und Hierarchisierung des 18. Jahrhunderts zwischen „Wissen, Rationalität“ und „Fühlen, Emotionalität“ aufzuzeigen. Mittlerweile war Adolfo in Argentinien und nahm an einem Workshop teil, der von Zulma Palermo, einem Mitglied des Kollektivs, in Salta organisiert wurde. Auch Zulma arbeitete zu dieser Zeit mit einigen ihrer Kollegen und Studenten an der Frage nach einer Ästhetik.

Wir müssen unbedingt im Auge behalten, dass “Kolonialität” und all die Konzepte, die wir seitdem eingeführt haben, Konzepte sind, deren Ursprung nicht in Europa liegt, sondern in der sogenannten “Dritten Welt.” Das bedeutet, dass all diese Konzepte aus der Erfahrung der Kolonialität in Amerika entstanden sind. Verquickt mit Modernität, um auf der sicheren Seite zu sein, aber keine europäisch-generierten Kategorien mehr anwendend, um koloniales Erbe zu “verstehen”. Im Gegenteil, wir haben Europa in eine Domäne der Analyse umgedeutet, und nicht als Lieferant „kultureller und erkenntnistheoretischer Ressourcen.”

Inaugural event in Bogota, Nov 2010

Inaugural event in Bogota, November 2010

C &: Wenn wir uns näher mit den Grundlagen befassen, auf welche vorangegangenen Bewegungen und Denker kann dieses Konzept zurückgeführt werden? Welches sind die eigentlichen Ursprünge, insbesondere im Kontext zu Afrika und seiner Diaspora?

WM: Vielen Dank für diese Frage, die mich meinen letzten Punkt nochmals verstärken läßt. Die historischen Grundlagen sind nicht in Europa zu suchen. Die überreichliche Verwendung von “Dekolonialisierung” nach dem Zweiten Weltkrieg, mit den Prozessen der Dekolonialisierung in Asien und Afrika, ist bemerkenswert. Doch der institutionelle Wendepunkt war für mich die Bandung-Konferenz von 1955. Es war natürlich eine staatsorientierte und staatlich gemanagte Konferenz. Aber die Botschaft war klar: weder Kapitalismus noch Kommunismus, sondern Dekolonialisierung. Und der erste Satz von Sukarno Antrittsrede war, mehr oder weniger, “das ist das erste Mal in der Geschichte der Menschheit, dass eine internationale Konferenz der “people of color“ stattfindet.” Bekanntermassen nahmen 29 asiatische und afrikanische Staaten teil, einschließlich China, das unter Maos Herrschaft stand und sich sicherlich in einer etwas unangenehmen Lage befand. “People of color” schloss auch Menschen nicht-christlicher Religionen ein. Staaten mit einer Mehrheit oder zahlenmäßig bedeutenden muslimischen Bevölkerung zeigten eine beeindruckende Präsenz auf dieser Konferenz. Seither wurden diese Prinzipien teilweise ihrer wahren Natur entfremdet, als Bandung zu “blockfreien Staaten”, mutierten, deren erstes Treffen 1961 unter Marschall Tito in Belgrad stattfand.

Nunmehr, seit Bandung und dem Kampf um die Entkolonialisierung in Asien und Afrika, während des Kalten Krieges, und seit den Werken von Aimé Césaire und Frantz Fanon, hat vor allem das Konzept der “Dekolonialisierung” an Verbreitung zugenommen und findet sich heute in verschiedenen Projekten zur Dekolonialisierung von Religion und Geschlecht / Sexualität, zur Dekolonialisierung des Staats und der Wirtschaft, zur Dekolonialisierung von Ästhetik und Wissenschaft, Wissen und Subjektivität, der Akademie, der Universität, usw.

C &: Wie würden Sie in dieser Hinsicht Fanons Vermächtnis der Analyse der “Dekolonialisierung der Macht” definieren – als Bezugspunkt? 

