Lubumbashi Biennale

Diese Frage geht mir immer noch durch den Kopf

Patrick Mudekereza comments on the Lubumbashi Biennale

Rencontres Picha, Biennale of Lubumbashi 2013. Courtesy: Picha

By Patrick Mudekereza
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An einem Samstag im Oktober verlassen wir die Académie des Beaux-Arts von Lubumbashi, in der Mikhael Subotzky und Lard Buurman ihre Arbeiten einem Publikum aus Künstlern und Studierenden der Académie präsentiert haben. Im Menschengedränge tippt mir ein Student auf die Schulter, ich erkenne ihn wieder, er war einer derjenigen, die während der Diskussion Fragen gestellt haben. Ich schaue ihn an und er stellt mir genau dieselbe Frage: „Sagen Sie, welche Relevanz hat die Fotografie im Leben eines Künstlers?“ Ich weiß nicht, was ich ihm nach Mikhaels brillanter Vorführung und Lards persönlicher Schilderung seines Werdegangs antworten soll. Aber musste ich ihm überhaupt unbedingt antworten, wartete er darauf? Stellte er sich die Frage nicht vielmehr selbst?

Diese Frage wird mir meinerseits in verschiedenen Varianten durch den Kopf gehen: die Relevanz, eine Biennale zu organisieren und rund 20 Künstler und internationale Experten nach Lubumbashi einzuladen, wo sie ausstellen und sich austauschen können; die Relevanz von Architektur, die Relevanz von Öffentlichkeit, die Relevanz von Interventionen im öffentlichen Raum, die Relevanz von Bewerbungen um die Teilnahme an einem künstlerischen Projekt, die Relevanz zeitgenössischer Kunst, die Relevanz von Träumen, die Relevanz, einen Traum zu teilen usw. Und weil alle diese Belange mit dem Leben einhergehen – neben dem des Künstlers wäre da das Leben der Stadt, das Leben der Passanten, die hinschauen oder auch nicht, das Leben der Kinder, die vor einem Bildschirm hocken, auf dem Bilder in einer Sprache vorbeiziehen, die sie nicht kennen; das Leben all derer, die die Macht haben, alles zu ändern oder nichts, das Leben all derer, die keinen Ton zu sagen haben. All diese Belange in jedem dieser Leben gingen mir während der Fachwoche der dritten Rencontres Picha der Biennale von Lubumbashi durch den Kopf.

Die beiden Biennalen 2008 und 2010 gaben den Ton vor, machten Lust und weckten Begeisterung. Und Enthusiasmus war das Stichwort für die 3. Biennale. Während 2008 noch die Organisatoren die Werke auswählten, ist es seit 2010 der „große Bruder“ Simon Njami, der Kommissar der Veranstaltung ist. Zusätzlich zu eher klassischen Ausstellungen wurden Fotografien in Form von Werbetafeln installiert; bei Spaziergängen durch die Stadt waren auf den Fassaden oder Außenwänden von Gebäuden wie dem Justizpalast oder dem Nationalmuseum Projektionen zu sehen, all das begleitet von Workshops, Fachtreffen und Darbietungen. Eine Publikation, die die Veranstaltung und ihre Präsenz im städtischen Raum dokumentiert, ist in Vorbereitung. Die dritte Biennale wird auf diesen Errungenschaften aufbauen, sich aber ebenso der Herausforderung stellen, dem Projekt eine neue Dimension zu verleihen. Aufgrund dieser Ambitionen hat sich die Realisierung der Ausstellung um ein Jahr verzögert.

Bereits im April 2012 unternahm Elvira Dyangani Ose eine erste Erkundungsreise, um die Atmosphäre der Stadt einzufangen, mögliche Orte von Interventionen zu besuchen, die kulturellen Akteure der Stadt und die Bewohner von Lubumbashi ganz allgemein zu treffen. Das von ihr entwickelte kuratorische Konzept beruht auf dem Begriff des Enthusiasmus nach Jean-François Lyotard: Es ist das Bestreben, zu untersuchen, wie Praktiken zeitgenössischer Kunst zur Auflösung von Paradigmen wie dem des Publikums und der Teilhabe geführt haben und wie sie zur Schaffung einer neuen sozialen Vorstellung des städtischen Raums beigetragen haben.

So bilden die Meisterklasse Fotografie des Goethe-Instituts und die Präsentation der Ausstellung von Jean Depara in der Halle de l’Etoile im Institut Français in Zusammenarbeit mit der Zeitschrift Noire den Auftakt der Biennale. Im Laufe des Jahres werden außerdem ein Workshop zur Sichtung von Archivfotos unter der Leitung von Andrea Stultiens angeboten, ein Architektur-Workshop unter der gemeinsamen Leitung von Marilyn Douala Bell und Johan Lagae sowie Künstlerresidenzen mit Bodil Furu und Angela Ferreira. Die zwei letzten Projekte sind Teil der Biennale.

