1. AFiRIperFOMA Biennale

„Performative Praxis ist ihr eigenes Erbe“

Diese Woche findet die erste AFiRIperFOMA Biennale in Harare statt: C& spricht mit dem künstlerischen Leiter und Performancekünstler Jelili Atiku

Body + Light + Gunpo, South Korea, October 2013, photo: Quentin Cornet. © Jelili Atiku

Tweet about this on TwitterShare on FacebookEmail to someone

C&: Erzähl uns ein bisschen über deinen künstlerischen Werdegang. Wann und wie fing sie an?

Jelili Atiku: Ausgebildet wurde ich an der großen Zaria Art School – die Ahmadu Bello University im Norden Nigerias. Ich wurde dort zum Bildhauer ausgebildet und habe dann meinen Master in Bildender Kunst an der University of Lagos gemacht. Während meines Master-Studiums habe ich das Gefühl bekommen, dass ich meinen Körper als künstlerisches Medium brauche. Dann fing ich an, Performances zu machen. Das war 2005.

C&: Was war deine erste Performance?

JA: Es war an der University of Lagos. Der Titel der Performance war Ewawo – The Prisoner (ewawo ist Yorubaisch und bedeutet „kommt und seht“). Damals habe ich zu den Zuständen in nigerianischen Gefängnissen und zum Strafvollzug geforscht. In meiner Performance habe ich versucht, die Situation in nigerianischen Gefängnissen nachzustellen. Ich habe Gegenstände von der Universität benutzt, wie zum Beispiel Bettgestelle aus Metall, aus denen ich eine Art Gefängniszelle gebaut habe. 1998, während meiner Zeit im National Youth Service Corps, habe ich ein nigerianisches Gefängnis besucht. Diese Erfahrung wuchs in mir zu einem Protest heran, zu einer Kampagne für Gefängnisreform in Nigeria.

C&: Warum spielt deiner Meinung nach Performance eine derart wichtige Rolle in der afrikanischen Kunst?

JA: Wenn man sich die Geschichte Afrikas anschaut, sieht man, dass die künstlerische Kultur performativ ist. All die Skulpturen und anderen kulturellen Erzeugungen – die meisten wurden für einen performativen Zusammenhang geschaffen. Das hörte unter der europäischen Kolonisierung auf, und die materiellen Arbeiten wurden von Performance getrennt. Nach dieser Trennung fehlte es den Afrikanern an Selbstbewusstsein, sie wieder zusammen zu führen. Auch moderne Künstler hatten und haben immer noch kein derartiges Selbstbewusstsein, für sie ist Performance keine Kunstform, keine Form, von der sie sich eigentlich abgewandt haben. Jetzt versuchen wir das also neu zu aktivieren, indem wir die Biennale ausrichten!

C&: Wie würdest du deinen Performance-Ansatz beschreiben?

JA: Bei dem Großteil meiner Performances benutze ich die Egungun-Methode. Egungun wird generell als Maskerade übersetzt, obwohl dieses Wort das Wesen von Egungun nicht zu fassen vermag. In Egungun ist der Körper zentral. Er wird mit vielen Gegenständen behangen oder eingehüllt. Es gibt viel Bewegung, es kann theatralisch sein oder musikalisch, alles Mögliche. Tatsächlich kennt Egungun-Performance keine Grenzen, es kann in die Literatur übergehen, ins Theater, in alles. Es ist eine afrikanische Performance-Form. Es stammt von den Yoruba und von anderen afrikanischen Völkern.

C&: Du willst es also zurückbringen oder, wie du selbst sagst, neu aktivieren?

JA: Es ist immer noch weit verbreitet! Mir geht es nur darum zu sagen, dass Performance an sich tief in unserer Kultur verankert ist. Doch viele afrikanische Künstler beschäftigen sich nicht mit Performance.

C&: Wann hast du die Entscheidung getroffen, Performance in Form einer Biennale neu zu aktivieren?

