Im Gespräch mit Thelma Golden, Leiterin und Chefkuratorin des Studio Museum in Harlem

Die Leitung eines Museum, das auf die Geschichte reagiert

Thelma Golden, Leiterin und Chefkuratorin des Studio Museum in Harlem, spricht mit C& über die ersten Jahre des Museums, den Dialog, den es angeregt hat, und das 50. Jubiläum 2018.

At The Studio Museum’s 1968 exhibition, Tom Lloyd: Electronic Refractions II

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C&: Sie sind seit dem Jahr 2000 Leiterin und Chefkuratorin am Studio Museum in Harlem. Wie hat diese Reise für Sie begonnen?

Thelma Golden: Meine Beziehung mit dem Studio Museum reicht bis 1985 zurück. Ich hatte während meines zweiten Studienjahres am Smith College die unglaubliche Gelegenheit mit dem Kuratorium und der damaligen Leiterin des Museums, Dr. Mary Schmidt Campbell, zusammenzuarbeiten. Dr. Campbell ist eine wegweisende Kulturvisionärin, Vordenkerin in der Kunst und Kunsthistorikerin. Dieses Praktikum hat also letztendlich den Grundstein für meine berufliche Laufbahn in der Welt der Kunstmuseen gelegt. Nachdem ich 1987 meinen Collegeabschluss gemacht hatte, arbeitete ich ein Jahr lang als kuratorische Assistentin am Studio Museum bevor ich am Whitney Museum beschäftigt war. Als ich im Jahr 2000 an das Studio Museum zurückkehrte, hatte ich dort bereits zweimal mit unterschiedlichen Museumsdirektorinnen – Dr. Campbell und Kinshasha Holman Conwill – gearbeitet. Ich kehrte auf Einladung der neuen Leiterin Dr. Lowery Stokes Sims als stellvertretende Direktorin und Chefkuratorin zurück und trat 2006 die Nachfolge von Dr. Sims als Direktorin an.

C&: Das Studio Museum wurde 1968 gegründet, mitten in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Welche Rolle hatte das Museum in dieser Zeit? 

TG: Ich hatte die wunderbare Gelegenheit Zeit mit Menschen zu verbringen, die an der Gründung des Studio Museum beteiligt waren – Menschen, die darüber im Austausch waren, bevor es überhaupt seine Türen öffnete, die eine Vorstellung des Museums hatten und sich dann an die Arbeit machten, um sie in die Tat umzusetzend. Die Idee des Studio Museum ging mit vielen anderen Ideen und Projekten dieser Zeit Hand in Hand. Wenn ich mit Leuten rede, viele davon KünstlerInnen, die in den ersten Jahren mit diesem Museum zu tun hatten, sagen sie, dass sie sich damals vorstellten, nicht nur ein Museum zu schaffen, das Kunst sammeln und präsentieren würde, sondern eine Institution, der in der Entstehung einer Gemeinsschaft eine einzigartige Rolle zukommen würde.

Portrait of Thelma Golden. Photo: Timothy Greenfield-Sanders

Portrait of Thelma Golden. Photo: Timothy Greenfield-Sanders

C&: Inwiefern hat sich die Struktur und Vision des Museums seitdem erweitert und verändert?

TG: Was das Studio Museum meines Erachtens so besonders und interessant macht, ist dass es sich immer verändert hat oder auf verschiedene Momente in der Kunst- und Kulturwelt reagiert hat. Dies spricht unglaublich viel für die verschiedenen Frauen, die es während meiner Geschichte hier geleitet haben. Dieses Museum hat sich auf wunderbare Weise dem jeweils entstehenden Dialog gestellt – manchmal in einer Vorreiterposition, manchmal darauf reagierend, oft in beiden Rollen gleichzeitig. Als ich Ende der 1980er dort war, setzte sich Dr. Campbell mit großer Überzeugungskraft für eine Revision der Kunstgeschichte ein, für die Neuschreibung einer etablierten Geschichte, die die Beiträge von KünstlerInnen afrikanischer Herkunft sowie von Latino-KünstlerInnen, asiatischen KünstlerInnen, Frauen und vielen anderen einfach ausgeklammert hatte. Ich bin wirklich stolz darauf, dass diese Institution nach wie vor dazu beiträgt, die Geschichte neu zu schreiben, durch Ausstellungen, die diese fehlenden Teile der Geschichte auf vielerlei Arten ergänzen.

C&: Welche Rolle nimmt das Studio Museum aktuell als sozialer Raum ein in Bezug auf die sehr angespannte Situation in Ferguson, den Fall Eric Garner usw.?

TG: Ich denke, dass eine Institution den Rahmen für einen Austausch bieten sollte. Das Erleben von Kunst, die Inspiration und Initiative, die Kunst hervorruft, können Menschen dazu dienen, sich selbst und die Welt besser zu verstehen. Im Studio Museum bieten wir fantastische Vermittlungsprogramme für junge Menschen an, unter anderem äußerst innovative Programme für die Sekundarstufe, in denen es im Kern um Kunstschaffen geht, die jedoch das Kunstschaffen auch als Einstieg für das Geschichtenerzählen und den Austausch nutzen. In dem Moment, in dem junge Menschen also sich selbst entdecken und über den eigenen Platz in dieser Welt nachdenken, kann Kunst ihnen ein starkes Instrument an die Hand geben, um sich auszudrücken und eine Stimme zu entwickeln – ganz besonders dann, wenn in der Welt um uns herum turbulente Ereignisse geschehen.

