How to cook tar

Masken in den Performances von Yassine Balbzioui

Unsere Autorin Sophie Eliot wirft einen genaueren Blick auf Yassine Balbzouis performative Arbeiten. Balbzioui nimmt an der diesjährigen Marrakesch-Biennale teil.

Yassine Balbzioui, Lazy Birds, 2012. Courtesy: the artist

By Sophie Eliot
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Mit Selbstverständlichkeiten spielen und sich zugleich zwischen den Medien bewegen – das ist der Motor der Arbeiten von Yassine Balbzioui. Unter Rückgriff auf den Brecht’schen Verfremdungseffekt, auf das Paradoxe und das Komische arbeitet der Künstler am Schnittpunkt verschiedener Bedeutungen und bringt seine Zuschauer dazu, ihre Bezugspunkte in einem Labyrinth der Zweifel und Ängste zu verlieren. In seinen Installationen wie in seinen Performances und seiner Ölmalerei variiert er seine Leidenschaft für die Transformation von Materialien und Bildern in Form der wiederkehrenden Metapher der Maske – insbesondere der Tierkopfmaske. Getreu seinem Verständnis von Kunst als etwas, das „sich in der Küche, nicht in Absichten“ abspielt (1), verfeinert Balbzioui seine Ideen und Rezepte in seinen Performances, in deren Verlauf Zeit und Raum der Arbeit den Lebensrhythmus seiner Kreaturen bestimmen; in seinen Installationen hingegen überlässt er diese Kreaturen bisweilen dem Betrachter. Er plädiert so für eine Neusituierung seiner Arbeiten und orientiert sich dabei eher an Experimenten mit Objekten, die dann Materie werden, als an einem Konzept.

Im weißen Overall und mit einer Vogelmaske mit schwarzem Schnabel vollendet er in seiner Installation-Performance Lazy Birds  (2) (2012) eine seiner Figuren, indem er sie mit Zeitungspapier zustopft. Die drei Komparsen sitzen auf Stühlen neben ihm und scheinen auf die Fortsetzung der Ideen ihres Konfektionärs zu warten. Ihre Brust, ihr Schädel, ihr ganzer Körper ist mit Klebeband und angesengten Plastiktüten gestaltet. Sind sie nun faule oder ölverklebte Vögel oder gefallene Engel? In jedem Fall wurde ihnen die Fähigkeit zu fliegen genommen. Ihre Gliedmaßen sind mit schwarzen Nylonstrumpfhosen an den Wänden und der Decke befestigt, als wären sie ans Krankenbett gefesselt und der Schwerkraft unterworfen. Dann versucht jeder, sich von seinem Schmerz zu befreien, indem er in einer viel zu kleinen Badewanne ein Vogelbad nimmt, der Körper – durchbohrt von einem Wasserstrahl – idealisiert eine Sonne aus Lichterketten. Ein anderer unternimmt mit aufgeblähten Plastiktüten an den Armen einen Fluchtversuch.

Yassine Balbzoui, Grosse Tête, 2014. Courtesy: the artist

Yassine Balbzioui, Grosse Tête, 2014. Courtesy: the artist

 

Noch weiter vertieft werden diese Freiheitsbarrieren, diese Aufbäumen und diese Verwandlungen des Körpers in Balbziouis Arbeit Grosse tête, mit der er 2010 in Form von Fotografien und Videos begann und die er als Performance 2012 in Dakar wieder aufnahm. Er kreiert hier einen gigantischen Kopf anhand von Schichten unterschiedlicher Materialien, die unter reichlicher Zuhilfenahme von Klebeband um den Kopf zusammengehalten werden. Auch der weiße Overall, Plastiktüten und das Bemalen anderer Werke finden sich in Grosse tête wieder (3). Für die Marrakesch-Biennale will er sich verstärkt Flüssigem widmen. So stellt er aus Honig und schwarzer Farbe Teer her und fügt einige Federn als Verweis auf die berühmte Lynchjustiz im Western hinzu. Der Blick konzentriert sich auf Gesten an der Grenze zum Boxkampf. Balbzioui kämpft damit, die verschiedenen Schichten zu fixieren, indem er die zu gestaltende Materie mitunter mit Fausthieben traktiert und sie von Hand mit schwarzer und weißer Farbe bemalt. Diese Überlagerungen aus Materialien, Plastiktüten à la Tarnjacken und Umzugskartons behindern ihn um so mehr, je höher sie werden. Derart eingeschränkt in seinen Gesten und reduziert in seinem Gesichtsfeld ist er, dass man sich fragt, wie er unter diesem ganzen aufgebürdeten Gewicht bloß atmen kann. Die Performance endet mit der Erschöpfung der Kreatur. Der Künstler reißt sich den Kartonkopf vom Hals.


Die Performances von Balbzioui befragen die Beziehung zwischen dem Körper des Künstlers als Medium und Oberfläche seiner Arbeit und der Maske. Insbesondere in Grosse tête werden gewisse psychologische Mechanismen visualisiert, wie wir uns verstecken und uns unsere eigenen Schutz- und Tarnschichten basteln je nach dem, was wir verstecken oder gerne zeigen wollen. Die Macht unbewusster und bewusster Phänomene äußert sich in körperlichen Anstrengungen und dem Einwirken auf den Körper, immer mehr Schichten von Masken anzuhäufen, bis man sich selbst seine eigene Freiheit nimmt. Immer wieder „ist es das Visuelle, das das Kommando übernimmt“ – oder aber der schöne Schein (4).

Yassine Balbzioui (*1972, Kelâat Es-Sraghna, Maroc) studierte an den Kunsthochschulen von Casablanca und Bordeaux. Er lebt und arbeitet zwischen Paris, Berlin und Marokko.

Marrakesch-Biennale vom 26 Februar bis zum 31. März 2014.

Sophie Eliot ist Doktorandin und Kunstkritikerin und lebt in Berlin. Zurzeit schreibt sie ihre Doktorarbeit an der Universität Oldenburg über kuratorische Praktiken in der zeitgenössischen afrikanischen Kunst.

(1)+(4) Gespräche mit dem Künstler über Skype, 2013-2014.
(2) Residenz im Rahmen des Programms «  BijlmAIR  » des CBK Zuidoost, Stichting FLAT und des Stedelijk Museum, Amsterdam, 2012.
(3) Wie für seine Performance Ceinture noire (2010), die er anlässlich des 8. Festivals «  Danse l’Afrique danse  !  » (Bamako, 2010) zeigte, wo er mit einer Plastiktüte auf dem Kopf Spanplatten zertritt. Oder wie in seinen Collagen Sans titres (2011, Mischtechnik), in denen er den Kopf von schwarzweiß reproduzierten antiken Skulpturen mit gelben und blauen Plastiktüten umhüllt.

 

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