Kiluanji Kia Henda:

Entwirf dein persönliches Dubai zuhause

Gauthier Lesturgie takes a closer look at the complex work of Angolan artist

Kiluanji Kia Henda, Compacted Distance, 2014 (Commissioned by Sharjah Art Foundation). Courtesy of Galeria Filomena Soares

By Gauthier Lesturgie
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„Der Stahl der Gebäude erhebt sich wie ein riesiges Skelett, so rätselhaft, dass viele sich fragen, ob die Stadt wirklich existiert hat oder ob sie vielleicht nur die Beschreibung der Fata Morgana eines dementen Dichters bei seinem Überlebenskampf in der Wüste war.“ (1)

Als Kiluanji Kia Henda in der Namibwüste ein Zeichen aus rostigem Metall mit der Aufschrift „Miragen“ entdeckt, ist dies für ihn Auslöser, sich mit der Symbolik der Stadt und ihren Repräsentationen auseinanderzusetzen. Dubai wird für ihn zur offensichtlichen Verkörperung der „idealen Stadt“, der „Fata-Morgana-Stadt“ mit futuristischen Reizen. Eine architektonische Utopie, die zu differenzieren ist, die – auch wenn sie regelmäßig verschrien wird – ein spektakuläres Beispiel bleibt und sich in eine prestigeträchtige, von vielen Ländern übernommene Formel verwandelt hat. Kiluanji Kia Henda spürt hier den Auswirkungen auf seine Heimatstadt Luanda nach.

Kiluanji Kia Henda, Settings for an imaginary landscape I, 2009. Courtesy of Galeria Filomena Soares

Kiluanji Kia Henda, Settings for an imaginary landscape I, 2009. Courtesy of Galeria Filomena Soares

Der Künstler, der zwischen Lissabon und der Hauptstadt Angolas pendelt, bietet aufgrund seines distanzierten Blicks auf Luanda durchaus ironische Perspektiven; sein Beitrag muss jedoch auch im erweiterten Kontext seines Gebrauchs von Fiktion gesehen werden.

Im Jahr 2004 führte der Architekturtheoretiker Yasser Elsheshtawy den Begriff der „Dubaisierung“ ein, der seitdem wiederholt verwendet worden ist; er beschreibt den Bau einer Stadt, die auf spektakuläre Effekte setzt und deren Architektur sich von ihrem Kontext losgelöst hat. Dubai ist in der Tat zu einem spektakulären „Erfolgs“-Modell geworden, das exportiert wird.

Von außen ist die grandiose skyline mit ihrem irrealen Burj Khalifa Tower (dem höchsten Bauwerk der Welt, das buchstäblich in die platte Wüste gestellt wurde) die materielle Verwirklichung des Konzepts der „tabula rasa“, das in der Planungsphase des Baus propagiert wurde: „auf dem fruchtbaren Nichts der Wüste“ lässt sich alles imaginieren und realisieren (3).

In seiner Fotoserie von Skulpturen mit dem Titel The Building Series ahmt der Künstler diese visuelle Dichotomie von Bebauung und Leere nach, indem er in der Maleha-Wüste im Emirat Sharjah Strukturen aus dünnen Metallstangen errichtet, die wie eine Sammlung von Raumvolumen fungieren und das Skelett verschiedener Gebäude andeuten. Mit diesen eher symbolischen als funktionellen Skizzen verknüpft der Künstler die Sona genannten Sandmuster aus dem Norden Angolas. Die Methode des lusona (5) besteht darin, beim Erzählen einer Geschichte mit dem Finger im Sand zu zeichnen. Die Geschichtenerzähler ziehen ununterbrochen ein System von Linien und präzisen Punkten, um so symbolisch ihre Erzählung zu illustrieren. Indem Kiluanji Kia Henda seine Architektur-Skulpturen auf diese Sandmuster gründet, stellt er also direkte Bezüge zwischen der Fiktion, dem story-telling, der Stadt und ihren Repräsentationen her.

Mit Paradise Metalic (2014) geht der Künstler in seinem Gebrauch von Fiktion noch einen Schritt weiter. Die Arbeit ist ein absurdes, ja geradezu burleskes vierteiliges Videomärchen, dem er gewisse filmische Verfahren entleiht (autonomen und übertriebenen Ton, Wiederholung von Gesten, das fast vollständige Fehlen von Worten etc.): Man folgt dem Traum eines eingeschlafenen Mannes und seinen Halluzinationen von einer idealen Stadt, in der man den verschiedenen Strukturen von Kiluanji Kia Henda begegnet.

