Indonesia meets Nigeria

Hacking Conflict: Nigeria zu Gast auf der Biennale Jogja XIII

Unsere Autorin Christina Schott besuchte für uns die Biennale Joga XIII

Ketjilbergerak, Opening Performance Sego Wiwitan ritual of food offering. Photo credits: Kelas Pagi Yogyakarta and Biennale Jogja XIII

By Christina Schott
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Zehn Meter hoch erhebt sich die Installation „Sweet Crude, Black Gold“ vor dem Jogja National Museum: Rechts verbreitet ein loderndes Feuer dichten, schwarzen Qualm, dahinter eine schwere Eisenkette, verkohlte Holzteile fliegen durch die Luft. Links eine verrußte Maschine, aus der große Röhren in den Himmel raqen. Vor dem überdimensionalen Acrylbild des indonesischen Grafikkünstler Maryanto stapeln sich Dutzende verrosteter Ölfässer, die der Nigerianer Victor Ehikhamenor mit roten Mustern bemalt hat, sie erinnern an traditionelle Motive aus seiner Heimat. „The Wealth of the Nation“ nennt der Künstler und Autor seinen Teil dieser Kollaboration: Sowohl Indonesien als auch Nigeria besitzen große Erdölvorkommen, die die wirtschaftliche wie politische Lage der jungen Demokratien mitbestimmen – und viele Konflikte verursachen.

„Hacking Conflict“ ist der Titel der Biennale Jogja XIII, die vom 1. November bis 10. Dezember 2015 in der zentraljavanischen Kulturmetropole Yogyakarta stattfand. „Ich lade alle dazu ein, mit Konflikten zu experimentieren, mit Unordnung, Fehlannahmen und Meinungsverschiedenheiten“, erklärt Kurator Wok the Rock, selbst als experimenteller Künstler bekannt. „Konflikte werden immer als Problem angesehen, das überwunden werden muss. Dabei gehören Konflikte zu jeder Demokratie, in der Menschen ihre Meinung offen sagen dürfen. Wir sollten sie daher als wichtige Energiequelle betrachten, die völlig unerwartete Formen von Harmonie schaffen kann.“

Yusuf Ismail, Fluxcup Chroma Key Project, Video, Internet. Photo Credits Kelas Pagi Yogyakarta and Biennale Jogja XIII

Yusuf Ismail, Fluxcup Chroma Key Project, Video, Internet. Photo Credits Kelas Pagi Yogyakarta and Biennale Jogja XIII

Teils unerwartet waren für viele beteiligte Künstler die Ähnlichkeiten zwischen Indonesien und dem diesjährigen Partnerland Nigeria: Beide Länder sind ehemalige europäische Kolonien, in denen bis 1998 Militärdiktaturen herrschten. Altlasten wie korrupte Systeme oder Menschenrechtsverbrechen, die straflos geblieben sind, beeinflussen die demokratischen Prozesse bis heute. Aber auch der Alltag auf den Straßen, auf Märkten oder in der Familie birgt viele Parallelen. Die Zusammenarbeit mit Nigeria ist die dritte Ausgabe der sogenannten Äquatorserie: Bis 2022 konzentriert sich die Biennale Jogja ausschließlich auf Länder am Äquator, um die weltweit dominierenden Parameter von Nord und Süd aufzubrechen. 2011 lag der Fokus auf Indien, 2013 lud die Biennale Künstler aus mehreren arabischen Ländern ein.

Die gezielte Konfrontation mit Konflikten ist nicht nur das Thema der diesjährigen Ausstellung, sondern zugleich ihre kuratorische Methode: In zahlreichen interdisziplinären Kollaborationen konfrontierten die Organisatoren die Künstler aus beiden Ländern mit verschiedenen Auffassungen und Interpretationsmöglichkeiten, um neue kreative Umsetzungen anzuregen. Allein die Präsentation provoziert: Während die Kunstwerke in improvisierten „Aktionszonen“ (activity spaces) gezeigt werden, finden die Begleitveranstaltungen in der eigentlichen Galerie statt. Die Aktionszonen sind zudem mit gelben Baugerüsten und Wellblech umgeben, die den interaktiven Work-in-Progress-Charakter unterstreichen sollen. Nicht alle Besucher zeigten sich begeistert: „Wo ist denn die richtige Ausstellung?“ oder „Sieht aus wie eine Baustelle“, lauteten Kommentare bei der Eröffnung.

Amarachi Okafor, detail of 'I learnt this!', mixed media painting installation, interactive activity. Photo credit Kelas Pagi Yogyakarta and Biennale Jogja XIII

Amarachi Okafor, detail of ‘I learnt this!’, mixed media painting installation, interactive activity. Photo credit Kelas Pagi Yogyakarta and Biennale Jogja XIII

Einige Künstler haben den offenen Raum jedoch begeistert angenommen. Emeka Udembas „Street Slam“ zum Beispiel besteht aus einem mit Plastikspielzeug dekorierten Odong-Odong – einem überdachten, mit Fahrradpedalen betriebenen Gefährt, auf dem junge Indonesier gern zu Karaokemusik herumfahren. Statt Karaoke jedoch laufen auf dem kleinen Bildschirm zwischen den Lenkern Videos indonesischer und nigerianischer Künstler – eine Fortsetzung von Udembas Kunstprojekt „Molue Mobile Museum of Contemporary Art“. Anggun Priambodo dagegen hat seine Video-Installation „Voice of Equator“ geradezu versteckt: Fünf Meter hohe Bambusleitern führen in eine Art Baumhaus. Hier sind die filmischen Eindrücke zu sehen, die der Künstler aus Jakarta während einer Residenz in Lagos sammeln konnte. Während sich die beiden Großstädte in Bezug auf Krach und Chaos gleichen, erlebte Priambodo eine für Indonesier ungewöhnliche Reaktion bei den meisten Nigerianern, die überhaupt nicht davon begeistert waren, von einem Fremden gefilmt zu werden. Mit dem komplizierten Zugang zu seinem Werk reflektiert Priambodo seine Annäherungsschwierigkeiten.

Co-Kurator Jude Anogwih sieht im Konzept von „Hacking Conflicts“ die Chance, neue künstlerische Räume und Dimensionen für den kulturellen Austausch zu erschließen. „Wir konfrontieren das Establishment. Wir schaffen kreative Prozesse, die die Bevölkerung miteinbeziehen und andere Meinungen hervorbringen“, so der nigerianische Künstler und Kurator. „Es sind diese Aspekte, auf die ich gewartet habe. Und ich bin stolz, daran beteiligt zu sein.“

Christina Schott berichtet für weltreporter.net seit mehreren Jahren aus Indonesien und anderen südostasiatischen Staaten. Ihre Themenschwerpunkte sind Umwelt, Energie und Klimawandel sowie Gesellschaft, Kultur und Reise. 

 

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