Revisiting the heritage of the city of Marrakech

Marrakech oder die Poesie der Wegkreuzungen

Carrefour/Meeting Point is wish by curator Alya Sebti to shift centers, and address the intimacy of migrations, finds Sophie Eliot...

Saâdane Afif Souvenir: La leçon de géométrie, 5. Marrakech Biennale, 2014, Performer: Dahmad Boutfounast. Courtesy of ifa Galerie Berlin

By Sophie Eliot 
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Einer Kreuzung kann man sich auf ganz unterschiedliche Weise nähern. Flaneure würde man dort eigentlich nicht erwarten, und doch kann dieser Raum ein ganz hervorragender Beobachtungsposten sein. Ein absorbierender Körper kann sich hier das Kommen und Gehen all jener aneignen, die sie passieren, die anhalten, umkehren, den Verkehr regeln, zu ersticken drohen, die sich verirren, etwas verkaufen, und deren Wege sich dort unweigerlich kreuzen. Mit der Ausstellung Carrefour/Treffpunkt. Die Marrakech Biennale und darüber hinaus“ in der ifa-Galerie Berlin, hat sich die Kuratorin Alya Sebti der Aufgabe gestellt, das Erbe der Stadt Marrakech als Begegnungspunkt und Wegkreuzung zwischen dem Afrika nördlich und südlich der Sahara, dem Nahen Osten und Europas, neu zu betrachten. Der künstlerischen Leiterin der vergangenen Ausgabe der Marrakech Biennale geht es dabei weniger um eine Biographie der Ville Rouge, der Roten Stadt, ihr geht es vielmehr um die Verlagerung von Zentren, die Verringerung von Distanzen, und auch um eine Annäherung an die Intimität der Migrationen.

Wenn wir die Ausstellung betreten, lässt uns der Widerhall der Gesänge des Gemeinschaftsprojekts von Clara Meister aufhorchen. Als Verantwortliche für das Performance-Programm der vergangenen Biennale konzipierte sie mit Singing Maps and Underlying Melodies / Singende Karten und geborgene Gesänge eine musikalische Kartografie von Marrakech. Sie wollte dem ersten Eindruck von Chaos, den ihr ihr westlicher Blick vermittelte, etwas entgegensetzen, und lud in Zusammenarbeit mit S.T.I.F.F. und KamarStudios Marokko, 35  Musikerinnen und Musiker zu einem kollektiven Projekt ein. In einem siebenwändigen weißen Sockel sind hier nun marokkanischen Melodien eingeschlossen, die überraschend in die Galerie entweichen, sobald man den Deckel der weißen Säule anhebt. Fast wünscht man sich, darunter einen Schallplattenspieler zu entdecken, statt dessen aber findet man eine Karte im Basrelief und ein Mosaik von der Medina, jenes Viertels von Marrakech, in dessen Straßen die MusikerInnen während der Biennale aufgespielt haben. Eine CD kann man als Dokumentation erwerben.

Carrefour_Max_BoufathalMax Boufathal, Serment d’Hippocrate, 2014, galvanisierter Draht, Kupferdraht, Korb. Courtesy of ifa Galerie Berlin

Auch die Installation Souvenir  : La leçon de géométrie / Erinnerung: Der Geometrie-Unterricht von Saâdane Afif spielt mit dem Konzept des Miteinander und der Kollektivität des im Alltag wahrnehmbaren kulturellen Erbes. Auf dem Platz Jema el-Fnaa erteilte während der Biennale ein Mathematiklehrer ihm und allen, die des Weges kamen, an einem Whiteboard Geometrie-Unterricht in arabischer Sprache. Es entstand eine Übersetzung der symmetrischen Ornamentik in einer ikonoklastischen Gesellschaft, in der die Geometrie eine spirituelle Verbindung mit Gott bedeutet, durch die Regeln des Raums. Eines der Zeichen-Blätter dieses Whiteboards diente anschließend als Vorlage für einen Webteppich, auf dem die Theoreme in Formen transferiert und in Mosaike verwandelt wurden. In der Berliner Galerie allerdings kann die zusammen mit dem „Souvenirs“-Tischchen aufgestellten Ansammlung von Dreiecken, Quadraten und Kugeln, den partizipativen Charakter der Performance nur ansatzweise vermitteln.

