Jenseits des "Magiciens"-Effekts

Über das Schreiben einer möglichen Zukunft

Unsere Autorin Sophie Eliot wirft einen Blick auf die Symosium-Performance Au-delà de l'effet-Magiciens.

LesLaboratoiresd'Aubiverlliers_Tables des Diplomates et Organisateurs

By Sophie Eliot
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Die Ausstellung Magiciens de la terre (Paris, 1989) hat sich trotz der massiven Kritik an ihrer neo-primitivistischen Epistemologie in der dominanten Kunstgeschichtsschreibung als eine Vorreiterin einer globalen Wende in der zeitgenössischen Kunst etabliert, die insbesondere auch zur Entdeckung der zeitgenössischen afrikanischen Kunst auf der internationalen Ebene beigetragen habe (1). Diese von ihrem Kurator Jean-Hubert Martin zur „ersten Weltausstellung der zeitgenössischen Kunst “ erklärte Schau fand anlässlich der Zweihundertjahrfeier der Französischen Revolution statt, in deren Rahmen unter anderem auch La mission du Bicentenaire veranstaltet wurde, eine von Jean-Paul Goude inszenierte Parade der Völker der Welt auf den Champs-Elysées (2). Die vermeintlich wichtige Rolle dieser als Beleg der Universalität des künstlerischen Schaffens in der Geschichte der globalen Kunst konzipierte Ausstellung steht heute, 26 Jahre danach, erneut zur Debatte. Nach dem Revival im Centre Pompidou und einer Veröffentlichung zur Ausstellung (3) veranstaltete nun le peuple qui manque (4) eine Symposium-Performance mit dem Titel Au delà de l’Effet-Magiciens, in Anlehnung an den von Joaquin Barriendos geprägten Begriff „Effet-Magiciens“. Das Kollektiv greift das Postulat von Bruno Latour auf, demzufolge die Zukunft von Gemeinsamkeit verhandelt werden muss, und möchte einen Raum für F(r)iktionen anbieten. In einer Art akademischem Theaterstück, ähnlich einer Mise-en-abîme, wird die Möglichkeit einer anthropozänen oder eher palimpsestischen Kunstgeschichtsschreibung zwischen Universalismus, postkolonialen Theorien, dominanten Paradigmen einer globalen Kunst und Dekolonisierungskonzept untersucht: Welche Erzählungen können wir erfinden, um zu verhindern, dass wir Essentialismen, Asymmetrien und geopolitische Hierarchien reproduzieren?

LesLaboratoiresd'Aubervilliers_EditorialLiveAct_Afrikadaa

The digital magazine Afrikadaa staging a “live editorial act,” Muselons-le – Musée-l’on-le, Au-delà de l’Effet-Magiciens, 2015

