The Armory Show Focus: African Perspectives

„Ich bin keine Puristin mehr…“

Unser Autor Magnus Rosengarten traf die Künstlerin für ein Gespräch in Berlin.

Kapwani Kiwanga, The Black Star Chronicles (Afrogalactica II), Gorki Theatre, Berlin 2014. Photo: Emma Haugh

By Magnus Rosengarten
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Kapwani Kiwanga begann ihre künstlerische Laufbahn Anfang der 2000er Jahre mit klasssichen Dokumentarfilmen. In Werken wie Bon Voyage (2004) wird in einer äußerst ästhetischen Filmsprache das Leben Schwarzer ArbeitsmigrantInnen in Paris nachgezeichnet. Danach gab sie den Film – zumindest zeitweise – auf und erschloss sich andere Formen, Narrative und Räume. Seitdem hat sie sich als Vortragsperformerin etabliert – um ihr Publikum mit einer Mischung aus akademischer Präzision, Phantasie und Humor zu unterhalten, aufzuklären und herauszufordern.

Magnus Rosengarten: Ich finde die Verwendung des Begriffs Performance ist heutzutage inflationär. Das muss nicht unbedingt schlecht sein, aber wie definierst du ihn?

Kapwani Kiwanga: Ich fühle mich irgendwie wie eine Hochstaplerin, weil ich mich nicht als Performerin betrachte. Manchmal sehe ich mich als Künstlerin, aber auch mit diesem Begriff tue ich mich schwer. Ich bin wohl jemand, die gerne Ideen und Gedanken vermittelt, zu neuen Formen anregt. Wenn ich Performances mache, entwerfe ich eine Geschichte, über die die Menschen nachdenken können. Ich erhebe nicht wirklich Anspruch auf die Kunstform Performance. Das ist zufällig passiert. Jemand bat mich eine Performance zu machen und ich hatte das vorher noch nie gemacht. Ich hatte alles Mögliche recherchiert und entwarf eine Vortragsperformance.

Kapwani Kiwanga, Museum of the Blind, 2015, Lecture Performance Berlin Ethnographic Museum. Courtesy of the artist

Kapwani Kiwanga, Museum of the Blind, 2015, Lecture Performance Berlin Ethnographic Museum. Photo: Sebastian Bolesch. Courtesy of the artist

MR: Aber erzähl uns noch mehr darüber, wie es sich anfühlt mit deinem Körper live auf der Bühne zu sein und dem Publikum unweigerlich etwas zu vermitteln.

KK: Das ist sehr interessant, weil mein Körper nicht sehr präsent ist. Es ist mehr meine Stimme. Ich arbeite in dem Raum nicht so sehr mit meinem Körper. Das ist etwas, das sich langsam entwickelt, je mehr Performances ich mache. Ich glaube ich leugne niemals die verschiedenen Machtdynamiken, die mit den unterschiedlichen Körpern auf der Bühne präsent sind. Mir, die mit einem weiblichen Körper transkultureller Herkunft auftritt, ist stets bewusst, wie das in unterschiedlichen Räumen gelesen werden kann.

MR: Kommen wir zurück zu deiner Stimme. Wie und wofür setzt du sie ein?

KK: Ich spiele mit der Stimme der Autorität. Als Aufseherin im Museum, als Anthropologin aus der Zukunft, eine Person, die irgendeine Form von Macht hat. Es geht immer darum, die gesamte Stimme der Macht untergraben. Es geht auch um die Autorität einer Haltung, ich sitze oft an einem Schreibtisch, die Strenge meines gesamten Körpers, die Beschränkung der Bewegungen, die ich mache. Und die ganzen Codes, die man oft auf Konferenzen sieht.

MR: Doch wie schaffst du neue Formen, andere Narrative, ohne dabei zu rational, zu akademisch zu sein?

KK: Ich habe immer dieses Element von ‘Ist das wirklich die Realität?’ dabei. In solchen Momenten findet wirklich eine inhaltliche Verlagerung statt. Das humoristische Element ist ziemlich wichtig. Ich möchte immer hegemoniale Narrative erschüttern und den phantasierten, unechten oder marginalisierten eine Stimme geben.

