Wenn ich es nicht zeige, wird niemand es tun…

Wura-Natasha Ogunji ist Fotografin, Performance-Künstlerin, Lehrende un

Wura-Natasha Ogunji, An ancestor takes a photograph, 2014. Photo: Artist

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C&:  In Ihrer künstlerischen Arbeit verwenden Sie Performance, Videokunst, Fotografie.  .  . Wie kamen Sie zur Kunst?

Wura-Natasha Ogunj: Angefangen habe ich als Fotografin, damals habe ich viele Selbstporträts gemacht. Ich habe in den 1990ern Fotografie studiert, zu dieser Zeit war die Abwesenheit von People of Color von der Geschichte des Bildermachens eklatant. Damals beschäftigte mich die Frage: “Wenn sie uns sagen, es gibt keine Bilder, werden wir denn die Geschichten sehen können, wenn sie kommen?” Auf der Suche nach Antworten musste ich meinen eigenen Körper befragen, um aus dem Wissen des Körpers schöpfen zu können – aus der anzestralen, zellularen, genetischen, vielleicht spirituellen Erinnerung. Ich entwickelte ein Interesse daran, Menschen zu fotografieren, die gelebt haben, bevor die Fotografie erfunden wurde. Ich fertigte Masken an und alte Gewänder, um diese Menschen, diese Bilder in Erscheinung zu bringen. Der gesamte Prozess war performativ. Ich machte Fotos und daraus Glasnegative und nahm die Aktionen auch mit 16mm-Film auf. Was mich damals vor allem interessierte, war, mir das Wissen meines eigenen Körpers zu erschließen, um fotografische Bilder zu schaffen.

C&: Sie haben auch Anthropologie studiert. Inwieweit kommt das in Ihrem Kunstschaffen zum Ausdruck?

WNO: Das Studium der Anthropologie ermöglichte es mir, sowohl afrikanische und afroamerikanische Geschichte, lateinamerikanische Geschichte als auch Kunst zu studieren. In diesem Fachbereich kamen für mich all diese Interessensgebiete zusammen. Die Anthropologie ist als wissenschaftliches Fachgebiet in seiner traditionellen Positionierung von nicht-westlichen Völkern zutiefst kritikwürdig, gleichzeitig ermöglichte sie mir aber auch eine Art der Beobachtung und der Forschung, die mir, insbesondere als Kunstschaffende und Lehrende im Bereich Fotografie, damals wichtig waren.

Wura-Natasha Ogunji, Will I still carry water when I am a dead woman? 2013. Photo: Ema Edosio

Wura-Natasha Ogunji, Will I still carry water when I am a dead woman? 2013. Photo: Ema Edosio

C&: Performance scheint ihr wichtigstes Medium zu sein. Darin setzen Sie sich auch in  direkter Konfrontation mit öffentlichen, urbanen Räumen wie Lagos auseinander. Können Sie uns etwas sagen über die Motivation dahinter und über Ihre Erfahrungen?

WNO: Performance und Zeichnen sind mir gleichermaßen wichtig. Das Gefühl der Auseinandersetzung mit Raum ist ganz ähnlich, auch wenn sie einmal auf dem Papier stattfindet und im anderen Fall im Video, beziehungsweise in letzter Zeit vor allem im städtischen Raum.

Bevor ich 2011 begann, in Nigeria zu performen, fanden die meisten meiner Performances im privaten Raum statt, und wurden, zum Teil mit Hilfe von ein oder zwei Freundinnen, mit einem Fotoapparat oder einer Videokamera aufgezeichnet. Für die Fragen, die ich damals stellte, war das ein sinnvoller Ansatz. Die Videos ermöglichten es mir, Antworten auf meine Fragen zu finden.

Die Reise nach Nigeria brachte mich dann zu einer Reihe ganz anderer Fragen, die ihrerseits in der Öffentlichkeit gestellt werden mussten. Meine erste Performance entwickelte sich ausgehend von einer Frage, die die Arbeit von Frauen betraf: “Will I still carry water when I am a dead woman?” / “Werde ich auch als tote Frau noch Wasser tragen?” Die Frage ergab sich aus einer sehr realen Frustration, die ich verspürte angesichts der Relation zwischen der der Arbeitsbelastung von Frauen und ihrer Freizeit im Sinne von Zeit, die man damit verbringt, zu reden, zu denken, zu träumen und über die Welt zu philosophieren  – alles Grundvoraussetzungen für Kreativität, Innovation und einfache Freude. In der Performance krieche ich auf dem Boden entlang und schleppe Wasserkanister hinter mir her. Diese Aktion muss auf der Straße stattfinden. Indem ich die Frage auf diese Arte stelle, schaffe ich Raum für eine breitere Diskussion. Hier ergeben sich die Antworten nicht allein aus den physischen Aktionen meines eigenen Körpers, sondern vielmehr aus der Anwesenheit des Publikums, der Zuschauenden  – entscheidend ist, was sie zu sagen haben. Und das äußert sich nicht nur in Form von verbaler Reaktion. Die Art, wie die Leute auf die Performance warten, oder einem Stück  durch die Straßen folgen oder auch die Arbeit jemand anderem erklären. All das geht ein in die Geschichte und Bedeutung einer Performance.

Wura-Natasha Ogunji, beauty, 2013. Photo: Soibifaa Dokubo

Wura-Natasha Ogunji, beauty, 2013. Photo: Soibifaa Dokubo

C&: Inwiefern ist der Begriff des (kollektiven) Gedächtnisses in Relation zum (physischen, sozialen usw.) Körper wichtig für Sie?

WNO: Unsere Körper sind unglaublich faszinierende Träger von Erinnerung. Und unser Bewusstsein enthält so viel Information über unsere Geschichte, sogar über unsere Zukunft. Wissenschaftlich ausgedrückt, tragen wir all dieses genetische Material in uns, das mehrere Millionen Jahre alt ist. Unsere Körper wissen so viel und teilen so viel mit. Ich liebe es, wie eine Performance diese Informationen anzapft, ich liebe es zu sehen, was sie daraus hervorzieht und wohin uns das bringen kann.

C&: Wir wurden kürzlich von einer Journalistin gefragt, warum sich unserer Ansicht nach die globale Kunst inzwischen immer mehr angleicht. Wenn Sie heute eine Arbeit aus Nigeria vor sich haben, können Sie nicht mehr auf den ersten Blick sagen, ah ja, das ist nigerianische Kunst. Wie denken Sie über diese Entwicklung?

WNO: Wenn man sagt, die globale Kunst gleicht sich heute immer mehr an, dann übersieht man die innovativen Wege, die KünstlerInnen in ihrer Arbeit heute einschlagen, auch entgehen einem die Nuancen und die Spezifizität von Ort und Erfahrung. Ich würde sagen, die spannenderen und wichtigeren Fragen betreffen die Auseinandersetzung mit den Veränderungen in der Art und Weise, wie wir in genau diesem Moment der Geschichte Kunst schaffen, über Kunst schreiben, und sprechen, wie wir Kunst kuratieren, lehren und erfahren. Das Spektrum und die Diversität der Kunstpraxis bewegt sich heute, natürlich, über geographische Grenzen hinaus und über diese hinweg. Die KünstlerInnen haben die Landschaft des Kunstschaffens und des künstlerischen Austauschs enorm erweitert, folglich muss sich auch die Sprache, die wir verwenden, um diese Arbeit zu verstehen, verändern.

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Ein Gespräch von Aïcha Diallo

 

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