In Angola ist die Frage nach der Zukunft der Stadt von entscheidender Bedeutung, vor allem, was die Hauptstadt Luanda angeht, die derzeit im großen Stil wiederaufgebaut wird – sie erhält sozusagen ein urbanes „Upgrade“, um wie Dubai „Weltstadt“ zu werden. In einem Text aus dem Jahr 2010 erinnert der Künstler daran, dass sein Heimatland erst 1975 unabhängig und damit zu einer Leerstelle wurde, einem Land, das ängstlich auf seine neuen Besitzer wartete (2). Dieser Phase folgte unmittelbar ein 40 Jahre dauernden Bürgerkrieg. Das Land befand sich somit lange Jahre in wirtschaftlicher Starre und erlebte eine Landflucht von beispiellosem Ausmaß. Der Künstler geht nicht genau auf diese Vergangenheit ein – man sollte sie jedoch im Blick behalten, wenn man die aktuellen Veränderungen verstehen will. Nach der Rückkehr zu einer gewissen Stabilität haben die Öl- und Diamantvorkommen des Landes zu einer rasanten wirtschaftlichen Entwicklung geführt; China hat 2004 erhebliche Kredite zur Verfügung gestellt, die den Weg für ehrgeizige Mammutprojekte der angolanischen Regierung freigemacht haben: Architektur und Stadtentwicklung stehen im Dienste des Wiedererwerbs von Prestige.

2011 weiht die angolanische Regierung Kilamba City ein, eine Fertighaus-Siedlung für 160.000 Menschen 20 km südlich von Luanda, die aufgrund überhöhter Preise eine Geisterstadt bleibt. Der Künstler schreibt: „Die Stadt taucht aus einer Traumwelt auf, und ihre aufwändigen Verzierungen machen aus ihr ein großartiges Dekorationsobjekt. Euer Ideal von Glück wird pervertiert, weil sich die vorrangige Funktion – nämlich ein Dach über dem Kopf zu bieten – als unwirksam erwiesen hat. Die Stadt war steril.“

Kiluanji Kia Henda, Rusty Mirage (The City Skyline), 2013. Courtesy of Galeria Filomena Soares

Kiluanji Kia Henda, Rusty Mirage (The City Skyline), 2013. Courtesy of Galeria Filomena Soares

Dieser bezeichnende Prozess des „Dubai-Syndroms“ macht die Städtebaupolitik zu einem Teil des Strebens nach Prestige ohne Rücksicht auf den reellen Bedarf. Der Künstler verspottet diese Winkelzüge in seiner Installation Instructions to Create Your Personal Dubai at Home (2013), in der er verschiedene Anweisungen erteilt, um die Symbole des Emirats im eigenen Land zu fabrizieren: Skipisten, Palmeninseln oder do-it-yourself–Wolkenkratzer.

Den Bestrebungen der Regierung setzt Kiluanji Kia Henda humorvoll eine Vision „seiner“ Stadt entgegen, die von und mit den EinwohnerInnen und nicht nach vorab festgelegten Strukturen konstruiert wurde. Sie liefert ein „organisches“ und hybrides Bild der wirtschaftlichen und urbanen Prozesse, die die neuen Architekten der Stadt hinter bombastischen Fassaden zu verbergen versuchen. Der Gebrauch von absurden Metaphern und Verfahren wird rasch durch die Brutalität des Realen eingeholt, die vor allem in den drei Wandtexten zum Ausdruck kommt. In ihnen verurteilt der Künstler das Errichten einer künstlichen neuen Oase auf dem Boden seiner Stadt mit einer Heftigkeit, die nur durch seine poetische Sprache abgeschwächt wird: das Fabrizieren eines Postkartenbildes, das sich auf Leere gründet.

Kiluanji Kia Henda, “A city called mirage,” 18  Sep–29  Nov 2014, Galeria Filomena Soares, Lisbon

(1) Auszug aus einem portugiesischen Text, der auf einer der Ausstellungswände zu lesen war. (Übersetzung: Gauthier Lesturgie).

(2) Fadi Shayya, „Speculations and Questions on Dubaization“, The State, 2013.

(3)Einzahl von sona.

(4) Kiluanji Kia Henda, „Niemeyer’s Dream and the parallel universe“, buala.org, 2010.

 

Gauthier Lesturgie, freischaffender Kunstkritiker und Kurator, lebt in Berlin. Seit 2010 hat er für verschiedene Projekte und Kunsträume, u.a. Galerie Art&Essai (Rennes), Den Frie Centre for Contemporary Art (Kopenhagen) und SAVVY Contemporary (Berlin), gearbeitet.

 

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