MR: Du bist als Anthropologin ausgebildet. Inwiefern beeinflusst dieses Fachwissen deine künstlerische Praxis? Ich kann mir vorstellen, dass das ein problematisches Gebiet ist.

KK: Ja, das ist es. Anthropologie ist wie jedes andere kulturelle Produkt durch eine Geschichte von Unterdrückung und Macht kontaminiert. Ich bin keine Puristin mehr, wenn es darum geht, diese Sachen abzulehnen. Ich denke, wir müssen mit dem arbeiten, was problematisch ist. Man muss sich nicht davor fürchten, sondern kann es als ein anderes kulturelles Produkt wiederverwenden, das man sich zu eigen macht. Um auf die Performance zurückzukommen, geht es um Aneignung und Einverleibung. Alles wird durch den eigenen Körper und den Verstand gefiltert und jeder Gedanke wird dann von mir verkörpert und in einer anderen Form übermittelt.

Die Anthropologie ist in meiner Praxis sehr präsent was die Methodologie angeht. Ich lese viele sozialwissenschaftliche Texte, aber auch rein wissenschaftliche Texte. Die in der Sozialwissenschaft eingesetzten Methoden, Feldforschung, die Arbeit vor Ort, durch Beobachtung, das ist mir ziemlich wichtig.

Kapwani Kiwanga, Spell To Bound Performance, Grand Palais, 2014, Paris. Courtesy of the artist

Kapwani Kiwanga, Spell To Bound the Limitless, Performance, Grand Palais, 2014, Paris. Courtesy of the artist

MR: Und wie meinst du können die Werke, Leben und vielschichtigen Identitäten in der Diaspora sichtbarer gemacht werden?

KK: Ich denke es ist von zentraler Bedeutung, sich selbst und den eigenen Erfahrungen treu zu sein. Und daran zu glauben, dass das, was man zu sagen hat, wichtig ist und Teil einer breiteren Diskussion sein sollte. Die Vielfalt ist wichtig. Wenn ich ein Stück entwerfe, dann ist das oft etwas, das ich selber gerne sehen würde, und wenn Leute beispielsweise fragen, ob das wirklich ein afrikanisches Stück wird, dann ist das deren Problem. Meins ist es nicht. Ich muss es nicht immer intellektualisieren. Es geht um die Vielstimmigkeit, weil wir alle gemeinsam an diesem Tisch sitzen. Die einen haben mehr Bildung als andere, die anderen haben mehr Macht. Und ich glaube die Dinge verändern sich langsam. In Frankreich, wo ich lebe, habe ich vor zehn Jahren sehr wenige Künstlerinnen mit Einzelausstellungen gesehen, und das sehe ich heute häufiger.

MR: Hast du irgendwelche spannenden Zukunftspläne, von denen du uns noch nicht erzählt hast?

KK: Mitte April habe ich eine Ausstellung in der South London Gallery. Es ist eine Fortsetzung meiner Arbeit in der Galerie Jeu de Paume in Paris in Bezug auf den Maji-Maji-Krieg (Aufstand der Bevölkerung des damaligen Tanganjika gegen die deutschen Kolonialmächte von 1905 bis 1907). Da es ein so ergiebiger und vielschichtiger historischer Moment ist, der nur wenigen bekannt ist, möchte ich ihn genauer erkunden. Ich werde kulturelle Interventionen in diesem Zusammenhang einsetzen, beispielsweise Theaterstücke und Gedichte. Es gibt ein Theaterstück von 1970, das den Weg für andere performative Arbeiten öffnen wird, hauptsächlich Sprechtheater.

 

Eine Gruppenausstellung mit Mequitta Ahuja, Kapwani Kiwanga, Alida Rodrigues and Pamela Phatsimo Sunstrum, Mythopoeia, April 10 – Mai 9, 2015, Tiwani Contemporary, London

Kapwani Kiwanga, A Memory Palace, Januar 30 – April 4, 2015, Tanja Wagner, Berlin

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Magnus Rosengarten ist Filmemacher, Autor und Journalist aus Deutschland. Er lebt z.Zt. in New York, wo er einen Master in Performance Studies an der NYU macht.

 

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