Wellen von weißem Papier umspielen die auf dem Boden stehenden Pulte und Tische. Veranstalter und Diplomaten sitzen zur Rechten der jeweiligen Redner, sie alle sind vom Publikum getrennt durch geometrische Decoupagen, transparente Ausschnitte eines Globus, die gleichzeitig Meridiane und einzelne Stücke eines bunten Atlas der Kontinente zeigen. Am ersten Tag der Veranstaltung mit dem Titel „Dépositions“, die in der Stiftung Gulbenkian im Quartier des Invalides stattfindet, wird die Frage der Historiographie der Globalisierung in einem nicht-kanonischen Verständnis von Zeit und Raum erörtert. Barriendos (New York) thematisiert die Reproduktion von Asymmetrien in den Museen und im System der globalen Kunst, und erörtert den Effet-Magiciens als Verstärker des postkolonialen Paradoxons, das die Globalisierung der Kunst und das vermeintliche Verschwinden des Okzidents behauptet, und kritisiert damit den Ansatz der Altermoderne (Bourriaud). Vincent Normand (Paris) weist im Anschluss daran auf die Schwierigkeit der zeitgenössischen globalen Kunst hin, einen historischen Zeitpunkt zu erfassen, darin zu agieren und sich gleichzeitig davon zu befreien (« la difficulté de l’art contemporain global à saisir et à opérer dans un temps historique et de s’en libérer »). Die globale Kunst als gesellschaftlich-räumliche Utopie verkörpere den Widerspruch, der der Mediation ihrer Bewegungen durch das Kapital innewohnt. Normand plädiert für ein postkonzeptuelles Verständnis (Peter Osbourne) einer Geschichte der Kontinuitäten und nicht der Sukzession von Brüchen. Emmanuelle Chérel (Dakar) setzt sich für eine transnationale Geschichtsschreibung der französischen Kunst ein und fordert dazu auf, sich auch außerhalb der Museen mit dem kulturellen Gedächtnis zu befassen, und sich insbesondere auch in Anbetracht der durch eine Ausstellung wie Magiciens de la terre gestützten Verschleierung des Kolonialismus Gedanken zu machen über die Beziehungen zwischen Kunstkritik und Bürgerschaft. John Peffer (Johannesburg) wiederum imaginiert das Verschwinden der Ausstellung in der künftigen Historiographie des Kuratierens. Der Gestus der Gastfreundschaft, den Magiciens anbietet, ist hinfällig und insofern ist es auch unnötig, sich Zeit für Dankbarkeit zu nehmen: « That’s why in the future, we forgot about that. In the future, we already done better. » Für Boaventura de Soussa Santos (Coimbra) muss die « ligne abyssale » zwischen der „Epistomologie des Südens“ und dem „Wissen der Sieger“ des Nordens anerkannt werden, um von der „Soziologie der Abwesenheiten“ übergehen zu können zu einer Soziologie des „Entstehens“. Romain Bertrand (Paris) schlägt vor, „neue Zeit in die Orte zu injizieren“, in die von der Grammatik der „Europäischen“ Interessen im Laufe der Jahrhunderte begrenzten Kontaktflächen. In seiner Rolle als Diplomat-Kommentator erkennt Camille de Toledo (Berlin) in den verschiedenen Redebeiträgen eine „Synchronizität des Heterogenen“ , eine Suche nach Gemeinsamkeiten, und betont, dass die Hoffnung angesichts all der alltäglichen Prozesse des Verschwindens ein sehr individueller Prozess ist.

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Françoise Vergès at the symposium-performance Au-delà de l’Effet-Magiciens, 2015

Das Erfinden von „geoästhetischen Manifesten“ („Manifestes géoesthétiques“), neuen Kartographien der Kunst, ist das Thema des zweiten Tages, der sich in den Laboratoires d’Aubervilliers abspielt. Besonders bemerkenswert hier der Redebeitrag von Malick Ndiaye (Dakar) mit seiner Vision einer „Quantengeographie der Kunst“. Der Kunsthistoriker ruft dazu auf den Effet-Magiciens zu überwinden und sich weder für einen globalen Diskurs noch für einen mehrstimmigen Diskurs zu verwenden, sondern vielmehr für ein Szenario der Verknüpfung isolierter Diskurse. Sein Ansatz akzeptiert die gegenwärtige Situation, die sich durch ausgeprägtes Experimentieren und eine multidisziplinäre Herangehensweise auszeichnet, den Einsatz neuer Technologien, Strategien und Theorien der Forschung, die Vermittlung und Produktion von neuen Kenntnissen und neuem Wissen, um auf lokale Bedürfnisse abgestimmte Lösungsansätze zu finden. Olu Oguibe (Storrs) lehnt den Effet-Magiciens gänzlich ab. Globale Kunst ist seiner Ansicht nach ein redundanter Begriff, eine Idee, die sich Akademiker und Kuratoren ausgedacht haben. Vielmehr müsse man Kunst als soziale Praxis denken und ihre Rolle außerhalb der Theorie bestimmen.