JA: Letztes Jahr war ich viel auf dem Kontinent unterwegs. Ich versuche fast überall, wo ich bin, also in den afrikanischen Städten auf meinen Reisen, meine Performances aufzuführen. Ich sehe, wie die Leute reagieren: „Du arbeitest wie ein Europäer, das ist eine europäische Praxis!“ Das hat mich stutzig gemacht. Ich habe den Menschen gesagt, dass diese Form in ihrer eigenen Kultur existiert. Es ist einfach eine Art, unsere eigene Bildsprache neu zu interpretieren, wie man das auch in Europa macht! Da gibt es keinen Unterschied. Ich dachte, dass die Zeit jetzt reif ist, eine Gruppierung von vielleicht 50 Performance-Künstlern gleichzeitig nach Afrika zu holen. Das wird uns die Möglichkeit geben, Einfluss auf die Szene auszuüben. Hoffentlich werden die Menschen bald verstehen, dass Performance Teil von uns ist.

C&: Wann ist die Idee also entstanden?

JA: Die Idee einer Biennale entstand noch vor RAVY 2011 (Rencontres des Arts Visuels de Yaoundé) in Kamerun, aber dort haben wir es zuerst konkret besprochen. Ich habe im Rahmen von RAVY eine Performance gemacht, andere afrikanische Künstler waren auch da. Nach meiner Performance haben manche von ihnen Fragen gestellt, es gab eine echte Diskussion. Einer hat zum Beispiel gesagt, dass meine Performance wie ein Ritual war, und dass sie genau diese Dinge zu bekämpfen versuchen. Er hat gefragt, warum ich mich mit alten Bräuchen beschäftige, die die Afrikaner daran hindern, weiter zu kommen. Meine Antwort war: „Was an der Kunst ist ritualistisch?“ Darauf hatte er keine Antwort. So ist die Idee einer Biennale entstanden, eine Biennale, in der Performance-Künstler die Möglichkeit haben, verkrustete Ideen und den Status quo in Frage zu stellen.

C&: Und warum hast du dich für eine Biennale entschieden anstatt etwa für ein Festival?

JA: Wir haben eine Biennale ins Leben gerufen, weil wir eine regelmäßige, alle zwei Jahre wiederkehrende Veranstaltung wollten. Es wird turnusmäßig an anderen Orten stattfinden – anstatt ortsgebunden zu sein, wird es sich immer wieder verlagern. Dieses Mal findet es in Harare, Simbabwe statt, das nächste Mal wird es in einem anderen Land sein. Der zweijährige Abstand wird notwendig sein, um uns vorzubereiten. Wir werden auch viel Zeit brauchen, um an der Dokumentation zu arbeiten – Performance ist nämlich ephemer, in der Erinnerung gezeichnet.

C&: Ihr werdet die Performances aufzeichnen? Es ist unheimlich wichtig, ein Archiv aufzubauen, oder?

JA: Allerdings. Es gibt ein Dokumentationsteam, das sich um Videos und Texte kümmert. Wir werden alles dokumentieren. In Afrika wird nicht viel dokumentiert. Wir müssen diesen Fehler vermeiden, wenn wir die Geschichte der Kunst auf dem Kontinent erhalten und zeigen wollen.

C&: Ihr werdet die Biennale ohne Finanzierung ausrichten, was wirklich erstaunlich und mutig ist. Wie organisiert ihr euch?

JA: Es ist verrückt, eine Biennale ohne Finanzierung auf die Beine zu stellen. Aber das ist das Gute an Afrika: Es gibt so etwas wie ein gemeinschaftliches Zusammenwirken, d.h., man unterstützt sich gegenseitig. Wir versuchen es mit dieser Methode. Wir haben die Teilnehmer gebeten, ihre eigene Finanzierung zu organisieren. Die meisten Referenten werden zum Beispiel von ihren eigenen Institutionen oder Vereinen gefördert. Die First Floor Gallery Harare hat uns ihre Räume zur Verfügung gestellt, so auch die University of Zimbabwe. Das Goethe Institut hat die Videoausstellung gefördert. Es gibt Teilnehmer, die für ihre eigenen Reise- und Unterkunftskosten aufkommen. Das einzige was wir eigentlich machen müssen, ist einen Imbiss für die Eröffnung bereitstellen, das Programm drucken und die Verwaltungskosten decken. Von uns Freiwilligen haben sich einige dazu verpflichtet, zur Finanzierung dieser Ausgaben beizutragen.