Im Rahmen der Fachwoche, die vom 2. bis 6. Oktober 2013 stattfand, gab es Ausstellungen an den dafür vorgesehenen Orten: Lard Buurman war in der Halle de L’Etoile im Institut français zu sehen, Sabelo Mlangeni im Kunstzentrum Picha und Guy Tillim in der Galerie Dialogues im Nationalmuseum von Lubumbashi. Die Ausstellung nutzte ebenso neue Orte: Die Ausstellungen von Mikhael Subotzky, Gulda El Magambo, Katia Kameli und François Xavier Gbré fanden beispielsweise in der Académie des Beaux-Arts statt, während die Schau von Georges Senga im Rathaus zu sehen war. Im Jugendzentrum des beliebten Viertels Katuba fanden zwei Konferenzen zu Kunst als sozialer Erfahrung statt, bei denen Experten aus dem Kongo, aus Afrika und Europa zusammenkamen. Videoprojektionen waren vor allem im Kunstzentrum Picha sowie im Foyer Saint Jean in Kamalondo zu sehen. Im leer stehenden Theater Foyer Saint Jean, dem sein Verfall eine besondere Aufgabe zuweist und eine besondere Schönheit verleiht, stellten zwei Videos zur Rolle des Theaters in der Gesellschaft (Storyteller von Katia Kameli und Opera von Bodil Furu) den Beitrag von Bodil Furu für die Biennale vor; sein Code minier nimmt die Ausbeutung von natürlichen Ressourcen in der Provinz Katanga in den Blick.

Ein weiterer Beitrag zur Biennale wurde von der Künstlerin Angela Ferreira in Zusammenarbeit mit Jürgen Bock realisiert. Die beiden schufen eine vier Meter hohe Statue, die sie auf dem modernistischen Gebäude der Tankstelle GPM aufstellten. Das Projekt mit dem Titel Entrer dans la mine (die Mine betreten) lehnt sich an ein Lied in der Sprache Kibemba an, in dem ein Arbeiter seiner Mutter einen Brief hinterlässt, bevor er in die Mine geht und begraben wird, ohne krank gewesen zu sein. Das Lied wurde von Isis Keto und Alain Lumbala Kazaku im Rahmen eines ergreifenden Auftritts bei der Vernissage aufgeführt. Die Dokumentation dieses Auftritts ist ebenfalls fester Bestandteil der Installation, die an der Tankstelle zu sehen ist.

Die Figur Lumumba war bei den auf der Biennale angesprochenen Themen sehr präsent. Die großartige Serie Avenue Lumumba von Guy Tillim reagierte auf den Film Spectres von Sven Augustijnen im Garten des Nationalmuseums, während Georges Senga die Biennale mit der Serie Une vie après la mort eröffnete, bei der eine Inkarnation (oder Reinkarnation) von Lumumba in Form eines ehemaligen, heute pensionierten Aktivisten der Lehrergewerkschaften in Form eines Diptychon zu sehen ist.

Urbane Themen herrschten in den Serien von Lard Buurman (City Junctions), Katia Kameli (Already Installed) und Sabelo Mlangeni (Ghost Towns) vor und waren auf hintergründigere Weise in fast allen Werken präsent.

Auch die Videos – von Nastio Mosquito, Moridja Kitenge Banza, Bassim Magda, Hala Elkoussy, Christian Tundula, Vitshois Mwilambwe und anderen – standen im Zeichen dieser sensiblen Erkundung des städtischen Raums. Eine vom Festivalpartner Videobrasil ausgewählte Serie zur Wahrnehmung von Landschaft beschloss die Veranstaltung.

Johan Lagae, Professor der Architekturgeschichte an der Universität Gand, beschrieb bei einer Stadtführung die Verräumlichung von Machtbauten, erzählte Geschichten über Geisterhäuser, präsentierte die segregierte Entwicklung des Stadtplans und seine Widersprüche und stellte jüngere architektonische Entwicklungen vor. Die Führung orientierte sich dabei an den Erzählungen, die während des Architektur-Workshops bei den Bewohnern von Lubumbashi zusammengetragen worden waren.

Dieser Workshop wie auch der Workshop zu Archivfotos wurden in Form einer Vorführung in einem Kurs an der Académie des Beaux-Arts präsentiert.

Und welche Relevanz hat all das, in welchem Leben?

Ich habe den jungen Studenten, dem ich in Ermangelung einer Antwort meine Handynummer gegeben hatte, noch immer nicht wiedergesehen. Ich weiß nicht, ob er noch einmal hergekommen ist, um sich die Fotos von Ponte City – der Arbeit, die im Kurs seiner Hochschule vorgestellt wird – genauer anzusehen. Ob er sich diese Türen, Fenster und die Bilder von Fernsehschirmen im Innern der Wohnungen dieses 54 Stockwerke hohen Gebäudes in Johannesburg angesehen hat. Ob er sich an einen anderen Ort versetzt, aufgebracht, ergriffen gefühlt hat. Ich stelle mir vor, wie er bei sich zu Hause ist, die Türen und Fenster öffnet, den Fernseher wegräumt und mit offenen Armen ausruft: Die Kunst ist zu nichts nütze, aber wie wunderbar durchlüftet sie doch den Kopf! Die Vorstellung von Raum ist manchmal nur eine Frage des Umräumens im eigenen Kopf.

Patrick Mudekereza lebt und arbeitet als Autor und Kulturproduzent in Lumumbashi, in der Demokratische Republik Kongo. Er ist zudem Mitbegründer und Leiter des Kunstzentrums Picha, und leitet mit Sammy Baloji die Rencontres Picha, die Biennale von Lumumbashi.

 

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