Der letzte Tag mit dem Titel „Musée f(r)ictions“ (Museum als Ort der F(r)iktion) überläßt den Kunstschaffenden die Bühne. Den Zuschauern auf den Tribünen eröffnet sich ein Raum, der sich mit dem Erbe des Kolonialismus als gelebte Erfahrungen befasst. Im Gedenken an den Maji-Maji-Aufstand (1905-1907, Tansania) präsentiert Kapwani Kiwanga (Paris) in seiner Performance das Unsichtbare Museum, und lotet damit die Möglichkeiten einer immateriellen Präsentation und Vermittlung von Wissen aus. Ein anderer Künstler-Forscher, Kader Attia (Berlin), thematisiert die Verletzung als Kosmologie der extra-okzidentalen Kulturen und deren Auslöschung durch die westlichen Kulturen. Françoise Vergès (Paris) postuliert für eine Geoästhetik der Vergessenen, ohne sie zu glorifizieren, um ein heilendes Vergessen „herzustellen“, wobei sie gleichzeitig betont, dass der Prozess der Dekolonisierung niemals abgeschlossen wird. Die Nummernrevue Afrikadaa wiederum lässt in ihrem Live-Eröffnungsakt mit dem Titel Muselons-le – Musée-l’on-le drei in schwarz gekleidete Schauspieler ihr Programm deklamieren. Mit einer Schnur aneinander gebunden, kämpfen sie gegen die Tropismen für eine Dekolonisation des Imaginären, für eine neue Lesart der Spektren der Geschichte… und vor allem dafür, die Einrichtung „spekulativer musealer Institutionen“ zu wagen, um den Prozess der Entstehung verfolgen zu können. Auf dem Höhepunkt des Absurden bietet Olivier Marboeuf (Paris) eine urkomische futuristische Version von „le gros truc“, des berühmten Haushaltsantrags beim Ministerium. Die Zukunft der Freiheit und des Verständnisses von Kunst im öffentlichen Raum wird in dem Monolog eines Polizisten thematisiert, der ebenso überwältigt wie begeistert ist von dem Erfolg der Institution gazeuse, die jedem Ereignis, das daselbst angemeldet wird, den rechtlich diffusen Status einer Performance verleiht. Ob es nun das fiktive Musée de Notre Pays (Museum unseres Landes) ist, das übernommen wird von einer nur allzu vertrauten „Partei der wiedergefundenen Werte“ (Parti des Valeurs Retrouvées, Vincent Message) oder die Museotopias von Gustavo Buntnix, Cesar Vornejos Puno Museum of Contemporary Art, Fernando Bryces Museo Hawai oder Eder Castillos The Inflammable Museum (GuggenSITO) – mit einer zentralen Frage beschäftigen sich alle diese Experimente und Evaluierungen : Worin könnten ? jenseits ungeeigneter oder fehlender Kulturpolitiken ? die Aufgaben künftiger Museen in unterschiedlichen nationalen, strukturellen, sozialen und urbanen Räumen bestehen?

Es kann ein sehr produktiver Ansatz sein, das Globale zu überwinden, um sich auf die Analyse des Lokalen zu konzentrieren. Dieser Anspruch wird zwar immer wieder formuliert, fehlt jedoch weitgehend in diesem Au-delà de l’effet Magiciens, das, ohne es auszusprechen, dazu neigt, mit dem Ursprungs-Mythos zu arbeiten, demnach Paris nicht nur als Geburtsstadt der modernen Kunst sondern auch als Quell der globalen Wende der zeitgenössischen Kunstszene gelten soll. Wichtig gewesen wäre hier eine Auseinandersetzung auch mit den Orten, an denen die Symposium-Performance veranstaltet wurde. Es ist nicht bedeutungslos, wenn man von dem Pariser Stadtteil, in dem sich das Hôtel des Invalides befindet, hinüber wandert in das Viertel, in dem das Laboratoire d’Aubervilliers angesiedelt ist, und das sehr stark durch die Migrationsflüsse und kulturellen Strömungen in Frankreich geprägt ist. Andererseits ist die Konkretisierung einer solchen Ausstellung aber auch symptomatisch für eine französische Kulturpolitik, die die Debatten des Multikulturalismus aufgreift, um sie in einer Affirmation der Nation, wie sie anlässlich der Triennale von Paris (2011) aufs Neue hervorgebracht wurde, zu verwerten. (5)