WM: Fanons Erbe war und ist entscheidend für die “Dekolonialisierung” insgesamt. Und umso mehr in unserem Projekt, die Arbeit von Nelson Maldonado-Torres zeigte an der Überschneidung des Fanonschen Vermächtnisses mit dem entkolonialisierenden Projekt des von mir bereits erwähnten Kollektivs zwei entscheidende Bewegungen auf: Die eine ist die Anatomie der “Kolonialität des Seins” und die andere ist die Bewegung weg von Levinas Interventionen in kontinentaler Philosophie, die durch seine jüdische Erfahrung und Wissen geprägt sind, hin zu Dussel (ein Argentinier deutscher Abstammung und Begründer der Philosophie der Befreiung, wobei er Levinas auf der Grundlage der lokalen und Kolonialgeschichte Amerikas konfrontiert), bis letztendlich zu Fanon. Dies bedeutet nicht, dass wir als Kollektiv die Eigentümer von Fanon sind. Es gibt viele andere, die auf Fanon dekoloniales Vermächtnis Bezug nehmen, und alle sind willkommen. Ich möchte jedoch das Projekt der Caribbean Philosophical Association hervorheben, gegründet vom jamaikanischen Philosophen Lewis Gordon. Ich erwähne dies, weil es seit seiner Gründung einen fruchtbaren, reichen und lebendigen Dialog zwischen Moderne / Kolonialismus und der philosophischen Vereinigung gibt. Wir teilen die gelebten Erfahrungen (ja ich weiß, Erfahrungen sind “konstruiert”, was aber nicht bedeutet, dass sie nicht “Erlebnisse” sind) der kontinentalen Süd-und Mittelamerikaner und der Karibik. Die Fixpunkte dieser Erfahrungen unterscheiden und ergänzen sich gleichzeitig. Für Afro-Karibikbewohner, sind diese Fixpunkte die Geschichten der Sklavenhandelsroute. Für uns in der kollektiven Moderne / Kolonialität sind es die Geschichten von unseren europäischen Vorfahren (Spanier, Portugiesen, Niederländer, Franzosen, Briten, Deutsche), die eindrangen, sich das Land aneigneten und enteigneten, und die sich ohne Rücksicht auf die einheimische Bevölkerung und die großen Zivilisationen der „Neuen Welt“ häuslich einrichteten. Und eines der größten Verbrechen der Menschheit begingen, die Jagd auf Menschen in Afrika und ihre Verschleppung und Versklavung.

C &: Können Sie auf den Begriff “De-linking“(“Ausklinken”), den Sie geprägt haben, näher erläutern?

WM: Zunächst einmal, nicht ich habe den Begriff “De-linking” geprägt. Es war der ägyptische marxistische Soziologe Samir Amin, der ihn in seinem 1982 in Paris veröffentlichten Buch eingeführt hat. Der Titel war La déconnexion, ins Englische übersetzt als “de-linking/ Ausklinken”. Amins Vorschlag war, vom Kapitalismus auszuklinken, das heißt, er argumentierte für eine wirtschaftliche Loslösung.

Was ich tat, war den Begriff neu zu formen, um über “das Ausklinken aus der kolonialen Matrix der Macht”, zu sprechen, die mehr ist als die reine Loslösung vom Kapitalismus. Ausklinken nicht zugunsten von Sozialismus, sondern zugunsten einer Transmodernität und Pluralität, die keinen Platz für irgendetwas abstraktes Universelles lässt. Sozialismus ist somit nur eine Option, ebenso wie viele andere Ansätze, die uns von unserer heutigen Vorstellungswelt zu lösen versuchen. Aber dies kann nicht die Option sein, heißt die einzige Möglichkeit zum „De-linking“. Im Prozess des Auswählens und Ausklinkens von den beiden Möglichkeiten, wie sie von der europäischen Aufklärung hergeleitet werden, entweder (Neo-) Liberalismus oder (Neo-) Sozialismus, kam ich zu einer Sichtweise der aktuellen Weltordnung in Begriffen der Wieder-Verwestlichung, Ent-Verwestlichung und Dekolonialisierung.

C &: Im Licht der Dekolonialisierung, in welchem Umfang könnte man sagen, dass die Biennale als solche eine Struktur ist, um generell die Grundlagen der hegemonialen Wissenssysteme zu transportieren, d.h. durch die Schaffung von einigen Formen der Ausgrenzung in den Kriterien Geschlecht, Grenze und Migration? Wie stellt sich für Sie vor diesem Hintergrund Dak’Art dar, die Biennale in Dakar, die sich auf Künstler und künstlerischen Produktionen des Kontinents – einschließlich der Sub-Sahara, Nordafrika und den Diaspora-Gebieten – konzentriert? 

WM: Es gibt zwei Richtungen oder Optionen, in denen De-linking (oder détournement) in der Sphäre der Kunst, Museen, Biennalen oder Triennalen stattfindet. Die Aufgabe besteht darin, das Projekt zu “lesen”, das die Ereignisse oder die Entstehung von Archiven (z.B. Museen) selbst vorantreibt und motiviert. Eine Richtung ist die der Ent-Verwestlichung. Ich habe bereits einige Aufsätze hierüber geschrieben, anlässlich der Sharjah Biennale 11 und über die Museen für Islamische Kunst in Doha und die Museen für asiatische Zivilisationen in Singapur.

Dak’Art ist für mich schwieriger zu verstehen. Auf der einen Seite wurzelt es eindeutig in der Philosophie und Sensibilität der vielfältigen afrikanischen Prozesse der Dekolonialisierung. Es scheint mir, Dak’Art befindet sich auf halbem Weg zwischen den Vermächtnissen der europäischen Moderne und der Geschichte der Dekolonialisierung in Afrika. Was beispielsweise die Ent-Verwestlichung der Sharjah Biennale so radikal macht ist, dass sie durch Investorenkapital unterstützt wird. Und hier liegt der böse Trick, der die “kulturelle” Ent-Verwestlichung schwer zu verstehen macht: es ist ein “Danke” an ein beeindruckendes Wirtschaftswachstum, das die kulturelle Ent-Verwestlichung möglich macht. Und es ist das Fehlen einer starken finanziellen Autonomie, die Dak’Art zwischen den Vermächtnissen der europäischen Moderne und der Motivation für die Dekolonialisierung navigieren lässt. Dak’Art kann die Dritte-Welt und Europa zu einer ehemals Dritten Welt vereinen. Ich sehe Dak’Art als einen Ort, um den Pan-Afrikanismus in der Kunst zu fördern und zu verbessern. Und Panafrikanismus kann dekolonialisiert sein, es muss aber nicht unbedingt sein.