Die referenzielle Verwirrung wird auch auf der Geruchsebene erfahrbar. Die einzigartige Verbindung von Vespa-Auspuffabgasen und frisch aufgehängter Wäsche in den Straßen von Neapel, die Aromen, die Moskauer Blinchiki-Kioske verströmen, oder der unvergleichliche Duft der Blumen und Räucherwaren, der einem entgegenschlägt, wenn man in Bamako aus dem Flugzeug steigt ? jede Stadt hat ihre eigene überraschende olfaktorische Prägung. Megumi Matsubara hat bei einem Aromatherapeuten in Marrakech acht Düfte bestellt, die dieser nach acht Sätzen aus Gedichten der Künstlerin zusammengestellt hat. Dezent strömen sie in den Ausstellungsraum, wo sie dann zu der zarten Duftkomposition „La Japonaise“ verschmelzen. Sätze wie „Wear the wholeness of your skin“ oder „These clothes are mine“, Auszüge aus Gedichten der Künstlerin ergänzen das Dufterlebnis. Von den Bildern aus dem Garten, die die Inspirationsquelle ihrer Texte bilden, bekommen die Ausstellungsbesucher jedoch nur ein einziges Foto zu sehen: eine leuchtende Mohnblume. Matsubara spielt in ihrer Installation mit den interpretativen Verschiebungen und Abweichungen, die allen Übersetzungen innewohnen. In der Abwesenheit von eindeutigen Beziehungen zwischen den geschriebenen Worten, dem Geruch und der trügerischen Verletzlichkeit der zwischen Boden und Decke gespannten Stoffbahnen, die den Raum der Galerie tragen, schafft sie Raum für das Spiel mit den Reminiszenzen, das Jonglieren mit Erinnerungen. Matsubara lädt uns ein, die Suche nach unmittelbaren Antworten aufzugeben und darüber hinaus zu gehen.

Der Versuch loszulassen kann bisweilen sehr heftig sein. Wenn sich der urbane Entdecker dem betörenden Spiel des Sichtreibenlassens hingibt, wird das Ungleichgewicht zur unvermeidlichen Bedrohung. Eben diesen Kontrollverlust untersucht Yassine Balbzioui in seiner Performance Grosse Tête. Er steckt, am Rand des Erstickens, mit dem Kopf in einer von schwarzer Farbe und Konfettis überzogenen Maske aus Pappe, die mit Klebebandstreifen zusammengehalten wird. Balbzioui geht es dabei nicht nur um das Spiel mit der Materie, sondern darüber hinaus um den Einsatz seines Körpers bis zur Erschöpfung jener Kreatur, zu der er geworden sein wird, um am Ende dann alle Schichten seiner Masken fallen zu lassen.

Alya Sebti hat sich für diese Ausstellung mit der selben Frage beschäftigt, die sie auch für die Marrackech Biennale in den Raum gestellt hat: „Where are we?“ Sie interessiert sich für die individuellen Laufbahnen, Entwicklungen und Bewegungen, insbesondere für jene der „Re? Migranten“ die, wie sie in Marokko geboren wurden und sich auf ihre Herkunft zurückbesinnen. Das vorherrschende Thema ist eine psycho-geographische Auseinandersetzung mit der Stadt. Die Klänge der Medina in den Ohren, die Gerüche von La Japonaise in der Nase, über die Marrakech Biennale hinaus gehen, heißt auch, den soziopolitischen Kontext von Ortsveränderungen mit zu berücksichtigen, die verschiedenen Schauplätze der Macht auszuloten, auch den der zeitgenössischen Kunst.

Die Kriegermasken von Max Boufathal faszinieren auf den ersten Blick durch die perfekte Symmetrie der Kurven und die anatomische Fluidität. Der  Eid des Hippokrates und Der Eid des Aristoteles, bewegliche Hybride aus formbaren Materialien wie Linoleum, Draht und Plastik, die an Aliens oder Samurai erinnern, zeugen eindeutig von der Suche nach einer perfekten Ästhetik. Griechischer Klassizismus oder hollywood‘scher Konsumismus ? Boufathal spielt mit den Mythologien. Er springt hin und her zwischen der Humoralpathologie und den Theorien und Maskeraden der zeitgenössischen Kunst, die die Qualität der Werke dem Zynismus ihrer Äquivalenz in Banknoten und symbolischem Bling-Bling-Kapital ausliefern. Die Kriegermasken sind Bestandteil seines Projet Mort / Projekt Tod und gehören als solche zum Arsenal für die Vorbereitung eines Putschs der zeitgenössischen Kunstszene. Und da gibt’s nichts zu lachen. Alles ist durchgeplant – jede einzelne Etappe, von der Infiltration über das Autodafé bis hin zum finalen Angriff. Diese Arbeit lässt einen erschauern mit ihrem Perfektionismus, der die mörderische kalte Gründlichkeit der Waffen nur allzu exakt wiedergibt.

