Im Gespräch mit Samson Kambalu

“Für den Ranter ist die ganze Welt ein Spielplatz”

Unser Autor Massa Lemu spricht mit dem in London lebenden Künstler und Autor Samson Kambalu über seine Videoserie

Samson Kambalu, 1876 (On the Penny Farthing), Video Still, 2012. © Samson Kambalu

By Massa Lemu
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Im folgenden Interview spricht Massa Lemu mit dem Londoner Künstler und Autor Samson Kambalu über seine Videoserie mit verspielten, ortsbezogenen Performances, die der Künstler „rants“ (Tiraden) oder „psychogeographisches Nyau-Kino“ nennt. Samson Kambalu präsentiert seine rants im Internet als Filminterventionen sowie in speziell gestalteten Filmkabinen und Kinoinstallationen.

Massa Lemu: Was ist ein „ranter“?

Samson Kambalu: Ein Ranter ist ein Souverän, einer der „exercises (trainieren oder ausüben) to exorcise (austreiben)“. Wie eine malawische Nyau-Maske überschreitet er Grenzen und führt in der Öffentlichkeit sonderbare Handlungen (rants) aus, um die radikale Subjektivität auszudrücken, mit der er die Welt sieht.

ML: Inwiefern ist die alte ketzerische Sekte der Ranter aus England für deine künstlerische Arbeit von Bedeutung? Was ist der konkrete Bezug von Ranting auf deine zeitgenössischen Fragestellungen? 

Ranters haben gerne in der Öffentlichkeit souveräne Handlungen (Rants) ausgeführt, um ihre radikale Subjektivität und ihren Dissens auszudrücken. Sie haben gesagt: Wenn es einen Gott gibt, dann sind wir Gott. Subjektivität und Souveränität interessieren mich, seitdem ich 2000 die Arbeit Holy Ball als andersdenkender Christ geschaffen habe, auch als Hommage an die Gule Wamkulu-Tradition. In einer globalisierten Welt stehen alle Werte – ob religiöse, gesellschaftliche, ökonomische oder kulturelle – zur Disposition. Ich habe nur meine Subjektivität, die ich ausüben und feiern kann.

ML: „Holyballismus“ ist eine revolutionäre Spiritualität, die du in Anlehnung an einige Aspekte des Monotheismus von Pharao Echnaton, der Gule Wamkulu-Masken aus Malawi, des Dada und des Denken Nietzsches gegründet hast. Ist deine neue Identität als Ranter eine Abkehr vom Holyballismus? Oder ist Ranting eine der Entwicklungsstufen des Holyballismus?

Echnaton, Nyau, der Holyballist und der Ranter sind ein und dasselbe. Sie sind alle Souveräne. Ich bin immer auf der Suche (in der Geschichte und in meiner Umgebung) nach Souveränen – nicht zu verwechseln mit den Mächtigen. Mich interessiert die Freiheit mehr als die Politik. Es gibt viele Möglichkeiten, zu „exercise and exorcise“. Kritische Überschreitung und Ranting sind zwei davon.

ML: Gibt es Parallelen zwischen Ranting und anderen Formen der Spiritualität, die deine Arbeit geprägt haben, wie zum Beispiel die Gule Wamkulu-Maskerade?

Ja, bei Gule Wamkulu-Masken geht es vor allem um souveräne Handlungen, wie auch beim Ranter und beim Holyballist. Spiel steht im Zentrum, und nicht nur im Sinne von Spiritualität – man findet dies auch bei Nietzsche, im Dada –, es geht um Sinn und um eine Art und Weise, in der Welt zu sein. Die Kulturformen, die mich interessieren, drehen sich alle um die Ausübung einer radikalen Subjektivität durch souveräne Handlungen und um die Infragestellung vorherrschender Ideen über das Leben – in meinem Fall geht es um die Frage der Identität, sowie um religiöse, gesellschaftliche und ökonomische Werte in einer globalisierten Welt. Mein künstlerischer Ansatz ist inspiriert von der kritischen Amoralität des Nyau sowie der protestantischen Tradition von Fragestellung und Dissens – all dies habe ich von meinen Chewa und europäischen Wurzeln geerbt.

ML: Interessanterweise sind deine Videos stumm, erinnern an Charlie Chaplin. Obwohl sie Rants heißen, gibt es weder Sprache noch Geräusche, keinerlei Ton. Warum also rants?

Die Videos sind oft ortsbezogen und meiner Meinung nach transgressiv. Für den Ranter ist die ganze Welt ein Spielplatz. Ranting muss nicht zwangsläufig über die Sprache laufen, obwohl ich in meiner Arbeit auch viele Worte benutzt habe, um zu „exercise and exorcise“ – so z.B. in meinen Romanen.

ML: Humor – in Form von Witz, Parodie oder Slapstick – ist ein zentrales Merkmal deiner Arbeit, als Mittel zur Untersuchung von Machtverhältnissen. Tatsächlich ist Humor die einzige Konstante in deinem vielfältigen Werk, zu dem u.a. Videos, Installationen und Zeichnungen gehören. Wie bezieht sich dieses Element auf die eher „ernsthaften“ Themen deiner Arbeit, wie etwa Spiritualität, Religion oder Geschichte?

Für die Chewa (das Volk meines Vaters) ist Spiel – also alles, was außerhalb der Arbeit getan wird – das spirituellste und sinnvollste, was es gibt. Gule Wamkulu bedeutet „das große Spiel“, und dieses Spiel ist nicht auf die Masken (die oft mit Humor, Witz, usw. arbeiten) begrenzt, sondern erstreckt sich auf die Kunst und den Alltag, auf Religion und Spiritualität. Für den Nyau, wie für den Holyballisten, ist Spiel der Sinn des Lebens.

ML: Letzte Frage: Die Zunahme von Sozialen-Netzwerk-Seiten im Internet hat auch eine Ausbreitung von anderen Formen von ranting auf Facebook, YouTube und Twitter mit sich gebracht. Wie bezieht sich deine Arbeit auf diese neuen Formen der Gesellschaftskritik, wenn überhaupt?

Der Nyau, Ranter oder Holyballist sucht immer nach neuen Schauplätzen (bwalos) um zu „exercise and exorcise“.

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Samson Kambalu, Two Mushroom Clouds, Video still, 2012.

Samson Kambalu wurde für die Internationale Ausstellung Dak’art 2014 ausgewählt, www.biennaledakar.org

Massa Lemu ist ein malawischer Schriftsteller und Künstler. 

http://samsonkambalu.com

 

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