Au-delà de l’Effet-Magiciens hat daran erinnert, dass eine Dekolonisierung des Wissens (Walter Mignolo) dringend notwendig ist, und dass in Sachen Übersetzung und Selbstreflektion auf dem Gebiet der Theorie insbesondere mit Blick auf die Besucher dieser Veranstaltungen noch Einiges zu tun ist (6). In diesen drei Tagen hat sich in allen Wortmeldungen herauskristallisiert, dass es einen starken Willen gibt, die Welt ? und nicht den Globus ? jenseits aller autoritären universalistischen Utopien zu denken. Der Appell lautet daher erneut: Wir müssen uns, gemeinsam und in unterschiedlichster Form, unserer Vergangenheit annehmen, um zu verhindern, dass die Regeln der Geschichte der „Sieger“, unsere Zukunft noch mehr bestimmen als sie bereits unsere Gegenwart verfälschen.

Au delà de l’Effet-Magiciens (2015), Fondation Gulbenkian – Les Laboratoires d’Aubervilliers. Leitung: Aliocha Imhoff & Kantuta Quirós – Bühnenbild Adel Cersaque. Das gesamte Programm steht hier .

Das Symposium “Au-delà de l’Effet-Magiciens” fand vom 6. – 8- Februar in der Fondation Calouste Gulbenkian in Paris und Les Laboratorien d’Aubervilliers statt 

Sophie Eliot ist Doktorandin und Kunstkritikerin und lebt in Berlin. Zurzeit schreibt sie ihre Doktorarbeit an der Universität Oldenburg über kuratorische Praktiken in der zeitgenössischen afrikanischen Kunst.

(1) Insbesondere durch den Erwerb von Werken afrikanischer Künstler durch Jean Pigozzi. Mit dieser Kunstsammlung gründete er die Contemporary African Art Collection.

(2) Auszüge daraus in dem der Arbeit von Jean-Paul-Goude gewidmeten Raum in der Ausstellung Une histoire, art, architecture et design, des années 80 à aujourd’hui (Eine Geschichte, Kunst, Architektur und Design von den 80er Jahren bis heute), 02.07.2014-11.01.2016, Centre Pompidou, Paris.

(3) Lucy Steeds (Hg., 2013): Making Art Global (2)‚ Magiciens de la Terre 1989. Exhibition Histories. Afterall, London; Magiciens de la Terre: Reconsidered, Symposium, 11.-13.04.2014, Tate Modern, London, kuratiert von Lucy Steeds  ; Magiciens de la terre. Retour sur une exposition légendaire, Ausstellung, 02.07.-15.09.2014, Centre Pompidou, Paris.

(4) Von Kantuta Quirós und Aliocha Imhoff 2005 gegründete Plattform für Kuration, Kunst und Recherche. http://www.lepeuplequimanque.org/

(5) Nicolas Sarkozy beschreibt Magiciens de la terre in dem Katalog der Triennale als deren Vorgänger (Steeds 2013  :92).

(6) Zu einer dekolonialen und/oder transdiziplinären Annäherung an Geschichte siehe auch die folgenden Konferenzen: Beyond modernity. Transepochal perspectives on spaces, actors, and structures, Universität Basel (in englischer Sprache):  und Decolonizing Knowledge: Figures, Narratives, and Practices, Freie Universität Berlin. Ein weiterer Versuch der Szenographie der Reflektion des Zeitgenössischen: Artists Organisations International, initiiert von Florian Malzacher, Jonas Staal und Joanna Warsza

 

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