Dak’Art könnte parallel zur Sharjah Biennale stattfinden, einer Institution, die afrikanische Künstler nicht nur fördert und unterstützt, sondern ein klares und radikales Projekt zum Wiederaufstieg darstellt. Das heißt, dass sie die Rückbesinnung auf die kulturelle Sphäre von Bandung und den Geist der afrikanischen Dekolonialisierung vorantreibt, wie wir sie bei Amilcar Cabral, Frantz Fanon, Steve Biko, und Walter Rodney finden, um auch die afrikanische Diaspora ins Bild zu bringen .

Taus Makhacheva, Delinking, 2011, three color photographs, installation view Sharjah Biennial 11, courtesy of the artist and Laura Bulian Gallery, image courtesy of Sharjah Art Foundation

Taus Makhacheva, Delinking, 2011, three color photographs, installation view Sharjah Biennial 11, courtesy of the artist and Laura Bulian Gallery, image courtesy of Sharjah Art Foundation

C &: Können Sie uns einige Künstler und künstlerische Produktionen in afrikanischen und Afro-Diaspora-Zusammenhängen nennen, die einer dekolonialisierenden Flugbahn folgen? Und auf welcher Art und Weise? 

WM: Ich habe mit Künstlern, Kuratoren, Kritikern etc. der Afro-Diaspora gearbeitet. Und sie alle, und auch die, mit denen ich aktuell arbeite, sind voll und ganz in dekolonialisierenden Gesprächen, Ausstellungen, Workshops, und dergleichen engagiert. Ich werde drei Beispiele nennen:

Patrice Naiambana, aus Sierra Leone. 1992 schuf er Tribal Soul. Er hat durch seine spektakuläre tour-de-force Solo-Show, The Man Who Committed Thought, weltweit Bekanntheit erlangt. Ich traf ihn im Jahr 2011 in Middelburg anläßlich der Summer School zum Thema Dekolonialisierung. Er performte The Man … im Rahmen dieser Summer School. Sein Vater war am Kampf um die Dekolonialisierung in Sierra Leone beteiligt, so dass die Summer School für ihn nichts Neues brachte. Seine Art des Geschichtenerzählens (wir haben uns mit ihm auf diese Ausdruck geeinigt, um zu beschreiben, was er tut) ist eindeutig dekolonialisiert. Seine Gedanken sind eine Fortsetzung seiner Performace, wie Sie hier in diesem Interview sehen können, aufgezeichnet in Middelburg im Sommer 2011.

Ein zweiter Fall ist Jeannette Elhers. In Dänemark geboren als Tochter eines Vaters aus Trinidad und einer dänischen Mutter, verkörpert Jeannette die Geschichten von Imperium und Herrschaft jenseits des Atlantik. Sie „erzählt Geschichten“ wie Invisible Empires (2010), worin ihr Vater als Erzähler fungiert, und Atlantic (2009 bis 2010), wo sie sich in Klänge und Bilder eingräbt, um die Schrecken des Sklavenhandels zu sinnlich erlebbar machen, oder die herrlichen Black Bullets (2012), inspiriert von der haitianischen Revolution, sind ebenfalls großartige Leistungen und Ausdruck dekolonialer Ästhetik. Sie können all dies auf Jeannettes Web-Seite sehen.

Ein drittes Beispiel sind die Arbeiten, die Alanna Lockward, eine Afro-Dominikanerin, wohnhaft in Berlin, mit Be.Bop ausführt: Be.Bop: Black Europe-Body Politics, mit Aufführungen 2012, 2013 und eine ausstehend im Jahr 2014, in Berlin und Kopenhagen. Ich erwähne Alanna hier, weil es ist nicht nur eine Frage von Künstlern / Geschichtenerzählern ist, egal ob visuell, verbal oder schriftlich, Tanz oder Sounds, Videos oder Filme, Dokumentarfilm oder Fiktion; es ist auch die Bedeutung der Kuratoren, die die Möglichkeit haben, Dekolonialiserung in vielen Ausdrucksformen zu fördern.

Aber ich kann dieses Gespräch nicht beenden, ohne auf Le malentendu colonial (2004) von Jean-Marie Téno hinzuweisen. Ich setze diesen Film in meinem Unterricht ein, um meinen Studenten dekoloniales Denken, Handeln, Erfassen und Glauben vorstellen. Dekoloniale Ästhetik hat sich zu einem verbindenden Element für die gesamten Kontinente entwickelt.

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Walter Mignolo ist ein argentinischer Semiotiker, Autor, Forscher und Professor an der Duke University, Durham, und Leiter des Center for Global Studies and the Humanities.

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Ein Gespräch von Aïcha Diallo

 

 

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