Carrefour_Yassine_Balbzioui

Yassine Balbzioui Grosse Tête, 2014, Performance, Photograph. Courtesy of ifa Galerie Berlin

Wir verlassen den imaginierten und symbolischen Krieg und betreten am Ende des Ausstellungsraums mit dem Video Crossings von Leila Alaoui den Markt des Leidens. Drei Monate lang hat sie MigrantInnen zugehört, die aus dem Afrika im Süden der Sahara geflohen sind, um sich auf den Weg nach Europa zu machen. Marrakech, der Verkehrsknotenpunkt, wurde für sie als „clandestins“, als illegale Einwanderer, zum unfreiwilligen Aufenthaltsort. Als Reaktion auf die rassistische Berichterstattung von MarocHebdo und deren Cover mit dem Titel „Le  péril noir“ („Die schwarze Gefahr“ 2012), hat sie eine ästhetische Form gewählt, die sowohl die Würde der Menschen, denen sie zuhört, als auch die Verletzlichkeit, derer, die ihnen zuhören, unsere eigene Verletzlichkeit, zum Ausdruck bringt. Statt einer exotisierenden Visualität, bietet uns Alaoui eine, wie sie es bezeichnet, „immersive audiovisuelle Erfahrung“ an. In ihrem Triptychon von Männern mit nackten Oberkörpern und schwarz gekleideten Frauen verschmelzen die Konturen der Geflüchteten mit dem schwarzen Hintergrund des Videos. Die Gesichter sind verschlossen. Die Stimmen der Überlebenden erzählen flüsternd von den traumatischen Erfahrungen ihrer Reise, vom zunehmenden Rassismus, der ihnen entgegenschlägt. Nach den hügeligen Wüsten, den Zweigen der Wälder, tauchen die Wellen des Mittelmeers auf, ertränken, entgleiten ihre Seelen. Wie Suchscheinwerfer eines Schiffes gleiten die Lichter der Filmspots am Ende des Videos behutsam über die Körper. Die von Alaoui gewählte Ästhetik wird ausgespannt wie ein Sicherheitsnetz. Ohne jeden Anflug von Voyeurismus oder Viktimisierung. Die Künstlerin und Aktivistin hat festgestellt, dass sich die Betrachtenden rasch abwenden von rohen, unvermittelten Bildern vom Leiden. Wenn der Grausamkeit ihre Anonymität genommen wird, übernimmt die Poesie der Körper und bietet den Blicken Halt.

Carrefour/Treffpunkt ist eine gut konzipierte Ausstellung in einem schwer zu inszenierenden Raum, die mit unterschiedlichen Ebenen von Absenz und Präsenz spielt. Sie ist auch ein Beispiel für eine gelungene Kooperation zwischen einer öffentlichen Institution eines Außenministeriums, der es gelingt, die Mythologie der Stereotype und des semiologischen Repertoires der Differenz zu umgehen. Diese Ausstellung kann hinsichtlich ihres kuratorischen Ansatz sicherlich auch in einem Zusammenhang gesehen werden mit der von Bisi Silva, Marianne Hultmann und Daniella van Dijk-Wennberg kuratierten Ausstellung Maputo – A Tale of one City (Oslo 2009, Harare 2011), die im Rahmen des Festivals Africa  in  Oslo organisiert wurde. Als Verantwortliche für die portugiesischsprachigen Länder Angola, Mosambik und Sambia nahmen die Kuratorinnen von der üblichen Praxis der kontinentalen oder regionalen Darstellung des Lokalen Abstand, um als Bezugspunkt für das Lokale ein Land, Mosambik, und dann eine Stadt, Maputo, zu bestimmen. In ihrer Ausstellung gaben sie in erster Linie einem unmittelbaren Verständnis des Lokalen Raum, wie es sich in den individuellen Erzählungen von sieben in Maputo lebenden KünstlerInnen darbietet (1).

Fixpunkte zu destabilisieren heißt auch, mit subjektiven Kartografien und deren Realitäten zu arbeiten. Carrefour/Treffpunkt hat sich dieser Herausforderung gestellt. Denn, um es mit den Worten der Autorin Chimamanda Ngozi Adichie zu sagen, über niemanden und über keinen Ort gibt es nur eine einzige Geschichte. Gerade die Geschichten aber können uns humanisieren, Würde wieder herstellen. Auf die Geschichten kommt es an. Carrefour/Treffpunkt erinnert nicht zuletzt daran, dass auch jene disparaten Geschichten von ästhetischer und poetischer Kraft, die jede Stadt bereit hält, zeitgenössische Kunst sind.

Carrefour/Treffpunkt, ifa-Galerie Berlin, 17.07.2015 – 04.10.2015.

Sophie Eliot ist Doktorandin und Kunstkritikerin und lebt in Berlin. Zurzeit schreibt sie ihre Doktorarbeit an der Universität Oldenburg über kuratorische Praktiken in der zeitgenössischen afrikanischen Kunst.

Katalog: Carrefour/Treffpunkt ? Die Marrakech Biennale und darüber hinaus (dtsch./engl.) ifa, Institut für Auslandsbeziehungen, 2015.

Footnote

(1) Angela Ferreria, Pompilo Hilario, Berry Bickle, Emeka Orekeke, Mauro Pinto, Rahael Mouzinho, Lourenco de Pino.

 

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