Wie du weißt, erkennt das hyperkapitalistische Finanzsystem in dem wir leben den Anfänger nicht an. Nach dieser Pionier-Biennale werden wir nach Fördermöglichkeiten suchen. Für die nächste Ausgabe lassen sich bestimmt viele Sponsoren finden.

C&: Welche Ideen stehen hinter der Auswahl der Künstler?

JA: Ich habe mich komplett auf meine Kontakte verlassen. Alle finden Afrika spannend. Trotz fehlender Finanzierung wollen sie trotzdem kommen. Das freut mich wahnsinnig. Ich habe E-Mails von Leuten erhalten, die kommen wollten, obwohl sie nicht einmal eingeladen waren. Wir bleiben einfach offen und treffen keine Auswahl. Diejenigen, die keine Förderung bekamen, können ihre Arbeit filmen und das wird dann als Anschauungsmaterial während der Biennale gezeigt. Sie haben auch die Gelegenheit, ihre Arbeit per Skype zu präsentieren.

C&: Gibt es ein übergeordnetes Thema der Biennale?

JA: Wir haben den Künstlern keine Vorgaben für ihre Performances gegeben. Die teilnehmenden Künstler haben die Freiheit, aus verschiedenen Richtungen zu arbeiten: über Erinnerung, Identität, usw. Meine eigene Performance wird sich zum Beispiel mit Einwanderungsrecht in Afrika auseinandersetzen: Afrikaner müssen bestimmte Verfahren durchlaufen, um ein Visum für Reisen innerhalb Afrikas zu bekommen, obwohl es die Afrikanische Union gibt. Das will ich in Frage stellen. Die Biennale wird aber unter dem allgemeinen Titel „Mnemonic“ stattfinden. „Mnemonic“ bedeutet so viel wie Gedächtnisstütze, also ein Mittel, um das geistige Behalten von Ideen und Materialien zu unterstützen – eine Hilfestellung für das menschliche Gedächtnis. Der Titel ist als Allegorie der beeindruckenden Mehrdimensionalität der afrikanischen Vergangenheit und zeitgenössischen Geschichte zu verstehen.

C&: Welche Veränderungen in den afrikanischen Kunstszenen erhoffst du dir von der Biennale?

JA: Die Menschen sollen verstehen, dass performative Praxis ihr eigenes Erbe ist und stolz darauf sein. Zeitgenössische Performance gehört in den meisten Hochschulen in Afrika (mit Ausnahme von Südafrika) nicht zum Studienplan. Dabei kommt diese Kunstform aus Afrika, sie hat sich von hier aus entwickelt. Wir sollten versuchen, sie wertzuschätzen und neu zu gestalten.

The 1st AFiRIperFOMA Biennial: Contemporary Performance/Live Art Festival in Africa

08 NOVEMBER 2013 – 22 NOVEMBER 2013, Harare and Bulawayo, Zimbabwe.

Programm
Die Biennale besteht aus einen Haupt- und einem Parallelprogramm, welches Workshops für junge Performance-Künstler,  Ausstellungen mit Dokumentation früherer Werken von ausgewählten Performance-Künstler und Arbeiten aus den vorangegangenen Workshops, ein Symposium / Screening zur Aufführungspraxis in Afrika und ein Performance-Festival umfasst.  Hier finden Sie das ganze Programm

.

Ein Gespräch von Aïcha Diallo

 

 

Don't miss out

Sign up to our newsletter now to get the latest stories from CONTEMPORARY AND (C&) delivered straight to your inbox

Thank you!

You have already signed up

Thank you!

We’ve successfully received your details.

To complete the subscription process, please click the link in the email we just sent you.

Don't miss out

Sign up to our newsletter now to get the latest stories from CONTEMPORARY AND (C&) delivered straight to your inbox

Thank you!

You have already signed up

Thank you!

We’ve successfully received your details.

To complete the subscription process, please click the link in the email we just sent you.