The Studio Museum in Harlem, c. 1993. Photo: Sherman Bryce

The Studio Museum in Harlem, c. 1993. Photo: Sherman Bryce

C&: Sprechen wir über die rasante Verbreitung des Begriffs „globale Kunst“. Plötzlich möchte jedes Museum nicht nur Jeff Koons und Ed Atkins im Programm haben, sondern auch nicht-westliche Kunstperspektiven. Warum ist eine Institution wie das Studio Museum jetzt noch wichtiger denn je?

TG: Ich weiß nicht, ob es hierbei um entweder/oder geht. Ich denke, dass es eine fantastische Gelegenheit ist, dass KünstlerInnen afrikanischer Herkunft überall ausstellen. Ich meine, dass es ebenso wichtig ist, Plattformen zu haben, die dazu da sind die Spezifität von KünstlerInnen afrikanischer Herkunft zu präsentieren. Ich plädiere tatsächlich für beides und alles.

C&: Die Dauerausstellung des Studio Museum enthält etwa 2000 Werke. Können Sie noch etwas mehr dazu sagen, welchen Ansatz Sie bei der Zusammenstellung der Sammlung verfolgen?

TG: Unsere Dauerausstellung umfasst alle Medien und reicht vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Wir verfolgen beim Sammeln einen breit angelegten Ansatz, da wir bemüht sind, die unglaublich große Bandbreite von Künstlerinnen afrikanischer Herkunft wirklich zu repräsentieren und ihre Geschichten zu erzählen. In der Sammlung erkunden und bekunden wir jedoch auch sehr spezifische Ideen und Erfahrungen. Beispielsweise bezieht das Studio Museum seinen Namen (studio = Atelier) von unserem grundlegenden Artist-in-Residence-Programm. Jedes Jahr haben wir hier im Museum drei KünstlerInnen, die in Ateliers im Haus arbeiten, und am Ende des Jahres werden ihre Arbeiten in einer Ausstellung gezeigt. Wir kaufen Werke dieser KünstlerInnen an – daher ist die Sammlung gekennzeichnet durch die vielen KünstlerInnen, die hier gearbeitet haben und als TeilnehmerInnen dieses Programms zu einem Teil unserer Gemeinschaft geworden sind. Natürlich sammeln wir auch Kunstwerke aus unseren Ausstellungen. Freestyle (2001) war die erste einer Reihe von Gruppenausstellungen, die sich zu einer Art Aushängeschild entwickelten und den Spitznamen „F shows“ erhielten, in denen wir eine dynamische Gruppe junger Künstlerinnen zeigen. Danach folgten Frequency (2005), Flow (2008) und Fore (2012). Wir erwarben Arbeiten aus all diesen Ausstellungen und vielen anderen, so dass die Sammlung auch unsere einzigartige Ausstellungsgeschichte widerspiegelt.

Freestyle (installation). The Studio Museum in Harlem, April 28 to June 24, 2001. Featuring work by (left to right): Eric Wesley, Louis Cameron, Laylah Ali

Freestyle (installation). The Studio Museum in Harlem, April 28 to June 24, 2001. Featuring work by (left to right): Eric Wesley, Louis Cameron, Laylah Ali

C&: 2018 feiert das Museum sein 50. Jubiläum.

TG: Ja! Wir sind wahnsinnig aufgeregt und haben einige Projekte und Programme in Planung. Ein wirklich wichtiges Projekt, das wir machen wollen, ist die Geschichten der vielen Menschen zu sammeln, die eng mit dem Museum seit seiner Gründung verbunden sind – die vielen Leiterinnen, die daran beteiligt waren, die KuratorInnen, die KünstlerInnen, die an unseren Ausstellungen teilgenommen haben, und unsere vielen, vielen Vorstände, SpenderInnen, Mitglieder und UnterstützerInnen. Außerdem denken wir über ein Projekt nach, in dem diese 50 Jahre in Bezug auf die Rezeption, Sammlung und Kuration von KünstlerInnen afrikanischer Herkunft wirklich analysiert werden. Schließlich haben wir angefangen ein Projekt zusammenzustellen, dass wir inHarlem nennen – aus dem Namen The Studio Museum in Harlem. Es ist eine Reihe standortspezifischer öffentlicher Projekte im Stadtbezirk. Für unser Jubiläum möchten wir gerne Projekte schaffen, die sich nicht nur mit dem Stadtteil auseinandersetzen, sondern auch als ein wichtiger Teil davon existieren.

Diesen Freitag während der Frieze NY, am 15. Mai um 16.00 Uhr, werden Thelma Golden und Dr. Arnold Lehman, Direktor des Brooklyn Museum in New York, die Frage diskutieren: Wem dienen Museen ?

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Ein Gespräch von Julia Grosse

 

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